F. Fechner u.a. (Hrsg.): Koloniale Vergangenheiten der Stadt Hagen

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Titel
Koloniale Vergangenheiten der Stadt Hagen.


Herausgeber
Fechner, Fabian; Schneider, Barbara
Erschienen
Anzahl Seiten
144 S.
Preis
€ 1,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anna Valeska Strugalla, Institut für Geschichtsdidaktik und Public History, Eberhard Karls Universität Tübingen

Die Aufarbeitungen der Kolonialgeschichten von Städten wie Dresden, Freiburg, Hannover, Köln und Leipzig waren erste Beispiele dafür, dass Spuren des Kolonialismus „hierzulande“ auch abseits der damaligen Politik- und Handelszentren wie Berlin und Hamburg zu finden sind.[1] Seitdem, die Leipziger Veröffentlichung steht 2009 am Anfang dieser Reihe, bemühen sich weitere Städte um die Aufarbeitung ihrer kolonialen Vergangenheit.[2]

Die vorliegende Publikation ist das Produkt eines Seminars, das 2018 am Lehrgebiet “Geschichte Europas in der Welt” an der FernUniversität Hagen angeboten wurde. Studierende und Promovierende arbeiteten nach einem einführenden Workshop eigenständig in Archiven und erforschten die Hagener Kolonialgeschichte auf unterschiedlichsten Pfaden: Das Ergebnis ist eine gut lesbare und ansprechend aufgemachte Zusammenstellung von “Koloniale(n) Vergangenheiten der Stadt Hagen”, bestehend aus 34 Beiträgen von 25 Autor/innen.

Die Artikel bespielen acht Themenfelder: Ein erster Bereich verweist die Lesenden in fünf Beispielen auf koloniale Spuren im Hagener Stadtbild (A). Im zweiten Teil stehen Karl Ernst Osthaus und das von ihm gegründete Folkwang-Museum im Mittelpunkt (B). Der dritte Bereich ist in drei unterschiedlichen Zuschnitten der Gewalt und der kriegerischen Auseinandersetzung im kolonialen Kontext verschrieben (C). Die darauffolgenden Bereiche widmen sich in überwiegend biographischen Arbeiten Forschern und Wissenschaftlern (D) sowie Geschichten über Auswanderung und Exil (E). Anhand verschiedener Beispiele wird gezeigt, wie sich der Kolonialismus in Hagener Vereins- und Verbandsstrukturen widerspiegelte (F) und in welchen Formen das Phänomen des Kolonialrevisionismus in Hagen präsent war (G). Im letzten Abschnitt geht es um Hagener/innen, die im Missionsdienst tätig waren (H).

Den Anspruch, “die alltägliche Verquickung des kolonialen Gedankenguts” (S. 8) in einem Querschnitt durch die Hagener Gesellschaft zwischen 1850 und 1960 zu zeigen, kann der vorliegende Band erfüllen: Die Akteur/innen der einzelnen Erzählungen entstammen unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft. So steht das Handeln Maria Klara Schnettlers, die als Missionsschwester bei den “Steyler Missionaren” auf Santo Tomás 1945 durch US-amerikanische Bombardements getötet wurde, neben der Biographie des Hagener Ethnologen Burkhart Ludwig Waldeckers, der 1937 den südlichsten Zufluss des Nils (im heutigen Burundi) entdeckte und kann verglichen werden mit der Darstellung des Hagener Frauenbundes, der sich im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) engagierte. Darüber hinaus bürsten die Forscher/innen gängige Narrative gegen den Strich und arbeiten abseits der Pfade, die durch bestehende Traditionen und Erinnerungskultur bereits zugänglich sind: So wird – neben der Darstellung des vom Kolonialismus durchwirkten Hagener Vereinswesens – der missglückte Gründungsversuch des Vereins “ehemaliger Kolonial- und Schutztruppen” rekonstruiert. Auch die in der stadtgeschichtlichen Erzählung nicht (mehr?) präsente Geschichte des Politikers und Dichters Caspar Butz wird aufgegriffen und dadurch der Bogen von Hagen zur Zeit der Märzrevolutionen von 1848 bis zur Anti-Sklaverei-Bewegung in Nordamerika gespannt.

Wie die Stadt Hagen als Lebenswelt auch über das Jahr 1918 hinaus neben der faktischen Kolonialherrschaft vom Kolonialismus als, in den Worten Bernd Grewes, “kulturelle[m] Phänomen” und “mentale[r] Struktur”[3] geprägt war, wird in den Arbeiten zu den kolonialen Spuren im Stadtbild und vor allem auch an dem höchst eindrücklichen Beispiel des Privatmuseums von Brauereibesitzer Carl Horst Andreas herausgearbeitet. Eine weiterführende Untersuchung, inwiefern im Anschluss an Grewes Überlegungen diese “Denkmuster und Vorstellungen […] möglicherweise bis in die Gegenwart hinein prägend blieben”[4], wäre ein wünschenswertes Anschlussprojekt zu den kolonialen Vergangenheiten der Stadt.

