W. König: Geschichte der Wegwerfgesellschaft

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Titel
Geschichte der Wegwerfgesellschaft. Die Kehrseite des Konsums


Autor(en)
König, Wolfgang
Erschienen
Stuttgart 2019: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
168 S.
Preis
€ 21,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Ludwig, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Mit Bob Dylans Hausmüll glaubte A.J. Weberman dem tieferen Sinn der Lyrik des Sängers und Poeten auf die Spur kommen zu können. Weberman wühlte in Mülltonnen, erboste Dylan und schuf eine journalistische Methode.[1] Dass sich aus Müll Erkenntnisse über gegenwärtige Gesellschaften herauslesen lassen, hatte zeitgleich der Archäologe William Rathje mittels Grabungsprojekten an Mülldeponien nachweisen wollen. Seine „Garbology“[2] nahm den Begriff des Überrests und seiner von der Materialität ausgehenden Aussagefähigkeit ernst.

Solcherart ins kulturhistorische und methodologische Detail geht Wolfgang König in seiner „Geschichte der Wegwerfgesellschaft“ nicht. Ihn interessiert das Wegwerfen als unmittelbar mit der Konsumgesellschaft verbundene Handlung, der Müll als Konsequenz der industriellen Massenproduktion von Konsumgütern und der Wegwerfartikel als Produkt. König nimmt damit seine Forschungen zur Konsumgesellschaft[3] wieder auf und verweist auf ihre Kehrseite. In acht Kapiteln öffnet er ein breites Spektrum von Herstellerinteressen, Produkten, Vermarktung und Lebensstilfragen sowie Praktiken des Konsums. Schwerpunkt seiner Untersuchung ist die Bundesrepublik, verbunden mit gelegentlichen Ausblicken vor allem auf die USA und Frankreich und Rückgriffen auf die Entstehungsgeschichte einzelner Wegwerfprodukte.

In einem einleitenden Kapitel werden der Müll, seine Entstehung, Zusammensetzung und seine „Beseitigung“ thematisiert. Unterschieden wird in Industrie- und Siedlungsabfälle, wobei König fast ausschließlich letztere thematisiert. Es geht also um das, was Menschen wegwerfen, denn, so Königs These, am Müll lasse sich das Wohlstandsniveau einer Gesellschaft ebenso ablesen wie Veränderungen in der historischen Entwicklung der Konsumgesellschaft. Müll ist für König ganz allgemein ein Wohlstandsphänomen; Marktlogiken jenseits dieser Charakterisierung werden bereits in diesem ersten Kapitel angedeutet, jedoch kaum ausgebaut. So werden dem Befund, dass der Verpackungsmüll massiv zunimmt, Hinweise auf Selbstbedienung und Onlinehandel beigefügt, ohne sie jedoch näher zu debattieren. Wer verursacht den Müll – die Konsumenten mit ihren Bestellungen im Internet, die Hersteller, die ihre Ware schützen und bewerben wollen, oder der Handel, der im Supermarkt nur noch abgepackte Ware akzeptiert? Die Frage nach Ursache und Wirkung bleibt hier, wie öfter in den folgenden Kapiteln, unentschieden und gelegentlich anthropologisierend: „Beim Wegwerfen wirken Produzenten und Konsumenten zusammen“ (S. 95).

In den nachfolgenden Kapiteln erkundet König verschiedene Teilbereiche des Wegwerfens in der Konsumgesellschaft. In der Darstellung von Hygieneartikeln als Produkte zum einmaligen Gebrauch stehen die Vorteile der Sauberkeit und Bequemlichkeit im Vordergrund. Windeln, Taschentücher, Monatsbinden und Tampons werden als Beispiele aufgeführt, meist verbunden mit einer Darstellung ihrer Erfindung, der wesentlichen Produzenten sowie der Marktdurchdringung, für die König Versandhauskataloge als Quelle heranzieht.

