E.M. Hausteiner u.a. (Hrsg.): Imperien verstehen

Cover
Titel
Imperien verstehen. Theorien, Typen, Transformationen


Herausgeber
Hausteiner, Eva Marlene; Huhnholz, Sebastian
Reihe
Ordnungen globaler Macht 1
Erschienen
Baden-Baden 2019: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
277 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Angster, Historisches Institut, Universität Mannheim

Sind Imperien nur noch ein Fall für die Geschichtswissenschaft? Das politikwissenschaftliche Feld der Internationalen Beziehungen scheint, so lautet zumindest die Diagnose von Eva Marlene Hausteiner und Sebastian Huhnholz, in letzter Zeit das Interesse an diesem Thema verloren zu haben. Der Begriff des Imperiums hat offenbar keine Relevanz für die Gegenwart und ist somit keine sinnvolle Kategorie für die Politikwissenschaft. Aber stimmt das? Ist das Imperiale tatsächlich nicht (mehr) von Interesse für ein Fachgebiet, das sich im internationalen Raum mit Machtbeziehungen und Formen staatlicher Interaktion befasst? Daran schließt sich die grundsätzlichere Frage an, ob historische Perspektiven und die Ansätze der Geschichtswissenschaft für die Politikwissenschaft überhaupt Anknüpfungsmöglichkeiten bieten.[1] Der Sammelband mit dem schönen Titel „Imperien verstehen“ geht diesen Fragen nach und plädiert sehr klar für eine fächerübergreifende Beschäftigung mit Imperien und deren historischer wie gegenwärtiger Bedeutung. Er bildet den programmatischen Auftakt der Reihe „Ordnungen globaler Macht“, die „ein neues Forum für Fragen globaler Machtordnung über etablierte Fach- und Methodengrenzen hinweg“ sein möchte (S. 6) und ganz explizit zu Debatten einlädt.[2] Als Disziplinen beteiligt sind an der Reihe wie am Band die Politische Theorie, die Internationalen Beziehungen sowie die Geschichts- und Kulturwissenschaften. Das gemeinsame Ziel ist es, „die Erforschung machtgeprägter, asymmetrischer und imperialer Ordnungen, Ideen und Praktiken voranzutreiben“ (S. 5). Es geht diesem ersten Band vor allem um eine Bestandsaufnahme der Imperiumsforschung in den genannten Fächern. Daraus wird die Aufforderung abgeleitet, die Analysekategorie des Imperiums für die Geistes- und Sozialwissenschaften „in ihrer ganzen Breite produktiv zu machen“ (S. 25).

In ihrer Einleitung konstatieren Hausteiner und Huhnholz, die den Band und die Reihe herausgeben, einen Bedeutungsverlust von „Imperium“ als Analysekategorie des Internationalen, eine „Flaute der Imperienforschung“ (S. 11) im politikwissenschaftlichen Feld der Internationalen Beziehungen und der Politischen Theorie. Sie monieren das gegenwärtige Desinteresse der Politikwissenschaft am Ordnungsbegriff des Imperialen. Dem stellen sie lobend die rege Forschungslandschaft der Geschichtswissenschaft zu Imperien entgegen; insbesondere die Zugänge und Perspektiven der New Imperial History und der Globalgeschichte werden empfohlen. Damit verbunden wird die Kritik an der zentralen Rolle, die der Nationalstaat für die politikwissenschaftliche Analyse der internationalen Beziehungen spiele, als der maßgebliche Akteur in einer Welt aus Staaten. Als zentrale Kategorie historischen Arbeitens hat er seinen Stellenwert dagegen bereits verloren – eine staatszentrierte und vorrangig nationale Perspektive ist in der Geschichtswissenschaft längst nicht mehr selbstverständlich. Auch in der Politikwissenschaft ließen sich, so das Argument, durch die Analysekategorie des Imperialen die hierarchischen, aber zugleich vielschichtigen und ambivalenten Machtbeziehungen in Großräumen besser untersuchen sowie die Verflechtungsbeziehungen zwischen vielfältigen Akteursgruppen in den Blick nehmen, die aus einer binnen-nationalen Perspektive gar nicht erst als Untersuchungsgegenstand erkennbar würden.

Der Band geht also von der Grundannahme aus, dass die Kategorie des Imperiums Gegenwartsrelevanz habe und eben nicht ausschließlich Gegenstand der Geschichtswissenschaft sei. Vor allem greift er das Narrativ an, nach dem Imperien wie das Habsburgerreich und das Osmanische Reich als veraltete Modelle dem modernen, effizienten Konzept der Nationalstaaten Platz machen mussten und demzufolge schließlich auch die europäischen Kolonialreiche wie das Britische Empire der postkolonialen Idee des souveränen Nationalstaats zum Opfer fielen. Imperien seien zwar durchaus historische Phänomene, doch die Frage nach imperialen Machtverhältnissen sei alles andere als veraltet, überwunden oder irrelevant. Es sei auch keineswegs nur das Fortwirken kolonialer Erfahrungen in einer postkolonialen Welt, das dieses Thema für die Sozialwissenschaften relevant mache.[3]

Der Sammelband legt eine wirklich interdisziplinäre und durchweg programmatisch gehaltene Übersicht vor. Seine Stärke ist die Auswahl der Aufsätze. Es sind allesamt gelungene Texte, die den Forschungsstand oder konkrete Fallbeispiele in allgemeinerer Hinsicht aufschlüsseln und das Erkenntnisinteresse des Bandes im Blick behalten. Einige sind Neufassungen schon publizierter Texte, die meisten aber Originalbeiträge. Alle Texte bewegen sich auf hohem Niveau und sind für die unterschiedlichen Fächer zugänglich und ergiebig – zumindest sofern man in qualitativen Ansätzen einen Nutzen erkennen mag. Die Aufsätze thematisieren Formen und Begründungen imperialer Macht als Gegenstand der Forschung, behandeln Herrschaftsformen und Machtausübung jenseits nationaler Staatlichkeit als Gegenstand politischer Ideengeschichte und diskutieren anhand von Fallbeispielen das Verhältnis zwischen Imperialität und Demokratie, Antikolonialismus und Menschenrechten, Mobilität und Verflechtung.

