Cover
Titel
City of Saints. Rebuilding Rome in the Early Middle Ages


Autor(en)
Maskarinec, Maya
Reihe
The Middle Ages Series
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 290 S.
Preis
$ 55.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Winterhager, Geschichte des Mittelalters, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Das mittelalterliche Rom hat das Schicksal ereilt, fast immer und fast zwangsläufig mit anderen Augen gesehen zu werden als den rein stadtgeschichtlichen: Als Chiffre steht es zugleich für einen Ort der Religion und des Religiösen. Wo „Rom“ gesagt wird, ist dann der Papst gemeint, „die“ Kirche, die legitimierende Kraft des Heiligen Petrus. Dass aber die wechselvolle Geschichte der Stadt und ihrer Einwohner Grundlage für „Rom als Idee“ – vor allem jenseits der Alpen – wurde, zeigt Maya Maskarinec in ihrem konzisen Buch über stadtrömische Heiligenverehrung im Frühmittelalter. Sie geht von der These aus, dass die Märtyrerverehrung der Stadt („ecosystem of sanctity“) sowohl zur Grundlage des nordalpinen Heiligenkults wurde als auch entscheidend zum religiösen Prestige der Stadt beitrug („storehouse of saints“). Diese Entwicklung verfolgt sie in Rom und jenseits der Alpen. Maskarinec wendet sich dabei denjenigen Heiligen zu, die nicht in Rom den Martertod starben, hier aber – auf Grundlage von Reliquientranslationen und insbesondere Hagiographie – im Frühmittelalter verehrt wurden. Tatsächlich geht es fast ausschließlich um solche aus dem griechischsprachigen Osten; italische Heilige werden weniger prominent behandelt, nordalpine wurden mit Ausnahme Martins von Tours im frühmittelalterlichen Rom gar nicht verehrt. Diesen außerrömischen Heiligen komme für die Wirkung der Tiberstadt auf ihre (nördlichen) Nachbarn keine grundlegend andere, aber auch keine geringere Rolle zu als den genuin römischen Märtyrern, wie die Verfasserin eingangs feststellt (S. 3). Wenn ihre Studie unser Bild Roms dennoch erweitert, dann vor allem durch die Untersuchung der entsprechenden Kultgemeinschaften und deren Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart Roms.

Dass die „City of Saints“ neben der ideen- eben auch eine sozialgeschichtliche Dimension hat, macht Maskarinec von Beginn an deutlich. Nach einer Einleitung, die knapp in den Gegenstand einführt und auf Überlegungen zu Migration, Kult(ur)transfer oder historischen Zugängen zur Hagiographie verzichtet, lernt der Leser das frühmittelalterliche Rom mit den Augen eines Besuchers im 8. Jahrhundert kennen: Entlang der Routen des bekannten Itinerarium Einsidlense werden die Heiligen und ihre Kirchen, ihre individuellen und kollektiven Verehrungsweisen aufgerufen, die in den folgenden Kapiteln wieder begegnen. An diesem virtuellen Stadtrundgang auf frühmittelalterlichen Pilgerwegen zeigt sich, um das vorwegzunehmen, eine besondere Qualität des gesamten Buchs: Es ist so flüssig und lebhaft geschrieben, dass einem die Stadt unmittelbar vor Augen steht.

