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Titel
Holocaust in Norwegen. Registrierung, Deportation, Vernichtung. Aus dem Norwegischen von Jochen Pöhlandt


Autor(en)
Bruland, Bjarte
Erschienen
Göttingen 2019: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
839 S.
Preis
€ 60,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christine Meibeck, Freie Universität Berlin

In der internationalen Holocaustforschung wurde Norwegen als Schauplatz der Shoah bisher oftmals vernachlässigt. Mit seinem Werk „Holocaust in Norwegen. Registrierung, Deportation, Vernichtung“, 2017 in norwegischer Sprache erstveröffentlicht, legt der norwegische Historiker Bjarte Bruland nun die erste umfassende, über 800 Seiten lange Studie zur Verfolgung und Ermordung der norwegischen Jüdinnen und Juden vor. Sie wird in der norwegischen Geschichtswissenschaft bereits als „Standardwerk“ gehandelt.[1] Zuvor hatte Bruland sich in Norwegen bereits als Mitautor des sogenannten Reisel/Bruland-Berichtes[2] über die Konfiszierung jüdischen Besitzes einen Namen gemacht.

Inhaltlich ist Brulands Studie eine Art Gesamtüberblick, der sich über acht umfangreiche Kapitel chronologisch den Ereignissen in Norwegen zwischen dem Beginn der deutschen Besatzung und der deutschen Kapitulation widmet. Sehr akribisch geht Bruland dabei auf die wichtigsten Aspekte der antijüdischen Verfolgung ein und bezieht möglichst alle beteiligten Gruppen und ihren Anteil am Geschehen in seine Analyse mit ein. Er bezeichnet seine Studie als „kriminalistische Untersuchung“ (S. 17); sein Hauptinteresse gilt der Frage nach den Akteur/innen der Verfolgung, ferner wie und auf welchen Ebenen norwegische Täter/innen mit den deutschen Behörden kooperierten. In einigen Abschnitten lesen sich Brulands Ausführungen tatsächlich beinahe wie eine Kriminalgeschichte, da er die Ereignisse multiperspektivisch aus der Sicht der Täter/innen und Opfer, aber auch der Unterstützer/innen, Profiteur/innen, Zuschauer/innen und Widersetzer/innen darstellt und analysiert. Diese akteurszentrierte Vorgehensweise böte sich laut Bruland im Fallbeispiel Norwegen besonders an, da die jüdische Gemeinde eine der kleinsten Europas war – zum Zeitpunkt des deutschen Überfalls lebten hier gerade einmal rund 2.000 Jüdinnen und Juden, von denen ca. ein Viertel Flüchtlinge waren. Das Land sei bezüglich der Opferzahlen ein „Mikrokosmos“ dessen gewesen, „was sich auf europäischer Ebene“ abgespielt habe, weswegen Bruland immer wieder Einzelschicksale in den Mittelpunkt stellt (S. 21).

Bevor Bruland seine Analyse beginnt, erläutert er einige Prämissen zur deutschen Besatzung und zur jüdischen Geschichte Norwegens, was vor allem für Leser/innen, die mit der norwegischen Geschichte weniger vertraut sind, von Vorteil ist. Norwegen stand seit dem 9. April 1940 unter deutscher Herrschaft, kontrolliert durch den Reichskommissar Josef Terboven. Ihm unterstand die im Herbst 1940 eingesetzte kommissarische norwegische Regierung, die hauptsächlich aus Mitgliedern der Nasjonal Samling (NS) bestand, einer vor der deutschen Besatzung unbedeutenden und machtlosen Kleinstpartei. Im Februar 1942 setzte Terboven dann den NS-Gründer Vidkun Quisling als Ministerpräsidenten ein, dessen Regierung sowohl Werkzeug der Besatzungsmacht als auch zugleich willige Mitläuferin war und die Ausbeutung und Vertreibung der norwegischen Jüdinnen und Juden aktiv antrieb und unterstützte (S. 83). Da Norwegen nicht als „Feindesland“ betrachtet wurde, sollten sich die deutschen Verfolgungsorgane auf Befehl Heydrichs vor Ort jedoch zunächst „zurückhalten“, was Bruland als wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu anderen deutschen Besatzungsregimen in Westeuropa ausmacht (S. 58). Als zentrale Akteur/innen antijüdischer Politik und Gewalt benennt er die deutsche Sicherheitspolizei und die im Juli 1941 gegründete norwegische Staatspolizei, einem politisierten Organ der norwegischen Polizei, das ideologisch im Nationalsozialismus verankert war.

