Wischermann, Clemens (Hrsg.): Vom kollektiven Gedächtnis zur Individualisierung der Erinnerung. . Stuttgart  2002. ISBN 3-515-08065-1

: Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung. München  2002. ISBN 3-406-49336-X

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Patrick Krassnitzer, Centre Marc Bloch, Humboldt-Universität zu Berlin

Zwei Neuerscheinungen aus dem Bereich der sozial- und kulturwissenschaftlichen Erinnerungsforschung, die sich zunächst einmal durch ihre Struktur und ihre disziplinäre Verortung unterscheiden: zum einen eine kurze Monographie des Sozialpsychologen Harald Welzer, die uns im Untertitel eine "Theorie der Erinnerung" verspricht und zum anderen ein Sammelband des Historikers Clemens Wischermann, der sich im wesentlich aus Beiträgen einer von ihm geleiteten Arbeitsgruppe zusammensetzt (was auf der Ebene der methodisch-theoretischen Ausführungen bedauerlicherweise zu einer gewissen Redundanz führt).

Welzers Abhandlung über das kommunikative Gedächtnis kann dabei in zweifacher Hinsicht als wertvolle und anregende Bereicherung der Erinnerungsforschung gelten: zum einen bietet er eine in der Forschungsdiskussion seltene, echte interdisziplinäre (und zum Teil auf eigenen Forschungen basierende) Synthese, indem er neurowissenschaftliche, entwicklungs- und sozialpsychologische Gedächtnisforschung mit sozial- und kulturwissenschaftlicher Biographieforschung und Oral History verbindet. Er unternimmt damit dem dankenswerten Versuch, eine verbreitete Kenntnislücke zu schließen, die sich durch weitgehende wechselseitige Nicht-Rezeption ergeben hat. Und zum anderen widmet er sich dem "Stiefkind" der mittlerweile klassisch gewordenen Assmannschen Aufteilung des "kollektiven Gedächtnisses" in ein kulturelles und ein kommunikatives. [1] Im Bewusstsein, dass es sich aus erinnerungspraktischer Sicht lediglich um eine analytische Trennung handelt, diskutiert er Genese und Wirkungsweise dieses gesellschaftlichen "Kurzzeitgedächtnisses" (S. 14), womit im wesentlichen die kollektiven Gedächtnisse kleinerer Erinnerungsgemeinschaften wie Familien sowie – und das ist seine Hauptthese, die wie ein roter Faden durch das Buch läuft – das sogenannte autobiographische Gedächtnis gemeint ist (weshalb man m.E. auch eher von kommunikativen Gedächtnissen sprechen sollte):
"Das kommunikative Gedächtnis beinhaltet als lebendiges Gedächtnis ebenjene Dialektik von Individualität und Sozialität, von Geschichte und Privatisierung von Geschichte, die zugleich die Suggestion von Ich- und Wir-Identität wie ihre permanente Veränderung erzeugt. [...] Dem autobiographischen Gedächtnis kommt dabei die Aufgabe zu, all unsere Vergangenheiten so umzuschreiben und anzuordnen, dass sie dem Aktualzustand des sich erinnernden Ich passgenau entsprechen." (S. 221f.)

