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Titel
Ornamentalism. How the British Saw Their Empire


Autor(en)
Cannadine, David
Erschienen
London 2001: Penguin Books
Anzahl Seiten
264 S.
Preis
£ 18.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerhard Altmann

Die Tatsache, daß das britische Empire mittlerweile aus der Erinnerung der meisten Briten entschwunden ist und einschlägige Umfragen regelmäßig haarsträubende Unkenntnis darüber bloßlegen, hat dessen Erforschung keinerlei Abbruch getan. Mit der Übergabe Hongkongs an einen neuen Zwingherrn 1997 wurde das letzte große Kapitel britischer Imperialgeschichte geschlossen. Der verbleibende Streubesitz ist geographisch zwar kurioserweise so plaziert, daß Schillers einst auf Spanien gemünztes Aperçu vom Reich, in dem die Sonne nie untergeht, weiterhin auch auf die britischen Überseeterritorien zutrifft. Doch abgesehen vielleicht von Gibraltar dürfte keines davon so hohe Wellen schlagen, daß sich diese erst an den Klippen von Dover brechen würden.

David Cannadine nutzt die wachsende Distanz zum Imperium, um dessen Gestaltungsprinzipien Revue passieren zu lassen. Dabei kann er eingangs nicht umhin, die eigenartige Kluft zwischen der Geschichte des Empire und der Großbritanniens zum Ausgangspunkt seiner bündig geschriebenen Studie zu machen. Historiker haben nämlich bis in jüngste Zeit selten einen Gedanken darauf verschwendet, die imperiale und die ”metropolitane” Geschichte als Einheit, als die beiden Seiten derselben Medaille zu betrachten. Anknüpfend an ein früheres Buch [1] deutet Cannadine das Empire hingegen als Ausdehnung der heimischen Sozialstrukturen nach Übersee. Das Empire fungierte demgemäß als Projektionsfläche sozialer Wahrnehmungsroutinen, die eine ”vast interconnected world” (P. D. Morgan) schufen, in der sich die Eliten der imperialen Expansion bestens zurechtfanden. Cannadine richtet sein Hauptaugenmerk also auf die ”construction of affinities” (XIX) und setzt sich damit von einem Kult des ”fremden Blicks” ab, der aufs engste mit dem Namen Edward Said verbunden ist. Obwohl gerade durch die Aufklärung die Andersartigkeit indigener Kulturen stärker konturiert wurde, büßte das Denken in Analogien nichts von seiner Anziehungskraft ein, wie 1881 der deutsche Thronfolger bei einer Londoner Party mit dem Prince of Wales und König Kalakaua von Hawaii drastisch zu spüren bekam. Der spätere Edward VII. weigerte sich beharrlich, dem Drängen seines preußischen Schwagers nachzugeben und den exotischen Monarchen in der Rangordnung hinter dem ungehaltenen Hohenzollernprinzen einzureihen.

Die ”stratification and Gothicization” (34) der Dominions bereitete kaum Probleme, ließen sich dort doch vorwiegend weiße Siedler nieder, die auf anderen Kontinenten oft einen Lebensstil bewahren wollten, der zuhause im Mahlstrom von Industrialisierung und Verstädterung zerrieben zu werden drohte. Derselbe Mechanismus funktionierte nach der Mutiny 1857 auch in Indien, wo man nun den Versuch aufgab, die Inder vehement zu ”anglisieren” und - durch einen beispielsweise von Macaulay befürworteten ”gerechten Despotismus” - den Tentakeln einer in Aberglauben und Rückständigkeit wurzelnden Kultur zu entreißen. Plötzlich galt das Kastenwesen als bewundernswerte Facette einer ”zeitlosen” Zivilisation, die in den farbenprächtigen Maharadschas mit deren auf altehrwürdig getrimmten Schlössern ihren krönenden Eckstein besaß. In den Kolonien wiederholte sich en miniature dieser Rückgriff auf lokale Eliten, die zum Zweck reibungsloser Kollaboration häufig erst aus dem Boden gestampft werden mußten. Besonders folgenschwere Auswirkungen zeitigte dieses Verfahren der Modellierung kolonialer Führungsschichten nach britischem Vorbild in den Mandatsgebieten des Nahen und Mittleren Ostens. Auf der Konferenz von Kairo 1921 klonten der Kolonialminister Churchill und T. E. Lawrence quasi arabische Monarchien aus dem Stamm Sherif Husseins. Die neuen Herrscher im Irak und in Jordanien ermöglichten den Briten ein ”Empire on the cheap” sowie die Projektion schwülstiger Phantasien auf die zu unverbildeten, nicht von den Zersetzungserscheinungen einer egalitären Zivilisation infizierten Gegenexistenzen stilisierten Beduinen. Noch 1963 schimmerte diese Idee durch, als die von einer nationalistischen Mittelschicht in Schach gehaltene Kolonie Aden mit dem zutiefst traditional geprägten Hinterland zwangsvereinigt wurde, um der zusehends unkontrollierbaren Agitation die Spitze zu nehmen.

