I. Messinger u.a. (Hrsg.): Doing Gender in Exile

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Titel
Doing Gender in Exile. Geschlechterverhältnisse, Konstruktionen und Netzwerke in Bewegung


Herausgeber
Messinger, Irene; Prager, Katharina
Erschienen
Anzahl Seiten
217 S.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Doerte Bischoff, Institut für Germanistik, Universität Hamburg

Die Erfahrung von Flucht und Exil hat vielfach auch geschlechtsspezifische Implikationen: Rollenmuster verlieren angesichts der besonderen Bedingungen der Flucht ihre Geltung, im Transit- oder Asylland gelten häufig andere Codes im Hinblick auf Handlungsspielräume und das Verhältnis der Geschlechter. Obgleich geschlechtsspezifische Fluchtgründe im Recht zunehmend Berücksichtigung finden und der Begriff „Flüchtling“ auch deshalb in Misskredit geraten ist, weil er keine weibliche Form zulässt, ist das Potential einer gendersensiblen Betrachtung von Flucht, Vertreibung und Exil bei weitem nicht ausgeschöpft.

Der vorliegende Band Doing Gender in Exile, der deutsch- und englischsprachige Beiträge versammelt, geht auf eine Tagung der „Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung“ (öge) 2017 zurück, die von deren „Frauen-Arbeitsgemeinschaft“ konzeptualisiert wurde.[1] Diese Konstellation reflektiert den Anspruch des Bandes, Gender nicht als supplementäres Beschäftigungsfeld zu betrachten, das einem dominanten Forschungsfeld hinzugefügt wird. Vielmehr wird die Einbeziehung von Gender-Aspekten als integraler Teil der Forschung präsentiert und grundlegende Perspektivwechsel im Hinblick auf Gegenstände, Fragen und zentrale Begriffe des Forschungsfeldes herausgestellt. Besonders instruktiv ist der einleitende Beitrag der Herausgeberinnen, der Politikwissenschaftlerin Irene Messinger und der Historikerin Katharina Prager, in dem sie das in der Soziologie profilierte Konzept des Doing Gender programmatisch für die Exilforschung reklamieren. Dieses sei besonders geeignet zu beschreiben, dass Geschlecht in Flucht- und Exilsituationen häufig nicht als stabile (naturgegebene) Größe erscheine, sondern Infragestellungen und Wandlungen ausgesetzt sei und dass „Agency“ (Handlungsfähigkeit) jeweils auch abhängig von der Kategorie Geschlecht ausgehandelt werde.

Exil wird damit nicht nur als Erfahrung von Beraubung und Verlust perspektiviert, sondern auch mit einer möglichen Erweiterung von Handlungsspielräumen verbunden. Tatsächlich reflektieren Dokumente wie Anna Seghers‘ im französischen Exil verfasster Essay „Frauen und Kinder in der Emigration“ bereits, dass das Exil, das für viele ein Herausgesprengtwerden aus den bürgerlichen Geschlechterrollen bedeutete und gerade Frauen neue Perspektiven eröffnen konnte. Ähnliches wird in Exilromanen vor allem weiblicher Autorinnen gestaltet und die Exilliteraturforschung hat die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Geschlechterkonstruktionen und Exil verschiedentlich herausgearbeitet.[2] Dass der vorliegende Band auf diese Texte und Studien kaum Bezug nimmt, hat sicherlich mit der disziplinären Perspektive der Herausgeberinnen zu tun, zeigt aber auch, dass die Profilierung eines neuen Leitbegriffs bei aller Plausibilität der für ihn sprechenden Argumente teilweise Gefahr läuft, ähnlich argumentierende Vorgängerstudien, die andere Begrifflichkeiten verwenden, zu marginalisieren. So ist es durchaus bedauerlich, dass das in den kulturwissenschaftlichen Gender Studies besonders einflussreiche Konzept des Performativen, das auch in der Exilforschung aufgenommen wurde, nicht im Zusammenhang mit dem des Doing Gender diskutiert wird. Lediglich Susanne Korbel nimmt in ihrem facettenreichen und originellen Beitrag zu von Exilierten in New York betriebenen Kabarett-, Operetten- und Chansonbühnen und deren (Gender-)Inszenierungen auf die Kategorie des Performing Gender Bezug, ohne jedoch eine Verbindung herzustellen. Diese hätte nicht nur einen vollständigeren Eindruck von der Forschungslage vermitteln, sondern auch Reichweite und Produktivität der verschiedenen Begriffe für interdisziplinäre Genderstudien genauer ausloten können.