In den ersten rund zweieinhalb Jahren unter deutscher Besatzung ist die antijüdische Politik laut Bruland zunächst vor allem von „Zögern und Schwanken“ (S. 91) geprägt gewesen. Systematische und zentral koordinierte Angriffe habe es nicht gegeben, stattdessen sei es zu lokalen Ausbrüchen von Gewalt sowie zu Vergeltungsmaßnahmen als Reaktion auf Widerstandsaktionen gekommen. Unter anderem am Beispiel der mittelnorwegischen Stadt Trondheim zeigt Bruland auf, inwiefern die eigenen Interessen und das Vorgehen Einzelner in dieser Zeit für Terror und Ausbeutung verantwortlich waren. In Trondheim war es vor allem Gerhard Flesch, Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD, und sein norwegischer Kompagnon Reidar Landgraff, die aus persönlichen Motiven heraus für die Enteignung der jüdischen Gewerbetreibenden und antijüdischen Terror sorgten (S. 154f.).

Als zentrale Maßnahme, die die „fatale Wendung“ (S. 213) hin zur Vernichtung einleitete, benennt Bruland die Registrierung der norwegischen Jüdinnen und Juden Anfang 1942. Der Befehl zur Stempelung jüdischer Pässe ging auf Heinrich Fehlis, Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD, zurück, wenngleich die Maßnahme wie üblich von norwegischen Polizeibehörden durchgeführt werden sollte, um die Bevölkerung nicht gegen die Besatzungsmacht aufzubringen (S. 222). Vor allem einige deutsche Flüchtlinge entzogen sich der Maßnahme jedoch, da sie bereits Erfahrungen mit derlei Registrierungen aufweisen konnten und misstrauischer als die norwegischen Jüdinnen und Juden waren. Letztlich wurden jedoch die meisten der nach den „Nürnberger Gesetzen“ als „Volljuden“ geltenden Personen registriert und damit als zukünftige Opfergruppe markiert – das Schicksal der norwegischen Jüdinnen und Juden war, so Bruland, mit diesem Schritt „besiegelt“ (S. 243).

Das umfassendste Kapitel widmet sich der kurzen Zeit zwischen Oktober 1942 und Februar 1943, in denen in großen „Blitzaktionen“ (S. 343) der Großteil der norwegischen Jüdinnen und Juden inhaftiert und anschließend nach Auschwitz verschleppt wurde. Bruland weist daraufhin, dass die Deportationen in Norwegen im Vergleich zu anderen westeuropäischen Staaten später begannen und schneller durchgeführt wurden. Das zügige Vorgehen sollte sowohl Widerstand und Flucht als auch Skrupel auf norwegischer Seite verhindern. Es gab, so Brulands zentrale Feststellung, keinen Befehl aus Deutschland – sogar Eichmann selbst sei von den Ereignissen überrascht worden (S. 248). Die Entscheidung zum endgültigen Schlag gegen das norwegische Judentum sei in Zusammenarbeit norwegischer und deutscher Behörden vor Ort gefallen und war das Ergebnis von „Ereignissen und Möglichkeiten […], die sich in Norwegen eröffneten, vor dem Hintergrund einer allmählich sich bildenden Überzeugung, dass die Juden vernichtet werden sollten“ (S. 256).

