Cover
Titel
Zeiten der Erinnerung. Muri und die Habsburger im Mittelalter


Autor(en)
Schöller, Bettina
Reihe
Murenser Monografien (2)
Erschienen
Zürich 2018: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
191 S.
Preis
CHF 38,00; € 38,00
Bruno Meier, Baden (Schweiz)

Zum Kloster Muri im heutigen Schweizer Kanton Aargau, der ältesten Klosterstiftung der sogenannten Frühhabsburger, ist seit einigen Jahren ein Forschungsprojekt im Gang[1], das im Hinblick auf das 1000-Jahr-Jubiläum der legendhaften Gründung der Abtei im Jahr 1027 neue wissenschaftliche Grundlagen legen will. Als zweiter Band in der monografischen Reihe ist das Buch von Bettina Schöller erschienen, entstanden im Rahmen des an der Universität Zürich (Prof. Dr. Martina Stercken) angesiedelten Projekts «Erinnerungskulturen. Muri im Mittelalter».

Bettina Schöller geht in ihrem Buch den Spuren nach, die die Habsburger in der Geschichtsschreibung zum Kloster hinterlassen haben. Obwohl erste Stiftung der Habsburger, ist der Kontakt zur Stifterfamilie schon im 13. Jahrhundert schwächer geworden und mit dem Verlust des Aargaus 1415 an die Eidgenossen stand das Kloster, wie auch die Memorialstiftung Königsfelden, nicht mehr im politischen Einflussfeld der Habsburger. Trotzdem ist die Erinnerung an die Stifterfamilie im Kloster selbst immer wieder aktualisiert worden.

Schöller wählt dazu einen originellen Zugang, indem sie in der Gegenwart beginnt und diese Aktualisierungen quasi rückwärts beschreibt. Dies beginnt mit der 2012 publizierten neuen wissenschaftliche Edition der Acta Murensia[2] und geht zurück über die Einrichtung einer Grabkapelle durch Zita von Bourbon-Parma, der Witwe Kaiser Karls I., im Jahr 1970, zur Öffnung der Stiftergräber 1953, dem 900-Jahr-Jubiläum 1927, dem Rückgriff auf die «Gründungsurkunde» bei der Klosteraufhebung 1841, der Kontroverse um die Gründung 1737/1750, der Fürstung der Abtei 1702, der Wiederaufnahme der historiografischen Arbeiten im frühen 17. Jahrhundert bis zu frühen Hinweisen der Chronisten des Spätmittelalters und des Humanismus. Ihr Zugang ist interdisziplinär, sie wertet auch bauhistorische und archäologische sowie bildliche Quellen aus.

Anschliessend an diese kurzen Spots folgen, wieder im Rückwärtsgang, sieben Vertiefungen zur mittelalterlichen Geschichte Muris. Eine erste Tiefenbohrung betrifft das 15. Jahrhundert mit der Gedenktradition im Frauenkloster Hermetschwil, das bereits um 1200 vom ursprünglichen Mutterkloster getrennt und flussabwärts neu gegründet worden war. Weiter untersucht die Autorin die Auswirkungen der politischen Veränderungen in der Folge des Herrschaftswechsels von 1415.

Die zweite Vertiefung diskutiert die Instrumentalisierung der Erinnerung in der Zeit um 1400, in der Muri mitten im Konflikt zwischen Habsburgern und Eidgenossen stark unter Druck stand und vorübergehend vermehrt in den Fokus der Stifterfamilie geriet. Ein dritter Abschnitt setzt sich mit der Zeit zwischen der Mitte des 13. und der Mitte des 14. Jahrhunderts auseinander. Eine Zeit, in der die Habsburger zur Königswürde aufstiegen und die Beziehungen zu Muri schwächer wurden, in der mit der Ermordung von Albrecht I. 1308 mit Königsfelden ein Memorialort entstand, auf den die Habsburger für einige Jahrzehnte ihren Fokus legten. Schöller diskutiert dabei auch die unterschiedliche Entwicklung der beiden Familienzweige, der Königslinie und der Linie Habsburg-Laufenburg, die zu Beginn des 15. Jahrhunderts aussterben sollte und die ihre Begräbnisstätte im Kloster Wettingen einrichtete.

