K. A. Young (Hrsg.): Making the Revolution

Cover
Titel
Making the Revolution. Histories of the Latin American Left


Autor(en)
Young, Kevin A.
Erschienen
Anzahl Seiten
XVII, 302 S., 7 SW-Abb., 5 Karten
Preis
£ 22.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephan Ruderer, Instituto de Historia, Pontificia Universidad Católica de Chile, Santiago

Im Oktober 2019 begannen in Chile teilweise gewalttätige Proteste gegen die Regierung, die bis heute andauern und das Land in die schlimmste Krise seit dem Ende der Militärdiktatur 1990 stürzten. Chile galt bis dahin als demokratisches und ökonomisches Modellland, in dem der neoliberale Kapitalismus und die repräsentative Demokratie eine gelungene Symbiose eingegangen seien. Die Proteste offenbarten die tatsächliche Situation eines vom neoliberalen Kapitalismus durchdrungenen Systems, in dem die politische und wirtschaftliche Elite in solcher Distanz zu einem Großteil der Bevölkerung lebt, dass sie keine Rezepte für eine Verbesserung der Lebenssituation eines Großteils der Chilenen und kein Verständnis für deren Wut aufbringen kann. Die linken Regierungen, die in Chile und in vielen weiteren lateinamerikanischen Ländern in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts an der Macht waren, haben zwar zahlreiche Reformen angestoßen, aber aufgrund des Widerstands der Rechten und der eigenen Zurückhaltung kaum echte Verbesserungen für den ärmeren Teil der Bevölkerung gebracht. Die anhaltenden Proteste in Chile zeigen, dass der Neoliberalismus – per se ein durch und durch „rechtes“ Projekt – keine Zukunft für die lateinamerikanischen Gesellschaften bieten kann, zumindest nicht auf demokratische und friedliche Weise.

Die aktuelle Situation in Chile liest sich wie eine Bestätigung für die Bedeutung des vorliegenden Bandes. Eine Beschäftigung mit der Linken mit ihrer Diversität, Komplexität, mit ihren Allianzen und Möglichkeiten verspricht auch Lektionen für die Gegenwart, in der neue linke Ideen, wie mit den gesellschaftlichen Problemen umzugehen ist, dringend gebraucht werden. Auch zu diesem Ziel will das Buch erklärtermaßen (S. 18) beitragen.

Dabei geht es dem Herausgeber und den Autor/innen um eine neue Sichtweise auf die Linke in Lateinamerika. Die Linke soll nicht, wie bisher häufig üblich, auf ihre charismatischen Führungsfiguren, auf studentische Intellektuelle mit Revolutionsträumen ohne Bezug zum Proletariat oder auf von Moskau gesteuerte Kommunisten reduziert werden, sondern es soll die Diversität der Linken in ihrer historischen Ausprägung sichtbar gemacht werden. Aus diesem Grund stehen Aushandlungsprozesse zwischen verschiedenen Akteuren, bottom-up-Bewegungen und die Beteiligung von Frauen, Indigenen oder Afroamerikanern an linken Projekten im 20. Jahrhundert in Lateinamerika im Fokus der einzelnen Beiträge. Dabei findet eine weite Definition von Links Verwendung, „to include all those who work for equity in one or more realms of society“ (S. 3). Ohne es zu benennen, lehnt sich diese Definition an das maßgebliche Unterscheidungskriterium zwischen Rechts und Links an, das Norberto Bobbio als die Haltung definiert, die Menschen im Hinblick auf das Gleichheitsideal einnehmen.[1]

Der Band möchte die scharfe Trennungslinie aufheben, die in der historiographischen Betrachtung der lateinamerikanischen Linken immer noch häufig gezogen wird, zwischen Klasse und Identitätsbewegungen und zwischen nationaler und transnationaler Politik. Es soll um ein profunderes Verständnis der Linken gehen, das die Kalte-Kriegs-Rhetorik überwindet und Debatten, Verhandlungen und Konflikte innerhalb der Linken aufzeigt und gleichzeitig der Komplexität und Diversität der lateinamerikanischen Linken im 20. Jahrhundert gerecht wird.

Tatsächlich gelingt es dem Buch, diesen Anspruch größtenteils zu erfüllen, wobei, wie in fast allen Sammelbänden, die einzelnen Beiträge von unterschiedlicher Qualität sind. Im Folgenden wird nicht auf alle Beiträge einzeln eingegangen, sondern der Versuch unternommen, die Artikel thematisch zu sortieren, um dem übergeordneten Anspruch des Bandes nachzugehen, eine neue Geschichte der lateinamerikanischen Linken darzustellen.

