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Titel
Francos Moderne. Technokratie und Diktatur in Spanien 1956–1973


Autor(en)
Hofmann, Anna Catharina
Reihe
Moderne Zeit. Neue Forschungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts 30
Erschienen
Göttingen 2019: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
464 S.
Preis
€ 42,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Till Kössler, Institut für Pädagogik, Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg

Die Franco-Diktatur gilt als eine Anomalie der europäischen Zeitgeschichte nach 1945, als ein autoritäres, rückwärtsgewandtes Regime, das sich in einer selbstgewählten Isolation gegenüber der westlichen Moderne abgeschottet habe. Dementsprechend hat sich die historische Forschung lange hauptsächlich für Repression und politische Verfolgung sowie für das Erstarken oppositioneller Kräfte und die Entstehung einer Demokratiebewegung interessiert. Wandel fand in dieser Perspektive immer nur gegen oder hinter dem Rücken des Regimes statt. Anna Catharina Hofmann wendet sich in ihrer äußerst anregenden, auf einer Freiburger Dissertation beruhenden Neuinterpretation der Diktatur gegen diese Sichtweise. Sie beschäftigt sich mit politischen und wirtschaftlichen Reformentwürfen in der franquistischen Führungsriege und ihrer Implementierung seit den späten 1950er-Jahren. Gegen die herrschende Forschungsmeinung gelingt es ihr nachzuweisen, dass das franquistische Regime nach 1945 keineswegs einen „traditionalistischen“ Charakter aufwies und einen Weg der politischen und kulturellen Selbstisolierung verfolgte. Im Gegenteil nahmen führende Franquisten bereits in den 1940er-Jahren intensiv an internationalen Expertendebatten teil und verfolgten staatliche und wirtschaftliche Planungs- und Modernisierungsprojekte, die sich eng an Vorbildern „westlich“-liberaler Demokratien orientierten. Das Regime erfand sich mit wohlwollender Zustimmung westlicher Modernisierungstheoretiker als „Entwicklungsstaat“ neu und partizipierte an einem die politischen Systemgrenzen übersteigenden Programm der Rationalisierung und Planung. Gerade durch die Aneignung internationalen Expertenwissens und die Öffnung gegenüber dem „Westen“ wollten die Franquisten die Diktatur stabilisieren und ihr über den Tod Francos hinaus Dauer verleihen.

Die ebenso elegant wie konzise geschriebene Arbeit entwickelt ihre Argumentation anhand einer intellektuellen Biographie des Verwaltungsjuristen und franquistischen Spitzenpolitikers Laureano López Rodó, der in einer tiefgreifenden Regimekrise im Jahr 1956 als junger Wissenschaftler innerhalb kürzester Zeit zu einer Schlüsselfigur des Regimes aufstieg und bis in die frühen 1970er-Jahre hinein einer der einflussreichsten Politiker Spaniens war. In einer stark durch personale Beziehungen strukturierten Ordnung konnte er rasch eine erstaunliche Machtfülle und politischen Handlungsspielraum erwerben, was ihm eine weitgehende Umsetzung seiner Pläne einer umfassenden Verwaltungsreform und Wirtschaftsplanung ermöglichte.

Methodisch platziert sich die Arbeit überzeugend am Schnittpunkt von Wissens-, Politik- und Wirtschaftsgeschichte, die durch die Biographie López Rodós verklammert werden. Die Arbeit ist keine Biographie im engeren Sinn, sondern konzentriert sich fast ausschließlich auf das wissenschaftliche und politische Wirken des katalanischen Verwaltungsjuristen. Der biographische Zugriff eröffnet jedoch privilegierte Einblicke in das Funktionieren der Diktatur und ihre Aporien. Er rückt eine einflussreiche Kohorte jüngerer Regimevertreter in den Blick, die seit den 1940er-Jahren Anschluss an internationale Debatten über Staatsverwaltung und Wirtschaftsplanung zu gewinnen versuchte, um die Diktatur zu einem autoritären Verwaltungs- und Entwicklungsstaat zu formen.

Auf der Grundlage umfassender und – wie leider in Spanien üblich – schwieriger Quellenrecherchen verfolgt die Studie die wissenschaftliche Sozialisation und den politischen Aufstieg López Rodós. Es war López Rodó schon vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs möglich, auf Auslandsreisen Kontakte zu renommierten Wissenschaftlern zu knüpfen. Neben staatlichen Akten und zeitgenössischen Fachpublikationen in Zeitschriften- und Buchform bildet der Nachlass von López Rodó die wichtigste Basis der Arbeit.

