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Titel
Selbermachen. Eine andere Geschichte des Konsumzeitalters


Autor(en)
Kreis, Reinhild
Erschienen
Frankfurt am Main 2020: Campus Verlag
Anzahl Seiten
586 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kai-Uwe Hellmann, Institut für Soziologie, Technische Universität Berlin

In der (Konsum-)Soziologie steht das Themenfeld „DIY“ („Do it Yourself“), Heimwerken, Making, Prosuming, Selbermachen erst seit gut zehn Jahren fest auf der Agenda. Zwar gab es vereinzelt schon Forschungsprojekte dazu, die Jahrzehnte älter sind. Doch blieb eine Breitenwirkung letztlich aus.

Im Laufe der 2000er-Jahre änderte sich diese Unachtsamkeit allerdings Schub um Schub, vor allem durch die Entwicklung des „Web 2.0“, die Wiederentdeckung der Sozialfigur des Prosumenten von Alvin Toffler aus dem Jahre 1980 und vergleichbare Ereignisse angeregt und stetig befördert. Dabei herrschte im eigenen Fach, so aktualitätsgetrieben wie andere Disziplinen auch, über all die Jahre der Eindruck vor, es insgesamt mit einem eher neuen Phänomen zu tun zu haben, wesentlich initiiert und beschleunigt durch die soziotechnische Revolution des Internets. Dass dieses Phänomen aber deutlich älter sein könnte, womöglich immer schon vorhanden war, wie Toffler es ursprünglich diagnostiziert hatte, nur anhaltend vernachlässigt wurde, ist erst jüngst zu Bewusstsein gekommen. Da wir aber keine Historiker sind, sondern Soziologen, sehen wir uns davon häufig entlastet, dieser Möglichkeit eigenständig nachzugehen – eine gewisse disziplinäre Bequemlichkeit, könnte man einräumen, neutraler ausgedrückt: akademische Arbeitsteilung.

Umso erfreulicher ist es, wenn dieses fachinterne Vorurteil durch historische, gründlich recherchierte Studien mehr und mehr berichtigt wird, und genau diese Augen öffnende Wirkung stellt sich mit Sicherheit bei der Lektüre der Habilitationsschrift „Selbermachen“ von Reinhild Kreis ein. Denn Kreis unternimmt darin eine Art Korrektur dieser aktualitätsgetriebenen Myopie, indem sie mit ihrer Arbeit eine systematisch angelegte Aufarbeitung dessen anstrebt, was Selbermachen schon seit langem bedeutet. So wurde Selbermachen keineswegs erst durch neueste Hypes derart hochgepeitscht, und Ursprung wie Geschichte dieser Praxisfamilie sollten keinesfalls auf die epochalen Umwälzungen nach dem Zweiten Weltkrieg allein beschränkt werden.

Als Untersuchungszeitraum hat Kreis die Zeitspanne von den 1880er- bis in die 1980er-Jahre ausgewählt, also rund 100 Jahre, mit der Wiedervereinigung als mehr oder weniger willkürlich gesetztem Ende. Die Untersuchungsregion ist in erster Linie Deutschland, wobei sie für die Dauer der Teilung dieses Landes nicht nur Westdeutschland, sondern auch die DDR unter die Lupe genommen hat, wofür sie allein schon ganz bemerkenswerte Quellen auftun konnte. Darüber hinaus hat sie die Anfänge der „DIY“-Debatte in den Vereinigten Staaten selektiv rekonstruiert.

Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel. Die Einleitung, treffend „Gebrauchsanweisung“ überschrieben, führt in das Thema zunächst ein und erläutert einige Grundentscheidungen und -unterscheidungen, die für die Architektur und Philosophie ihrer Arbeit relevant sind. Ein Zentralbegriff stellt hierfür das Wort „Versorgungsstrategie“ dar. Denn Selbermachen bedeutet für Kreis keine punktuelle Praktik, sondern scheint fest verwoben mit anderen lebensrelevanten Vorgängen. Außerdem kann sie vom Prinzip her als eine mögliche Variante von Versorgung verstanden werden, für die es funktional äquivalente Strategien gibt wie die Fremdversorgung durch den Markt, verkürzt auf den Nenner zu bringen durch die bekannte Formel „buy or make“ – was dazu einlädt, sich diese Frage immer wieder neu vorzulegen.

