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Titel
Konsum und Handel. Europa im 19. und 20. Jahrhundert


Autor(en)
Haupt, Heinz-Gerhard
Erschienen
Göttingen 2003: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
176 S., 6 Tab., 9 Abb.
Preis
€ 17,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Uwe Spiekermann, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Die Konsumgeschichte etabliert sich. Noch vor einem Jahrzehnt Spielwiese für Außenseiter, hat die junge Teildisziplin ihre Leistungsfähigkeit derweil sowohl für die notwendige Innovation der „Sozialgeschichte der Väter“ (Welskopp) als auch für die Orientierungsfunktion der Geschichtswissenschaft in einer dynamischen Massenkonsumgesellschaft unter Beweis gestellt.[1] Höchste Zeit also für erste Zusammenfassungen. Der in Bielefeld resp. Florenz lehrende Sozialhistoriker Heinz-Gerhard Haupt hat sich mit „Konsum und Handel. Europa im 19. und 20. Jahrhundert“ dieser ambitionierten Aufgabe gestellt. Ziel des kleinen Buches ist es, einen „Überblick über den aktuellen, zugänglichen Forschungsstand [zu] geben und zu neuen Arbeiten anzuregen“ (S. 7). Für diese Aufgabe bringt der Autor beste Voraussetzungen mit, ist er nicht nur ein europäischer Sozialhistoriker von Format, sondern zugleich auch einer der wenigen Pioniere der Erforschung des modernen Handels, legte er doch schon in den frühen 1980er-Jahren wegweisende Arbeiten zum Bremer Einzelhandel im 19. und 20. Jahrhundert vor.

Das Buch besitzt eine einfache, gut nachvollziehbare Struktur. Nach einer Einleitung, in der Definitionen und Kernprobleme der Forschung vorgestellt werden, widmet sich Haupt zuerst der „Konsumgesellschaft“ des 19. Jahrhunderts, dann der „Massenkonsumgesellschaft“ des 20. Jahrhunderts.

Die Einleitung schlägt klare Schneisen in das breite Feld der Konsum- und Handelsforschung (letzte steht hier allerdings auffallend zurück). Konsum, verstanden als der „Erwerb von Gütern mit dem Ziel, diese zu verzehren oder zu benutzen“ (S. 12), konzentriert sich im 19. Jahrhundert vor allem auf Verbrauchsgüter, während im 20. Jahrhundert eher Gebrauchsgüter dominieren. Die bisherige Forschung präsentiert Haupt souverän in unterschiedlichen Kontexten, nämlich von Seiten 1. des Konsumenten, 2. der Verbrauchssituation. Leistungen (vor allem für das 19. Jahrhundert und die soziale resp. institutionelle Seite des Konsums) und relative Schwächen (vor allem für das 20. Jahrhundert und die kulturell-symbolische Seite des Konsums) werden pointiert und mit Sinn für das Wesentliche vorgestellt.

Einführende Zusammenfassungen bedürfen der Schwerpunktsetzung: Haupt geht es darum, „ob und wie sich kulturelle Modelle mit sozialen Praktiken verbinden und welche Rückschlüsse sich aus Konsummustern auf den Geschmack und die Situation verschiedener Schichten und Klassen ziehen lassen“ (S. 20). Deutlich zeigt sich hierin das sozialhistorische Interesse des Autors, doch wird zugleich deutlich, dass Konsumgeschichte auch eine wichtige Erweiterung anderer Subdisziplinen bilden kann. Auch chronologisch setzt er klare Wegmarken. Er reflektiert die seit längerem bestehende Debatte über die Anfänge und Periodisierungen der Konsumgeschichte, entscheidet sich dann aber für eine Ausgrenzung der Vorgeschichte der Konsumgesellschaft, also des 18. Jahrhunderts.