Die eingehende Analyse der intellektuellen Bezugspunkte, die López Rodós Handeln als oberster Verwaltungsreformer und Wirtschaftsplaner seit Ende der 1950er-Jahre anleiteten, gehört zu den stärksten Kapiteln der Arbeit. Einen großen Einfluss übte der deutsche Verwaltungswissenschaftler Ernst Forsthoff aus, insbesondere dessen Diagnose einer unlösbaren Verflechtung von Individuum und Staat in der Moderne. Die primäre Aufgabe des Staates war es demnach, eine effiziente und leistungsfähige Daseinsvorsorge zu implementieren, wofür López Rodó ein autoritäres Regime besonders geeignet erschien. Zugleich übernahm er detailliert und umfassend Konzepte von Wirtschaftsplanung, wie sie von internationalen Experten propagiert und nicht zuletzt im Frankreich der Nachkriegszeit umgesetzt wurden. Die Arbeit kann dabei die intensive Vernetzung des Karrierejuristen in internationalen Expertenkreisen nachweisen, in denen es keinerlei Scheu gegenüber einer Zusammenarbeit mit einem führenden Vertreter Franco-Spaniens gab.

Die Arbeit zeigt auf hervorragende Weise, wie eng die spanische Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik in ein politische Systemgrenzen übersteigendes Programm der Rationalisierung und Planung eingebunden war. Indem die franquistische Führung Spanien als „unterentwickeltes Land“ neu erfand und es damit in den globalen Entwicklungsdiskurs einband, gelang es ihr, nicht nur die autoritäre Staatsform zu rechtfertigen, sondern auch umfassende Unterstützung durch OECD, IWF und Weltbank zu mobilisieren. Es ist in der Retrospektive erstaunlich, in welchem Maße internationale Experten wie der Ökonom und Wirtschaftshistoriker Walt Rostow bereit waren, mit den franquistischen Eliten zusammenzuarbeiten und sie zu unterstützen. Spanien war dabei keineswegs nur Bittsteller, sondern konnte eigene Interessen in einem erstaunlichen Umfang durchsetzen, da die internationalen Organisationen an einem erfolgreichen Beispiel ihrer Entwicklungsförderung interessiert waren.

Der Arbeit gelingen zugleich neue Einsichten in das franquistische Herrschaftssystem und seine Binnenkonflikte. Die Falange als faschistische Massenpartei unterlag zunächst der Expertenriege um López Rodó im internen Kampf um politischen Einfluss und konnte ihr Projekt, sich zur Schalt- und Machtzentrale des Regimes jenseits von Staats- und Regierungsapparat aufzuschwingen, nicht durchsetzen. In den 1960er-Jahren gelang es ihr jedoch, sich als Gegenspielerin der Planungsexperten und als Anwältin der abhängig arbeitenden Bevölkerung zu profilieren. Die Studie zeigt hier deutlich, dass der Spätfranquismus weniger durch einen Kampf zwischen „Traditionalisten“ und protodemokratischen „Reformern“ als vielmehr durch einen Konflikt innerhalb des franquistischen Lagers über die zukünftige Gestalt der Diktatur geprägt war. Anders als es Erinnerungsschriften nach 1975 darzustellen versuchen, ging es beiden Lagern um den Erhalt der Diktatur.

Es ist eine wichtige Pointe der Studie, dass die Entwicklungsplanung entgegen ihren Intentionen nicht zu einer Entpolitisierung von Staat und Gesellschaft im Zeichen von Rationalität und Effizienz führte, sondern im Gegenteil als „Politisierungsmaschine“ wirkte. Das autoritäre Reformprojekt geriet am Ende der 1960er-Jahre in eine Krise, da sich das Versprechen dauerhafter Prosperitätszuwächse angesichts neuer wirtschaftlicher Turbulenzen als trügerisch erwies. Der Leser hätte hier wie auch in anderen Kapiteln gerne mehr über die Haltungen und Reaktionen unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen erfahren, doch zeigt die Arbeit überzeugend den Prestigeverlust der Expertenriege um López Rodó und ihrer Planungsagenda. Dieser Ansehensverlust ermöglichte genau jene grundlegende Planungs- und Regimekritik, welche die Reformer gerade hatten überwinden wollen. Diese Entwicklung wurde durch neue Demokratisierungserwartungen der europäischen Staaten gegenüber Spanien befördert.

Insgesamt leistet die Studie einen wichtigen Beitrag zur europäischen Zeitgeschichte. Indem sie Franco-Spanien als Teil einer gemeinsamen und eng verflochtenen westeuropäischen Nachkriegsgeschichte kenntlich macht, gelingt es ihr in produktiver Weise, verbreitete Annahmen eines deutlichen Gegensatzes von demokratischen und rechts-diktatorischen Staaten nach 1945 in Frage zu stellen. Die Gegensätze zwischen beiden politischen Regimen waren in vielen Bereichen des politischen Handelns weniger schroff, als es in der Retrospektive zunächst scheinen mag. Das Scheitern der Diktatur muss in diesem Sinne auch im Kontext einer allgemeinen Infragestellung der Versprechen rationaler Gesellschaftsplanung im Übergang zu den 1970er-Jahren verstanden werden.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.06.2020
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