M. Franzinelli u.a.: Storia della Resistenza

Cover
Titel
Storia della Resistenza.


Autor(en)
Franzinelli, Mimmo; Flores, Marcello
Erschienen
Rom 2019: Laterza
Anzahl Seiten
696 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Pascal Oswald, Historisches Institut, Universität des Saarlandes

Mit insgesamt ca. 250.000 aktiven Partisan/innen stellte die italienische Resistenza die größte Widerstandsbewegung Westeuropas im Zweiten Weltkrieg dar. Das am 25. April 2020 begangene 75. Jubiläum der „Befreiung“ nahmen Marcello Flores und Mimmo Franzinelli zum Anlass, noch im Herbst 2019 eine neue, monumentale Gesamtdarstellung der Resistenza vorzulegen. Wer das Inhaltsverzeichnis dieser Storia della Resistenza mit dem des 1953 erschienenen Klassikers aus der Feder Roberto Battaglias[1] vergleicht, kann bereits die vielfachen Schwerpunktverlagerungen und Neuerungen erahnen, welche die fast 70-jährige, in zahlreichen Spezialstudien vorangetriebene Resistenza-Forschung seitdem erlebt hat: Orientierte sich Battaglias Erzählung noch an rein militärisch-ereignisgeschichtlichen Maßstäben, so folgen zwar auch Flores und Franzinelli einer gewissen Chronologie, doch wird diese immer wieder durch thematisch ausgerichtete Kapitel aufgebrochen, etwa über die Perzeption der Resistenza durch den Feind, die lange Zeit marginalisierte Rolle der Frauen, die nationalsozialistischen Massaker oder die kontroversen Kämpfen zwischen einzelnen „Banden“.

In der Einleitung formuliert das Autorenteam seinen – freilich hochgesteckten – Anspruch, „die Ereignisse erzählen, die Protagonisten sprechen lassen, neue Interpretationen vorschlagen und die noch offenen Probleme und umstrittensten Aspekte ausmachen, den weiteren Horizont des europäischen Krieges erzählen“ (S. XIIf.) und die „Vielschichtigkeit der Resistenza“ (S. XIV) darstellen zu wollen. Unausgesprochen bleibt die eigentliche Zielgruppe des Buchs: Die zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotos, die in gesonderten Kästen zitierten Dokumente und die im Anhang beigefügte Zeitleiste lassen vermuten, dass sich dieses an ein breiteres Lesepublikum richtet, während die eben zitierte Aussage und der wissenschaftliche Apparat einen akademischen Anspruch nahelegen.

Auf einen systematischen Forschungsüberblick verzichten Flores und Franzinelli, wenngleich sie im Zuge ihrer Darstellung wiederholt kurze Bemerkungen historiografischer Natur einfließen lassen. Schon im ersten Kapitel über den Antifaschismus vor 1943 manifestiert sich die für weite Teile des Buchs charakteristische Herangehensweise, Einzelschicksale darzustellen. Dies führt zu einer überzeugenden Erzählung, birgt jedoch den Nachteil, dass Leser/innen mit einer großen Detailfülle konfrontiert werden. Zugleich stellt sich die Frage, ob die fokussierte Auswahl einiger Beispiele bisweilen nicht die Darstellung etwas unausgeglichen geraten lässt: So ist im siebten Kapitel ausführlich die Rede von den „zone libere“ von Montefiorino und Karnien, während die übrigen 19 „Partisanenrepubliken“ kaum namentlich erwähnt werden. Ebenso bleibt das tragische Schicksal einer Persönlichkeit wie Leone Ginzburg unbehandelt.

Im zweiten Kapitel über die als „Regierung der 45 Tage“ bekannte Zeit vom Sturz Mussolinis bis zum Bekanntwerden der Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten am 8. September 1943 weisen die Autoren die als rechtskonservativ bis neofaschistisch einzustufende Wertung Ernesto Galli della Loggias und Renzo De Felices zurück, jener Tag habe den „Tod des Vaterlandes“ dargestellt (S. 36f.). Interessanterweise entlarven sie – unter Verweis auf jüngste Forschungen – die Behauptung, die Alliierten hätten im Kontext ihrer Landung auf Sizilien mit der Mafia zusammengearbeitet, als Mythos (S. 32).

