S. Berger u.a. (Hrsg.): Marxist Historical Cultures

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Titel
Marxist Historical Cultures and Social Movements during the Cold War. Case Studies from Germany, Italy and Other Western European States


Herausgeber
Berger, Stefan; Cornelißen, Christoph
Reihe
Palgrave Studies in the History of Social Movements
Erschienen
Anzahl Seiten
XVII, 322 S.
Preis
€ 117,69
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Brigitta Bernet, DFG-Leibniz-Forschungsgruppe „Vergleichende Zeitgeschichte der modernen Geschichtswissenschaft“, Universität Trier

Während die Geschichte sozialer Bewegungen im deutschen Sprachraum gut erforscht ist, blieb die Rolle von Wissen in diesen Bewegungen über weite Strecken unterbelichtet. In jüngster Zeit mehren sich Initiativen, die sich mit den Verflechtungen, Wechselwirkungen und der Koevolution von sozialen Bewegungen und Wissen beschäftigen.1 Als eine weitere Annäherung an diese Forschungsrichtung lässt sich der anzuzeigende Sammelband aus dem Umkreis des Instituts für soziale Bewegungen in Bochum auffassen. Er vereint Beiträge einer Tagung, die im Herbst 2014 im Rahmen der DFG-geförderten „Villa Vigoni-Gespräche“ stattfand. Im Zentrum des von Stefan Berger und Christoph Cornelißen herausgegebenen Bandes stehen die „marxistischen Geschichtskulturen“ in Westeuropa, die während des Kalten Krieges von verschiedenen sozialen Bewegungen aufgenommen und weiterentwickelt wurden. Der Fokus der Beiträge liegt auf der Rolle von Geschichtswissen in den politischen Kulturen der (neuen) Linken Westeuropas und auf der Frage, wie (Neo-)Marxist:innen historische mit politischen Perspektiven verbanden.

Wie die Herausgeber in der Einleitung deutlich machen, verstehen sie Marxismus erstens als eine der mächtigsten politischen Ideen der Moderne, als ein Multiversum verschiedenster Ansätze und Denkströmungen, in dem der „orthodoxe“ Parteimarxismus nur eine, wenn auch besonders wirkmächtige Spielart bildete. Zweitens fassen sie ihn als eine Kultur auf, die neben Mythen, Festen, Kleidercodes, Sprachspielen und Habitusformen insbesondere auch ein spezifisches, durch den Historischen Materialismus motiviertes Interesse an Geschichte umfasste, welches die Herausgeber als Kernaspekt des Marxismus charakterisieren. Damit wären wir beim Thema des Sammelbandes: bei der „marxistischen Geschichtskultur“ und ihren Varianten in der Periode des Kalten Krieges. In elf Fallstudien, deren geografischer Schwerpunkt auf der BRD und Italien liegt, rückt der Sammelband das Wechselverhältnis von (neo-)marxistischen Geschichtskulturen und linken Protestkulturen in den Blick.

Der erste Teil des Bandes untersucht die Thematik mehrheitlich ländervergleichend. Für eine erste Sichtung des Feldes äußerst hilfreich ist der Beitrag von Thomas Kroll, der ein präzises Bild der kommunistischen Geschichtskulturen Westeuropas zeichnet und das Spannungsfeld zwischen Partei und Wissenschaft greifbar macht, in dem sich marxistische Historiker wie Eric Hobsbawm, Armando Saitta oder Albert Soboul bewegten. Als Mitglieder nationaler kommunistischer Parteien waren sie zugleich in einem internationalen Netzwerk marxistischer Wissenschaftler:innen aktiv, in dem seit den 1950er-Jahren eine „history from below“ heranreifte, die nicht mehr ohne Weiteres in den Rahmen des Parteimarximus und dessen Geschichtsdeutungen passte. Wie Kroll überzeugend darlegt, bezogen die marxistischen Debatten der 1950er-Jahre ihre Dringlichkeit aus den Koppelungen und Reibungen zwischen parteimarxistischer Geschichtskultur und marxistischer Historiographie.

