Cover
Titel
Living History. Zeitreisen(de) im Reality-TV


Autor(en)
Weiß, Monika
Reihe
Marburger Schriften zur Medienforschung 81
Erschienen
Marburg 2019: Schüren Verlag
Anzahl Seiten
243 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thorsten Logge, Fachbereich Geschichte, Universität Hamburg

Public History ist ein interdisziplinäres Forschungs- und Handlungsfeld, das sich mit den Repräsentationen von Geschichte in öffentlichen Sphären beschäftigt. Hierzu gehören auch Geschichte in Film und Fernsehen[1] sowie theatrale Praktiken des Doing History[2] und andere in Form des Reenactments[3] und der Living History.[4] Zuletzt hat sich Georg Koch sehr ertragreich mit der Verbindung von Ur- und Frühgeschichte und dem Fernsehen in Deutschland und Großbritannien auseinandergesetzt und die Verflechtungen und Wechselwirkungen zwischen universitärem Fach und außeruniversitärer medialer Befassung im Fernsehen herausgearbeitet und diskutiert.[5] Für eine forschungsorientierte Public History sind die Praktiken des Geschichtemachens auch und gerade in den sehr diversen außeruniversitären Formen und Formaten von großer Relevanz. Aus dieser Perspektive ist der hier vorgelegte Band von Monika Weiß, der sich disziplinär den Medienwissenschaften zuordnet, von großem Interesse für das noch immer recht junge interdisziplinäre Feld.

Die Autorin widmet sich in ihrer für den Druck leicht überarbeiteten medienwissenschaftlichen Dissertation Spielarten der Living History im Fernsehen, genauer im Reality-TV. Sie untersucht somit ein Nischenformat, das in den ersten eineinhalb Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts eine Art Konjunktur in den „westlichen“ Fernsehmärkten erlebte. Die Arbeit wurde von Andreas Dörner und Angela Krewani betreut und 2017 in Marburg eingereicht. Ihr Gegenstand sind insgesamt sechs Reality-TV-Formate aus Großbritannien, den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und Deutschland, in denen die Protagonist:innen Alltagsleben in der Vergangenheit nachspielten und sich bei der Bewältigung historischer Alltagsproblemlagen filmen ließen. Untersucht wurden die Formate „The 1900 House“ und „The Edwardian Country House“ aus Großbritannien, „Frontier House“ und „Texas Ranch House“ aus den USA sowie „Schwarzwaldhaus 1902“ und „Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus“ aus Deutschland. Alle Sendungen wurden zwischen 1999 und 2006 ausgestrahlt.

Die Arbeit nimmt sich viel vor und ist grob in drei Hauptbereiche unterteilt: 1. die zentrale Funktion des Alltags für Living History, Erinnerungskulturen, Fernsehen als Alltagspraxis sowie Reality-TV, 2. Authentifizierungsstrategien und Praktiken der Living-History-Interpretation im Reality-TV-Format sowie 3. die vergleichende Betrachtung des untersuchten Fernsehformats in seinen jeweils nationalen Formatierungen und Ausprägungen.

Zunächst beschreibt Weiß die zentrale Funktion des Alltags für Erinnerungskulturen und für die vor allem aus dem musealen Bereich bekannte Living History als theatrale Form des Nachspielens von Alltagspraktiken der Vergangenheit. Alltag ist auch das zentrale Scharnier von Fernsehen und Reality-TV, da Fernsehen als Alltagspraxis verstanden werden kann und Reality-TV sich – darin der Living History in gewisser Weise ähnlich – ebenfalls mit zumeist gegenwärtigen Praktiken des Alltags beschäftigt und diese in unterschiedlichen TV-Formaten zur Aufführung bringt. Die Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit wird in den untersuchten Reality-TV-Formaten als eine Art „Zeitreise“ inszeniert. Über diese werden mediale Erfahrungsräume entfaltet, in denen gegenwärtigen Erinnerungskulturen sowie Formate der „Erfahrbarmachung“ der Vergangenheit für die Teilnehmer:innen und die Zuschauer:innen gleichermaßen erschlossen und untersucht werden. Dabei schließt die Autorin an die 2013 von Wolfgang Hochbruck vorgelegte Typologie der Living History an, zwischen dessen Kategorien des „Transferierens“ und des „Präsentierens“ sie Living History im Format des Reality-TV auch verortet.[6] Methodisch orientiert sich die Arbeit an der Film- und Fernsehanalyse. Im Mittelpunkt stehen dabei aber weder die Produktion, die Distribution oder die Rezeption dieser speziellen Geschichts-Formate; stattdessen möchte die Autorin sich ihrem Untersuchungsgegenstand im Anschluss an Hans-Otto Hügel über eine „Hermeneutik des Populären“ (S. 13) annähern.[7]