Cannadine verweist auf zwei tragende Stützpfeiler dieser hierarchisch gestaffelten Empirefamilie. Zum einen ergoß sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein Sturzbach verschiedenster Orden und Ehrungen auf die Prokonsuln und Feldherren des Empire, aber eben auch auf die indigenen Sachwalter der Krone, die so in das semiotische Geflecht eines auf Distinktion gepolten Sozialsystems integriert wurden. Zum anderen trat die britische Monarchie immer stärker ins Zentrum des imperialen Spektakels, zumal seit Benjamin Disraeli Königin Viktoria 1876 zur Kaiserin von Indien befördert hatte. Ein Abglanz dieser prunkvoll inszenierten und bei sogenannten Durbars auf dem Subkontinent mehrfach replizierten Erhebung streifte auch die gekrönten Häupter und Notabeln des Imperiums. Cannadine verdichtet diese schillernden Aspekte zum Konzept des Ornamentalismus, das sich in der Sichtbarmachung von Hierarchie manifestiert und das Kardinalprinzip der imperialistischen Sozialordnung darstellte. Die solchermaßen institutionalisierte Ungleichheit immunisierte das Empire gegen Rassismus, denn wo Weiße wie Farbige ihren Platz in der Gesellschaft auf der Grundlage askriptiver Klassekriterien zugewiesen bekommen, wird die Hautfarbe bestenfalls zu einem sekundären Unterscheidungsmerkmal. Joseph Schumpeter hatte bereits früh die Interessenidentität zwischen den jeweils tonangebenden Schichten in Europa und Übersee herausgestrichen. [2]

In einer jähen Antiklimax schüttet Cannadine dann freilich Wasser in den zuvor kredenzten Wein. Die Wirklichkeit ließ sich nämlich selten die britische Sehnsucht nach kristallklaren Hierarchien und gehorsamen Statthaltern anverwandeln. Im Nahen Osten kochten viele der von den Geopolitikern in London gesalbten Potentaten ihr eigenes Süppchen und stießen obendrein als Lakaien einer fremden Macht beim Gros der Bevölkerung auf scharfe Ablehnung. Die Bewohner der Dominions wiederum hatten nicht selten aus Verdruß über eine starre Klassengesellschaft ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Und trotz des Wunsches, in Indien ein statisches Kastenwesen zu konservieren, schlich sich der Fortschritt durch die Hintertür herein: dank moderner Kommunikationsmittel, Handelsgepflogenheiten und Hygienemaßnahmen. So blieb den Kolonialherren am Ende nichts anderes übrig, als eine abrupte Kehrtwendung zu vollziehen, um das Empire möglichst unblutig abzuwickeln. Lloyd George hatte 1921 ein später rege nachgeahmtes Exempel statuiert, als er der irischen Aristokratie unversehens den Laufpaß gab und zur Lösung der leidigen Irlandfrage die republikanische Karte spielte. Nach dem Zweiten Weltkrieg schwenkten britische Regierungen notgedrungen auf die Seite der revoltierenden Nationalisten, bildeten ”prison graduates” in Crashkursen zu respektablen Staatsmännern aus und überließen die ehemals umgarnten traditionellen Eliten (oder was man dafür hielt) ihrem Schicksal. Cannadine kann der Rhetorik vom Commonwealth als der eigentlichen Erfüllung der imperialen Idee nur ein müdes Lächeln abgewinnen. Denn das Commonwealth stellte mit seinem Stich ins Egalitäre die genaue ”Antithese” (167) des Empire dar. Dessen Ende wirkte im übrigen auch wie ein Katalysator des ”decline of deference”, das nicht einmal die Monarchie verschonte und für die britische Gesellschaft selbst die wohl greifbarste Konsequenz der Dekolonialisierung war.
In einer aufschlußreichen biographischen Notiz geht Cannadine der heute kontrovers diskutierten Frage nach, wie stark sich die britische Bevölkerung vom Empire in dessen Bann schlagen ließ. Cannadine, Jahrgang 1950, sieht seine Generation als die letzte, die überhaupt noch die Chance einer ”imperialen Kindheit” hatte. Insgesamt überwog aber auch in ihr Desinteresse oder von Erkenntnis nicht getrübter Stolz auf ein fernes Imperium, das für die meisten eher ”an internal state of mind than an external way of life” (197) war.

Cannadines mit einem Sinn fürs Plastische gewählte und bibliographisch umfassend belegte Schlaglichter erhellen zweifellos einen zentralen Gesichtspunkt der imperialen Expansion Großbritanniens. Der raffinierte Versuch, indigene Kulturen nach dem Muster der heimischen Gesellschaft hierarchisch zu formatieren, ersparte den Kolonisierern sowohl die Etablierung kostspieliger Parallelstrukturen als auch ein gerüttelt Maß an Einfühlungsvermögen. Freilich bleibt offen, inwiefern die von Cannadine selbst skizzierte krasse Unzulänglichkeit dieses Analogieverfahrens die Kernthese seiner Studie beeinträchtigt. Des weiteren fällt es schwer, an die sozial-hierarchische Staffelung als probates Mittel gegen rassistische Vorurteile zu glauben. Zum einen speiste sich rassistisches Denken historisch nicht zuletzt aus den trüben Quellen aristokratischer Blutklassifikation. Zum anderen zeigen gerade die Konzepte britischer Gesellschaftstheoretiker wie Malthus oder Spencer, daß die Grenzen zwischen ”social engineering” und Rassismus leicht verschwimmen. Schließlich deutet Cannadine lediglich en passant an, weshalb die historiographische Kluft zwischen Empire und ”Mutterland” möglicherweise nicht bloß von einer methodisch unerquicklichen Arbeitsteilung herrührt. Wenn nämlich das Imperium ohnehin nicht viel mehr als die Erstreckung der britischen Lebenswelt auf andere Kontinente widerspiegelte, dann nimmt es nicht wunder, daß es im britischen Gedächtnis wenige authentische Spuren hinterlassen hat. Nach dem end of Empire machte sich dessen Fehlen folglich kaum bemerkbar. Es konnte daher einem autarken Zweig der Geschichtswissenschaft überantwortet werden.

Anmerkungen:
[1] David Cannadine, Class in Britain, New Haven 1998.
[2] Joseph Schumpeter, Zur Soziologie der Imperialismen, Tübingen 1919.

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20.02.2002
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