Das zweite Kapitel unternimmt anhand der drei Leitbegriffe Disziplinierung, Kommerzialisierung und Optimierung (Verbesserung) eine weitergehende Annäherung ans Thema. Im Abschnitt „Disziplinierung“ geht es vor allem um Fragen der Erziehung von Kindern, Jungen wie Mädchen, in Sachen Handfertigungsfähigkeiten (Basteln, Häkeln und so weiter) noch vor der Jahrhundertwende. Im Abschnitt „Kommerzialisierung“ stehen Initiativen und Kampagnen der Wirtschaft zum Selbermachen und deren Beachtung und Aneignung durch Verbraucher und Verbraucherinnen im Zentrum, besonders nach der Jahrhundertwende. Auch hier könnte man sagen, dass nicht nur der Aufbau ganz neuer Konsumgütermärkte angestrebt wurde – Stichwort: Selberbacken mit Unterstützung von Dr. Oetker –, sondern mindestens ebenso die Erziehung von Frauen hinsichtlich effizienterer Produktionsweisen in Privathaushalten. Im dritten Abschnitt „Verbesserung“ forscht Kreis schließlich der Bedeutung des Selbermachens in alternativen Milieus nach, beispielsweise in der Haus(-instand)-besetzerszene und ähnlichen politischen Gruppierungen der 1960er- und 1980er-Jahre, die sich des Selbermachens (und Selberlebens) aktiv befleißigt haben.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit den Kriegs- und Nachkriegszeiten, die gleichermaßen durch Knappheit geprägt waren, weshalb den Verbrauchern und Verbraucherinnen gerade durch den Staat mehr oder weniger nachdrücklich abverlangt wurde, das Selbermachen, sei es bei der Nahrungsmittelversorgung oder dem Hausbau, als Bürgerpflicht wahrzunehmen. Auch hier zeichnet sich wieder ab, in welch hohem Maße von einer Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte übergreifenden Kontinuität auszugehen ist, die das Selbermachen als wichtige Bürger- und Verbrauchertugend institutionalisierte, sofern entsprechende Anlässe, Bedingungen, Notwendigkeiten dafür vorlagen und nachhaltig forciert wurden – fast schon eine Form von Biopolitik.

Das vierte Kapitel wendet sich dann dem Selbermachen in der Massenkonsumgesellschaft des 20. Jahrhunderts zu. Hier ist zunächst an jene Entwicklungen zu denken, wie sie schon Jonathan Voges in „Selber ist der Mann“ 2017 untersucht hatte, wie der seit den 1950er-Jahren aufkommende Boom des Heimwerkens mit hochspezialisierten Produkten, die vorwiegend für Männer gedacht waren. Wenngleich sich Kreis bei der Behandlung ihres Materials noch ein Stück weit mehr auf die damaligen Lebenswelten der Verbraucher und Verbraucherinnen zubewegt und einfühlsam eingelassen hat.

Dieses Kapitel beinhaltet zudem einen Abschnitt, der eine intensivere Befassung mit Selbermachen-Initiativen in der DDR aufweist, wie schon erwähnt. Was Kreis auch hier wiederum an Material und Quellen herangezogen hat, um verschiedenste Strategien des Staates manifest zu machen, mit denen die eigene Bevölkerung systematisch zum Selbermachen angehalten wurde, frei nach dem Motto „Aus der Not eine Tugend machen“, stellt für einen Soziologen eine echte Bereicherung dar – wenn auch der scharfe, kritisch-entlarvende Ton mitunter deutlich werden lässt, dass Kreis offenbar aus Westdeutschland stammt, diskutiert man ihre nüchtern-distanzierenden Bewertungen etwa mit Ostdeutschen.