Die ebenso konflikthafte wie produktive Rückbindung marxistischer Geschichtskulturen an politische Kulturen zieht sich als analytisches Raster durch verschiedene Beiträge des Bandes. Sie findet sich bei Arnd Bauerkämper, der die Überlappungen von Antifaschismus und marxistischer Geschichtskultur in Italien, Frankreich, England und Österreich rekonstruiert. Der Beitrag überzeugt dort, wo er nationale Erinnerungstopographien an politische Kräfteverhältnisse zurückbindet, bleibt in der Verwendung des Begriffs der „marxistischen Geschichtskultur“ aber seltsam vage. Ähnliches gilt für Dieter Ruchts Reflexionen zum Verhältnis von politischem Engagement und wissenschaftlicher Forschung in sozialen Bewegungen. Sie münden in einer Typologie von „Engagement-Typen“, tragen zur Analyse marxistischer Geschichtskulturen aber wenig bei.

Sehr überzeugend fällt hingegen der Beitrag von Gilda Zazzara aus, die das Feld der marxistischen Geschichtskultur in Italien untersucht. Außerhalb der Akademie formierte sich dort in den 1950er-Jahren eine „historiographische Linke“, die in Institutionen wie der Gramsci-Stiftung, der Feltrinelli-Bibliothek oder dem INSMLI (Istituto nazionale per la storia del movimento di liberazione in Italia) verankert war. Diese bildeten die Basis einer lebendigen marxistischen Kultur, die zwar von der kommunistischen und der sozialistischen Partei getragen wurde, aber nicht in Parteipolitik im engen Sinn aufging.

In institutioneller Hinsicht anders aufgestellt war der Fall Westdeutschlands, wo in den 1970er-Jahren ebenfalls eine neomarxistische Geschichtskultur aufblühte. Dass zwischen dem historiographischen und dem politischen Aktivismus enge Korrespondenzen bestanden, veranschaulicht Ralf Hoffrogge am Beispiel von Karl-Heinz Roths Buch „Die andere Arbeiterbewegung“ von 1974. Gegen die etablierten Narrative in der BRD und der DDR deutete Roth die spontanen Aufstände der Arbeiterschaft als treibendes Moment der Novemberrevolution von 1918/19 und stellte die wilden Streiks, die sich um 1970 in der BRD häuften, in eine revolutionäre Traditionslinie. Dass diese Interpretation marginal und letztlich bedeutungslos bleiben musste, führt Hoffrogge darauf zurück, dass in der BRD kaum eine – beispielsweise durch eine Partei getragene – lebendige kommunistische Kultur vorhanden war, die diese Interpretationen gestützt hätte.

Mit der Friedensbewegung, zu deren prominenten Aktivisten der britische Historiker E.P. Thompson gehörte, befassen sich drei Beiträge im zweiten Teil des Sammelbandes. Der Frage, wie E.P. Thompsons Marxismus und sein Engagement in der Friedensbewegung sich wechselseitig beeinflussten, widmen sich Stefan Berger und Christian Wicke. Wandte sich Thompson nach 1956 vom Sowjetmarxismus ab, weil dieser Geschichte als Abfolge automatischer Prozesse dachte und die Agency gewöhnliche Leute für irrelevant hielt? Oder sah er zuerst eine neue soziale Bewegung entstehen, die er in den marxistischen Horizont einbetten wollte und darum einen unorthodoxen Marxismus konstruieren musste? In ihrem äußerst anregenden Beitrag beschreiben die Autoren eine komplexe Koevolution, die den friedensbewegten Vektor in Thompsons wissenschaftlichem Opus freilegt und den Historiker zugleich als Medium erscheinen lässt, durch das ein unorthodoxer Marxismus in die Friedensbewegung Eingang gefunden habe.