Fast sämtliche wichtigen Episoden, Themen und Protagonist/innen des knapp zweijährigen italienischen „Befreiungskampfes“ werden auf den rund 600 Seiten dargestellt: das Massaker auf Kefalonia, bei dem ca. 5.000 italienische Soldaten der Division „Acqui“, die sich den deutschen Verbänden ergeben hatten, von diesen erschossen wurden; der Widerstand der rund 600.000 Militärinternierten, der erst spät als Teil der Resistenza gewürdigt worden ist; die „Vier Tage von Neapel“, in denen sich die dortige Bevölkerung aus eigener Kraft vor Ankunft der Alliierten von der deutschen Besatzung befreite; die von jugoslawischen Partisanen verübten Foibe-Massaker in Istrien, deren Opfer unter anderem in den dortigen Karsthöhlen ihr Ende fanden; die Befreiung von Rom und Florenz; die Rolle des „Nationalen Befreiungskomitees“ (CLN) bei der Organisation der Widerstandsbewegung; deren Verhältnis zu den Alliierten, dabei die herausragende Bedeutung Alfredo Pizzonis, des Präsidenten des „Nationalen Befreiungskomitees Oberitaliens“ (CLNAI) bei der Finanzierung der Resistenza; die Rolle der politischen Parteien im CLN und die verschiedenen Typen von „Banden“ – die vom „Partito Comunista Italiano“ organisierten „Brigate Garibaldi“ bildeten zwar die überwiegende Mehrheit der Partisanenverbände, deren Angehörige waren jedoch keineswegs stets kommunistisch (S. 260); die Partisanenbewegung in den Bergen und in der Ebene sowie die in den „Gruppi“ (GAP) bzw. „Squadre d’Azione Patriottica“ organisierte städtische Resistenza; der kontroverse Anschlag in der Via Rasella und das folgende Massaker in den Ardeatinischen Höhlen; die Situation in den italienischen Lagern, von denen die „Risiera di San Sabba“ das einzige Vernichtungslager war; die schwierige Gerichtsbarkeit innerhalb der Partisanenbewegung; das Massaker von Porzûs, in dem kommunistische „Gappisti“ 21 Partisanen der katholisch und laizistisch-sozialistisch ausgerichteten „Brigate Osoppo“ ermordeten; schließlich das Ende Mussolinis und die Tage der „Befreiung“. Das letzte Kapitel thematisiert die schwierige justizielle Aufarbeitung nach dem Krieg und anhand der letzten Briefe der zum Tode Verurteilten das moralische Erbe der Resistenza.

Flores und Franzinelli schildern damit zwar über weite Strecken Bekanntes und Erforschtes; ihr großes Verdienst ist es jedoch, dass dies meist auf dem aktuellen Forschungsstand geschieht. So werden wichtige monografische Studien der letzten drei Jahrzehnte wie diejenigen Elena Aga Rossis, Mirco Dondis, Carlo Gentiles, Lutz Klinkhammers, Claudio Pavones, Santo Pelis oder Tommaso Piffers in den Endnoten des Bandes ausnahmslos zitiert. Dass Namen wie Guido Quazza oder Hans Woller unerwähnt bleiben, erscheint angesichts dessen verzeihlich. Durch die Verarbeitung einer wahrlich beeindruckenden Menge an Forschungsliteratur ergibt sich eine Synthese, die auch für Expert/innen von Nutzen sein kann. Insbesondere für das achte Kapitel „Die Resistenza aus Sicht ihrer Feinde“ haben Flores und Franzinelli zahlreiche Archivalien – die in der „Fondazione Luigi Micheletti“ aufbewahrten, inzwischen digitalisierten Berichte der „Guardia Nazionale Repubblicana“[2] – ausgewertet, welche die Feindseligkeit der Bevölkerung gegenüber den Salò-Faschisten zum Ausdruck bringen. Anhand von ungewöhnlichen Quellen führt das Kapitel über die brutalen Zustände in den „nazifaschistischen“ Gefängnissen, allen voran im mailändischen Kerker San Vittore, die Folterpraxis und Qualen der Häftlinge den Leser/innen plastisch vor Augen. Ausgezeichnet ist zudem der Abschnitt über die Rolle des Klerus, dessen Verhältnis zur Resistenza vielfach durch Antikommunismus gekennzeichnet war. Allerdings dominiert insgesamt eine – zwar durchaus detaillierte – erzählerische Darstellung, in der Forschungsdesiderate jedoch eher selten ausgedrückt werden: Immerhin wird darauf hingewiesen, dass bislang eine Studie über den Mailänder Antifaschisten Carlo Bianchi (S. 88) fehlt, zudem sei die Resistenza in der Ebene – im Unterschied zu den „ribelli della montagna“ – bislang vernachlässigt worden (S. 309).

