A. Legner: Kölner Heilige und Heiligtümer

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Titel
Kölner Heilige und Heiligtümer. Ein Jahrtausend europäischer Reliquienkultur


Autor(en)
Legner, Anton
Erschienen
Anzahl Seiten
506 S.
Preis
€ 64,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ralf Lützelschwab, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Fragen nach der Authentizität von Reliquien sind für die moderne Geschichtsforschung sekundär. Ihr Erkenntnisinteresse richtet sich konsequenterweise denn auch nicht auf die Reliquien selbst, sondern in sehr viel stärkerem Maße auf die Geschichte ihrer Wirkung. Vieles, was an protestantischer Polemik gegen den spätmittelalterlichen Reliquienkult gerichtet war, hat sich als erstaunlich langlebig erwiesen und über lange Zeit eine Beschäftigung mit der Thematik fernab aller Stereotypen ungemein erschwert. Raub, Betrug, Fälschungen mögen beklagenswerte Begleiterscheinungen der Reliquienfrömmigkeit nicht nur des Mittelalters gewesen sein, bilden jedoch nur einen Teil der Wirklichkeit ab, und zwar entschieden den geringeren. Dass sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit Reliquien derzeit großer Beliebtheit erfreut, bestätigt ein Blick in die gängigen Bibliografien. Allerdings steht nach wie vor nur Weniges zur Verfügung, dem man das Prädikat „Standardwerk“ ohne Einschränkung zuerkennen möchte. Neben der Monographie Arnold Angenendts [1] gehören dazu sicherlich auch einige Beiträge Anton Legners [2]. Als Direktor des Schnütgen-Museums in Köln (1970-1990) hat Letzterer sich nicht nur um die Erforschung der ihm anvertrauten Schätze, sondern auch um deren publikumswirksame Präsentation verdient gemacht und darf somit als wohl bester Kenner der Kölner Heiltümer gelten. Sein breites Wissen ist nun in einen Prachtband eingeflossen: Kölner Heilige und Heiligtümer. Ein Jahrtausend europäischer Reliquienkultur. Dabei vermag Legner nicht nur die bisherigen Forschungen zum Thema zu bündeln und allgemeinverständlich darzustellen. Ihm gelingt es darüber hinaus, das durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs entstellte, ehemals reliquiengeprägte Erscheinungsbild der Kölner Kirchen durch seine Darstellung zumindest verbal wieder aufleben zu lassen.

Drei große Abschnitte – Kölner Reliquienkultur (I), Kölner Heiltumsschau (II) und Kölner Reliquien in den Ländern Europas (III) – gliedern das Werk. Im ersten Abschnitt wird der Blick zunächst auf die das Kölner Selbstverständnis konstituierende Legendenvielfalt gerichtet: Die heilige Ursula mit ihren 11.000 Jungfrauen und die Thebäischen Legionäre unter Führung des heiligen Gereon stehen dabei im Mittelpunkt des Interesses. Hier wie auch im Falle der heiligen Bischöfe Bruno und Anno ist es für den Historiker nur schwer möglich, Legende und Geschichte von einander zu trennen. Und dennoch bleibt festzuhalten, dass Kölns Position als eines der „Reliquienzentren“ des Mittelalters ohne Rückgriff auf diese Legenden nicht verständlich wäre. Über die Auffindung der Reliquien des heiligen Gereon durch Norbert von Xanten 1121 berichtet Abt Rudolf von Sankt Pantaleon in einem Brief, der den Beginn einer immer kleinteiligeren Suche nach Reliquienschätzen in Köln markiert. Nachdem in der Abtei Deutz 1155 zusammen mit einer Vielzahl vermeintlicher Märtyrerknochen auch entsprechende Tituli ans Licht gekommen waren, auf denen sich genaue Angaben zu den entdeckten Gebeinen fanden, konnte die starke Skepsis des Abtes nur dadurch überwunden werden, dass Elisabeth von Schönau deren Echtheit mittels Visionen bestätigte. Elisabeth kam ihrer Aufgabe derart umfassend nach, dass danach sogar die Legende von Ursula und den 11.000 Jungfrauen umgeschrieben werden musste. Bereits zu diesem Zeitpunkt häuften sich die Anfragen von außerhalb nach Teilhabe an dem offensichtlich niemals versiegenden Heiltumsquell. Tatsächlich bezeichnet die schlichte Bitte um Schenkung die häufigste Form des Reliquienwechsels. Mitunter werden wertvolle Reliquien auch geraubt. Nicht nachweisbar ist jedoch deren Erwerb durch Geld. Das auf dem IV. Lateranum ausgesprochene strikte Verbot des Reliquienverkaufs scheint tatsächlich weitestgehend beachtet worden zu sein. Auch wenn Kölner Spezialwerkstätten verschiedene Reliquienkästchen in großer Zahl auch für den Export herstellten, heißt dies nicht, dass mit diesen Kästchen auch tatsächlich Reliquien die Stadt verließen: Ein „lebhafter Reliquienhandel“ ist jedenfalls auszuschließen. Außerordentlich vielgestaltig zeigen sich die Zusammenhänge zwischen den Reliquien und den Künsten in Köln. Das inszenatorische Potenzial der Reliquien wurde genutzt: man stellte Reliquienbüsten nicht nur in die damals aufkommenden Flügelaltäre und unterwarf sie somit einem System von Verbergen und Zeigen, sondern konstruierte Wandregale, „die Hunderte von in kostbare Textilien eingehüllte heilige Häupter und geschichtete Knochen an den Kirchenwänden zur Schau stellten“ (S. 76). Legners Darstellung gewinnt durch die Einbeziehung vieler Quellenbelege. Insbesondere Reiseberichte wie der des Philipp de Vigneulles (1510) geizen nicht mit Eindrücken von der Kölner Reliquienherrlichkeit und vermitteln ein unmittelbareres Bild von deren Bedeutung und Rezeption.

