E.-D. Hehl u.a. (Hg.): Das Papsttum in der Welt des 12. Jh.

Cover
Titel
Das Papsttum in der Welt des 12. Jahrhunderts.


Herausgeber
Hehl, Ernst-Dieter; Ringel, Ingrid Heike; Seibert, Hubertus
Reihe
Mittelalter-Forschungen 6
Erschienen
Stuttgart 2002: Jan Thorbecke Verlag
Anzahl Seiten
344 S., 15 Abb.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Harald Müller, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Das 12. Jahrhundert gehört zweifellos zu den dynamischsten Epochen des Mittelalters, und ebenso unbestritten wächst in dieser Zeit das Papsttum zu einer der zentralen Ordnungsfaktoren Europas heran. Größer und dichter wird die Welt, in der die römischen Bischöfe agieren, die sich auf einem folgenreichen Weg von der frühmittelalterlichen Zentrierung auf Rom zum universal-katholischen Papsttum bewegen. Wie prägte diese Welt des 12. Jahrhunderts das Papsttum, welchen Platz konnte die Papstkirche darin erobern und wieweit gelang es den Päpsten, diese dauerhaft mit zu gestalten? So grundsätzlich und zugleich offen ist der vorliegende Sammelband konzipiert, der auf eine Mainzer Tagung im Jahre 1997 zurückgeht. Sie war ein Geschenk der Schüler an den damals 75-jährigen Alfons Becker, dessen Interesse der Papstgeschichte, ganz besonders Urban II., galt und gilt.

„Größer und dichter“ lautet die Formel, auf die Ernst-Dieter Hehl in seinem einleitenden Beitrag die Charakteristik der Welt des 12. Jahrhunderts aus päpstlicher Perspektive bringt (S. 9). Expansion und Durchdringung sind demnach die Parameter, denen sich die Einzelbeiträge verpflichtet fühlen sollten. Das Hinausschieben der geographischen Grenzen wird in Beiträgen über Spanien, über die Kontakte zu Byzanz und deren Bedeutung für das seit dem Frühmittelalter zwischen lateinischer und griechischer Kirche umstrittene Missionsgebiet Balkan sowie über das Heilige Land angesprochen. Die Eroberung Jerusalems 1099 als Fanal einer neuen Zeit eröffnet eine ambivalente Beziehungsgeschichte zwischen Papsttum und Palästina. Zwar brachten die Kreuzzüge die räumlich größte Erweiterung der Christianitas mit sich, das Heilige Land aber rückte trotz seiner fundamentalen historischen Bedeutung nie in das Zentrum päpstlichen Interesses. Rudolf Hiestand (Das Papsttum und die Welt des östlichen Mittelmeers im 12. Jh., S. 185-206) weist darauf hin, dass die Kreuzfahrerkirche ohne Unterstützung des Papsttums, ja geradezu gegen seinen Willen errichtet wurde, und dass kein mittelalterlicher Papst seinen Fuß in die heiligen Stätten setzte. „Der lateinische Osten blieb die ganze Zeit über fern und unbekannt“ (S. 192), weil er im Hinblick auf die personalen Kontakte zwischen Rom und dem Heiligen Land eine wenig intensive, romferne Landschaft war. Erst zum 4. Laterankonzil ist eine fortschreitende Integration erkennbar.

Die Ablenkung des vierten Kreuzzugs nach Konstantinopel 1204 führte durch den Wegfall des östlichen Kaisertums nicht nur zu einer Neuordnung der Verhältnisse auf dem Balkan, sie beendete auch, wie Günter Prinzing (Das Papsttum und der orthodox geprägte Südosten Europas 1180-1216, S. 137-184) zeigen kann, eine seit dem Pontifikatsbeginn Innozenz’ III. währende Phase intensiver Kontakte zwischen dem Papst und Byzanz; eine Zusammenstellung der Schreiben, in denen es immer wieder um Fragen des Patriarchats und der römischen Vorrangstellung geht, ist dem konzisen, stets die Perspektive auf den gesamten Balkan weitenden Überblick angefügt. Es ist bemerkenswert, dass die Kontakte zwischen beiden auch nach heftigsten Konflikten nicht völlig abrissen. Dies gilt für die Zeit nach 1204 wie für die Periode nach dem Schisma von 1054. Johannes Koder (Die letzte Gesandtschaft Alexios’ I. Komnenos bei Paschalis II., S. 127-135) deutet gar eine bislang rätselhafte byzantinische Abordnung des Jahres 1116/1117 im Sinne von Verhandlungen über eine Union beider Kirchen, in der Byzanz eventuell bereit gewesen wäre, die Kaiserkrönung durch den Papst hinzunehmen, wenn dieser sich im Gegenzug vom westlichen Kaisertum losgesagt hätte.