Darauf folgen in den Kapiteln 2 bis 5 Einzelbetrachtungen zu einzelnen Stadtvierteln, die aber zugleich den Fokus jeweils auf bestimmte soziale Gruppen und Typen von Heiligen richten; dass diese vier Kapitel zudem grob chronologisch geordnet sind, verstärkt den Eindruck der gelungenen narrativen Komposition. Kapitel für Kapitel begeht die Verfasserin zusammen mit ihren Lesern so das Forum, den Palatin, den Aventin und das linke Tiberufer und demonstriert dabei, wie Roms imperiale Vergangenheit und byzantinische Gegenwart, die Bedürfnisse seiner Oberschicht und seiner Armen in je spezifischer Weise in der Verehrung außerrömischer Heiliger verhandelt wurden. Meist wird je eine Handvoll von ihnen behandelt, wobei Maskarinec Hagiographie, Kultpraxis, Topographie, Architektur und Bilder gleichermaßen heranzieht, um längere und kürzere Geschichten (manchmal arg kurze: Zu St. Theodor etwa eine halbe Seite, S. 41f.) davon zu erzählen, wie byzantinische, persische, süditalische Märtyrer nach Rom kamen, hier bekanntgemacht wurden, Wunder wirkten und ein Publikum fanden. Diese Betrachtungen zu einzelnen Heiligen und ihren Kirchen wirken mitnichten additiv. Vielmehr sind sie so angelegt, dass sie unterschiedliche Aspekte zur Geschichte der einzelnen Stadtviertel und zu den Gründen beitragen, aus denen Menschen ‚ihre‘ Heiligen nach Rom brachten und diese die Aufmerksamkeit der Römer auf sich zogen – wie etwa der „administrator-turned-martyr“ (S. 47) Hadrian, dem im 7. Jahrhundert eine Kirche in der alten Senatskurie geweiht wurde. Dabei bietet das Buch auch schlüssige Interpretationen für manches bisher unerklärte Phänomen: So sei die Heilige Martina, deren passio eine Kopie derjenigen der Tatiana ist, als bewusster Ausgleich zur benachbarten Hadrians-Kirche zu werten. Während mit dieser der Papst einem byzantinisch-senatorischen Heiligen seine Reverenz erwiesen habe, sei die Römerin Martina eine Erfindung griechischsprachiger Beamter gewesen (die zugleich den Namen der Kaiserin getragen habe). Die Auseinandersetzung mit der neuen Heimat gebar so eine neue Heilige. Nicht minder weiterführend sind die längeren Betrachtungen zu anderen Stadtteilen, etwa zu aristokratischen und transregionalen Aspekten in den Kulten der Sabina, Serapia und des Bonifaz auf dem Aventin, einer „besseren Gegend“ Roms im frühen Mittelalter.

Auf diese Einzelbetrachtungen folgt, beginnend mit Kapitel 6, ein Perspektivwechsel: Hier werden zunächst an vier Beispielen (Quattro Coronati, Lateran, St. Peter, St. Maria Antiqua) Heiligen-Kollektive vorgestellt, die nun nicht von einzelnen Gruppen der Stadtgesellschaft, sondern von den Päpsten als „gardeners“ im „thriving sacred ecosystem“ (S. 118) gepflegt wurden. Thesenstark, aber überzeugend versteht Maskarinec diese als Ausdruck päpstlichen Regulierungsanspruchs: Es waren die Nachfolger Petri, die auswärtige Märtyrer zu Römern machten, deren Heiligkeit überhaupt feststellten und in ihrer Ansammlung und Gruppierung sowohl Roms Universalität als auch seine unübertreffliche, ja massenhafte Heiligkeit unterstrichen. Dass dieser Anspruch jedenfalls im Karolingerreich Resonanz fand, zeigen die beiden abschließenden Kapitel, die sich der fränkischen Wahrnehmung einiger der behandelten Heiligen widmen. Kap. 7 bringt Beispiele für die Rom-Rezeption in Klöstern des 9. Jahrhunderts, behauptet allerdings kein einheitliches Bild („there was no consensus“, S. 153). Das abschließende Kapitel 8 ist ganz auf Ado von Vienne fokussiert: Maskarinec liest Ados Martyrologium als Versuch der Vereinheitlichung unter römischen Vorzeichen. Märtyrer aus der ganzen Ökumene werden der Stadt zugeschrieben, Rom somit zum Kultzentrum aller möglichen Heiligen gemacht. Was dabei verschwunden sei, sei die Vielgestaltigkeit der Kultgeschichte wie auch der Stadtgesellschaft als deren Grundlage. Beschlossen wird die Darstellung von einem knappen „Epilog“, in dem Maskarinec ihr Ergebnis unterstreicht: Gleichsam auf das materielle, bewohnte und bebaute Rom habe sich im frühen Mittelalter „Rom als Idee“ gesetzt, ein Ergebnis nicht zuletzt der Verehrung außerrömischer Märtyrer.

