J. Benecke: Außerschulische Jugendorganisationen

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Titel
Außerschulische Jugendorganisationen. Eine sozialisationstheoretische und bildungshistorische Analyse


Autor(en)
Benecke, Jakob
Erschienen
Weinheim 2020: Beltz Juventa
Anzahl Seiten
636 S.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Gisela Miller-Kipp, Philosophische Fakultät, Heinrich Heine Universität Düsseldorf

Der Buchtitel nennt keinen Zeitraum, deshalb vorweg: der angezeigte Band geht vom Kaiserreich bis zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung 1989, das ist im Wesentlichen die Gesamtzeit des Bestehens außerschulischer Jugendorganisationen in Deutschland. Deren Geschichte wird zum einen als Rekonstruktion der Organisationen, zum anderen als Deskription der sozio-kulturellen Lage der Jugend geschrieben. Damit liegt eine derzeit einmalige Leistung vor – es gibt bislang kein Werk, das die außerschulischen Jugendorganisationen in Deutschland zeitlich komplett und dazu noch in beiden genannten Hinsichten erfasst. Geleistet wird diese „Analyse“ im referierenden Durchgang durch die jeweils einschlägige Literatur. Deren gründliche Rezeption zeichnet den ganzen Band in jedem seiner Kapitel aus; anhand eines Quellen- und Literaturverzeichnisses von 40 kleingesetzten Seiten lässt sich der Umfang dieser imponierenden Forschungsrezeption ermessen. – Der Band zerfällt in zwei Teile; der erste Teil verwendet sich auf den eigenen Ansatz, der zweite Teil ist Geschichtsschreibung.

Im ersten Teil trägt Benecke ausholend die grundlegenden Begriffe seiner Darstellung und die sie leitenden Erkenntnisinteressen vor. Diese „Systematisierung“ (S. 15) ist in ihrer Ausführlichkeit dem Umstand geschuldet, dass der Autor den angezeigten Band als Habilitationsschrift vorgelegt hat[1]; für die Veröffentlichung hätte sie durchaus gekürzt werden können, zumal das historisch-systematische Vorwort von Heinz-Elmar Tenorth auch eine vorzügliche Einleitung in den Band ist. – Im ersten Teil also arbeitet Benecke sich am Begriff und Phänomen „Jugend“ ab, um das Augenmerk auf Jugend als auf ein gesellschaftlich wirkmächtiges „realitätserzeugendes“ (Forschungszitat, S. 27) Kollektivsubjekt zu lenken. Damit stellt er den jugendgeschichtlich vorherrschenden Blick auf „Jugend“ als auf ein Moratorium, i.e. eine gesellschaftlich geduldete, gleichwohl zu kontrollierende und zur Einmündung in die Gesellschaft der Erwachsenen bestimmte Lebensphase hin, lässt aber diesen „objektiven“ Blick auf Jugend gleichwohl gelten (Kapitel 1). – Im sozialisationstheoretisch fundamentierten „subjektiven“ Blick geht es Benecke dann genauer um die von der Jugend mit ihren und in ihren Organisationen erzeugte und erlebte Wirklichkeit, um selbstbestimmte Jugendpraxis außerhalb von Schule und Familie – insofern „außerschulische“ Jugendorganisation. Dieses Erkenntnisinteresse bestimmt auch die Quellenauswahl des Bandes; primäre Auskunft geben dem Autor vornehmlich Selbstzeugnisse der Jugend, dabei der ganze Komplex sogenannter „Ego-Dokumente“, sekundäre Auskunft gibt ihm wie gesagt die Forschungsliteratur (Kapitel 2).

In den nachfolgenden Kapiteln geht Benecke die gewonnenen begrifflichen und methodologischen Bestimmungen im wiederholten Anlauf und in mehreren Exkursen durch. Dabei nimmt er als Beispiele einer ersten dualen Historiographie in Europa die französische Schule der „Annales“.[2] Beispiele einseitiger linearer Geschichtsschreibung nimmt er aus der Bildungsgeschichtsschreibung zum Nationalsozialismus und zur DDR. Sein Paradebeispiel für die sächlichen wie die methodologischen Unzulänglichkeiten der dort vorgefundenen Jugendgeschichte „von oben“ ist die Hitler-Jugend (HJ); über sie hat Benecke bereits im besonderen jugendhistorischen Blick „von unten“ geforscht.[3] Zuletzt summiert der Autor „bildungshistorische Zugänge und Forschungsstand zum Themenfeld der außerschulischen Jugendorganisationen“ (S. 73).

