C. Gaubert: DDR: Deutsche Dekorative Restbestände?

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Titel
DDR: Deutsche Dekorative Restbestände?. Der DDR-Alltag im Museum


Autor(en)
Gaubert, Christian
Erschienen
Berlin 2019: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
288 S.
Preis
€ 22,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lotte Thaa, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Das Feld der Museums- und Ausstellungsanalysen zum Thema DDR-Alltag beschränkte sich jahrelang auf Artikel und Konferenzbeiträge. In den letzten Jahren erschienen dann gleich drei Monographien, die auch noch alle dieselben drei Museen behandeln: Das DDR Museum in Mitte, das vom Bonner Haus der Geschichte (HdG) betriebene Museum in der Kulturbrauerei: Alltag in der DDR sowie das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt. Die Zentralität dieser drei Institutionen dürfte damit hinreichend zementiert sein. Die Arbeiten von Christian Gaubert (2019), Regina Göschl (2019) und Kerstin Langwagen (2016) unterscheiden sich jedoch nicht nur ausgesprochen in Methodik und Stil.[1] Gaubert fügt der Trias des musealisierten DDR-Alltags ein weiteres Fallbeispiel hinzu: das DDR-Museum Malchow. Dessen Entstehung hing eng mit einer Kunstausstellung im Jahr 1991 in Zürich zusammen, die Gauberts Buch den Titel lieh: Deutsche Dekorative Restbestände. Damit ist Gauberts Alleinstellungsmerkmal und eine wichtige inhaltliche Ergänzung die hart umkämpfte Arena der (semi-)laienhaften DDR-Museen, die in den neuen Bundesländern des wiedervereinigten Deutschlands vielfach aus dem Boden sprossen und in Feuilletons und Parlamenten zur Sorge vor der Verharmlosung der DDR beitrugen.

Die Einleitung von Gauberts Buch umreißt gekonnt das Spannungsfeld zwischen, wenn man so will, dieser Ostalgie von unten und staatlichen Versuchen der Gegensteuerung. Ihn interessiert dabei besonders die Frage nach den Transferprozessen: Welche Darstellungsmodi schafften es von der Amateurliga in die großen staatlichen Häuser aufzusteigen und unter welchen Bedingungen? Stilistisch ist der Einstieg in das Werk repräsentativ für die Stoßrichtung des Buches: In einem feuilletonistischen Duktus wird gleich zu Beginn nicht an Polemik und Sprachwitz gespart. Blumig erzählte Anekdoten bilden den Anfang und begleiten die Leserschaft durch das gesamte Buch.

Gauberts theoretische Grundlagen sind die Arbeiten von Martin Sabrow und Thomas Ahbe.[2] Diese erfahren allerdings keine kritische Ergänzung oder Anpassung an das Museumswesen. Gauberts Methode orientiert sich an Clifford Geertz' dichter Beschreibung beziehungsweise der von Roswitha Muttenthaler und Regina Wonisch abgewandelten und seitdem im Metier der Ausstellungsanalyse nahezu omnipräsenten Version derselben.[3] Zu hinterfragen ist die Selbstverständlichkeit, mit der Gaubert annimmt, „dass die Absichten der Kuratoren sich […] allein bereits an den Ausstellungen selbst ablesen lassen“ (S. 41). Diese Überzeugung dient auch als Rechtfertigung für den Verzicht auf Interviews oder anderweitige Auseinandersetzung mit der Produktions- oder Rezeptionsseite der untersuchten Ausstellungen. Gauberts Analyse beinhaltet derweil eine ausführliche Beschreibung der städteräumlichen und architektonischen Gegebenheiten sowie differenzierte Entstehungsgeschichten der jeweiligen Institutionen.

Dem eigentlichen Untersuchungsteil ist ein historischer Abriss der Erinnerungspolitik vorangestellt, der einen klaren Fokus auf die Enquetekommissionen der 1990er-Jahre sowie die sogenannte Sabrow-Kommission und die Gedenkstättenkonzeption der 2000er-Jahre legt. Hier kommt Gauberts Stil am besten zum Tragen. Die potentiell trockene Nacherzählung von erinnerungspolitischen Grabenkämpfen und Kommissionsergebnissen wird durch Gauberts pointierte Positionierung zum Lesevergnügen.

