T. Wozniak: Naturereignisse im frühen Mittelalter

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Titel
Naturereignisse im frühen Mittelalter. Das Zeugnis der Geschichtsschreibung vom 6. bis 11. Jahrhundert


Autor(en)
Wozniak, Thomas
Reihe
Europa im Mittelalter 31
Erschienen
Berlin 2020: de Gruyter
Anzahl Seiten
XXIII, 970 S.
Preis
€ 149,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Chantal Camenisch, Abteilung Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte, Universität Bern

Die Umwelt bildet den Rahmen für alle gesellschaftlichen Entwicklungen und Prozesse. Sie stellt zusammen mit Politik, Kultur und Wirtschaft die vier Grundkategorien der Geschichtswissenschaften dar. Mit dieser Feststellung führt Thomas Wozniak die Leserschaft in die Thematik seines 2017 an der Eberhard Karls Universität Tübingen als Habilitationsschrift akzeptierten Werkes ein. Im Zentrum dieses mit fast tausend Seiten sehr umfangreichen Buches stehen Naturereignisse und die Frage, wie sie im Frühmittelalter wahrgenommen, dargestellt und gedeutet wurden, aber auch wie sie von den Zeitgenossen zur Durchsetzung von religiösen und moralischen Vorstellungen instrumentalisiert wurden. Die fraglichen Naturereignisse teilt Wozniak in drei Gruppen, wobei die erste astronomische, vulkanische, tektonische und geomorphologische Phänomene umfasst, die zweite Gruppe aus extremen Witterungsereignissen besteht und die dritte Gruppe aus den Folgen der zwei ersten Gruppen, womit beispielsweise Epidemien und Hungersnöte gemeint sind. Wozniak spart dabei bewusst das Klima aus, für das im Untersuchungszeitraum wegen der langwierigen und deshalb vom Menschen kaum wahrnehmbaren Veränderungen eine andere methodische Herangehensweise nötig wäre, die nicht mehr im Bereich der Geschichtswissenschaften liegen würde.

Wozniak verwendet für den Untersuchungszeitraum nachvollziehbarerweise vorwiegend annalistische und chronikalische Quellen, wobei diese gerade für die fragliche Epoche in großer Zahl als Quelleneditionen vorliegen. Der geografische Rahmen, den sich der Autor für seine Untersuchung gesteckt hat, umfasst die Britischen Inseln, Teile Mittel- und Nordeuropas sowie den Mittelmeerraum. Der Schwerpunkt der Quellen liegt dabei im Gebiet des heutigen Deutschlands und der nördlichen Hälfte Frankreichs.

In einem ersten Hauptkapitel behandelt Wozniak astronomische Ereignisse wie Supernovae oder Sonnen- und Mondfinsternisse sowie die Erscheinung von Kometen, Meteoriten, Sonnenflecken und Polarlichtern. Nach einer Darstellung moderner wissenschaftlicher Erklärungen für diese Phänomene folgt eine Diskussion der im Frühmittelalter beobachteten Beispiele dieser astronomischen Ereignisse. Wie Wozniak ausführt, können viele dieser Ereignisse mit modernen mathematischen Methoden exakt datiert werden – etwas, was bei politischen oder ökonomischen Ereignissen im Frühmittelalter nicht ohne weiteres möglich ist. Diese exakte Datierung erlaubt es Historikern, die Genauigkeit dieser Angaben in chronikalischen und annalistischen Texten insgesamt zu überprüfen. Wozniak interessiert sich aber nicht nur für die Datierungen, sondern auch für die frühmittelalterliche Wahrnehmung, Rezeption und Deutung dieser Phänomene, wobei ein Teil dieser Überlegungen auch im letzten Hauptkapitel zur Bewältigung, Instrumentalisierung und Darstellungspraxis von Naturereignissen erscheint. Bei Phänomenen, die in den Quellen häufig beschrieben werden, gliedert der Autor diese chronologisch in Kapiteln, welche jeweils ein Jahrhundert umfassen. Es folgen Unterkapitel zu Erdbeben und gravitativen Massenbewegungen wie Erdrutsche. Ebenfalls Teil dieses Kapitels sind Tsunamis und vulkanische Ereignisse. Die letzteren sind in ihrem Kapitel nach Vulkanen geordnet.

Das zweite Hauptkapitel beschäftigt sich mit extremen Witterungsereignissen, beginnend mit Gewittern, Stürmen und Orkanen. Wozniak erläutert dabei jeweils einleitend die meteorologischen Eigenschaften und Merkmale der einzelnen Phänomene, bevor er den Bezug zu Beschreibungen derselbigen in der Bibel herstellt. Dieser Bezug zu biblischen und anderen antiken oder kirchlichen Texten ist deshalb sinnvoll und notwendig, weil Stürme, Blitze und Hagel unter anderem als göttliches Wirken verstanden wurden. Gerade in frühmittelalterlichen Texten ist deshalb mit standardisierten und instrumentalisierten Textstellen zu rechnen. Wozniak wägt deshalb bei den einzelnen Beispielen deren Plausibilität ab. Auf die Gewitter und Stürme folgt die Analyse der von Starkregen verursachten Überschwemmungen und der Sturmfluten, bevor sich der Autor den extremen Winterjahreszeiten zuwendet. Wozniak beschreibt dabei akribisch die möglichen Gründe für diese extremen Winter und das Ausmaß der Temperaturanomalien. Ein eigenes Kapitel ist ebenfalls den extremen Sommerjahreszeiten zugeordnet, wobei dieses sich nicht auf Temperaturanomalien beschränkt, sondern auch Dürren beinhaltet. Auch hier fließen wieder regelmäßig Aspekte der zeitgenössischen Wahrnehmung und Deutung von extremen Witterungsereignissen in die Darstellung mit ein.