Im ersten Teil des Buches widmet sich Haupt der Konsumgesellschaft des 19. Jahrhunderts. Er beginnt mit den Grundprodukten, schildert die Veränderungen im Lebensmittelkonsum, dann die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Entstehung nationaler Gütermärkte. Diese bedurften der Kaufkraft auch breiter Bevölkerungsschichten. Haupt stellt die in ganz Europa nachweisbaren Reallohnsteigerungen vor allem des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts zusammen und beleuchtet kundig die Folgerungen für den Konsumgütermarkt. Wesentlich war dabei die Etablierung und Ausdifferenzierung des Warenhandels, den Haupt zu Recht als dynamischen Sektor der so genannten Industrialisierung zeigt. Aber auch die Ausbildung differenzierter dezentralisierter Ketten (als Massenfilialisten resp. Konsumgenossenschaften) dokumentieren einen tief greifenden institutionellen Wandel, den Haupt im Warenhaus münden lässt. Am Beispiel dieser symbolträchtigen Betriebsform schildert er die Rationalisierung des Warenvertriebs, die soziale Differenzierung des tertiären Sektors, die neuen Formen kommerzieller Kommunikation sowie die grundsätzlichen gesellschaftlichen Debatten über die Konsumgesellschaft und ihre Folgen. Überzeugend gelingt hier die Verbindung von Sozial- und Konsumgeschichte. Nach einem sehr, ja zu kurz gehaltenen Unterkapitel zur Konsumgüterindustrie, greift Haupt den Faden der Differenzierung des Konsums wieder auf, zeigt dessen Funktion als „marker“ von sozialen, geschlechtsbezogenen und ethnischen Unterschieden. Haupt bleibt bei diesen interessanten und gut zu lesenden Beispielen nicht stehen, sondern lotet ebenso deren Bedeutung für eine neue, eine anders strukturierte Gesellschaft aus. Konsum also auch als „maker“, als modernisierender Faktor, was der Autor am Beispiel einer entstehenden Dienstleistungsgesellschaft sowie der Bedeutung der Werbung erhärtet.

Im zweiten Teil widmet sich Haupt dann dem Massenkonsum im 20. Jahrhundert. Diesen startet er mit einer systematischen Erkundung der sozialhistorischen Rahmenbedingungen, seien es Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur, der Stadt-Land-Beziehungen, der weiter steigenden Kaufkraft und der sich daraus (scheinbar) ergebenden Verschiebungen in den Konsummustern. Wohnung, Mobilität und Medien erscheinen als die zentralen Felder des Konsums, an dessen Ende von einem gewissen europäischen Basisstandard gesprochen werden kann. Haupt betont zugleich die Hindernisse dieses erfolgreichen Weges hin zum Massenkonsum, wobei er den begrenzten Aussagewerte von Durchschnittsziffern im Auge behält, sich insbesondere aber der heterogenen Kritik an der Massenkonsumgesellschaft widmet. Seinem Grundziel konstant verpflichtet, schildert der Autor dann die sich verändernde Zeichenfunktion des Konsums am Beispiel der tradierten Kategorien von Klasse und Geschlecht. Die schwindende Aussagekraft der Zugehörigkeit zu Erwerbsklassen wird erwähnt, doch hätte man sich hier differenziertere Antworten als den Verweis auf neu entstehende „Lebensstile“ gewünscht. Schließlich stellt sich damit die Frage nach dem Aussagewert sozialhistorischer Kategorien grundsätzlicher, wird auch hier die kritische Reflektionsleistung moderner Konsumgeschichte deutlich, deren Ziel eben nicht affirmativ ist. Der zweite Teil endet analog zum ersten, wird doch die Bedeutung des Massenkonsums abermals am Beispiel der Differenzierung des tertiären Sektors und der Bedeutung des amerikanischen Konsummodells ausgelotet.

Haupt schließt sein Werk mit einem fundierten Ausblick, in dem er über die veränderte Stellung der Konsumgeschichte (leider nicht der Handelsgeschichte) reflektiert sowie wichtige Forschungsaufgaben herausarbeitet. Diese (internationaler Vergleich, Bezug Konsument und Staatsbürger, Stellung des Konsumenten in der Massenkonsumgesellschaft, Institutionalisierung von Verbraucherinteressen) verbleiben allerdings im recht engen Rahmen.

Diese kurze Paraphrase zentraler Inhalte kann die zahlreichen im Buch enthaltenen kleinen Anregungen natürlich nicht wiedergeben. Sein selbst gestecktes Ziel hat Haupt mit diesem Buch jedenfalls erreicht. Es überzeugt durch die Präsentation zentraler Forschungsdebatten und -felder, beeindruckt durch die Breite und Stringenz der behandelten Themen. Es ist allerdings offenkundig, dass Haupt dem umfassenden Titel des Buches nicht vollends gerecht werden kann (worauf er auch dezidiert hinweist). Große Teile Europas bleiben unerwähnt, so dass es sich faktisch um eine vergleichende Darstellung der Entwicklung im deutschen, französischen und britischen Sprachraum handelt. Kritik erscheint mir gleichwohl nötig, wobei ich mich auf fünf Punkte beschränken möchte.