Im Hauptteil, der Ausstellungsanalyse, finden sich gelungene detailreiche atmosphärische Beschreibungen, die kunsthistorischen Bildbeschreibungen in nichts nachstehen und damit auch dazu beitragen, Ausstellungen als ästhetische Gesamtkunstwerke zu würdigen. Auch ohne die jeweiligen Orte besucht zu haben, entsteht für die Leserin ein nuanciertes Bild.

Vor allem im Falle des DDR Museums geht der eigentlichen Ausstellungsanalyse aber bereits in den Kontextkapiteln eine eindeutige Wertung voraus. Ein hämischer Tonfall zieht sich durch die gesamte Beschreibung des kommerziellen Museums in Mitte à la „Wem es eine Neuigkeit ist, dass man auch in der DDR mit Messer und Gabel aß, dem mag auch dieser Griff [in eine Schublade einer inszenierten Küche, L.T.] lehrreich erscheinen“ (S. 146). Gauberts Interpretationen sind oft originell und einfallsreich, an manchen Stellen aber doch recht assoziativ, wenn beispielsweise die durch die Enge der gut besuchten Ausstellung im DDR Museum „erzwungene Rücksichtnahme“ „als ein übergeordnetes Einfühlungsangebot in das gesellschaftliche Miteinander im einstigen Kollektivstaat“ interpretiert wird (S. 145).

Insgesamt bietet Gauberts Buch zahlreiche erkenntnisreiche Überlegungen zu den erinnerungspolitischen Agenden hinter den jeweiligen Ausstellungsnarrativen. So wird ein Ausstellungsabschnitt des DDR Museums als Inszenierung einer „spaßige[n] Agentenmission“ interpretiert, welche es erlaubt, „die Grenzen zwischen Opportunismus, Eigensinn und Opposition“ zu verwischen und alltägliches Arrangement somit zu „staatsgefährdender Sabotage“ erklärt (S. 167). Dieses von Gaubert vor allem auch in der Kulturbrauerei identifizierte Muster der DDR-Alltagsdarstellung erfüllt die politische Funktion, ehemalige DDR-Bürger/innen in ein gesamtdeutsches Erfolgsnarrativ zu integrieren.

Höhepunkte des Buches sind dort zu finden, wo Gaubert eher traditionell materialistische Ansätze verfolgt. Die zentrale Rolle, welche ABM-Kräfte sowohl in Malchow als auch in Eisenhüttenstadt in der Museumsarbeit spielten, und die teils absurden Situationen, welche durch diese prekären Beschäftigungsverhältnisse entstanden, wird hier eine durchaus berechtigte Aufmerksamkeit zuteil. Dieses Interesse geht jedoch interpretativ etwas zu weit, wenn den Ausstellungsmacherinnen in Malchow unterstellt wird, „die eigene Trauer über die so unmittelbar mit dem Aufbau dieses Museums verbundene endgültige Abschiednahme von ihrem früheren Berufsalltag hinter Exponatmassen zu verbergen, wo sie nur für Eingeweihte oder gar Leidensgenossen sichtbar sein sollten“ (S. 126). Die sonstige Beschreibung des DDR-Museums in Malchow konzentriert sich auf den wenig professionellen Charakter der Objektschau, „einer im Gewand des scheinbaren Überflusses daherkommenden thematischen Armut“ (S. 108).

Der Abschnitt zu Eisenhüttenstadt ist um einiges wohlwollender. Gerade im Kritischen finden sich hier aber auch wertvolle Reflexionen, zum Beispiel zur Problematik des Einsatzes von Ironie, die teils „als Versuche gezielter Deutungsvermeidung“ (S. 175) gelesen wird und mit der Zeit droht, ihr angestrebtes Ziel nicht nur zu verfehlen, sondern geradezu umzukehren, wenn nämlich bestehende Klischees anstatt aufgebrochen eher verfestigt werden. Die ausführlichen Kontextbeschreibungen in Eisenhüttenstadt räumen den Intentionen des damaligen Direktors Andreas Ludwig viel Raum ein und offenbaren damit auch eine methodische Problematik. Der Verzicht auf Interviews und Archivdokumente macht den Autor abhängig von der jeweiligen Veröffentlichungslage und damit teils auch der Selbstdarstellung der Museumsmacher/innen.