Weiß führt zunächst Alltag, Alltagsgeschichte und Erinnerung als soziale Praxis zusammen und arbeitet die Bedeutung audiovisueller Medien und insbesondere des Fernsehens als Alltagspraxis und zugleich – noch immer – wesentliches Leitmedium der Mediengesellschaft und „feste Größe in gegenwärtigen Erinnerungskulturen“ (S. 33) heraus. Indem sie das Erfahrbarmachen an der Schnittstelle von Kosellecks Erfahrungsraum und Erwartungshorizont im Alltag platziert, werden gegenwärtiger Alltag sowie dessen Darstellung und Verhandlung in Reality-Formaten anschlussfähig zu vergangenen Alltagspraktiken. Living History thematisiert solche Alltagspraktiken und eröffnet damit ebenfalls Räume, in denen Vergangenheit erfahren werden kann. Dies kann über First-, Second- und Third-Person-Interpreter geschehen, die sich vor allem durch ihre Nähe beziehungsweise Distanz zum dargestellten (interpretierten) vergangenen Geschehen und dem Grad ihres Oszillierens zwischen dargestellter Rolle und gegenwärtiger Eingebundenheit als Vermittler:in und/oder Zuschauer:in unterscheiden. Aber auch über das reine Zusehen ist eine indirekte Teilhabe an den Erfahrungen der Protagonist:innen möglich. Historischer und gegenwärtiger Alltag, Living History und Reality-TV sind demnach vielfach miteinander verflochtenen Erfahrungs- und Handlungsräumen, in denen Erinnerungen und Erfahrungen sinnhaft aufeinander bezogen werden können. Auf diese Weise werden traditionelle Werte aktualisiert und verjüngt, gegenwärtige Verhältnisse und Praktiken reflektiert.

Living History bezieht sich dabei nicht auf die Vergangenheit selbst, sondern auf medialisierte Vorstellungen von ihr, also vorrangig auf medial formierte und gestützte geschichtskulturelle Annahmen und Erwartungshaltungen der Gegenwart, die jedoch als Zeitreise in die adressierte Vergangenheit selbst inszeniert und wahrgenommen werden. Die geschichts- und erinnerungskulturellen Bildbestände sowie Erwartungshaltungen sind in einem hohen Maße national organisiert und referenzieren auf nationalgeschichtlich kanonisierte und vielfach remediatisierte Wissensbestände. Living History im Reality-TV-Format wird daher zwar international übertragen und adaptiert, in der inhaltlichen Ausrichtung jedoch national formatiert, um erinnerungskulturell anschlussfähig zu sein.

Einen großen Teil der Arbeit widmet Weiß den technischen, sprachlichen, visuellen, auditiven, dramaturgischen und ästhetischen Inszenierungs- und Authentisierungsstrategien der von ihr untersuchten Formate. Mit ihnen wird der „Zeitreisecharakter“ der Sendungen etabliert und die Immersion in die dargestellte Vergangenheit auch über den Einsatz von Expert:innen, Zeitzeugnissen, räumlichen oder architektonischen Elementen und die gesamte materielle Ausstattung erzeugt. Dabei zeigt sie, dass hier nicht die Vergangenheit selbst zur Darstellung gebracht wird, sondern vor allem erinnerungskulturell verankerte, stereotype Bildwelten und Erwartungshaltungen in der Gegenwart, die damit zugleich bestätigt werden. Hier geht es im Kern nicht um eine Wiederaufführung von Vergangenheit wie im Reenactment, sondern eher um eine Konfrontation mit der Andersartigkeit des vergangenen Alltags vor dem Hintergrund von Kenntnis- und Kompetenzständen der Gegenwart. Die als „Zeitreisende“ auftretenden und agierenden Akteur:innen „erfahren“ die Vergangenheit vornehmlich in den Dimensionen Körperlichkeit (Arbeit, Hausarbeit, Hygiene und Kleidung), soziales Miteinander (Ehe, Familie, soziale Hierarchien, Klasse) und Ernährung (Reduktion, Vorratshaltung, Kochen, Tierhaltung). Alltagserfahrungen der Gegenwart werden dabei stets im Sinne einer Bewährungsprobe mit den vermeintlich authentischen Settings der Vergangenheit konfrontiert und so Spannung und Konflikt durch erfahrene Andersartigkeit und Abweichung zum gegenwärtigen Alltag erzeugt. Hier zeigt sich, wie über den Einsatz medial spezifischer Verfahren und Techniken Vergangenheitserfahrungen generiert werden: Für die Teilnehmer:innen durch Elemente der Living History, für die Zuschauer:innen durch audio-visuelle Darstellungspraktiken, die mittelbare Vergangenheitserfahrungen als Abgleich mit erinnerungskulturellen Wissensbeständen ermöglichen.

