M. Hachmeister: Selbstorganisation im Sozialismus

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Titel
Selbstorganisation im Sozialismus. Das Rote Kreuz in Polen und der Tschechoslowakei 1945–1989


Autor(en)
Hachmeister, Maren
Reihe
Schnittstellen 14
Erschienen
Göttingen 2019: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
285 S.
Preis
60,00 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mojmir Stransky, Institut für Osteuropäische Geschichte, Universität Wien

Mit ihrem Vergleich des polnischen und tschechoslowakischen Roten Kreuzes (Polski Czerwony Krzyż – PCK bzw. Československý Červený Kříž – ČSČK) während des Staatssozialismus bietet Maren Hachmeister einen wichtigen Beitrag zur Historisierung dieser Epoche der europäischen Geschichte. Die gut geschriebene Dissertation stellt keine Gesamtdarstellung der Entwicklung der beiden Hilfsorganisationen dar, sondern bietet anhand von vier Themenfeldern (Suchdienste, ehrenamtliche Blutspende, Jugend, Elitenwandel und Elitenkontinuität) gut recherchierte Einblicke in deren Arbeitsweise. Die Rotkreuzverbände dienen dabei zugleich als Beispiele für zivilgesellschaftliche Strukturen im sozialistischen Staat.

Wie totalitär waren die staats-sozialistischen Regime? Wieviel Zivilgesellschaft, Selbstinitiative, Eigensinn oder – um Maren Hachmeisters Begriff zu verwenden – welcher Grad von Selbstorganisation war dort möglich? Dem Terminologieproblem begegnet die Autorin, indem sie den aus der Kybernetik kommenden und von Gregory Bateson in die Organisationssoziologie eingeführten Begriff der Selbstorganisation aufgreift. Da dieser weniger an die westlichen Vorstellungen einer Bürgergesellschaft geknüpft sei und im Gegensatz zur Zivilgesellschaft nicht per se auf demokratische Systeme abziele, eigne er sich am besten, um die Arbeits- und Wirkungsweise des Roten Kreuzes im Staatssozialismus zu beschreiben.

Die Quellen der Arbeit sind vor allem Berichte, Protokolle und Statistiken aus den Archivbeständen der beiden nationalen Rotkreuzgesellschaften, die heute im tschechischen bzw. polnischen Nationalarchiv sowie im AAN in Warschau liegen. Desweiteren wurden die Korrespondenz der Gesundheits- wie Bildungsministerien mit PCK und ČSČK sowie Materialien aus verschiedenen regionalen Archiven herangezogen. Quellen zu den Suchdiensten stammen vom International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen. Zur Untersuchung der internationalen Kontakte von PCK und ČSČK benutzt Hachmeister zudem das audiovisuelle Archiv des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes in Genf.

Das erste Kapitel beschreibt die Ereignisse und Probleme der unmittelbaren Nachkriegszeit am Beispiel der in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg sichtbarsten Abteilungen des Roten Kreuzes, der Suchdienste von PCK und ČSČK. Maren Hachmeister argumentiert, dass die Suchdiensttätigkeit, die sich der Betreuung von Displaced Persons und der Familienzusammenführung widmete, als gesellschaftliche und politische Hebel gegenüber dem Staat benutzt wurden. So überließen die Staatsführungen von Polen und der Tschechoslowakei diese Aufgaben den nationalen Rotkreuzgesellschaften. Diese Legitimierung führte wiederum zu Privilegien, wie zum Beispiel Auslandsreisen. Dass die regelmäßigen Auslandskontakte als Alleinstellungsmerkmal beschrieben werden (S. 250), erscheint jedoch übertrieben, trifft Ähnliches doch auf Freiwillige Feuerwehren oder Sportvereine zu.

Weiter hält Hachmeister fest, dass die Suchdienste des Roten Kreuzes im polnischen Fall sogar die fehlenden diplomatischen Beziehungen zwischen Polen und der Bundesrepublik ersetzt hätten. Die Tätigkeit dieser Abteilung, die bis in die späten 1970er-Jahre andauerte und zu engen Kontakten mit dem Internationalen Roten Kreuz führte, sei daher eine der wichtigsten des Polnischen Roten Kreuzes gewesen. Dagegen waren die Suchdienste und die damit verbundenen internationalen Kontakte für die Tätigkeit des Tschechoslowakischen Rotkreuzverbands weniger bedeutsam. Die unterschiedliche Gewichtung der Suchdienste in beiden Ländern zeige sich nicht zuletzt in der Vergabe des Diplomatenstatus an die Mitglieder des PCK, die an internationalen Verhandlungen teilnahmen – ein Status, welchen die ČSČK-Vertreter/innen nicht erreichten.