Die Kulturbrauerei wird, was zu diesem Zeitpunkt nicht mehr überraschen kann, besonders kritisch bewertet. Zur Entstehungsgeschichte des Museums erfährt die interessierte Leserin auch hier viel. Die Erläuterung der wechselhaften Geschichte der dem Museum zugrunde liegenden DDR-eigenen Sammlung Industrielle Gestaltung birgt wichtige Einsichten in Museumspolitiken. Ansonsten enthält der Abschnitt zum Museum in der Kulturbrauerei sehr gute Detailstudien, die auch über die konkrete Ausstellung hinaus Erkenntnisse versprechen. Beispielsweise die Analyse der Verwendung eines Filmausschnitts untermauert wichtige Einsichten über die Wandelbarkeit von selbst verhältnismäßig „sprechenden“ Objekten, wie künstlerischen Erzeugnissen. Auch das Zusammenspiel von Text- und Objektebenen wird an einer inszenierten Werkbank auf gelungene Weise analysiert.

Eine allgemeine Einordnung der Analysen erwartet die Leserschaft im Schlusskapitel. Hier wird allen untersuchten Museen bis auf das Dokumentationszentrum in Eisenhüttenstadt ein „gemeinsame[s] Krankheitsbild“ (S. 250) attestiert. Dieses bestünde darin, dass es sich bei den Ausstellungen um überwiegend illustrative Objektverwendung in Form von „oberflächlich erläuterungsbefreiten Ausstellungsparcours“ (S. 249) handele. Die „Schlüssellochperspektive einzelner Objektgeschichten“ (S. 250) bewahrt Eisenhüttenstadt vor einem ähnlich negativen Urteil. Die Frage nach den Gründen für eine Annäherung von staatlich getragener und privater Museumsarbeit wird primär mit dem Verweis auf den Erfolg des privaten DDR-Museums beantwortet.

Die gute Lesbarkeit und erfrischend klare Positionierung des Buches geht mit einer Vielzahl idiosynkratischer Auslegungen einher. Gauberts Stärke ist in jedem Fall die gekonnte Erzählung reichhaltiger Anekdoten aus dem DDR-Erinnerungsdschungel, der zugegebenermaßen nicht arm an Absurditäten ist. Auch in seinen Schlussfolgerungen mangelt es nicht an interessanten Einsichten und politischen Einbettungen, welche die Analysen lesens- und bedenkenswert machen.

Anmerkungen:
[1] An der drei Jahre vor seiner Arbeit veröffentlichten Studie von Kerstin Langwagen, Die DDR im Vitrinenformat. Zur Problematik musealer Annäherungen an ein kollektives Gedächtnis, Berlin 2016, arbeitet sich Gaubert kritisch ab. Zeitgleich erschienen und deshalb unerwähnt bleibt das Buch von Regina Göschl, DDR-Alltag im Museum. Geschichtskulturelle Diskurse, Funktionen und Fallbeispiele im vereinten Deutschland, Berlin 2019. Es setzt aus einer geschichtsdidaktischen Perspektive klar andere Schwerpunkte.
[2] Martin Sabrow, Die DDR erinnern, in: ders. (Hrsg.), Erinnerungsorte der DDR, München 2009, S. 10–27; Thomas Ahbe, Ostdeutsche Erinnerung als Eisberg. Soziologische und diskursanalytische Befunde nach 20 Jahren staatlicher Einheit, in: Elisa Goudin-Steinmann / Carola Hähnel-Mesnard (Hrsg.), Ostdeutsche Erinnerungsdiskurse nach 1989. Narrative kultureller Identität, Berlin 2013, S. 27–58.
[3] Roswitha Muttenthaler / Regina Wonisch, Gesten des Zeigens. Zur Repräsentation von Gender und Race in Ausstellungen, Bielefeld 2006.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.02.2021
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