S. Lehnstaedt u.a. (Hrsg.): Die "Aktion Reinhardt"

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Titel
Die „Aktion Reinhardt“. Geschichte und Gedenken


Herausgeber
Lehnstaedt, Stephan; Traba, Robert
Reihe
Studien zu Holocaust und Gewaltgeschichte
Erschienen
Berlin 2019: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
395 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Franziska Bruder, Berlin; Dagi Knellessen, Fellow am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien

Die Wahrnehmung eines der zentralen Holocaust-Verbrechen, der „Aktion Reinhardt“, während der etwa 1,6 bis 1,8 Millionen Juden und 50.000 Roma im Generalgouvernement ermordet wurden, blieb nach 1945 über Jahrzehnte auf ein Minimum beschränkt und zwar in der Öffentlichkeit wie in der historischen Forschung. Trotz der bereits vor dem Kriegsende und in den direkten Nachkriegsjahren einsetzenden Anstrengungen von vor allem jüdischer, aber auch polnischer Seite, die „Aktion Reinhardt“-Verbrechen zu dokumentieren, entstand eine kaum zu durchbrechende Abwehr und Ignoranz gegenüber diesen Massenmordereignissen. Auf diese umfassende und anhaltende Absenz gehen die Herausgeber Stephan Lehnstaedt und Robert Traba in der Einleitung ausführlich ein. Zumindest die Forschungslage hat sich inzwischen erheblich verbessert. Dies zeigte sowohl die Berliner Konferenz, die Anfang Juli 2017 vom Touro College Berlin und dem Zentrum für historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften (CBH PAN) initiiert wurde, als auch die daraus resultierende Publikation.

Kapitel I „Täter und Opfer“ eröffnet Bertrand Perz mit einem Beitrag über die zahlreichen Österreicher, die in der Lubliner Dienststelle des SS- und Polizeiführers Globocniks Dienst leisteten. Sie bildeten aufgrund ihrer gemeinsamen Geschichte und Praxis eine eingeschworene, regelrecht familiäre (Mörder-)Truppe. Die Tätergruppe der Trawnikis thematisiert Angelika Benz anhand der Frage, unter welchen Bedingungen die sogenannten Hilfsfreiwilligen rekrutiert und eingesetzt wurden und wie ihre zumeist erzwungene Täter- und Mittäterschaft zu bewerten ist. Beide Themen waren auf der Konferenz nicht vertreten. Stattdessen ist ausgerechnet ein aktuell in Polen wie international politisch brisantes Thema, die „Blaue Polizei“ (policja granatowa), zu dem Jan Grabowski vorgetragen hatte, entfallen.

Die Beschäftigung mit den Bildquellen der „Aktion Reinhardt“-Lager stellt ein Forschungsdesiderat dar, konstatiert Annika Wienert. Sie analysiert Lagerkarten, die nach 1945 von Überlebenden in unterschiedlichen Kontexten erstellt wurden und als „spezifische Form visueller Quellen und Ego-Dokumente“ einzuordnen sind (S. 111). In ihrem der Wahrnehmungsgeografie entlehnten theoretischen Bezugsrahmen der mentalen beziehungsweise kognitiven Karte (mental maps) stellen die Lagerkarten Verbildlichungen individueller Ortserfahrungen und -perspektiven dar. Für deren Lesart der Vergleich mit einer vermeintlich „neutralen und objektiven Wirklichkeitsrepräsentation“ (S. 92) nicht entscheidend ist. Historiografische Schlussfolgerungen lassen sich aus diesen Analysen offenbar nur schwer ziehen, hervorstechend ist die Individualität, die sich in diesen zeichnerisch dokumentierten Raum- und Lagererfahrungen ausdrückt.

In Kapitel II „Frühe Berichte und Forschungen“ stellt Jürgen Matthäus eindrucksvoll die wenig beachtete jüdische Perspektive von außen auf die Radikalisierungsentwicklungen der antijüdischen Politik der Nazis dar. Bekannt ist der Vertreter des Genfer Büros des World Jewish Congress, Gerhart Riegner. Insbesondere sein Telegramm vom 8. August 1942, das die Alliierten über den Massenmord an Juden im Osten informierte, wird in der Forschung viel zitiert. Kaum wahrgenommen wird hingegen der Vertreter der Jewish Agency in Genf, Richard Lichtheim (1885–1963), der weitsichtige Analysen verfasste. Die erschütternden Berichte der beiden jüdischen Repräsentanten drangen langsam zu den Alliierten durch, aber sie lösten nicht die erhofften Interventionen aus.

Katrin Stoll setzt sich mit den Texten der Zentralen Jüdischen Historischen Kommissionen in den Jahren 1944 bis 1947 auseinander. Die von ihr herausgegebenen Zeugnisse sind nach Stoll als eigenständige Quellengattung anzusehen. „Sie zeugen von einer konkreten Verarbeitung einer Verfolgungserfahrung durch die Überlebenden, die als Erfahrung unübertragbar ist.“ (S. 181) Die deutsche Historiografie hingegen habe zunächst „eine direkte Konfrontation mit den konkreten Verbrechen vermieden“ (S. 163). Erst nach 1989 sei eine Veränderung feststellbar, als zunehmend eine Auseinandersetzung mit den Zeugnissen der ost-(mittel-)europäischen Archiven einsetzte.