Das nächste Hauptkapitel beschäftigt sich mit den Auswirkungen und Folgen der zuvor beschriebenen Naturereignisse. Darunter fallen zunächst Heuschrecken- und andere Tierplagen, aber auch Lebensmittelknappheit und Hungersnöte, wobei die theoretischen Ausführungen zu diesen sehr komplexen Prozessen eher knapp ausfallen. Mit den epidemischen Erkrankungen bei Menschen und Tieren greift der Autor im Anschluss einen sehr wichtigen und leider auch hochaktuellen Themenkomplex auf. In diesem Kapitel werden noch andere Folgen besprochen, darunter beispielsweise die Menge und die Qualität der Weinlese und weiterer agrarischer Erzeugnisse. Es ist dabei bemerkenswert, dass aufgrund der schlechten Überlieferungslage in den Quellen dieser Zeit eher wenig darüber zu erfahren ist, während Informationen dieser Art im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit sehr verbreitet vorkommen.

In einem letzten Hauptkapitel stehen die in den einzelnen Kapiteln bereits angerissene Bewältigung extremer Naturereignisse und ihrer Folgen im Zentrum sowie deren Instrumentalisierung in einem moralischen, politischen oder religiösen Kontext und die Darstellung dieser Ereignisse. In diesem Kapitel erläutert Wozniak im Detail, mit welchen politischen Ereignissen üblicherweise die zeitgenössischen Chronisten und Annalisten das Auftreten von bestimmten Phänomenen in Verbindung brachten. So kündigen Himmelszeichen wie Kometen Herrscherwechsel an. Andere Ereignisse sind dagegen mit den biblischen Plagen des Alten Testaments assoziiert oder gelten als Vorzeichen für die nahende Apokalypse. Neben dieser bewussten Instrumentalisierung hinterlassen viele beschriebene Beobachtungen auch den Eindruck, dass die Chronisten sie aus persönlichem Interesse an den Phänomenen selbst aufgezeichnet haben. Diese eher beobachtenden Darstellungen und in Ansätzen "wissenschaftlichen" Interpretationen existieren parallel zu religiösen, übernatürlichen Deutungen. So betont etwa Thietmar von Merseburg, dass Hexen keine Mondfinsternisse hervorrufen könnten, sondern dass der Mond deren Ursache sei. Er deutet Mondfinsternisse aber gleichwohl als Vorboten von politischen Umbrüchen und Herrscherwechseln (S. 713).

Insgesamt hat Thomas Wozniak eine sehr große Zahl an Quellen nicht nur für einen langen Zeitraum, sondern auch ein großes geografisches Gebiet untersucht, was sehr profunde Kenntnisse speziell dieser frühmittelalterlichen Texte nötig macht. Der Band ist außerdem ausgestattet mit einem 63 Seiten umfassenden Anhang, der aus zahlreichen Tabellen, Zusammenstellungen und Übersichten besteht. Diese und weitere Tabellen, die im Text eingestreut sind, erleichtern die Orientierung bei der Lektüre beträchtlich. Darüber hinaus enthält der Band 15 Darstellungen und Karten sowie einen Orts- und Personenindex.

Thomas Wozniak gelingt es, mit seinem Werk einen sehr umfassenden Beitrag an die Umweltgeschichte zu leisten für eine Epoche, die bisher noch in ungenügendem Maße erforscht wurde. Dieser sehr umfangreiche Band schließt damit auch an die Ergebnisse von Christian Rohrs Forschung an, die sich mit extremen Naturereignissen im Spätmittelalter auseinandersetzten.[1] Die profunde Analyse der einzelnen Naturereignisse bietet aber auch Erkenntnisse, die weit über das Frühmittelalter Gültigkeit haben und die somit auch für Historikerinnen und Historiker späterer Epochen oder für naturwissenschaftlich orientierte Paläoklimatologinnen und -klimatologen lesenswert sind. Der weitgehend chronologische Aufbau in den thematischen Kapiteln erlaubt es, dieses Werk auch als Nachschlagewerk zu verwenden.

Anmerkung:
[1] Christian Rohr, Extreme Naturereignisse im Ostalpenraum. Naturerfahrung im Spätmittelalter und am Beginn der Neuzeit, Köln 2007.

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Veröffentlicht am
27.01.2021
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