Zugleich ist es ein wichtiges Verdienst der einführenden Darstellung und des Bandes insgesamt, dass auf die Zusammengehörigkeit von Begriffen wie Exil, Verfolgung, Vertreibung oder (Flucht-)Migration ausdrücklich hingewiesen und zu bedenken gegeben wird, dass der Exilbegriff je neu untersucht und bestimmt werden muss, um neue Entwicklungen und Paradigmen reflektierbar zu machen. Zentrales Anliegen, das diesen Appell wesentlich mit motiviert, ist „das Zusammendenken des nationalsozialistischen Exils mit gegenwärtigen Fluchtbewegungen und Exilen“ (S. 16), wie es seit einigen Jahren in der Exilforschung vielfach gefordert und teilweise auch bereits betrieben wird.[3] Von den 12 Beiträgen des Bandes behandelt aber nur einer, der Beitrag der Anthropologin Diana Sherzada über afghanische Frauen im deutschen Exil, zeitgenössische Konstellationen. Gezeigt wird, inwiefern Flucht mit unvertrauten Geschlechterrollen und damit einhergehend Orientierungslosigkeit konfrontiert, Migration aber auch „routes of empowerment for women“ (S. 192) eröffnen kann. Eine Analyse der komplexen Anforderungen, auf welche weibliche Geflüchtete gerade aus muslimischen Ländern im Exil reagieren müssen, problematisiert dabei die in westlichen Medien vorherrschende Vorstellung der muslimischen Frau als unterdrücktes und zu befreiendes Opfer als simplifizierende Konstruktion. Zwar rekurriert Sherzada auf Gendertheorie, nimmt aber weder Bezug auf die Exilgeschichte nach 1933 noch auf die deutschsprachige Exilforschung. Umgekehrt gehen die anderen Beiträge, die historische Konstellationen behandeln, nicht auf gegenwärtige Beispiele ein, sodass die zu Beginn skizzierte vergleichende und übergreifende Perspektive eher Desiderat als ins Werk gesetzte Praxis ist.

Gleichwohl macht die zusammenhängende Lektüre auf ähnliche Strukturen aufmerksam. Christina Hartig etwa arbeitet in ihrem Beitrag zu unterschiedlichen Handlungsräumen für weibliche Geflüchtete in England bzw. den USA heraus, inwiefern nicht nur rechtliche Rahmenbedingungen (Aufnahmequoten, Arbeitserlaubnis, Staatsbürgerschaft) einen Unterschied machen konnten, sondern auch Rollenerwartungen und stereotypisierte Fremdbilder der Aufnahmegesellschaft. Die ambivalente Situation, dass geflüchtete Frauen einerseits teilweise erstmals einer Erwerbstätigkeit nachgingen und sich in eigenen Clubs organisierten, die Tätigkeiten aber oft weiterhin als typische weibliche kodiert waren, beschreibt Charmian Brinson ebenfalls an der Situation des britischen Exils. Barbara Sauer demonstriert, dass weibliche Beschäftigung im Rahmen einer Lebens- und Erwerbsgemeinschaft ohne juristische und ökonomische Eigenständigkeit (etwa in der Arztpraxis des Ehemannes) auch nach 1945 kaum Aussicht auf Anerkennung bei Entschädigungsprozessen hatte. In seiner Analyse von Anna Seghers‘ Exil-Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“ hebt Anthony Grenville hervor, dass die Lebenswege und Schicksale der im Zentrum stehenden weiblichen Figuren als durch die extremen Zeitumstände geprägt vorgeführt werden und Täter- und Opferpositionen gleichermaßen weiblich besetzt erscheinen. Dass das Exil nicht nur von weiblichen Akteur:innen mit dem Zusammenbruch der Geschlechterordnung assoziiert wurde, sondern gerade auch der Verlust tradierter männlicher Rollen als krisenhaft wahrgenommen werden konnte, reflektieren die Beiträge von Katharina Strasser, die dem Exilschicksal des Kabarettisten Karl Farkas und dem seiner Ehefrau Anny nachspürt, und der von Andreas Enderlin-Mahr, der den „zerbrochenen Männlichkeiten“ in Texten Joseph Roths eine gemeinsame Logik attestiert. Bei Roth, so die These, werde Exil nicht explizit thematisiert, sondern über die Problematisierung von Heimat verhandelt, die vor allem als instabile, in Bewegung versetzte, nicht gegebene, sondern erst zu schaffende, vorgeführt werde. Durch die Verknüpfung von Heimat und Männlichkeit träten beide Konzepte als performative, herzustellende Größen hervor. Diese Schlussfolgerung liest sich plausibel, bleibt aber durch die verkürzt-schematische Darstellung der literarischen Texte unbefriedigend, zumal auch eine Auseinandersetzung mit der Roth-Forschung, die bereits auf Gender-Aspekte aufmerksam gemacht hat, fehlt.