Im Kapitel über Lebensmittelverschwendung treten neben die Konsumenten, die verdorbene oder nicht verbrauchte Lebensmittel wegwerfen, die Produzenten und der Handel als Verursacher von Abfall. Hier ist es der Wunsch nach ansprechender, ja normierter Ware, der die Vernichtung von Lebensmitteln bereits in der Landwirtschaft und ebenso im Handel hervorbringt. Lebensmittelverschwendung ist also auf alle Stadien des Verwertungsprozesses verteilt. Hinzu kommen die zunehmende Tendenz des mobilen Essens, die den Verpackungsmüll steigert, und die großzügige Portionierung beim Auswärtsessen.

Die nachfolgenden Kapitel über „Verschleiß und Mode“ und „Möbel als Konsumgüter“ fokussieren auf die Vorstellung hochwertiger und langlebiger Konsumgüter als geschmacklichen Veränderungen unterworfene Wegwerfartikel. Während Kleidung sich schon seit der Wende zum 20. Jahrhundert als austauschbares und modebedingt ausgetauschtes Konsumgut in der sich dynamisierenden Konsumgesellschaft etabliert hatte – König verweist hier auf Sombarts soziologische Beobachtungen −, ist die Vorstellung von Möbeln als lediglich temporäre Lebensbegleiter jüngeren Datums. König begründet dies mit zunehmender Mobilität und, ähnlich wie bei der Kleidung, mit dem Geschmackswandel der Käuferinnen und Käufer, also letztlich Lebensstilargumenten.

Dinggeschichtlicher ist das Kapitel über „Pioniere und Perversitäten des Wegwerfens“ angelegt. Hier geht es erneut, nach den früheren Ausführungen über Hygieneartikel, um das Aufkommen einzelner „Wegwerfartikel“ als Massenphänomen der Konsumgesellschaft. Der nicht mehr wiederbefüllbare Kugelschreiber, das Einwegfeuerzeug und der Einwegrasierer dienen König als Beispiele einer marktdurchdringenden Veränderung in der Produktkultur. Nicht zu Unrecht verweist er auf umgangssprachliche Synonyme von Produzent und Produkt in der Konsumkommunikation im Alltag. Als weiteren Punkt führt König jedoch die produktionstechnische Seite an, da Einwegprodukte so kostengünstig hergestellt werden können, dass sie nach einer Phase der Markteinführung praktisch keinen nennenswerten Geldwert mehr bedeuten.[4] Zu kurz kommt in der Darstellung dieser Leitfossilien der Wegwerfgesellschaft das Wegwerfen selbst. Die meisten heutigen „Wegwerfartikel“ haben einen hohen Kunststoffanteil, der auf Erdöl basiert und dann als Zivilisationsmüll verbrannt werden muss.

Im nachfolgenden Kapitel über „Strukturen des Wegwerfens“ kommt König am Beispiel des Rasierers noch einmal auf diese Verbreitung von Wegwerfartikeln zurück, wobei auch hier wenig auf den Müll, den sie bilden, eingegangen wird. So berichtet König zwar, dass die amerikanischen Truppen während des Zweiten Weltkrieges mit 1,5 Milliarden Rasierklingen ausgestattet wurden, aber nicht, wo sie nach Gebrauch gelandet sein könnten. In diesem Kapitel führt König auch erstmals strukturelle Überlegungen zum Wegwerfen ein. Mit Bezug auf Vance Packard[5] unterscheidet er funktionale, qualitative und psychische Obsoleszenzen als Gründe für das Wegwerfen und den Austausch von Produkten. Funktionale Obsoleszenz bedeutet, dass ein Produkt nicht mehr zufriedenstellend arbeitet, qualitative Obsolenzenz, dass es kaputt ist, und psychische Obsoleszenz, dass es als veraltet gilt. Von dieser Unterscheidung ausgehend, beschreibt König produktionstechnische Hintergründe des Verschleißes und Gegenstrategien wie Reparieren, also Gegenbewegungen gegen den Produktaustausch. Er diskutiert den Vorwurf eines von den Produzenten vorsätzlich geplanten Produktverschleißes, dem er sich nicht anschließt, und kommt in einem abschließenden Kapitel auf weitere alternative Strategien zum konsumorientierten Warenverbrauch zu sprechen. König unterscheidet zwischen Suffizienz, also Enthaltsamkeit als konsumkritischer Haltung, Weiter- und Wiederverwendung noch funktionsfähiger Güter (second hand) und dem Teilen vorhandener Produkte. Damit schließt König, wie durchgängig in diesem Buch, an aktuelle Debatten um die Müllfrage an.