Der zweite Teil des Bandes gilt der Geschichte der außerschulischen Jugendorganisationen in Deutschland in fünf zeitlich konventionellen Zeiträumen: Wilhelminisches Kaiserreich, Weimarer Republik, „Nationalsozialismus“, deutsche Geschichte nach 1945, diese letztere aufgeteilt in zwei Kapiteln: 1. Besatzungszeit und Bundessrepublik Deutschland (BRD) bis zur Wiedervereinigung, 2. „SED-Staat“ (S. 17) und DDR bis 1989. Der Historie vorgeschaltet ist wiederum ein systematisches Kapitel zur „Vorgeschichte außerschulischer Jugendorganisationen“ (S. 94), in dem Benecke etwas umständlich und auch redundant noch einmal die ins Auge gefassten Organisationsformen der Jugend in ihrer gesellschaftlichen Funktion bestimmt. Alsdann werden die „wesentliche[n] Charakteristika der Geschichte der außerschulischen Jugendorganisationen in Deutschland und die sie betreffenden bildungshistorischen Forschungsstände zur Darstellung [gebracht]“ (S. 92).

Mit dieser bürokratischen Formulierung ist nichts weniger gemeint als im ersten Teil des Bandes ausführlich angekündigt: eine institutionsgeschichtliche Rekonstruktion der Organisationen zusammen mit einer kultur-, gefühls- und mentalitätsgeschichtlichen Charakterisierung der Jugendkollektive. Für diese zweifache Darstellung wird jeweils zuerst eine Organisation, danach werden die sozio-kulturelle Lage und die kollektive Befindlichkeit des zugehörigen Jugendkollektivs vorgenommen. Abhängig von der Dichte der jeweiligen Bezugsforschung können weder alle Organisationen noch alle in Frage kommenden Aspekte gleichgewichtig behandelt werden; Benecke selbst spricht salvatorisch von „Missverhältnissen zwischen einzelnen Aspekten, ihrer Relevanz und der ihnen zukommenden Aufmerksamkeit“ (S. 90). Das tut der Sache aber insofern keinen Abbruch, als der zweite Teil des Bandes formal keine stringente – etwa historisch-vergleichende – Darstellung, vielmehr eine historisch-systematische Versammlung sozialwissenschaftlicher und bildungshistorischer Forschung über Jugend, Jugendorganisation und Jugendorganisationen ist.

Um diese Leistung im vollen Umfang zu würdigen, sei nur auf die Vielzahl der erfassten außerschulischen Jugendorganisationen hingewiesen: im Wilhelminischen Kaiserreich sind das die bürgerliche Jugendbewegung mit einzelnen Bünden, die Arbeiterjugendbewegung und die jüdische Jugendbewegung; in der Weimarer Republik sind das weiterhin die eben genannten sowie dazu die konfessionellen Jugendorganisationen, hier die katholischen und die evangelischen Bünde sowie die konfessionell gebundenen Sportvereine[4], dazu die Jugendverbände der politischen Parteien und der politischen Organisationen, im letzteren Falle die Gewerkschaftsjugend und die Jugend der Wehrverbände[5], und zu guter Letzt auch noch die „wilden Cliquen“ (S. 241) – sie hatten in der Weimarer Republik den größten gesellschaftlichen Spielraum. Schwerpunkt der Darstellung in den ersten beiden Zeiträumen ist die bündische Jugend, im „Dritten Reich“ ist es die HJ; Benecke betrachtet sie hier im konventionellen Dual von politischer Erfassung und pädagogischem Anspruch.[6]

