T. Kehoe u.a. (Hrsg.): Fear in the German Speaking World

Cover
Titel
Fear in the German Speaking World, 1600–2000.


Herausgeber
Kehoe, Thomas; Pickering, Michael
Reihe
History of Emotions
Erschienen
London 2020: Bloomsbury
Anzahl Seiten
312 S.
Preis
£ 61.20
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Oliver Müller, Fachbereich Geschichte, Universität Tübingen

Emotionen gehören zu denjenigen Kategorien, auf welche die Forschung unterschiedlicher Disziplinen immer wieder zugreift. Die Geschichtswissenschaften analysieren Emotionen im Unterschied zu manchen naturwissenschaftlichen Ansätzen seltener als festgelegte körperliche Impulse. Historiker/innen interessieren sich vielmehr für auffällige Veränderungen sozialer Praktiken und kultureller Deutungen oder für unerwartete politische Konflikte zwischen Gruppen. Das gilt zumal für die Wirkung der Furcht im Leben vieler Menschen.

Hier setzt der vorliegende von zwei in Australien arbeitenden Historikern herausgegebene Band an: Thomas J. Kehoe (University of New England) und Michael G. Pickering (University of Melbourne) machen mit guten Gründen klar, wie wichtig Emotionen als Teile historischer Prozesse sein können und warum deshalb gerade die Analyse der Furcht neue Erkenntnisse verspricht. Furcht, so ihre Grundannahme, sei eine Form der Verständigung, die es unterschiedlichen Akteur/innen auch über lange Zeiträume hinweg ermögliche, Grenzen zwischen Gruppen zu ziehen oder in Frage zu stellen. Um bestimmten Herausforderungen zu begegnen, nutzen, ja erzeugen, manche Gruppen Furcht. Dies zeigen die zehn Autor/innen dieses Bandes, indem sie in ihren Beiträgen die Struktur und die Wirkung der Furcht in den deutschsprachigen Orten seit dem 17. Jahrhundert (“German Speaking World, 1600–2000“) in den Blick nehmen. Der Schwerpunkt liegt auf sich durch die gemeinsame Sprache neu herausbildenden Räumen und Gebieten, nicht auf vermeintlich gefestigten Staaten oder tradierten gesellschaftlichen Verbänden. Durch eine Betrachtung der öffentlich gezeigten, geteilten oder bekämpften Furcht lassen sich die vielfältigen Interessen und Wahrnehmungen der Täter, Beobachter und Opfer deutlicher als bislang erkennen. Eine solche Geschichte überraschender Beziehungen hat den Vorzug, dass sie herkömmliche Trennungen und vermeintlich festgefügte historische Zäsuren relativiert.

Die These dieses Bandes lautet, dass sich ungeachtet aller Spezifika Verhaltensmuster, Deutungen und Erfahrungen bestimmen lassen, welche die Wirkung der Furcht über Jahrhunderte hinweg belegen. Deshalb spannen die zehn Historiker/innen aus der Frühen Neuzeit, der Neuzeit und der Zeitgeschichte in ihren neun Beiträgen einen weiten Bogen. Sie behandeln Themen von der Furcht, die durch die Kriege des französischen Königs Louis XIV. ausgelöst wurde, über die Furcht vor sogenannten „Zigeunern“ im 19. Jahrhundert, die geschlechtergeschichtlichen und antisemitischen Verwerfungen im Nationalsozialismus, bis hin zur zwiespältigen Bewertung der Furcht in Deutschland nach 1945. Die detailliert ausgewerteten Quellengruppen in den einzelnen Beiträgen (etwa Gesetzesvorschriften, Unterhaltungsliteratur, politischen Plakate, Fotos oder Briefe) ermöglichen es zu überprüfen, welche Zusammenhänge beziehungsweise Differenzen zwischen den verschiedenen Zeiträumen und ihren Akteuren bestehen.