Die kirchliche Neustrukturierung der in der Reconquista zurückgewonnenen Gebiete Spaniens verlangte geradezu nach päpstlichen Entscheidungshilfen. Insbesondere in strittigen Rangfragen der Bischöfe von Braga, Toledo und Santiago rekurrierte man auf päpstliche Privilegien. Klaus Herbers (Das Papsttum und die Iberische Halbinsel, S. 25-60) skizziert behutsam die zumeist reaktive Rolle der Päpste und macht über Spanien-spezifische Formen wie die Rolle der Ritterorden hinaus auf typische Mittel der räumlichen und gesellschaftlichen Durchdringung aufmerksam, die im Kontakt des Papsttums mit den Regionen eingesetzt wurden: auf Legaten, auf die Rolle der Orden auf die zunehmende Bedeutung des universalen Kirchenrechts als Bindungselement. Zurecht haben die Herausgeber diesen Beitrag an den Anfang gesetzt, weist er doch auf viele der im Folgenden angesprochenen Themen voraus.

Den Mitteln und Wegen päpstlicher Durchdringung nicht nur der für die lateinische Kirche neu gewonnenen Gebiete widmet sich eine weitere Gruppe von Beiträgen. Am Beispiel der politisch sensiblen Freigrafschaft Burgund demonstriert Dietrich Lohrmann (Das Papsttum und die Grafschaft Burgund im 11.-12. Jh., S. 61-75), wie wichtig es selbst in geographisch zentralen Regionen Europas für die Päpste war, ihre politischen und rechtlichen Positionen vor Ort zur Geltung zu bringen. Zugleich ist der aus dem damals noch unveröffentlichten ersten Band der Gallia Pontificia [1] geschöpfte Aufsatz ein wohlbegründetes Plädoyer für die systematische Heranziehung der lokalen Überlieferung in Fragen des Kontakts zwischen dem Papsttum und den Regionen. Wie stark eigene Erfahrung auf die Gestaltung kirchlicher Strukturen wirkten, kann Claudia Zey (Zum päpstlichen Legatenwesen im 12. Jh., S. 243-262) auf dem scheinbar bestens erforschten Feld der päpstlichen Legaten zeigen. So verzichtete etwa Cölestin III, der selbst lange Jahre als Kardinallegat auf der iberischen Halbinsel gewirkt hatte, für Spanien auf die Entsendung von Legaten und stärkte stattdessen die Erzbischöfe von Toledo als ortsansässige Repräsentanten des Heiligen Stuhls. Ebenso verfuhr Hadrian IV. mit Lund, und auch in Frankreich zog er ständige Erzbischof-Legaten der Entsendung von Legati a latere vor. In der Verbindung prosopographischer Fragen mit rechtsgeschichtlichen Aspekten weist die Verfasserin den Weg zur Erfassung der Gestaltungsspielräume päpstlicher Legatenpolitik, die in ihrer mittlerweile abgeschlossenen Habilitationsschrift eingehend erforscht werden. [2] Ähnlich nützlich waren, wenngleich auf völlig anderen Wegen, die neuen Orden des 12. Jahrhunderts. Sie dienten den Päpsten als Instrumente rechtlicher Durchdringung wie als spirituelle Modelle, die zur Formung und Kontrolle des Christenvolkes einsetzbar waren. In den Hauptkrisen des Papsttums, den Schismen von 1130 und 1159, wirkten Zisterzienser und Prämonstratenser durch ihre charismatischen Führer zudem auch nachhaltig politisch. Hubertus Seibert (Autorität und Funktion, S. 207-241) betont dabei zurecht das symbiotische Zusammenwirken („Aktionsgemeinschaft“, S. 240) von Papsttum und neuen Orden, denn gerade in schwierigen Phasen, etwa dem Tod Norberts von Xanten, gewährte der römische Bischof diesen seine stabilisierende Autorität und förderte sie mit Privilegien. Am Rande sei bemerkt, dass Seibert die Zisterzienser in klassischer Weise als Orden des frühen 12. Jahrhunderts begreift und sich implizit, aber deutlich (S. 233f.) von der These Constance Bermans distanziert, die einen rechtlich homogenen Orden erst nach Bernhards Tod entstehen sieht.

Auch Rom, das Zentrum selbst, findet angemessene Berücksichtigung. Bernhard Schimmelpfennig (Päpstliche Liturgie und päpstliches Zeremoniell im 12. Jh., S. 263-272) verweist mit Blick auf die Ordines des späten 12. Jahrhunderts nochmals auf das rein römisch geprägte päpstliche Liturgie- und Zeremonialverhalten, dessen Wurzeln in die Zeit vor dem Investiturstreit zurückreichen. Mit Innocenz III. scheint dagegen das Ende der engen, ja zeremoniell ausschließlichen Beziehung des Papstes zu seiner Bischofsstadt eingeläutet – auch dies ein Indiz für die Transformation des römischen zum universalen Episkopat. Parallel dazu festigt sich gegen Ende des 12. Jahrhundert die päpstliche Siegel-Ikonographie. In bemerkenswerter Klarheit zeigt Ingo Herklotz (Bildpropaganda und monumentale Selbstdarstellung des Papsttums, S. 273-291), wie hier unterschiedliche traditionale Argumentationslinien des päpstlichen Vorrangs – Petrusnachfolge, Doppelapostolat, Christusvikariat, alttestamentarische Bezüge und imitatio imperii – zu einer konsistenten papst-ekklesiologischen Idee verschmelzen und zu einem ikonographischen Programm verdichtet werden.