Perspektiven der Queer Studies rückt der Aufsatz von Andreas Brunner in den Blick, indem er die Exil-Netzwerke der Fotografin und Dokumentarfilmerin Erica Anderson rekonstruiert und zeigt, inwiefern ihre gut vernetzten lesbischen Freundinnen (u.a. Annemarie Schwarzenbach) ihr halfen, in den USA auch beruflich Fuß zu fassen. Eindrucksvoll liest sich auch der Beitrag von Pnina Rosenberg, die Bildergeschichten zweier Frauen analysiert, die von deren Aufenthalt in einem französischen Internierungslager erzählen. Für beide ist das Zeichnen offenbar eine Möglichkeit, die Flucht- und Gefängnissituation zu verarbeiten, wobei der Blick weniger auf politische Aktivitäten und Programme, als vielmehr auf alltägliche Verrichtungen sowie Situationen von Missbrauch und Beschämung aus weiblicher Perspektive fällt. Einen anderen Aspekt bringt Marion Röwekamp in die Diskussion ein, indem sie am Beispiel der Exilerinnerung innerhalb der noch weit nach 1945 in Mexiko lebenden spanischen Community danach fragt, wieso ehemals bedeutsame weibliche Akteurinnen wie Margarita Nelken oder Clara Campoamor kaum erinnert wurden. Nicht nur konstatiert sie ein „drittes Exil, ein Erinnerungsexil“ (S. 124), das als Kategorie der Exilforschung sicherlich noch größere Bedeutung gewinnen wird, sie macht auch auf ein „erstes Exil“ aufmerksam, das Frauen oft bereits vor der eigentlichen Flucht innerhalb der Herkunftsgesellschaft betrifft. Dies ist auch die zentrale These von Ruth Jenrbekova, die in Bezug auf LGBTIQA+ Identitäten von einem „inneren Exil“ spricht, das nicht nur als von Fremdbestimmung und Unterdrückung geprägt sei, sondern unter bestimmten Umständen auch als „chance to escape the predestined life trajectory; the point of a new beginning“ (S. 137) betrachtet werden könne.

In der breiten Verhandlung von Implikationen der Kategorie Gender, der Akzentuierung von Spielräumen und Prozessen und der kritischen Begriffsarbeit gibt der Band innovative Impulse für die Erforschung von Flucht und Exil. In Ansätzen tritt dabei das Potential einer komparativen und transhistorischen Perspektivierung von Gender-Konstruktionen auf diesem Feld zutage, für deren Entfaltung in künftigen Studien viel Raum bleibt.

Anmerkungen:
[1] Auch in der national nicht gebundenen „Gesellschaft für Exilforschung“ gibt es eine AG „Frauen im Exil“, die eine inzwischen elf Bände umfassende Publikationsreihe etabliert hat.
[2] Eine anschlussfähige Perspektive profiliert etwa Sabine Rohlf, Exil als Praxis – Heimatlosigkeit als Perspektive. Lektüre ausgewählter Exilromane von Frauen, München 2002.
[3] Vgl. etwa Bettina Bannasch / Gerhild Rochus (Hrsg.), Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur. Von Heinrich Heine bis Herta Müller, Berlin 2013. Oder die Programmatik und die neueren Bände von Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, aber auch neuere erinnerungskulturelle Projekte wie das Online-Museum „Künste im Exil“ (https://kuenste-im-exil.de/KIE/Web/DE/Home/home.html, 12.09.2021).

Redaktion
Veröffentlicht am
13.09.2021
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