Welzer beginnt seine knapp gehaltene, auch für den Laien gut lesbare Abhandlung mit einem kurzen Überblick zur neurowissenschaftlichen Erinnerungsforschung (Kap. II), insbesondere zur "false memory debate" und dem Phänomen von "importierten Erinnerungen" beispielsweise von Spielfilmsequenzen und schließt mit dem Resumee, dass autobiographische Erinnerungen aus dieser Perspektive als extrem konstruierte Produkte von subtilen sozialen Interaktionen gelten. Es folgen zwei Kapitel über die neuronale (Kap. III) und kognitive (Kap. IV) Entwicklung des Gedächtnisses bei Babys und Kleinkindern, die im hohen Maße erfahrungsabhängig und kommunikativ, v.a. in Form des "memory talk" mit Bezugspersonen, erfolgt. Sprach-, Bewusstseins- und Gedächtnisentwicklung verlaufen demnach idealiter synchron und zwar durch einen komplexen bio-psycho-sozio-kulturellen Prozess. Ausgehend von dieser Multimodalität und in Verbindung mit Damasios Theorie des emotionalen Körpergedächtnisses (Kap. V) entwickelt Welzer ein alternatives Gedächtnismodell, das das autobiographische Gedächtnis nicht als Spezialfall des episodischen betrachtet, sondern als eine übergeordnete Instanz, die die diversen Gedächtnissysteme synthetisiert (v.a. S. 130). [2] Auch wenn dieses Modell auf dem ersten Blick eher für die neurowissenschaftliche Diskussion interessant sein dürfte, besitzt es doch auch für die sozial- und kulturwissenschaftliche Erinnerungsforschung eine gewisse Relevanz: autobiographische Erzählungen, mündliche wie schriftliche, können demnach nicht als mehr oder minder intentional konstruierte Produkte der "expliziten" Gedächtnissysteme (episodisches Gedächtnis, Weltwissen) gelten, sondern basieren – wie Welzer im letzten Kapitel (IX) leider nur zu knapp andeutet – auch weitgehend auf, dem Erzähler nicht reflexiv zugänglichen, "impliziten Erinnerungen" und zwar weit weniger auf "Verdrängungen" im Sinne der Psychoanalyse, sondern vielmehr auf sozialen Scripts und importierten Sequenzen. Warum Welzer für diese Phänomen ausgerechnet den streitbaren und psychoanalytisch besetzten Begriff des "kommunikativen Unbewussten" einführt, bleibt ein Rätsel. Im Kapitel VI entwickelt er am Beispiel des Familiengedächtnisses die Abhängigkeit der kommunikativen Gedächtnisse von kulturellen Rahmen und Schemata, die eine soziale Fiktion gemeinsamer Vergangenheitsdeutung generieren, mit der die Wir-Identität einer Erinnerungsgemeinschaft gesichert wird. Im Folgenden (Kap. VII) spürt Welzer dem "Stoff" von Lebensgeschichten nach, und zeigt, wie weitgehend "mediale Scripts" (S. 178) aus Spielfilmen, Büchern und Geschichten unsere Erinnerungen prägen und wie das autobiographische Gedächtnis in seiner kommunikativen Funktionsweise "geschmeidig jene vorfindlichen Wirklichkeitselemente aufzunehmen vermag, die aus der jeweiligen Gegenwart heraus für die eigene Vergangenheit als "passend" erscheinen." (S. 192). In dem insgesamt stärksten Kapitel VIII kumulieren seine Ausführungen darin, dass das autobiographische Gedächtnis zwar "im Grunde eine Fiktion" (S. 203) sei, aber nichts desto trotz eine (über-)lebensnotwendige Persönlichkeitsinstanz, "die uns hilft, uns über alle lebensgeschichtlichen Brüche und Veränderungen hinweg als ein kontinuierliches Ich zu erleben." (S. 193) Von entscheidender Bedeutung für eine stabile Ich-Identität – und mit nicht zu unterschätzenden methodischen Implikationen für die Biographie-, und speziell für die Interviewforschung [3] – ist dabei die permanente und kumulative interaktive Bestätigung durch das soziale Umfeld: "Das autobiographische Gedächtnis ist insofern kommunikativ, als es sich in Form eines Wandlungskontinuums über verschiedenste Ich-konkrete Interaktionssituationen herstellt und seine (fiktive) Einheit darüber realisiert, dass der Ich-Erzähler von allen Interaktionspartnern als authentischer und legitimer Ich-Erzähler, als Autobiograph, akzeptiert und bestätigt wird." (S. 205)

Auch wenn das Versprechen des Untertitels nach einer kohärenten Erinnerungstheorie fast erwartungsgemäß nicht wirklich erfüllt wird, ist Welzers Abhandlung eine lesenswerte Lektüre, die teilweise altbekanntes zum autobiographischen Gedächtnis mit neuen Perspektiven und unbekannteren Forschungsergebnissen verbindet.