Im Weiteren untersucht die Autorin die Grablegen in Muri selbst, die teils über Traditionsnotizen oder über archäologische Befunde nachgewiesen sind. Und schliesslich kommt sie zur eigentlichen Gründungsgeschichte, die in den Acta Murensia und in der Genealogie der Frühhabsburger fassbar ist. Dabei diskutiert sie den Entstehungszusammenhang der Acta (wohl um 1150), die Fälschung des Testaments des Werner von Strassburg, die Klosterreform von 1082 und schliesslich einen möglichen Entstehungszusammenhang der Stiftung im ersten Viertel des 11. Jahrhunderts.

Die Gründungsgeschichte des Klosters Muri hat, eben weil sie verknüpft ist mit der Frühgeschichte der Habsburger, in der Habsburgerforschung selbst immer wieder zu kontroversen Diskussionen Anlass gegeben. So bereits zur Zeit der humanistischen Chronistik mit den Protagonisten Jakob Mennel und Aegidius Tschudi, dann in der Mitte des 18. Jahrhunderts mit den Arbeiten von Marquard Herrgott aus dem Kloster St. Blasien, der eine Antwort des Murianer Geschichtsschreibers und späteren Abts Fridolin Kopp provozierte, bis hin zur modernen Wissenschaft, die mit den Regesta Habsburgica (Redlich, Steinacker) einsetzte und zu der auch die regionale Forschungen eines Paul Kläui, Bruno Meyer oder eines Jean-Jacques Siegrist zu zählen sind. Die Neuedition der Acta Murensia von 2012 hat diese Forschung vorbildlich zusammengefasst.

Bezeichnend ist dabei die Rezeption der Acta Murensia, die bei den beiden nachgewiesenen Öffnungen der Stiftergräber von 1702 und 1953 eine Form von Authentizität suggerierte, die aus heutiger Sicht mit grosser Skepsis betrachtet werden muss. So legte man 1953 bei der Wiederschliessung der untersuchten Gräber die vorgefundenen Knochen in der Form zurück, wie es in den Acta beschrieben ist.[3]

Das Buch von Bettina Schöller bietet einen guten Überblick zur Erinnerungskultur an die Habsburger in Muri. Die Themen sind gut proportioniert und kompakt beschrieben und werden durch einen Bildteil ergänzt. Sie sind auch für den interessierten Laien nachvollziehbar. Das Rückwärtsschreiten ist im ersten Moment etwas gewöhnungsbedürftig, hindert aber letztlich nicht am Erfassen des Stoffes.

Bei den allermeisten angeschnittenen Themen wäre vertiefte Forschung wünschbar. Dabei ist weniger an die Frühgeschichte und die Acta Murensia zu denken, diese sind in extenso wissenschaftlich diskutiert und mit der kommentierten Edition von 2012 auch eingeordnet worden. Von grösserem Interesse wären die Aktualisierungen der Erinnerung in der Zeit um 1400, in der Folge der Klosterreform zu Beginn des 17. oder zur Zeit der Fürstung der Abtei zu Beginn des 18. Jahrhunderts, wie auch die archäologisch-anthropologischen Untersuchungen der Stiftergräber, die mit heutigen Methoden wiederholt werden müssten. Insbesondere das Spätmittelalter und die frühe Neuzeit mit einem doch ansehnlichen Quellenkorpus würden Potenzial für vertiefte Analysen bieten. Dabei wären auch regionalgeschichtliche und prosopographische (Netzwerke) Ansätze einzubeziehen. Für das Ziel 2027 bleibt auf jeden Fall noch einiges zu tun.

Anmerkungen:
[1] Siehe dazu: http://www.geschichte.kloster-muri.ch/ (06.08.2019).
[2] Acta Murensia. Die Akten des Klosters Muri mit der Genealogie der frühen Habsburger. Edition, Übersetzung, Kommentar, Digitalfaksimile nach der Handschrift StAAG AA/4847, mit CD-ROM, bearbeitet von Charlotte Bretscher-Gisiger und Christian Sieber, Basel 2012.
[3] Vgl. Franziska Jahn, Die frühhabsburgischen Stiftergräber. Wiederentdeckung und archäologischer Befund (Murensia 1), Baden 2015.

Redaktion
Veröffentlicht am
01.10.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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