Viele Artikel beschäftigen sich mit der Verbindung von indigenen Akteuren und linken, meist städtischen Politikern. So zeigt Forrest Hylton, wie es indigenen Kaziken während der Chayanta-Rebellion 1927 in Bolivien über die Beziehung zu radikalen städtischen Handwerkern gelang, gemeinsame Forderungen, wie die Verbesserung des Erziehungswesens auf dem Land, aufzustellen und relativ erfolgreich gegen die oligarchischen Landbesitzer vorzugehen. Marc Becker untersucht die Bedeutung der ersten indigenen Föderation in Lateinamerika, der Federación Ecuatoriana de Indios (FEI), die 1944 in Ecuador gegründet wurde, und ihre Beziehungen zur kommunistischen Partei des Landes. Er kann nachweisen, wie der Einfluss dieser indigenen Organisation auf die ecuadorianische Linke den ansonsten wachsamen Augen des FBI völlig entging, da die US-amerikanische Überwachungsbehörde aufgrund eines subtilen Rassismus die indigenen Akteure nicht ernst nahm. Kevin Young behandelt in seinem Beitrag die interethnische Zusammenarbeit zwischen indigenen Akteuren und bolivianischen Anarchisten in den 1940er-Jahren, wobei er deutlich macht, dass gerade die Anarchisten aufgrund ihres politischen Verständnisses offen waren für die gleichberechtigte Zusammenarbeit mit Indigenen und Frauen und deshalb eine mächtige Koalition aufbauen konnten, die nach der Rebellion von 1947 nur durch brutale Staatsrepression ausgeschaltet werden konnte. O‘Neill Blacker-Hanson geht auf die Verbindung von indigenen campesinos (Bauern) und der von Genaro Vázquez und Lucio Cabañas angeführten Guerilla im mexikanischen Guerrero in den 1960er- und 1970er-Jahren ein und zeigt, wie die staatliche Repression zu einer Radikalisierung der Guerilla geführt hat, die wiederum etliche indigene Verbündete von einer Mitarbeit abhielt, da ihnen der radikale, sozialistische Diskurs der Guerilla nicht angemessen für die lokalen Belange erschien. Betsy Konefal macht am Beispiel der staatlichen Entführung des indigenen Linken Emeterio Toj Medrano deutlich, wie sich die Zusammenarbeit zwischen katholischen städtischen Studenten und indigenen Akteuren im Hochland Guatemalas in den 1970er-Jahren entwickelte, und welche Rolle dabei die „ethnische Frage“ sowohl für die staatliche Repression als auch für die linken Aufstände spielte.

Die Beziehung zwischen afroamerikanischen Akteuren und Kommunisten behandeln Barry Carr am Beispiel der Arbeiteraufstände von 1933 in Kuba und Margarete Power, die auf die persönlichen Beziehungen zwischen US-amerikanischen Kommunisten und Nationalisten aus Puerto Rico eingeht. Barr zeigt, wie es den Kommunisten gelang, in Kuba arbeitende Haitianer und Jamaikaner für die Aufstände von 1933 zu gewinnen, es dann allerdings auch zu nationalistisch aufgeladenen Konflikten zwischen afroamerikanischen Arbeitern kam. Power macht insbesondere die Bedeutung der persönlichen Beziehungen zwischen dem Anführer der Nationalisten in Puerto Rico, Pedro Albizu Campos und den Führern der kommunistischen Partei in den USA deutlich, die auf einem gemeinsamen Gefängnisaufenthalt basierten und politische Differenzen zwischen den beiden Parteien überwinden halfen. Die Hilfe der US-amerikanischen Kommunisten schützte Albizu Campos während seines USA-Aufenthaltes vor rassistischen Anfeindungen in den Südstaaten.

Auf die wichtige Rolle von Frauen in der lateinamerikanischen Linken geht Michelle Chase ein, die auf die transnationale Bedeutung des Kongresses der lateinamerikanischen Frauen in Santiago de Chile 1959 für die Ausbreitung und das Verständnis des kubanischen Feminismus der Revolutionszeit verweist. Ebenso zeigt Diana Sierra Becerra, wie zahlreiche campesinas aus El Salvador über eine Grasroot-Organisation von Bauernfrauen den feministischen Diskurs und die Praxis der salvadorianischen Guerilla prägten und dabei auch Widerstände innerhalb der eigenen, im Macho-Denken verhafteten compañeros überwinden konnten.

Aldo Marchesi schließlich macht die Bedeutung von politischer Kultur und Konjunktur sowie transnationalen Erfahrungen für die „Proletarisierung“ der städtischen Guerilla im Cono Sur in den 1960er-Jahren deutlich und zeigt, dass die Herausbildung einer transnationalen Kultur der Linken ein komplexer Prozess war, der nicht nur von ideologischen Mustern geprägt war, sondern wesentlich von persönlichen Beziehungen und konjunkturellen Faktoren abhing.

Insgesamt verweisen die Beiträge auf die Vielfältigkeit der lateinamerikanischen Linken im 20. Jahrhundert, wobei auch die Probleme, wie Rassismus, paternalistisches Verhalten von städtischen Intellektuellen, die Naivität der Revolutionäre der 1960er- und 1970er-Jahren und die Missverständnisse zwischen linken Politikern und indigenen Akteuren angesprochen werden. Zwei Merkmale der lateinamerikanischen Geschichte werden bei der Lektüre des Bandes besonders deutlich. Zum einen erschien die Linke immer dann am erfolgreichsten, wenn sie sich demokratisch, divers und offen ausrichtete – hier lässt sich sicherlich eine Lehre für aktuelle linke Strömungen erkennen.

Zum anderen wird das zentrale Merkmal der lateinamerikanischen Geschichte im 20. Jahrhundert fast im Vorbeigehen unterstrichen: die brutale, unmenschliche und alle Vorstellungen sprengende Repression der rechten Elite aus Militär, Politikern und Wirtschaft. Viele linke Projekte im 20. Jahrhundert waren naiv, abgehoben und schlecht organisiert, aber letztlich sind sie so gut wie nie an fehlender Unterstützung aus der Bevölkerung gescheitert, sondern an der brutalen Gewalt der Rechten, die die linken Akteure letztlich einfach eliminiert hat. Mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen in Chile macht der vorliegende Band also sowohl Hoffnung als auch Angst. Notwendig erscheint seine Lektüre aber in jedem Fall.

Anmerkung:
[1] Norberto Bobbio, Rechts und Links. Gründe und Bedeutung einer politischen Unterscheidung, 4. Aufl., Berlin 2006, S. 76.

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Veröffentlicht am
16.04.2020
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