Der Band besticht durch seine reiche Bebilderung, die nicht nur illustriert, sondern durch eine Auswahl an historischen Zeitungsartikeln, Fotografien, Objektabbildungen und Reproduktionen von Dokumenten eine zusätzliche Informationsebene bereithält. Ein Schlagwortregister sowie eine Prosopographie hätten hier für zusätzliche Übersichtlichkeit gesorgt. Auf dem Stadtplan, der parallel zu der Buchpublikation erschienen ist, sind 21 Orte, Geburts- und Wohnhäuser der behandelten Personen, Straßen, Plätze und Gebäude mit kolonialer Vergangenheit oder Bezug zu dieser Zeit eingezeichnet. Durch diese Verortung der Geschichten im Raum wird deutlich, wie der Kolonialismus Wirtschaftsadern, Kulturinstitutionen und Lebenswelten in der Stadt prägte.

Das Projekt verschreibt sich einer “lokalen Globalgeschichte”, die, so konstatieren die Herausgeber/innen, für das Ruhrgebiet bislang zu wenig Beachtung in der Forschung erfahren hat. Unter dem Begriff der Globalgeschichte werden mit Sebastian Conrad et al. „Ansätze, die sich für Verflechtung und eine relationale Geschichte der Moderne interessieren, nicht-eurozentrisch argumentieren und nationalgeschichtliche Grenzen überwinden wollen“[5], gefasst. "Lokale Globalgeschichte” versucht wiederum, diese Verflechtungen aus der Mikroperspektive, wenn man so will aus der Frosch- anstelle der Vogelperspektive, zu konstruieren. So sollen beispielsweise Alltag und Handlungsräume von lokalen Akteuren in ihren regionalen und globalen Beziehungen betrachtet werden. Die vorliegende Publikation schafft für dieses Vorhaben eine wertvolle Grundlage. Die Arbeit ist durch ihren geringen Preis (das Buch ist für nur einen Euro in städtischen Verkaufsstellen erhältlich) und zusätzliche Vermittlungsangebote wie das Kartenmaterial und thematisch passende Stadtführungen für eine breite Öffentlichkeit zugänglich.

Die Herausgabe gliedert sich ein in eine Reihe von lokal initiierten Forschungsprojekten, die aufzeigen, dass der Kolonialismus hierzulande nicht nur ein Phänomen der “Kolonialmetropolen” war. Vor diesem Hintergrund lädt das Hagener Projekt außerdem dazu ein, durch weitere vergleichende und kontextualisierende Arbeiten das heuristische Konzept der “lokalen Globalgeschichte” weiterzuentwickeln und neben den nun herausgearbeiteten Verbindungen auch nach Systematiken und Bedeutungen zu fragen.[6]

Anmerkungen:
[1] Vgl. Alexis von Poser / Bianca Baumann (Hrsg.), Heikles Erbe. Koloniale Spuren bis in die Gegenwart, Dresden 2016; Bernd-Stefan Grewe, Einleitung und Konzept der Studie, in: ders. u.a. (Hrsg.), Freiburg und der Kolonialismus. Vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus, Freiburg i.Br. 2018, S. 11-24; Marianne Bechhaus-Gerst / Anne-Kathrin Horstmann (Hrsg.), Köln und der Deutsche Kolonialismus. Eine Spurensuche, Köln 2013; Claus Deimel / Sebastian Lentz / Bernhard Streck (Hrsg.), Auf der Suche nach Vielfalt. Ethnographie und Geographie in Leipzig, Leipzig 2009; Ulrich van der Heyden / Joachim Zeller (Hrsg.), Kolonialmetropole Berlin, Eine Spurensuche, Berlin 2002; Heiko Möhle (Hrsg.), Branntwein, Bibeln und Bananen. Der deutsche Kolonialismus in Afrika – eine Spurensuche, Hamburg 2017. Web-Projekt der Universität Hannover, entstanden 2004, unter: http://www.geschichte-projekte-hannover.de/kolonialismus/litlinks.html (30.01.2020).
[2] Tim Mörsch, Kolonialismus vor Ort. Kolonialbewegung und Vereine in Düsseldorf, Düsseldorf 2014; Joel Scharff / Caroline Authaler / Nils Hollmeier, Düsseldorfer Globalgeschichte(n). Wechselwirkungen zwischen Düsseldorf und der Welt, Düsseldorf 2017; Felix Brahm / Bettina Brockmeyer (Hrsg.), Koloniale Spurensuche in Bielefeld und Umgebung, Bielefeld 2014.
[3] Grewe, Freiburg und der Kolonialismus, S. 20.
[4] Ebd.
[5] Sebastian Conrad / Andreas Eckert / Ulrike Freitag (Hrsg.), Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen, Frankfurt am Main 2007, S. 7.
[6] Vgl. Roland Wenzlhuemer, Globalgeschichte als Verbindungsgeschichte, Vortrag beim 52. Deutschen Historikertag 2018, Sektion „Globalgeschichte – eine Standortbestimmung“ (Münster, 26.09.2019), Konferenzbericht: https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7913 (30.01.2020).

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20.02.2020
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