Die Mitarbeiter/innen des Jüdischen Historischen Instituts (ŻIH), Katarzyna Person und Andrzej Żbikowski, bezeichnen die „Aktion Reinhardt“ als Kernthema des 1947 in Warschau gegründeten Instituts. Das ŻIH habe damit die inhaltliche Orientierung des Oneg Shabat, des Untergrundarchives des Warschauer Ghettos, fortgesetzt. Im Zuge der Pogrome nach Kriegsende und der stalinistischen Politik emigrierten viele Mitarbeiter/innen des ŻIH bis Ende der 1940er Jahre wie auch wegen der antisemitischen Kampagne 1968. Ein gewichtiger Schwerpunkt der Institutsarbeit war und ist die umfassende Edition von Quellen. Dadurch habe das ŻIH bis heute die Rolle eines „Wächters des jüdischen sozialen Gedächtnisses“ (S. 199) eingenommen.

Kapitel III „Erinnerung und Strafverfolgung“ leitet in die Nachgeschichte über. Die ersten beiden Beiträge beschäftigen sich mit der juristischen Aufarbeitung der „Aktion Reinhardt“-Verbrechen durch die bundesdeutsche Justiz. Hans-Christian Jasch geht in seinem Überblicksartikel zunächst auf die Rechtsgrundlage der Prozesse sowie auf das gesellschaftliche Umfeld der 1950er- und 1960er-Jahre ein. Seine anschließende Darstellung der Prozesse zu den drei Todeslagern der „Aktion Reinhardt“ von den ersten Verfahren 1949/1950 bis zum Demjanjuk-Prozess (2009–2011) fällt allerdings sehr unkritisch aus. Jasch beschränkt sich weitgehend auf das Referieren der Urteile. Sein unvermitteltes Resümee lautet, dass die juristischen Verfahren „die Grundlage für die Historiografie“ (S. 203) gebildet hätten, die Ergebnisse jedoch „überaus unbefriedigend“ (S. 229) geblieben wären. Zu einer deutlich kritischeren Einschätzung der deutschen Justiz gelangt Johannes Tuchel in seiner umfassenderen Analyse der „Aktion Reinhardt“-Prozesse und deren bis auf das Demjanjuk-Verfahren nicht vorhandene öffentlichen Wahrnehmung: Neun lebenslange Haftstrafen aus einem Täterkreis von circa 80 Personen bezeichnet er als skandalös (S. 232). Tuchel benennt den „mangelnden Verfolgungs- und Ahndungswillen“ (S. 231) der deutschen Justiz und die täterentlastende Gehilfenrechtsprechung in den 1960er-Jahren, die im Fall des Belzec-Prozesses (1963–1965) überaus deutlich wurden. Ebenso thematisiert er die unsäglichen Wiederaufnahmeverfahren, die in den 1970er- und 1980er-Jahren zu den bereits verurteilten Sobibor-Tätern Hubert Gomerski und Karl Frenzel eröffnet wurden. Im Fall von Gomerski führten sie zur Strafreduzierung und Freilassung inklusive einer Haftentschädigung. Die in vielerlei Hinsicht exzeptionelle Bedeutung der frühen Prozesse zu Sobibor und Treblinka 1950/1951 wird in keinem der beiden Beiträge deutlich.

In Kapitel IV, das sich ausschließlich mit der Geschichte der Gedenkstätte Sobibor beschäftigt, skizziert Raphael Utz die Veränderungen des Tatorts Sobibor nach Abzug der deutschen Täter im Dezember 1943. Utz wirft zwei Schlaglichter, zum einen auf die Situation im September 1950, zum anderen auf die Aufstellung des ersten Denkmals 1965. Er arbeitet mit neuen Quellen und eröffnet spannende Perspektiven. Diskussionswürdig sind seine Einschätzungen zu Artikeln der Journalistin Stanisława Gogołowska im kommunistischen Parteiorgan Sztandar Ludu. Gogołowska zog 1963 zum 20. Jahrestag des Aufstands in Sobibor am 14. Oktober 1943, dessen Leitgedanke nach ihr die Parole „Für unsere und eure Freiheit“ war, eine Parallele zur fast zeitgleich stattfindenden „siegreichen Schlacht von Lenino“, die von der „wiedergeborenen polnischen Armee“ an der Seite der Roten Armee geführt wurde. Utz bezeichnet diese Bezugnahme als „historisch absurde Verbindung“ (S. 306), die ausschließlich ein „einleitendes Bekenntnis zur kommunistischen Geschichtsdarstellung und zur grundsätzlichen Legitimität der Volksrepublik Polen“ (S. 307) darstelle. Man kann die hergestellte Verbindung jedoch auch als Versuch lesen, den jüdischen Aufstand als militärischen Kampf zu würdigen. Die Parole wurde bereits von der Jüdischen Kampforganisation (ŻOB) in einem Aufruf an die polnisch-christliche Bevölkerung während des Warschauer Ghetto-Aufstandes verwendet. Die jüdische Kommunistin Gogołowska war Überlebende mehrerer Konzentrationslager. 1945 bis 1946 arbeitete sie in der Jüdischen Historischen Kommission mit. In ihren Veröffentlichungen schrieb die Kommunistin über sich und ihre Kameradinnen praktisch nie als Juden. Dennoch wird die hohe Bedeutung klar, an die jüdischen Widerstandskämpfer zu erinnern, von denen nichts zurückgeblieben war, nicht einmal ein Grab. Utz erfasst mit seiner Interpretation von Gogołowskas Text als subversive Ausnahme eines typisch „sozialistischen Narrativs“ die Vielschichtigkeit der Autorin und ihres Werkes nicht.