Der dritte Schwerpunkt behandelt die Migration, Adaption und Anpassung als Formatierung des Living-History-Reality-TV-Formats in den drei gewählten Vergleichsländern. Dabei kann Weiß herausarbeiten, dass die Formate gleichermaßen global wie lokal (hier in erster Linie: national) funktionieren und sich beide Dimensionen produktiv aufeinander beziehen. Wenngleich Fernsehproduktionen und -formate global vermarktet und transferiert werden, führt die erinnerungskulturelle Referenzierung der Living-History-Formate zur Aufnahme und Verarbeitung von nationalen Meistererzählungen als Matrix, Referenzrahmen und Bezugsräume in den trotz globaler Verflechtungen der Fernsehproduktionsmärkte noch immer national organisierten und sich selbst erzählenden Gesellschaften: Gründungs- und Orientierungsmythen sind eben – anders als die Narrativierungs- und Darstellungstechniken als Produktionsrahmen – nicht global anwendbar. Der Vergangenheitsbezug bleibt so stets lokal (beziehungsweise national) und erfordert eine lokale Anbindung in Form erinnerungskultureller Passung. Hier bieten sich eine ganze Reihe von Anschlussmöglichkeiten an die konstruktivistische Nationalismusforschung, die (zum Glück) nicht auch noch ausgerollt werden.

Alle drei Schwerpunkte werden von Weiß klar strukturiert, materialgesättigt und überzeugend herausgearbeitet. Die gerade einmal 250 Seiten umfassende Darstellung ist dabei jedoch auch sehr dicht und verzichtet konsequent auf Service-Leistungen wie zusammenführende Zwischenfazits. Das ist bedauerlich – jeder der drei Schwerpunkte hätte für sich eine deutlich umfassendere Behandlung verdient. Die Autorin legt somit auch ein Pflichtenheft für nachfolgende Forschungsaktivitäten vor: Allein die Ausführungen über Authentisierungsstrategien und die darin angeschnittenen Dimensionen ästhetisch-performativer audiovisueller Historiografie verdienen eine deutliche Vertiefung bei einer zugleich wünschenswerten Ausweitung und komparativen Untersuchung des herangezogenen Materials. Zugleich zeigt diese Monografie, dass die Zukunft der interdisziplinären Forschung in Feldern wie der Public History kollaborativ und kooperativ sein sollte. Die Praktiken des Geschichtemachens, die hier am Beispiel eines Nischenformats des Reality-TVs untersucht wurden, erfordern multiperspektivische und disziplinenübergreifende Studien.

Anmerkungen:
[1] Thomas Fischer / Thomas Schuhbauer, Geschichte in Film und Fernsehen. Theorie – Praxis – Berufsfelder, Tübingen 2016; Eva Hohenberger / Judith Keilbach, Die Gegenwart der Vergangenheit. Dokumentarfilm, Fernsehen und Geschichte, Berlin 2003.
[2] Sarah Willner / Georg Koch / Stefanie Samida (Hrsg.), Doing History. Performative Praktiken in der Geschichtskultur, Münster 2016.
[3] Ulrike Jureit, Magie des Authentischen. Das Nachleben von Krieg und Gewalt im Reenactment. Göttingen 2020; Vanessa Agnew / Jonathan Lamb / Juliane Tomann (Hrsg.), The Routledge Handbook of Reenactment Studies. Key Terms in the Field, London 2020; Anja Dreschke u.a., Reenactments. Medienpraktiken zwischen Wiederholung und kreativer Aneignung, Bielefeld 2016; Gerald Sieber, Reenactment. Formen und Funktionen eines geschichtsdokumentarischen Darstellungsmittels, Marburg 2016; sowie die immer noch aktuellen Sammelbände von Micha Braun u.a. (Hrsg.), Reenacting History. Theater und Geschichte, Berlin 2014, und von Jens Roselt / Ulf Otto (Hrsg.), Theater als Zeitmaschine. Zur performativen Praxis des Reenactments. Theater- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, Bielefeld 2012.
[4] Björn Onken / Michael Striewe, Living History, in: Felix Hinz / Andreas Körber (Hrsg.), Geschichtskultur – Public History – Angewandte Geschichte. Geschichte in der Gesellschaft: Medien, Praxen, Funktionen, Göttingen 2020, S. 167–183; Miriam Sénécheau / Stefanie Samida, Living History als Gegenstand historischen Lernens. Begriffe – Problemfelder – Materialien, Stuttgart 2015.
[5] Georg Koch, Funde und Fiktionen. Urgeschichte im deutschen und britischen Fernsehen seit den 1950er Jahren, Göttingen 2019.
[6] Wolfgang Hochbruck, Geschichtstheater. Formen der „Living History“. Eine Typologie, Bielefeld 2013, S. 123–129.
[7] Hans-Otto Hügel, Lob des Mainstreams. Zu Begriff und Geschichte von Unterhaltung und populärer Kultur, Köln 2007, Zitat: S. 84.