Der ehemalige Chefredakteur des Corriere della Sera Paolo Mieli hat in einer Rezension lobend das Kapitel „Partisanen gegen Partisanen“ hervorgehoben, das die Konflikte innerhalb der Resistenza beleuchtet. Zwar gäben auch Flores und Franzinelli zu 90 Prozent das traditionelle Bild einer heldenhaften Resistenza wieder, doch lasse die Tatsache, dass sie auch die dunklen Seiten der Widerstandsbewegung nicht verschweigen, ihre Darstellung als eine der besten in die Annalen der italienischen Historiografie eingehen.[3] Die rechtsgerichtete Tageszeitung Il secolo d’Italia nahm diese Stellungnahme sogleich zum Anlass, die neofaschistische Deutung Giorgio Pisanòs aus den 1960er-Jahren und die jüngeren, die negativen Aspekte der Resistenza hervorhebenden Bücher Giampaolo Pansas[4] aufzuwerten. Die Redaktion hoffe, dass Flores und Franzinelli nicht das Schicksal Pansas teilen müssten, von der Linken polemisch kritisiert zu werden.[5] Im Unterschied zu den populärwissenschaftlichen Büchern Pansas, die eines Anmerkungsapparats entbehren und sich teils auf zweifelhafte Memoirenliteratur stützen, sind die Aussagen der „Storia della Resistenza“ jedoch alles in allem gut belegt. Zudem stehen Flores, ehemals Direktor des Mailänder „Istituto Nazionale Ferruccio Parri“, und Franzinelli selbst eher in der Tradition der linken Historiografie. Sie lehnen etwa die Interpretation De Felices, die Arbeiterstreiks vom März und Juli 1943 als primär sozioökonomisch und weniger politisch motiviert zu sehen, als „teorie minimizzanti“ (S. 130) ab.

Wenn diese Gesamtdarstellung auch nicht so anregende neue Interpretationsansätze wie Pavones epochemachendes „Una guerra civile“[6] vermittelt, zeichnet sie sich insbesondere durch eine verdienstvolle Aufarbeitung zahlreicher weniger bekannter Einzelschicksale aus und ist zudem der beste Beweis dafür, dass auch die antifaschistische Historiografie inzwischen nicht mehr die Auseinandersetzung mit den Schattenseiten der Resistenza scheut.

Anmerkungen:
[1] Roberto Battaglia, Storia della Resistenza italiana, Turin 1953.
[2] Fondazione Luigi Micheletti, Notiziari della Guardia Nazionale Repubblicana, https://www.notiziarignr.it/home/default.asp (21.05.2020).
[3] Paolo Mieli, La Resistenza senza tabù, in: Corriere della Sera, 26.11.2019.
[4] Vgl. v. a. Giorgio Pisanò, Storia della guerra civile in Italia, 1943–1945, 3 Bde., Mailand 1965–1966; Giampaolo Pansa, Il sangue die vinti, Mailand 2003.
[5] Resistenza, un’altra voce fuori dal coro. Mieli: „Ecco al [sic!] verità sui partigiani comunisti“, in: Secolo d'Italia, https://www.secoloditalia.it/2019/11/resistenza-unaltra-voce-fuori-dal-coro-mieli-ecco-al-verita-sui-partigiani-comunisti/ (28.04.2020).
[6] Claudio Pavone, Una guerra civile. Saggio storico sulla moralità nella Resistenza, Turin 1991.

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17.09.2020
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