Thomas J. Kehoe und Michael G. Pickering fassen in der Einleitung zu diesem sorgfältig redigierten Band die gemeinsamen Linien und Argumente zusammen, die Autor/innen exemplifizieren diese dann in ihren Fallstudien. Ihnen gelingt es durchweg, ihre Themen nicht nur als Spezialfälle, sondern als Bestandteile der zentralen Thesen zu begreifen. Viele inhaltliche Zusammenhänge und Wechselwirkungen werden auch zwischen den Aufsätzen aufgezeigt. Denn die Autor/innen versuchen zu vermeiden, dass beispielsweise in einer Geschichte der Furcht im Kalten Krieg die bestehenden Erträge der Forschung zum Nationalsozialismus oder zum 19. Jahrhundert ausgeblendet werden.

Das lässt sich durch den Blick auf einige Beiträge verdeutlichen. Kirsten Cooper etwa zeigt die Entstehung und die Wirkung von Pamphleten gegen die zunächst erfolgreiche Besatzungspolitik Ludwig XIV. im geschwächten Deutschen Reich. Die Furcht wurde zur politischen Waffe, durch die manche deutschsprachigen Gegner Frankreichs probierten, auch die eigene Position zu stärken. Emotionen verunklaren oft den Unterschied zwischen realen und irrealen Deutungen. So wird im Aufsatz von Michael Pickering deutlich, wie Horrorgeschichten über blutdurstige Vampire im Habsburgerreich im frühen 18. Jahrhundert genutzt wurden, um der realen Bedrohung durch die Osmanen mithilfe eines neuen fiktiven Feindbildes zu begegnen. Voraussetzungen für die Verbreitung auch gezielter furchterzeugender Propaganda ist der Glaube an unsichtbare Feinde, der Verdacht, dass selbst friedliche Zivilisten die Ziele möglicher Täter verschleiern würden. Ähnlich argumentiert auch Charissa Kurda in ihrem Aufsatz über die Hysterie gegen „Zigeuner“ unter Deutschen im 19. Jahrhundert. Erkennbar wird zudem, wie die Forschung an der Wende zum 20. Jahrhundert damit begann, rassistische Erklärungsmodelle zu entwickeln. Die öffentliche Inszenierung von Feindschaft verdeutlicht auch der Beitrag von Jakob Berg und Richard Scully über die Propaganda der „Sturmabteilung“ (SA) am Ende der Weimarer Republik. Nationalsozialisten versuchten durch die Bildsprache auf ihren Plakaten die Furcht in der Bevölkerung zu schüren. Das fördert die öffentliche Aufmerksamkeit und motiviert Menschen dazu, einerseits die Gefahren zu überschätzten und andererseits die eigene Handlungsmacht zu unterschätzen.

Im Schlusswort ihres Bandes warnen beide Herausgeber vor der wachsenden politischen Rolle der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) in der Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen Jahren. Sie weisen darauf hin, dass gerade die radikale Rechte Nationalismus, Anti-Islamismus und Antisemitismus nutze, um Furcht zu erzeugen und so die plurale Struktur demokratischer Staaten zu bekämpfen. Diese Bewertung zeigt erneut, dass vor allem politische Entwicklungen und Spannungen die zentralen Themen dieses Buches sind. Mit überzeugenden Argumenten machen Kehoe und Pickering klar, dass die Geschichte von Emotionen im Allgemeinen und die Geschichte der Furcht im Besonderen wichtig sind, um Konflikte in Deutschland auch in der Gegenwart zu untersuchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg fürchteten sich viele Europäer vor der deutschen Geschichte und dem Völkermord. Im Anschluss an den Beitrag von Pierre-Frédéric Weber unterstreichen die Herausgeber, warum die Bundesrepublik sich in der Außenpolitik jahrzehntelang rundum vorsichtig verhalten habe: “embracing a mirror fear, or fear of the fear“ (S. 10).