Die Geschichte der „Jugendorganisationen in der Bundesrepublik nach 1945 und im wiedervereinigten Deutschland seit 1989/90“ fasst sich dagegen vergleichsweise kurz, denn die Forschung dazu sei „insgesamt überschaubar“ (S. 452). So begnügt sich Benecke mit einem Überblick zu den Anfängen von Jugendarbeit nach dem Kriegsende sowie mit einer allgemeinen Darstellung der Entwicklung der Jugendverbände nach 1945. Für sie stellt Benecke ein „spürbares Nachlassen der Kohäsionskräfte in den mitgliederstarken und traditionsreichen Großverbänden“ fest (S. 465). Überraschend aktuell wird dieses Kapitel mit einem Abschnitt über die Jugendorganisationen der politischen Parteien, der die Aufmüpfigkeit der politischen Jugend dokumentiert – Stichwort „68er“ – und dabei die seinerzeitigen „Herausforderungen des politischen rechten und linken Extremismus“ beschreibt (S. 481).

Das letzte historiographische Kapitel gilt der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in der SBZ und in der späteren DDR. Es ist im politisch-pädagogischen Hinblick unter „Massenorganisationen als Instrumente einer kontrollierenden Bevölkerungspolitik in der DDR“ verfasst (S. 495) und beginnt mit einer diktaturtheoretischen „Analyse von NS-Herrschaft und SED-Staat“ (S. 496); dort werden bislang geübte Ansätze der Historiographie der Jugendorganisationen beider deutschen Diktaturen mit einander verglichen, um Kontinuitäten und Diskontinuitäten in deren Jugendpolitik festzustellen. Dazu werden institutionelle Parameter ebenso herangezogen wie Mechanismen der politischen Lenkung – die FDJ der SBZ wird als „‚Transmissionsriemen‘ der Jugendpolitik der SED“ (S. 532), die FDJ der DDR wird als „Einheitsjugendorganisation der DDR“ (S. 543) wahrgenommen. So weit, so bekannt. Verdienstvoll ist dieses Kapitel in seiner zeitlichen Vollständigkeit und in der Vielzahl der angesprochenen Gesichtspunkte; historisch besonders interessant ist es mit der Berücksichtigung des Jugendlebens außerhalb der FDJ, insbesondere der Praxen der „abweichender Jugendlicher“ und ihrer Organisationsformen in der DDR (S. 568).

Der Band schließt mit einem „Ausblick in die Gegenwart und Zukunft der Jugendorganisationen“ (S. 578). Hier thematisiert Benecke noch einmal Erkenntnisinteressen und Ansätze der sozialwissenschaftlichen und der historischen Jugendforschung. Gegen deren „Zersplitterung“ (ebd.) aufgrund unterschiedlicher politischer Orientierung in Bezug auf Zweck und Funktion einer Jugendorganisation plädiert der Autor erneut für die Fokussierung auf die Jugend in ihrem Eigenrecht und ihrem Eigensinn, jetzt mit der Begründung, dass so orientierte gesellschaftliche Jugendorganisation unabdingbar sei, um demokratischen Konsens in der Jugend zu sichern und zu tradieren. Mit diesem Plädoyer gewinnt der Band noch einmal aktuelle Bedeutung. Er ist damit nicht nur die erste Vorlage einer zeitlich und perspektivisch umfassenden Darstellung der außerschulischen Jugendorganisationen in Deutschland, er ist auch jugendpolitisch von pragmatischem Gewinn.

Anmerkungen:
[1] Angenommen im November 2018 von der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg.
[2] Der Name der Zeitschrift, in dem das betreffende Historikerkollektiv publizierte.
[3] Vgl. Jakob Benecke, Die Hitler-Jugend 1933–1945. Alltag, Erinnerungen. Eine Dokumentation, Weinheim 2013; ders., Soziale Ungleichheit und Hitler-Jugend. Zur Systematisierung sozialer Differenz in der nationalsozialistischen Jugendorganisation, Weinheim 2015.
[4] Die Verbände für Leibesübungen hatten zusammen die bei weitem größte Mitgliederzahl; sie werden nicht eigens vorgenommen.
[5] Deren Geschichte beginnt markant im Kaiserreich; dort thematisiert Benecke sie leider nicht.
[6] Gestützt auf die eigene Forschung (wie oben, Anmerkung 3), hat er dabei primär die Sozialisation in der HJ im Blick.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.06.2020
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Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/