1. Da ist zum einen die recht schematische Gegenüberstellung von Konsum- und Massenkonsumgesellschaft(en), die mit dem 19. resp. dem 20. Jahrhundert verbunden werden. Idealtypisch angelegt, mag sie ordnende und strukturierende Aufgaben verfolgen und somit Nutzen haben. Doch gerade weil die beiden Großkapitel des Buches analog angeordnet sind, ist die Gefahr groß, hiermit ein Model simpler Abfolge zu verbinden. Dies würde der Vielfalt und Differenz des Konsums nicht gerecht, würde die Heterogenität der Faktormärkte sowie die stete Parallelität von Konsum und Massenkonsum unterschätzen. Die Konsumgeschichte hat offenbar noch substanzielle Grundsatzarbeit zu leisten, eigenständige Theoriearbeit bildet ein wichtiges Desiderat. Fragen der Periodisierung und ihrer begrifflichen Klärung sind dabei zentral. So stellt sich sicher die Frage, warum die zentrale Zäsur der Konsumgeschichte die zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert sein soll, während doch überzeugende Arbeiten zum 1950er-Syndrom und den Veränderungen nach dem 2. Weltkrieg andere Zäsuren nahe legen.

2. Blickt man allein auf die Gliederung des Buches, so war das Warenhaus offenbar die wichtigste und einschneidendste Entwicklung der Konsum- und Handelsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. 25 Seiten sind ihm gewidmet, hier bündelt sich Geschichte offenbar wie im Brennglas. Haupt folgt damit der Warenhausfixierung der Forschung, der allerdings deutlich zu widersprechen ist. So wichtig das Warenhaus für Handel und Konsum im 19. Jahrhundert auch gewesen sein mag, so handelt es sich doch um eine überschätzte Betriebsform.[2] Haupt benennt mögliche Kritik an seiner Schwerpunktsetzung, widmet sich auch intensiv den äußerst heterogenen Definitionen des „Warenhauses“. Für seine Darstellung selbst bleiben sie jedoch folgenlos. Die wiederholt betonte Vorreiterrolle Frankreichs (und die sich daran anschließenden Überlegungen zu den Wechselbeziehungen von Industrialisierung und der Entwicklung einer Konsumgesellschaft) wäre nicht zu halten, würde man die schon Mitte des 19. Jahrhunderts in Berlin oder Hamburg etablierten Magazine resp. Kaufhäuser auch als Warenhäuser begreifen (und das waren sie, nimmt man die französische Definition).

Die immense Bedeutung, die Haupt dem Warenhaus zumisst, wirkt aber auch deshalb unangemessen, weil auf der anderen Seite zentrale Entwicklungen des 20. Jahrhundert nicht ausgeführt, bestenfalls erwähnt werden. Das gilt insbesondere für die Einführung der Selbstbedienung im 20. Jahrhunderts, deren zentrale Bedeutung für eine Massenkonsumgesellschaft (und den immensen Machtgewinn des Handels in der Volkswirtschaft) nicht erörtert wird.[3]

3. Das Buch berührt positiv, weil es anders ist als andere Bücher. Die enge Verbindung von Konsum und Handel wird dergestalt selten behandelt, verbindet aber doch zwei zentrale Segmente für die Entstehung unserer Welt. So überzeugend Haupt diese Verbindungen für das 19. Jahrhundert zu verknüpfen weiß, so wenig reflektiert er diese Fragen jedoch für das 20. Jahrhundert. Die vielfältigen Funktions- und Formwandlungen des Handels werden in diesem Zeitraum nicht recht transparent; und das ist mehr als schade. Haupt nutzt dadurch nicht die angelegte Chance, die Veränderungen hin zur Massenkonsumgesellschaft im Rahmen des Handels explizit zu machen. Das relative Wunder, das jeder moderne Verbrauchermarkt eigentlich darstellt, scheint den Autor kaum zu berühren. Und so bleiben auch Antworten auf die Bezüge und Wirkungszusammenhänge von Konsum einerseits, Handel anderseits aus.