Die Bedeutung des Forensic Turn erläutert Anna Izabella Zalewska anhand der seit dem Jahr 2000 laufenden archäologischen Untersuchungen auf dem Lagergelände von Sobibor. Nach den anfänglichen Ausgrabungen, die an dieser Grabstätte nicht unproblematisch waren, führen mittlerweile internationale Teams systematische Untersuchungen mit hochentwickelten nicht invasiven Methoden wie der Teledetection (Fernerkennung) durch. Erst 2014 machten die Wissenschaftler einen historisch überaus bedeutsamen Fund: Der originäre Standort der Gaskammern wurde entdeckt.

Distanz ist der Grundgedanke des gestalterischen Konzepts des Künstler- und Architekten-Teams für die im Bau befindliche Gedenkstätte Sobibor, dem Łukasz Mieszkowski angehört. Als architektonische Umsetzung der Distanz – die sich als Gegenpol zu der an Holocaust-Stätten weitverbreiteten „Architektur der Angst“ versteht – entwarf das Team in seiner Ursprungskonzeption eine Mauer, die den physischen Zugang zum Lagergelände verweigerte ebenso wie den Blick darauf. Abgesehen von einer schmalen Spalte, die den Besuchern einzeln Einblick gewähren sollte. In diesem Entwurf gab es keine vorgetäuschte Annäherung an das Ereignis, keine vermeintliche Verbindung zu den Ermordeten, kein Nachempfinden des mörderischen Geschehens. Und kaum einen Blick auf die auratischen Orte. Hier stand immer nur die Wand, an der jeder Versuch der Annäherung oder gar der Verschmelzung scheiterte. Der vielschichtige Artikel skizziert die heftigen wie nachvollziehbaren Einwände fast aller Beteiligten der Steuerungsgruppe gegen diesen Entwurf und die Kompromissfindung hin zu einer schlussendlich eindrucksvollen Gestaltung.

Der Direktor des Staatlichen Museums Majdanek, Tomasz Kranz, dem die Gedenkstätte Sobibor seit 2012 formal zugeordnet ist, zeichnet die Leitlinien der historischen Ausstellung im neu erbauten Museumstrakt nach. Fünf Komplexe thematisieren die Geschichte des Lagers, spezifische Aspekte dieser Mordstätte und den Kontext der „Aktion Reinhardt“. Das Museum versteht sich als Ergänzung zum Lagergelände, als ein Vermittlungsraum, der hinter den Verbrechensort und der Grabstätte zurücktritt und dennoch hohe Ansprüche an das historische Lernen hat.

Grundsätzlich bemerkenswert an diesem Band ist der für die Historikerzunft hohe Anteil von sechs Wissenschaftlerinnen. Die Artikel von sieben polnischen Historikerinnen und Historikern machen den innovativen Anteil der polnischen Forschungen in diesem Feld kenntlich. Nicht nachvollziehbar ist, dass im historischen Teil der Themenkomplex Widerstand, der allein durch die erfolgreichen Aufstände in Treblinka und Sobibor einen historisch bedeutsamen Aspekt darstellt, kein eigenständiges Kapitel oder zumindest ein Beitrag eingeräumt wurde. Die Nachgeschichte der „Aktion Reinhardt“ nimmt im Vergleich mit der Konferenz deutlich größeren Raum ein. Der ausschließliche Fokus auf Sobibor unterstreicht zudem ein in der Einleitung benanntes geschichtspolitisches Anliegen der Herausgeber, daran zu erinnern und anzumahnen, dass die Zukunft des noch im Bau befindlichen Gedenkortes Sobibor maßgeblich von der öffentlichen Aufmerksamkeit, wissenschaftlichen Begleitung und von konkreten finanziellen Zuwendungen abhängen wird. Der Band regt zur Intensivierung der „Aktion Reinhardt“-Forschungen an. Zu wünschen ist, dass er auch die Öffentlichkeit und die politisch Verantwortlichen in Deutschland und Polen erreicht.

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Veröffentlicht am
06.02.2020
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