König interpretiert die Wegwerfgesellschaft als extreme Erscheinung der Konsumgesellschaft, und dies, so scheint es, aus einer aktuellen Perspektive heraus. Seine Untersuchung, eine literaturgesättigte Übersicht, ist ein kompakter Einstieg in das Thema, jedoch fehlt dem Rezensenten, jenseits der Rede von der Kehrseite der Konsumgesellschaft, die These. Sie könnte in einer Einbeziehung der Produktionslogik und Profitorientiertheit auf der Herstellerseite zu finden sein, den Ressourcenverbrauch bei der Herstellung von Wegwerfartikeln stärker in den Blick nehmen – also nicht nur den Konsumenten als Wegewerfer skizzieren −, oder auf kulturelle Entwicklungen eingehen. Der Hinweis auf Bourdieus „Feine Unterschiede“ mag hier lediglich als Anregung dienen. Bei durchschnittlich 10.000 Gegenständen, die ein bundesdeutscher Haushalt beinhaltet, stellt sich zudem die Frage, was alles, trotz vermuteter Obsoleszenz, nicht weggeworfen wird, sondern als Produktansammlung in Latenz verbleibt. Problematisch ist auch die Konzentration auf die entwickelte Konsumgesellschaft in der Bundesrepublik, denn sie lässt Parallelentwicklungen etwa in den realsozialistischen Staaten außer Acht. Dass Entwicklungen in der sogenannten Dritten Welt von König nur als nachholende, von Knappheit charakterisierte Phänomene der Noch-nicht-Konsumgesellschaft beschrieben werden, sei nur am Rande bemerkt. Der Rezensent hätte sich gewünscht, dass neben dem in einigen Kapiteln ausgebauten dinggeschichtlichen Ansatz auch ein verstärktes Augenmerk auf die stoffgeschichtliche Seite, also die Materialität des Weggeworfenen gelegt worden wäre.

Trotz der kritischen Einwände ist Königs Buch als Übersicht und mit einem ausgebauten Literaturanhang als Einstieg hilfreich und überzeugt als Zeitgeschichte des Wegwerfens (oder auch Nicht-Wegwerfens), seiner Produkte und von Gegenstrategien in der Konsumgesellschaft.

Anmerkungen:
[1] Alan Jules Weberman, My Life in Garbology, New York 1980. Die Debatte mit Dylan aus dem Jahr 1971 ist 1977 auf Schallplatte als Bob Dylan vs. A.J. Weberman auf Folkways Records, FB 5322, veröffentlicht worden.
[2] William L. Rathje / Cullen Murphy, Rubbish! The Archaeology of Garbage, New York 1992 (dt. 1994).
[3] Zuletzt Wolfgang König, Kleine Geschichte der Konsumgesellschaft, Stuttgart, 2. Aufl. 2013.
[4] Vgl. hierzu den anregenden Ausstellungskatalog Keinen Franken wert. Für weniger als einen Franken. Gewerbemuseum Basel, Museum für Gestaltung, Basel 1987, der die Breite der „Pfennigartikel“ gegenüber Königs Beispielen noch erheblich ausweitet.
[5] Vance Packard, Die große Verschwendung, Düsseldorf 1961 (engl. 1960).

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Veröffentlicht am
04.03.2020
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