Der dritte Abschnitt des vierten Kapitels fungiert schließlich als Reflexionsmedium, in dem eher allgemeine Kategorien zur Sprache kommen wie Lernzusammenhänge, Vergleichsoptionen, Beziehungsfragen („Heiratsanzeigen“). Das fünfte Kapitel umfasst nur wenige Seiten, bildet den Abschluss und informiert höchst unzureichend über die beachtliche, durchweg positiv gemeinte Materialschlacht, die Kreis für diese umfangreiche, sehr gründlich durchgeführte, ausgezeichnet formulierte und angenehm zu lesende Arbeit bewerkstelligt hat. Es war jedenfalls ein fortlaufendes Vergnügen, dem Arrangement der vielen O-Töne durch wiederholte Inspektion ihrer Quellen nachzugehen – gleichsam ein Dagobert Duck-haftes Eintauchen in ein großes Goldtalermeer. Dabei irritierte die hohe Redundanz ihrer Argumentationsweise kaum, eher im Gegenteil. Dadurch, dass Kreis in überaus konsequenter Art und Weise für die unterschiedlichsten Geschichtsperioden, Lebensfelder, Sozialpraktiken immer wieder aufzuzeigen vermag, dass das Selbermachen etwas bedeutet, das uns nicht nur sehr viel länger begleitet, sondern auch eine viel breitere Wirksamkeit besitzt als oberflächlich-geschichtsvergessen angenommen, verstärkt sich der Eindruck eines überfälligen Korrekturerfordernisses zunehmend.

Selbermachen ist nicht nur eine Marotte oder Mode, ein Spleen oder Mittel zur Bekämpfung von Selbstentfremdung, sondern eine Basisstruktur, die keineswegs bloß episodenhaft hinzutritt, wenn äußere Zwänge dies verlangen, sondern die unsere Lebenspraxis in vielen Bereichen maßgeblich mit prägt, also nicht bloß das Wirtschaftlich-Private umfasst, sondern die gesamte Lebensführung überspannt. Sogar das Abstandnehmen vom Selbermachen könnte man fast schon wieder als eigenen Ausdruck des Selbermachens deuten, nämlich als Artikulation von Selbstständigkeit und Kontrolle (abgeben zu wollen). Und umgekehrt erscheint die Rückkehr zum Selbermachen, sollte dies durch äußere Umstände erzwungen werden, jederzeit möglich, bei gewissen Anlaufschwierigkeiten, sofern man länger aus der Übung ist.

Die Untersuchung von Kreis konzentriert sich erwartungsgemäß auf Konsumpraktiken vielfältigster Art. Dies liegt nahe, betrachtet man die bisherige Konnotationssphäre, die das Selbermachen traditionell umgibt. Freilich, und diese Möglichkeit ist der Universalität ihrer Arbeitshypothese inhärent, könnte man auch weit darüber hinausgehen und ganz andere Lebensbereiche daraufhin studieren, in welchem Maße hier Selbermachen ebenfalls Anwendung findet und welcher Stellenwert ihm dort wiederum zukommt. Denn Selbermachen erscheint so, wie Kreis es aufgezogen hat, fast wie ein Lebensprinzip, ja eine anthropologische Konstante. Das sprengt natürlich jeden Rahmen.

Sollte zum Abschluss noch ein gewisses Manko benannt werden, so ist es die fast durchgehende Tendenz, einen Subtext mitlaufen zu lassen, der merklich genderpolitisch kommentiert. Dabei leuchtet es an vielen Stellen sofort ein, dass das Selbermachen für Männer und Frauen unterschiedliche Effekte und Relevanzen gehabt haben dürfte. Wäre diese Intention gleich zu Beginn explizit gemacht worden, wäre man besser darauf vorbereitet. Ungeachtet dessen dürfte mit dieser Arbeit der Eigenwert des Selbermachens klar erkennbar geworden sein. Diese Einsicht überspringt die disziplinären Fachgrenzen zweifellos.

Redaktion
Veröffentlicht am
13.05.2021
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