Auch der von Clemens Wischermann herausgegebene Sammelband hat sich ein hohes Ziel gesetzt, nämlich die Legitimität der Erinnerung "als Zentralbegriff historischen Bewusstseins und geschichtlichen Denkens in der Geschichtswissenschaft durchzusetzen." (S. 7). Dabei sind seine Ausführungen – und mit ihm die meisten Beiträge – auf theoretischer Ebene der intensiv diskutierten Beckschen These einer zunehmenden Biographisierung der Gesellschaft in der sogenannten "zweiten Moderne" verpflichtet. [4] Wischermanns daraus abgeleiteter Überzeugung, dass in der "biographisierten Gesellschaft" der einzelne seine Vergangenheitsidentität nicht mehr über Gedächtnisgemeinschaften, sondern fast ausschließlich über eigene Erinnerungskompetenz herstellt (S. 7), lässt sich Welzers wesentlich überzeugendere These entgegenstellen, dass die Vorstellung eines individuellen und autonomen Ich "in gewisser Weise als Selbstmissverständnis" (Welzer, 209) gelten kann und Individualität und Sozialität aufgrund der kommunikativen Bedingtheit des autobiographischen Gedächtnisses keine Gegensätze darstellen, sondern sich vielmehr wechselseitig bedingen (Welzer, S. 210). Vollkommen zuzustimmen ist dagegen Wischermanns Kritik an der bisherigen Fixierung der Geschichtswissenschaft auf nationale und kulturelle Großgedächtnisse und seiner konkreten Forderung nach einer "notwendigen Differenzierung, Pluralisierung und Regionalisierung von kulturellen Gedächtnissen" (S. 7) und einer stärkeren Berücksichtigung der Prozesse einer intergenerationellen Tradierung von Erinnerungen (ergo der kommunikativen Gedächtnisse).

Der Sammelband zerfällt letztlich in drei eher theoretisch orientierte Beiträge und vier, deutlich ergiebigere, stärker empirisch orientierte Aufsätze. Katja Patzel-Mattern geht dabei von der Hypothese aus, dass in den verschiedenen lebensphilosophischen Theorien der letzten Jahrhundertwende der Ausgangspunkt für den konstatierten individualisierenden Paradigmenwechsel zu finden sei. Sie referiert daher ausgiebig die Gedächtnis- und Geschichtsbegriffe bei Bergson, Freud, Dilthey, Steinhausen, W. James und G. Simmel, schafft es am Ende ihres Beitrages jedoch bedauerlicherweise nicht, die Relevanz dieser Ausführungen für die aufgeworfene Fragestellung deutlich zu machen. Etwas instruktiver nähert sich Sandra Marcus der Problematik, indem sie sich mit drei Grundcharakteristika autobiographischer Erzählungen auseinandersetzt: kommunikative Dimension, fiktiver Charakter und identitätsstiftende Funktion. Leider gelangt sie über eine Synthese des Forschungsstandes literaturwissenschaftlicher Autobiographie- und Narrativitätsforschung nicht hinaus, mit der Folge, dass ihre Schlussfolgerungen bezüglich der Narrativität von Geschichtlichkeit und der Erosion des Postulats einer Einheit der Geschichte angesichts des nunmehr fast zwanzig Jahre zurückliegenden linguistic turn kaum mehr als banal erscheinen. Getrost als ärgerlich kann der Beitrag von Matthias Dümpelmann bezeichnet werden, der ohne nachvollziehbaren Erkenntnisgewinn über Individualität, Moderne, Erinnern und Vergessen philosophiert.