Spätestens hier ist die Frage nach der Konkurrenz zum Kaiser nicht mehr zurückzustellen. Stefan Weinfurter (Papsttum, Reich und kaiserliche Autorität, S. 77-99) entwirft für das 12. Jahrhundert das Bild eines strukturell geschwächten Kaisertums. Hatte der Investiturstreit, namentlich der Akt von Ponte Mammolo 1111 seiner Meinung nach den Wirkverbund zwischen Herrscher und Bischöfen im Reich gelöst, so erwies sich Barbarossas Verbindung des kaiserlichen Autoritätsanspruchs mit der Durchsetzung seiner Kandidaten im alexandrinischen Schisma als verschärfend. Der Friede von Venedig 1177 sah indes den Papst als Sieger, den Kaiser in der Defensive und den Weg zur Territorialisierung, der schon mit dem Wormser Konkordat 1122 verfassungsrechtlich eingeschlagen worden war, nun politisch geebnet. Es sind die Bischöfe, die in dieser Entwicklung aus dem Schoß des Reiches in die papal zentrierte Hierarchie der Kirche hinübertreten und nun zur treibenden Kraft werden, während der Kaiser mehr ein Getriebener ist. Hieran knüpfen die Überlegungen Franz Josef Feltens zu „Kaisertum und Papsttum im 12. Jahrhundert“ (S. 101-125) nahtlos an, die auf einem materialreichen Forschungsüberblick aufbauen. Mit der Entklerikalisierung des Herrschers infolge des Investiturstreits scheint der Papst gleichsam als wahrer Kaiser aufzusteigen. Interessant ist dabei die Frage, ob die Ereignisse des Reichstags von Besançon 1157 gar als Versuchsballon zu werten seien, wie weit der Kaiser dieses neue Selbstverständnis des römischen Bischofs zu tolerieren bereit war. Felten stellt die geschwundene Urteilssicherheit der Forschung heraus, die einst Barbarossa als Glanzpunkt kaiserlicher Macht sah, heute aber seine Gestaltungskraft in Zweifel zieht und dem Papsttum die größere Modernität in der politischen Konzeption wie in den Mitteln ihrer Durchsetzung zuzubilligen geneigt scheint.

Die Herausgeber haben sich entschieden, dem Jubilar das letzte Wort zu überlassen. Alfons Beckers abschließender Beitrag bündelt und akzentuiert nicht nur souverän die anregenden Gedanken der Einzelbeiträge, er legt einen zeitgemäßen Versuch über „Das 12. Jahrhundert als Epoche der Papstgeschichte“ (S. 293-323) vor. Als deren eigentliche Portalfigur erscheint Urban II., der – obwohl noch nicht Zeitgenosse des saeculum – und dessen Pontifikat in vielen Bereichen als Initiator oder Wendemarke des Neuen namhaft gemacht werden.

Dass Becker den Pontifikat Innocenz’ III. in das 12. Jahrhundert mit einbezieht, ist fraglos sinnvoll, korrespondiert jedoch nicht mit dem Zuschnitt der meisten Beiträge. Darauf ist hier nicht um kleinkarierter Kritik willen hinzuweisen, sondern um an ein wichtiges Charakteristikum des Bandes zu erinnern: Er geht auf eine Jubiläumstagung zurück, resultiert also nicht aus einem koordinierten Forschungsvorlauf. Deshalb darf konstatiert werden, dass viele Beiträge die traditionelle Grenze der Papsturkundenforschung von 1198 nicht überschreiten, dass in dem Panorama päpstlicher Wirksamkeit Nordeuropa kaum, Nordost- und Osteuropa nicht vorkommen, das ferne England ebenso wie der Nahbereich Italien nicht eigens betrachtet werden. Den Wert des Buches schmälert dies nicht. Die wichtige Aufsatzsammlung, die Strukturen und Problemhorizonte der vielleicht bedeutendsten Entwicklungsphase des mittelalterlichen Papsttums beleuchtet und die größer gewordene, vor allem aber intensiver durchdrungene lateinische Christenheit aufschluss- und facettenreich analysiert, ist auch dank eines zuverlässigen Registers mit großem Gewinn zu konsultieren.

[1] Regesta Pontificum Romanorum, Gallia pontificia I: Diocèse de Besançon, par Bernard de Vregille, René Locatelli et Gérard Moyse, Göttingen 1998.
[2] Zey, Claudia, Die päpstliche Legatenpolitik im 11. und 12. Jahrhundert (1049-1188), München 2002 (erscheint voraussichtlich 2003 im Thorbecke-Verlag).

Redaktion
Veröffentlicht am
09.04.2003
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