4. Der Autor kann seine Herkunft als Sozialhistoriker nicht verleugnen – und das erweist sich in vielen Bereichen des Buches als Vorteil. Gleichwohl wäre es nicht notwendig gewesen, die Objekte des Konsums so strikt auszugrenzen (trotz der einführenden Hinweise auf S. 18-19). Damit geraten zahlreiche innovative Beiträge vor allem aus der Technik- und Wissenschaftsgeschichte bzw. kulturanthropologischer Forschung ins Hintertreffen, werden doch zentrale Theorieangebote – der Name Bruno Latour sei nur erwähnt – nicht eingebunden. Mag es auch schwierig sein, Objekt-, Produkt- oder auch Produktlinienanalysen in eine einführende Gesamtdarstellung einzubinden, so handelt es sich doch um ein zukunftsweisendes Forschungsfeld; nicht zuletzt, weil es Begegnungsfelder mit angewandten Wissenschaften ermöglicht.

5. Haupt betont mit Recht die unterschiedliche Forschungsintensität zum 19. resp. 20. Jahrhundert. Doch die unterschiedliche Gewichtung der beiden Hauptteile (88 zu 44 Seiten) erscheint gleichwohl unangemessen. Dies gilt um so mehr als ein Blick über die engen disziplinären Grenzen der Geschichtswissenschaft hinaus eine Fülle von spannenden und anregenden Beiträgen sowohl zur Geschichte des Konsums als auch des Handels ergeben hätte. Schließlich sollte man nicht unterschätzen, dass Konsumgeschichte eben nicht nur eine Teildisziplin ist. Sie ist Ausdruck einer Veränderung von Forschungszuschnitten, die grundlegende Rückfragen an die Art unserer Forschungsorganisation stellt. Etwas weniger Angst vor der Gegenwart hätte dem Band jedenfalls gut getan. Gerade die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts bleibt unterbelichtet, und die Frage keimt, ob dies nicht auch etwas damit zu tun hat, dass die Konsumgeschichte dieser Zeit mit dem gängigen Kategorien der Sozialgeschichte eben kaum mehr zu schreiben ist. Dieser kritische (und weiterführende) Impuls zeitgeschichtlicher Konsumforschung hätte gewiss stärker beachtet werden können.

Trotz dieser Kritik, die natürlich auch Ausdruck eines sich im Fluss befindlichen dynamischen Forschungsfeldes ist, bleibt am Ende nur, dem Verfasser für seinen Mut zu danken, diese Zusammenfassung gewagt zu haben. Heinz-Gerhard Haupt hat mit „Konsum und Handel“ einen reflektierenden, informativen und stets anregenden Band vorgelegt, der zur Einführung in die Konsum- und Handelsgeschichte unserer Zeit bestens geeignet ist und somit zur Lektüre nachdrücklich empfohlen werden kann.

Anmerkungen:
[1] Erwähnenswert sind vor allem Berghoff, Hartmut (Hg.), Konsumpolitik. Die Regulierung des privaten Verbrauchs im 20. Jahrhundert, Göttingen 1999; König, Wolfgang, Geschichte der Konsumgesellschaft, Stuttgart 2000; Reith, Reinhold; Meyer, Torsten (Hgg.), Luxus und Konsum. Eine historische Annäherung, Münster 2003; Prinz, Michael (Hg.), Der lange Weg in den Überfluss. Aufstieg und Entwicklung der Konsumgesellschaft seit der Vormoderne, Paderborn 2003. Forschungsüberblicke bieten (auch für die wichtigere angelsächsische Forschung) Prinz, Michael, Konsum und Konsumgesellschaft seit dem 18. Jahrhundert. Neuere deutsche, englische und amerikanische Literatur (Archiv für Sozialgeschichte 41), 2001, S. 450-514; Trentmann, Frank, Beyond Consumerism: New Perspectives on Consumption (Cultures of Consumption. Working Papers, No. 1), London 2002
[2] Ausführlich hierzu Spiekermann, Uwe, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des Einzelhandels, 1850-1914, München 1999.
[3] Auch wenn die Geschichte der Selbstbedienung sicher noch weiterer Forschung bedarf, so liegen für eine Grundlegung doch mehr als genügend Studien vor. Vgl. etwa Spiekermann, Uwe, Rationalisierung als Daueraufgabe. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel im 20. Jahrhundert (Scripta Mercaturae 31), 1997, S. 69-128; Brändli, Sibylle, Der Supermarkt im Kopf. Konsumkultur und Wohlstand in der Schweiz nach 1945, Wien 2000.

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Veröffentlicht am
23.10.2003
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