Das radikale Vorgehen begann mit einer Massenverhaftung jüdischer Männer durch norwegische Polizeibehörden im Oktober 1942 und fand seinen ersten Höhepunkt in der Deportation jüdischer Familien Ende November. Insgesamt wurden drei Schiffe – die „Donau“, die „Gotenland“ und die „Monte Rosa“ – eingesetzt, um in vier großen „Aktionen“ die norwegischen Jüdinnen und Juden nach Auschwitz zu verschleppen. Das letzte Schiff verließ den Osloer Hafen im Februar 1943. Von den insgesamt mindestens 773 deportierten Personen überlebten Brulands Recherchen zufolge lediglich 38 (S. 690).

Mehr noch als in den anderen Kapiteln zeigt sich auf diesen Seiten Brulands Anliegen, die Ereignisse so detailliert wie nur möglich zu beschreiben und die Perspektiven und Geschichten der Betroffenen in den Fokus zu stellen. An dieser Stelle liest sich das Buch beinahe wie eine Chronik der Verfolgungsgeschichte sowie des Schicksals der norwegischen Jüdinnen und Juden. Das mag einerseits in einigen Passagen ermüdend wirken, jedoch sind die akribischen Details gleichzeitig die Stärke der Studie, da sie die Ausmaße der Ausbeutung und Auslöschung als auch das perfide Vorgehen der Täter/innen offenbaren. Durch die biografische Einordnung der beteiligten Personen schafft er nicht nur bezüglich der Opfer einen persönlichen Zugang, sondern auch bezüglich der Täter/innen. Die Ereignisse werden so weniger anonym und gleichzeitig sehr plastisch – es wird deutlich, dass sich hier Nachbarinnen und Nachbarn gegenüberstanden. Bruland stellt die Entrechtung und Verfolgung der norwegischen Jüdinnen und Juden nicht als einen abstrakten Vorgang von Gesetzen und Maßnahmen dar, sondern als die Folge der Entscheidungen Einzelner.

Diesen Ansatz verfolgt Bruland auch, wenn es ihm um die Hilfsmaßnahmen seitens der Bevölkerung geht, denen er ein eigenes Kapitel widmet. In gewohnt detaillierter Manier beschreibt er, wie nichtjüdische Norweger/innen zu Aktivist/innen wurden und oftmals ihr eigenes Leben riskierten – und ließen –, um Jüdinnen und Juden zu verstecken oder ihnen zur Flucht zur verhelfen. Die Zahlen sind beachtlich: Rund zwei Drittel der Verfolgten wurde während der Besatzungszeit über die grüne Grenze nach Schweden geschmuggelt, fast die Hälfte erst im Dezember 1942 angesichts der drohenden Deportation nach Auschwitz – mindestens 1.216 Menschen wurden auf diesem Wege gerettet (S. 551).

Insgesamt legte Bruland mit seinem Werk eine beeindruckende Studie vor, deren Detailreichtum an einigen Stellen auf den/die Leser/in anstrengend wirken kann, zum Beispiel wenn er im Kontext der Beschlagnahmung jüdischen Eigentums die exakten Preise einzelner Haushaltsgegenstände nennt, was andererseits aber genau wegen solcher Details auch überzeugt. Hervorzuheben ist außerdem die im Anhang zu findende Übersicht aller bekannten norwegischen Holocaust-Opfer. Leider sehr negativ stößt jedoch die holprige deutsche Übersetzung auf, die sich an vielen Stellen sehr beschwerlich liest und oftmals irritiert. Außerdem frustriert die beträchtliche Menge an Tipp- und Flüchtigkeitsfehlern. Diese Nachlässigkeit wird dem Anspruch und der Bedeutung dieser Studie nicht gerecht. Eine erneute Überarbeitung des Manuskripts wäre bei einer etwaigen zweiten Auflage wünschenswert.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Synne Corell, Bjarte Bruland: Holocaust in Norge. Registrering. Deportasjon. Tilintetgjørelse, in: Historisk Tidsskrift 97 (2018), S. 156–160.
[2] Vgl. Bjarte Bruland / Berit Reisel, The Reisel / Bruland report on the confiscation of Jewish property in Norway during World War II, Oslo 1997.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.10.2020
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