Es schließen sich sechs Appendizes an, die in Umfang und Funktion variieren. Sehr hilfreich scheint die tabellarische Zusammenstellung aller in Rom verehrten Nicht-Römer (App. 1). Anderes hat eher den Charakter von Exkursen (App. 3, 5, 6), während die in der Forschung bekannten Quellennachweise für den Diakoniestifter Theodotus eines nicht weiter kommentierten Abdrucks in Appendix 2 nicht unbedingt bedurft hätten. Ein Personen- und Ortsnamenregister rundet den Band ab, der mit 46 hochwertigen Abbildungen ausgestattet ist.

Maskarinec ist ein Buch gelungen, das nicht nur durch die hohe sprachliche Qualität, sondern auch im harmonischen Wechsel von Fallbeispiel und Interpretation angenehm zu lesen ist. Es liegt daher weniger in ihrer Argumentation als eher in der Dimension des Gegenstands selbst begründet (eben einer Idee von Rom, hinter der die Stadt selbst bisweilen verschwindet), die beim Leser Nachfragen anregt. So bringt es der chronologische Rahmen – von den justinianischen Gotenkriegen bis zur Rom-Rezeption des 9. Jahrhunderts – mit sich, die Geschichte der Tiberstadt zwischen zwei bzw. drei Imperien aufzuspannen (prominent auf S. 2). In gewisser Weise bestimmt dies die Perspektive von vornherein mit. Es wäre aber zu fragen, in welchem Maße die antike imperiale Geschichte die Römer des 8. Jahrhunderts wirklich prägte. Unzweifelhaft war sie als pagane Vergangenheit Teil des kollektiven Gedächtnisses – aber ob alle mittelalterlichen Römer die auf Schritt und Tritt begegnenden Caesareninschriften und Ruinen wirklich ebenso als Teil einer „imperial past“ verstanden und ihnen die Lage einer Kirche zwischen umbilicus Romae und Jupitertempel ebenso bedeutsam erschien wie modernen Historikern? Das scheint einigermaßen voraussetzungsreich und bliebe durch weitere Untersuchungen zur stadtrömischen Antikenrezeption des frühen Mittelalters zu erhellen. Ähnliches gilt für die auf Heiligenverehrung gebaute „idea of Rome“ (was sich im Englischen flüssiger liest als eine etwas angestaubte deutsche „Romidee“), die im zweiten Teil des Buchs den Gegenstand bildet. Sie erscheint dem Leser als das Produkt ambitionierter Päpste und vor allem fränkischer Mönche – und weniger als das der Rom-Migranten, die sich eher mit lokalen Gegebenheiten auseinandersetzten. Damit wendet sich der Blick des Buchs ab vom eigentlichen städtischen Geschehen. Das dürfte nicht zuletzt der Quellenlage geschuldet sein, denn von der längerfristigen Wirkung der einzelnen Heiligenkulte in Rom selbst weiß man viel weniger als von der im Karolingerreich. Gerade diese nordalpin geprägte Quellensituation evoziert aber den Eindruck, dass die Stadt der Heiligen im 9. Jahrhundert aus den Händen ihrer vielen Bewohner an Päpste und Karolinger überging.

Für diese Transformation trifft in der Tat das Bild von der Entstehung einer „new vision“ von Rom, „out of and into the many ‚Romes‘ that had preceded it“ (S. 171). Maskarinec gelingt es, am Beispiel der außerrömischen Heiligen beides zu würdigen. Besonders interessant sind ihre Beobachtungen zu den Gruppen, die die Kulte nach Rom und in Rom trugen. In der Tat ist die „Stadt der Heiligen“ nicht denkbar ohne die Interessen von Beamten und Militärs, Mönchen und Migranten, Händlern und Aristokraten, die sich zur frühmittelalterlichen Stadt vermittels ihrer Heiligen in Beziehung setzten. Gleichzeitig wird klar, wie durch das Eingreifen von Päpsten und im Fernblick nordalpiner Mönche ein anderes Rom entstand: Aus der Großstadt, in deren Vierteln man an jeder Ecke einem anderen Heiligen begegnen konnte, wurde ein Repertoire von Heiligkeit, das vielen Zwecken diente und überall verfügbar war. Dieser Verdopplung Roms und ihren stadtgeschichtlichen Grundlagen zugleich nachzugehen, hat Maskarinec zu einem beeindruckenden Buch geführt, das zukünftige Forschungen zum materiellen wie zum ideellen Rom zweifellos bereichern wird.

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30.10.2019
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