Unter den empirischen Beiträgen zeigt Uta Rasche auf, wie sich im katholischen Milieu des Kaiserreichs unter Verwendung formal ähnlicher Gedächtnisstrategien wie die hegemoniale nationale Erinnerungskultur ein spezifisch katholisches Gegengedächtnis mit eigenem „Nationalhelden“- und Mythenrepertoire formiert und damit eine fortdauernde Segregation untermauert hat. Ihre Schlussfolgerung, dass "kulturelle" Gedächtnisgrenzen entlang von Milieugrenzen verlaufen können, stellt einen wichtigen Impuls für eine differenzierte historische Erinnerungsforschung dar. Ausgehend von der Erkenntnis, dass autobiographische Erinnerungen wesentlich von dem aktuellen Abrufkontext und damit Entstehungszeitpunkt geprägt sind, vergleicht Miriam Gebhardt die Verarbeitung von Antisemitismuserfahrungen in den autobiographischen Texten deutscher Juden. Sie weist nach, dass Beschreibungen von Alltagsantisemitismus fester Bestandteil von Tagebüchern und Briefen, die vor 1933 entstanden sind, waren, jedoch in Autobiographien, auch nach 1933, meist das gute Verhältnis zwischen deutschen Juden und der christlichen Mehrheitsbevölkerung vor der NS-Machtübernahme betont wird. Gegen ihre einseitige Interpretation dieses Befundes mit Hilfe von gedächtnispsychologischen Modellen des Vergessens wäre jedoch einzuwenden, dass sie dem identitätsstiftenden Konstruktionscharakter autobiographischer Erzählungen zu wenig Beachtung schenkt. Stefan Zahlmann untersucht in seinem Beitrag die DDR-Erinnerungskultur in DEFA-Spielfilmen und betont dabei die Bedeutung des Mediums für den Inhalt der Erinnerung. Bedauerlicherweise wird dabei das, nicht zuletzt von Welzer diskutierte, Phänomen des "Imports" von "medial scripts" in das Gedächtnis in keinster Weise berücksichtigt, vielmehr bleibt Zahlmann auf der banalen Ebene einer Betrachtung von Spielfilmen als „filmisches kulturelles Gedächtnis“ (S. 67) stehen. [5] Und Heike Stadtland zeigt in ihrem weitgehend theoriefreien Beitrag, dass in der Gründungsphase der DDR-Gewerkschaften die von Moskauer Exilanten dominierte KPD/SED-Führung sich zwar einer eigenen Vergangenheitspolitik zur Durchsetzung ihrer Interessen bediente, aber letztlich nicht die inhaltliche Überzeugung entscheidend für den Erfolg war, sondern ein mit Hilfe der russischen Besatzungstruppen rasant durchgesetzter Elitenwechsel in der Gewerkschaftsführung, der sich pikanterweise wesentlich auf die sogenannte HJ-Generation stützte.

Insgesamt muss leider festgehalten werden, dass von dem Sammelband – mit der kleinen Ausnahme des Beitrages von Uta Rasche – kaum wichtige Impulse für die sozialwissenschaftliche Erinnerungsforschung ausgehen. Zu unergiebig erscheint, vor allem angesichts der Ausführungen von Harald Welzer, die Kombination der Beckschen Biographisierungsthese mit historischer Gedächtnisforschung – zumindest in den vorliegenden Variationen. Und über den Erkenntnisgewinn der empirischen Artikel können letztlich nur die Experten der jeweiligen Forschungsfelder wirklich urteilen.

Anmerkungen:
[1] Assmann, Jan, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Ders.; Hölscher, Tonio (Hgg.): Kultur und Gedächtnis, Frankfurt/Main 1988, S. 9-19. Das Gros der bundesrepublikanischen Gedächtnisforschung, allen voran die weiterführenden Arbeiten der Assmanns, beschäftigte sich seitdem fast ausschließlich mit kulturellen Großgedächtnissen.
[2] Für eine Zusammenfassung dieses Modells, das im vorliegenden Buch eher en passant entwickelt wird, siehe: Welzer, Harald, Was ist das autobiographische Gedächtnis, und wie entsteht es?, in: BIOS 15 (2002), S. 169-186.
[3] Auf diese Implikationen hat Welzer bereits vor einiger Zeit aufmerksam gemacht: Welzer, Harald, Das Interview als Artefakt. Zur Kritik der Zeitzeugenforschung, in: BIOS 13 (2000), S. 51-63.
[4] Siehe u.a.: Beck, Ulrich, Eigenes Leben, in: Ders.; Vossenkuhl, Erdmann Ziegler, Ulf, „Eigenes Leben“: Ausflüge in die unbekannte Gesellschaft, in der wir leben, München 1995, S. 9-15.
[5] Bereits vor Welzer haben sich die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch und der Erziehungspsychologe Sam Wineburg mit diesem Phänomen auseinandergesetzt: Koch, Gertrud, Nachstellungen – Film und historischer Moment, in: Müller, K.E.; Rüsen, Jörn (Hgg.): Historische Sinnbildung. Problemstellungen, Zeitkonzepte, Wahrnehmungshorizonte, Darstellungsstrategien, Reinbek 1997, S. 536-551 und Wineburg, Sam, Sinn machen: Wie Erinnerung zwischen den Generationen gebildet wird, in: Welzer, Harald (Hg.): Das Soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung, Hamburg 2001, S. 179-204.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.09.2003
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