Im zweiten Kapitel beschreibt Maren Hachmeister sehr anschaulich einen der traditionsreichsten Bereiche der Tätigkeit des Roten Kreuzes: die ehrenamtliche Blutspende. Sie zeigt, wie es dem Roten Kreuz mit der Organisation von Blutspenden gelang, selbstständig zu agieren. Die Selbstorganisation wurde deswegen von der Partei geduldet, da hier sowohl praktische als auch politische Zielsetzungen von Staat und Vereinen übereinstimmten. Auch ideologisch habe das Thema Blut gut zum nationalistischen Narrativ der kommunistischen Parteien nach dem Zweiten Weltkrieg gepasst, die sich positiv auf die nun ethnisch homogenisierten Gesellschaften bezogen. Versuche der Partei, die Blutspendenaktion zu vereinnahmen und daraus eine kommunistische Errungenschaft zu machen, gelangen aber nicht. Wie Maren Hachmeister ausführt, kollidierte die Idee der Blutspende nicht mit dem Profil des neuen sozialistischen Menschen. Widerspruch weckt jedoch die Überraschung der Autorin über den Umstand, dass sich PCK und ČSČK nicht stärker am vermeintlich „fortschrittlicheren“ sowjetisch-zentralistischen Modell der Blutspendenorganisation orientierten, sondern an auf Freiwilligkeit basierenden Formen festhielten (S. 108). Schließlich war es gerade die Reminiszenz an die Zwischenkriegszeit, die dem Roten Kreuz in beiden Ländern eine besondere Anziehungskraft verlieh.

Vergleichend konstatiert Maren Hachmeister die bereits vor dem Zweiten Weltkrieg große Bedeutung der Blutspende in Polen und die hohe Qualität der dortigen Hämatologie, zu der die Tschechoslowakei erst nach dem Krieg aufschloss. Im Zusammenhang mit der Beschreibung der Neuorganisation des ČSČK hebt die Autorin die Glorifizierung des Psychiaters und Hämatologen Jan Jánský hervor, der innerhalb der sozialistischen Tschechoslowakei propagandistisch missbraucht worden sei und als der „wahre“ Entdecker der Blutgruppen galt (S. 124 und S. 131).

Mit der Organisation der Blutspende verbunden war der Fokus der Rotkreuzverbände auf Jugendliche, dessen Wurzeln ebenfalls in die Zwischenkriegszeit zurückreichen. Auch hier stellt Hachmeister Überschneidungen der traditionellen Ausrichtung des Roten Kreuzes mit dem sozialistischen Bestreben fest, einen neuen sozialistischen Menschen zu erschaffen (S. 143). Die große Attraktivität des Roten Kreuzes unter den Jugendlichen sei auf unterschiedliche Gründe zurückzuführen: Erstens war die Mitgliedschaft beim Roten Kreuz vielen willkommen, die eine Ausbildung im Gesundheits- oder Sozialsektor anstrebten. Zweitens galten sie als Alternative zu den politisch dominierten staatlichen Jugendorganisationen. Drittens waren die Jugendorganisationen des Roten Kreuzes in Polen und der Tschechoslowakei offiziell als gesamtstaatlich wichtige Organisationen anerkannt. Das ermöglichte die Einrichtung von an den Schulen angesiedelten Zirkeln, deren Leiter/innen sich im polnischen Fall aus der staatlich vereidigten Lehrerschaft, im tschechoslowakischen Fall direkt aus der Belegschaft des Roten Kreuzes rekrutierten. Gerade in diesem Fall gelingt es Maren Hachmeister sehr gut, das Spannungsfeld aufzuzeigen, in dem sich die Führung des Roten Kreuzes im Staatssozialismus bewegte und das sich aus dem Bestreben ergab, traditionelle Werte der christlichen Nächstenliebe mit der sozialistischen Verantwortung für die Gemeinschaft der Werktätigen in Einklang zu bringen.

Im vierten und letzten Kapitel widmet sich Maren Hachmeister der Frage des Elitenwandels und der Elitenkontinuität, wobei die politisch-gesellschaftlichen Brüche anhand von ausgewählten biographischen Beispielen dargestellt werden. In beiden Ländern zeigt sich, dass die Rotkreuzeliten sich vor allem aus den Gesundheits- und Sozialsektoren rekrutierten und somit eine gewisse Fachkompetenz aufweisen mussten. Die Parteizugehörigkeit wurde in Polen auf keiner Ebene als wichtig angesehen, sie stellte aber auch kein Hindernis für die Akzeptanz innerhalb der Organisation dar, während in der Tschechoslowakei führende kommunistische Politiker in den Führungsausschüssen des Roten Kreuzes vertreten waren. Allgemein lässt sich dennoch für alle Arbeitsbereiche und -ebenen festhalten, dass sich das Rote Kreuz in beiden Ländern als eine apolitische humanitäre Organisation sah.

Die Studie von Maren Hachmeister führt eindrucksvoll vor Augen, wie die Existenz von nichtstaatlichen Organisationen, die aus vorsozialistischen Strukturen erwuchsen, den totalitären Anspruch des Staatssozialismus infrage stellten. Neben dem Roten Kreuz könnten auch Vereine und Verbände wie die Freiwillige Feuerwehr, Sportvereine, Tourismusvereine, Jagdvereine, Radioamateur/innen oder Hundeabrichter/innen zum Gegenstand ergänzender Forschungen gemacht werden. In jedem Fall stellt das Buch von Maren Hachmeister einen wichtigen Auftakt für Forschungen zur Freiwilligkeit im Staatsozialismus dar. Es ist sehr zu empfehlen.

Redaktion
Veröffentlicht am
26.05.2020
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