Für den Einfluss marxistischer Ideen auf die Friedensbewegung interessiert sich auch Alrun Berger. Gestützt auf eine Zeitschriftenanalyse untersucht sie am westdeutschen Fall das Geschichtsbewusstsein, auf das sich das Engagement für Frieden und Abrüstung gründete. Ebenfalls mit der Friedensbewegung und deren Einfluss auf die westdeutsche Neue Linken beschäftigt sich David Bebnowski. Sein Beitrag plädiert dafür, die Neue Linke nicht als einheitlichen Block zu verstehen, sondern darin diverse Felder zu unterscheiden, die sich bündeln und wieder auffächern können. Überlegungen zur marxistischen Geschichtskultur wird man bei Bebnowski jedoch ebenso vermissen wie bei Benedikt Sepp. Letzterer fragt nach der Rolle der marxistischen Theorie in der Lebenswelt der westdeutschen Studentenbewegung und konstatiert eine Art religiöse Fetischisierung marxistischer Texte zu Beginn der 1970er-Jahre.

Abgeschlossen wird der Band mit zwei Beiträgen zum Verhältnis von Dritte-Welt-Bewegung und Marxismus. Mit der These, dass die Dekolonisierung zu einer Erneuerung der marxistischen politischen Kultur geführt habe, die nunmehr von neuen revolutionären Subjekten bevölkert wurde, blendet Petra Terhoeven zu den Befreiungsbewegungen der „Dritten Welt“ und der Radikalisierung der Neuen Linken in Westeuropa über, die schließlich im positiven Bekenntnis zur revolutionären Gewalt mündete. Dass eine letztlich religiös-katholische Fundierung für diese Radikalisierung verantwortlich war, ist Terhoevens zweite – an Guido Panvini anschließende – These. Panvini, dessen Beitrag zur Dritte-Welt-Bewegung in Italien den Sammelband abschließt, nimmt die katholischen Diskussionen der 1960er-Jahre in den Fokus. Angesichts der Befreiungskriege in den Kolonien und der lateinamerikanischen Befreiungstheologie erfuhr das Thema der internationalen Solidarität mit den Unterdrückten hier eine neue Dringlichkeit. Folgt man Panvini, so flossen zwar viele Elemente der marxistischen Kultur in den italienischen Terzomondismo ein. Letztlich reifte die Radikalisierung der Neuen Linken aber nicht auf diesem Boden heran, sondern im Humus einer katholischen Kultur, die den italienischen Marxismus stärker beeinflusste, als Zeithistoriker:innen vermuten würden.

Im Nachweis solch katholischer und anderer Untergründe im Marxismus, im Nachzeichnen der Wechselwirkungen zwischen historiographischem und politischem Aktivismus oder in der Reflexion auf das Zusammenspiel von Ideen, Interessen und Institutionen im Feld der marxistischen Geschichtskultur liegen die Stärken dieses Bandes, dessen Beiträge in der Tat einer gemeinsamen Fragestellung zuarbeiten. Obwohl die Rückbindung an die übergeordneten Themen und Konzepte nicht in allen Aufsätzen überzeugend ausfällt, liefert er vielfältige und inspirierende Anknüpfungspunkte für weitere Forschungen, die dazu beitragen könnten, den sozialen und politischen Ort der Produktion auch des historischen Wissens wieder vermehrt ins Blickfeld zu rücken.

Anmerkung:
1 Um nur drei dieser Initiativen zu nennen: Susanne Schregel (Hrsg.), Social Movements, Protest, and Academic Knowledge Formation. Interactions Since the 1960s (Special Issue), Moving the Social 60 (2018); Tagungsbericht zu der von Monika Wulz und Lukas Held im Mai 2019 organisierten Tagung: Scientific Political Activism. Zur politischen Geschichte wissenschaftlichen Wissens, 02.05.2019 – 03.05.2019 Zürich, in: H-Soz-Kult, 18.06.2019, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8320 (30.07.2021); Nils Güttler / Niki Rhyner / Max Stadler (Hrsg.), Gegen/Wissen. Cache 01, Zürich 2020, Onlineausgabe: https://cache.ch/gegenwissen (30.07.2021).