Die Vorzüge dieses Sammelbandes für die Forschung liegen auf der Hand. Selten gibt es Geschichten der Furcht im deutschsprachigen Raum, welche lange Zeiträume jenseits von vermeintlich festgefügten staatlichen Strukturen untersuchen. Die Beiträge regen zu neuen Fragen an. Denn die Furcht ist kein körperlicher Automatismus oder eine inhaltsarme Projektion, sondern Teil eines möglichen Netzwerkes der Kommunikation. Die Autor/innen belegen, dass aus einander fremden Menschen in bestimmten Situationen handlungsfähige Gruppen entstehen, die eigene Deutungen und eigene Praktiken entwickeln. Gewinnbringend ist es, neuartige Verständigungsformen zwischen Akteuren aus der Zivilgesellschaft, der Politik, der Presse, der Wissenschaft oder der Kunst zu analysieren, mit ihrer Suche nach sozialer Bestätigung, politischen Strategien oder persönlicher Geborgenheit. Der Transfer von Wissen und Praktiken über längere Zeiträume dürfte die Emotionsforschung bereichern. Mit überzeugenden Argumenten und guten Beispielen belegen die Autor/innen, dass Emotionen und vor allem die Furcht über bestehende Grenzen hinaus gemeinschaftsbildend wirken können.

Allerdings hat dieser Ansatz wie viele andere aus dem Bereich der Emotionsforschung auch seine Grenzen. Die vielleicht größte Herausforderung der Emotionsforschung dürfte darin liegen, Erkenntnisse zu erlangen, welche über Einzelfallstudien hinausgehen. Emotionen sind oft uneindeutig. Die Erträge der vorliegenden Geschichte der Furcht zeigen aber, dass die Herausgeber und manche Autor/innen die Abgrenzung des deutschsprachigen Raums vom restlichen Europa überbewerten. Ein wenigstens punktueller Vergleich mit Gruppen oder Parteien anderer Sprachen und Regionen hätte genützt, auch wenn Sammelbände relativ knapp ausfallen müssen. Das zeigt etwa die Bedrohung des Rechtsstaats im 20. Jahrhundert. Nicht nur in Spanien und in Frankreich, sondern auch in Italien oder in Jugoslawien ist die strategisch genutzte Wirkung der Furcht in politischen Bewegungen und in Parteien kaum zu verkennen. Viele extreme Spitzenpolitiker behaupteten, gegen furchtbare Herausforderungen zu kämpfen. Tatsächlich aber erzeugten sie neue Furcht, lehrten ihre Opfer das Fürchten, wie etwa Jean-Marie Le Pen, Josip Broz Tito oder Silvio Berlusconi, ganz zu schweigen von Diktatoren wie Francisco Franco. Ähnliches gilt für den politischen Einsatz der Furcht durch Rechtsradikale und für die Gewalttaten anderer Sprachverbände und Gruppen in Europa.

Schwerer wiegt ein anderer Aspekt in der Bewertung des eigenen Forschungskonzepts durch die Herausgeber. Ohne Bescheidenheit betonen sie, dass ihr innovativer Ansatz und die einzelnen Beiträge des Bandes die Forschung nicht nur bereichert, sondern neue Parameter gesetzt hätten. Gewinnbringender wäre es wohl gewesen, auf methodisch vermeintlich überlegene Erklärungsansätze zu verzichten.

Doch diese Kritikpunkte werten die große Qualität dieses Bandes keinesfalls ab. Kenntnisreich begründen die Autor/innen Stärken und Schwächen der laufenden Forschung. Überzeugend ist ihr Mut, selbstständige Urteile zu fällen, und die Fähigkeit, ungewohnte Perspektiven zu entwerfen. Deshalb ist die Debatte über die Geschichte der Furcht im deutschsprachigen Raum nicht abgeschlossen, sondern wird vielmehr durch die Beiträge dieses Bandes erweitert und bleibt spannend.

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04.02.2021
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