So plädiert David Armitage für eine „internationale Wende in der Ideengeschichte“, weg vom methodologischen Nationalismus; Herfried Münkler setzt sich mit den Ordnungsfunktionen bzw. der „Governance-Leistung“ von Imperien auseinander; Ulrike Jureit diskutiert Nutzen und Grenzen des Imperiumsbegriffs anhand der Frage nach dem imperialen Charakter der Europäischen Union; Andreas Vasilache untersucht die interventionistische Ordnungspolitik „liberaler Imperien“ in der Folge „demokratischer Kriege“, insbesondere den „liberalen Interventionismus“ der USA; Samuel Moyn behandelt die Verbindung von Menschenrechtsdiskursen und Antikolonialismus und fragt nach der Rolle des letzteren in der Historiographie der Menschenrechte. Andreas Eckert fasst „imperiale Metropolen“ als Orte der Formierung „antiimperiale[r] Politik im 20. Jahrhundert“; er behandelt dabei Antiimperialismus und seine transimperialen Vernetzungen als Teil der Geschichte des Imperialismus. Ulrike von Hirschhausen und Jörn Leonhard betonen anhand zweier biographischer Fallstudien die Rolle mobiler Akteure in Empires und zeichnen ihre individuellen Strategien im Umgang mit imperialer Herrschaft nach. In einem abschließenden Beitrag kritisiert der Politikwissenschaftler Stephan Stetter die „Relegation des Imperienbegriffs in die historische Forschung“ (S. 256) und das Ausblenden von Imperien, Kolonialismus und postkolonialen Strukturen durch die Internationalen Beziehungen. Dagegen betont er die Gegenwartsrelevanz der Kategorie Imperium und appelliert an die Politikwissenschaft, nicht den Staat zum Zentrum ihrer Theoriebildung zu machen, sondern das Imperiale zumindest ergänzend „als Kern einer gehaltvollen Theorie internationaler Politik im 21. Jahrhundert zu thematisieren“ (ebd.). Damit formuliert er nochmals den Grundtenor des Bandes.

Insgesamt wird die begriffliche Bandbreite des Imperialen sehr deutlich herausgearbeitet. Was ich jedoch ein wenig vermisst habe, ist eine Bilanz, die auf die inhaltliche Vielschichtigkeit des Imperiumsbegriffs eingeht und die vielen Stränge systematisiert, die hier angesprochen werden. Ein Beispiel wäre die grundsätzliche Frage, wie Staatlichkeit jenseits des Nationalstaats zu fassen ist; auch das anderweitig bereits analysierte Verhältnis von Nationalstaat und Imperien sollte hier doch erneut reflektiert werden.[4] Vor allem fehlt mir eine genauere Binnendifferenzierung zwischen den Begriffen Empire und Reich. Das Heilige Römische Reich, das Habsburgerreich und das Osmanische Reich driften ein wenig aus dem Überblick, der insgesamt doch stärker vom Kolonialreich, vom Imperienbegriff des Imperial Turn und von postkolonialen Perspektiven her gedacht ist. Ob der analytische Unterschied zwischen dem Reich als multiethnischer Staatsform und imperialen bzw. kolonialen Herrschaftsformen in überseeischen Imperien tatsächlich so gering ist wie hier angedeutet, müsste noch einmal überprüft werden.

Der Sammelband macht klar, wie zentral die Kategorie des Imperialen für die Analyse der internationalen Beziehungen in Geschichte und Gegenwart tatsächlich ist. Globale Machtbeziehungen in ihrer ganzen Vielschichtigkeit sind eben nicht nur aus einer nationalen – oder internationalen – Perspektive zu erfassen. Der Band ist aber nicht nur ein wichtiger Beitrag zur Empireforschung, sondern auch ein Beleg für die Möglichkeiten interdisziplinärer Zusammenarbeit. Er zeigt, wie ergiebig eine fächerübergreifende Fragestellung sein kann, wenn sie an einem konkreten Gegenstand die vorhandenen Forschungsperspektiven durchdekliniert, nach Schnittmengen sucht und daraus neue Wege ableiten will.

Anmerkungen:
[1] Vgl. hierzu auch Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 3 (2006), 1: Imperien im 20. Jahrhundert, https://zeithistorische-forschungen.de/1-2006 (25.11.2019).
[2] Als Band 2 der Reihe erscheint in Kürze: Lukas Zidella, Das Ende von Ordnung im 20. Jahrhundert. Dekolonisierung und Zerfall des Ostblocks als Desintegrationsprozesse internationaler Ordnungen, Baden-Baden 2019.
[3] Vgl. jetzt auch Jeremy Adelman (Hrsg.), Empire and the Social Sciences. Global Histories of Knowledge, London 2019.
[4] Jörn Leonhard / Ulrike von Hirschhausen, Empires und Nationalstaaten im 19. Jahrhundert, Göttingen 2009, 2. Aufl. 2011, S. 12f.