Im zweiten Abschnitt – Kölner Heiltumsschau (S. 91-267) – wird vor dem Hintergrund der bisher gemachten Aussagen der Blick auf einzelne Kölner Kirchen gerichtet. Nicht weniger als 27 Kirchen und Klöster werden besprochen. Deren reliquiarer „embarras de richesse“ ist auch noch heute dazu angetan, Erstaunen hervorzurufen. Die beispielsweise an Hochfesten im Dom ausgestellten Heiltümer umfassten neben Petrusstab und –ketten noch einen Agnesarm, eine Hierothek mit Reliquien der Heiligen Sebastian, Blasius, Cosmas und Damian, Johannes, Paulus, Bartholomäus, die Büstenreliquiare der Heiligen Felix und Nabor und vieles mehr. Der hohe Anspruch, den die Domkirche aus dem Besitz ihrer Reliquien – insbesondere derjenigen der Heiligen Drei Könige – ableitete, kurz: deren politische Bedeutung, wurde in den Chorschrankenmalereien zum großartigen Manifest erhoben. Der von Legner geäußerten These, dass diese Malereien an die Stelle der Heiltumskästen traten, eignet eine hohe Wahrscheinlichkeit. Nicht nur für den Dom gilt, dass der Verlust von Reliquien insbesondere in der Zeit der Säkularisation immens gewesen sein muss. Doch auch nach diesen Verlusten zeigten sich die Kölner Kirchen keinesfalls all ihrer Schätze beraubt. Sankt Ursula blieb im Besitz der 1643 gestifteten „Goldenen Kammer“, deren inszenatorisches Potenzial enorm ist. Aus Überresten der Heiligenscharen wurden ganze Wandflächen ‚ex ossibus’ gestaltet. Sind wir heute geneigt, allein das Kuriose, ja Makabre in dieser Zurschaustellung zu entdecken, ging es den Schöpfern um etwas anderes als die Erweckung frommen Schauers: Aus irdischen Überresten sollte eine Wanddekoration der Ekklesia entstehen, „deren Zeugniswert selbst durch Bilder der Heiligen nicht unmittelbarer zum Ausdruck gelangen konnte“ (S. 12). Frömmigkeit und Pragmatismus, Verinnerlichung und prächtige Zurschaustellung kennzeichnen einen Umgang mit Reliquien, bei dem kaum etwas dem Zufall überlassen blieb. Köln hatte erkannt, dass sich mit den anvertrauten reliquiaren Pfunden gut wuchern ließ. Reliquien kündeten innerhalb wie außerhalb Kölns von der großen Bedeutung der Stadt.

Im dritten Abschnitt „Kölner Reliquien in den Ländern Europas“ (S. 267-402) wird diesem Aspekt nachgegangen. Vollständigkeit wurde hier zwar nicht angestrebt, dennoch hätte man sich insbesondere im Frankreich gewidmeten Kapitel etwas mehr Information gewünscht. Ludwig der Heilige hatte nämlich ausgezeichnete Beziehungen zum Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden unterhalten und von ihm nicht nur einige der 11.000 Jungfrauen, sondern auch den Leib eines Märtyrers der Thebäischen Legion erhalten. Ludwig revanchierte sich mit der Übersendung einiger Passionsreliquien, die in die Heilig-Kreuz-Kirche zu Köln gelangten und dort Gegenstand herausragender inszenatorischer Bemühungen wurden. Alle Reliquien, darunter fast 300 Jungfrauenleiber, waren sichtbar in Wandkästen unter den hohen strahlenden Chorfenstern angeordnet, wobei in hoher Heilssymbolik die Reliquien der Heiligen die Christusreliquien einrahmten. Qualität und Quantität gingen hier eine glückliche Verbindung ein. Neben Frankreich wird auch das übrige West- und Mitteleuropa einer näheren Betrachtung unterzogen. So war beispielsweise im 12. und 13. Jahrhundert kölnisches Heiltum ständig auf den Wegen vom Rhein zur Maas, nach Brabant und Flandern unterwegs. Von diesen Wanderbewegungen zeugen noch heute die Inventare vieler Domkirchen. In Österreich kann die Geistliche Schatzkammer des Kaiserhauses mit ganz besonderen Prunkstücken aufwarten: Neben einigen Dreikönigs-Partikeln wird dort der Anfang des 16. Jahrhunderts vom Dreikönigsschrein gestohlene Ptolemäerkameo, das hervorragendste Werk der griechischen Glyptik, aufbewahrt. In Basel, das in der Ursulalegende eine zentrale Rolle spielt, besaß nicht nur das Münster 80 Häupter der Kölner Ursulagesellschaft, sondern fast jede Pfarrkirche durfte die ein oder andere Ursulareliquie ihr Eigen nennen. „Sammelreisen“ spanischer Mönche waren 1233 von großem Erfolg gekrönt. Die größten Bestände an kölnischem Heiltum gingen jedoch in das Gebiet der Erzdiözese, waren im ganzen Rheinland, in Westfalen und Niedersachsen zu finden. Jede noch so rudimentäre Auflistung wäre unvollständig ohne die Erwähnung von Sachsen und Thüringen, wo in Magdeburg, Halle und Wittenberg im ausgehenden Mittelalter die größten jemals existierenden Heiltumssamlungen zusammengetragen wurden. Selbstverständlich kündeten auch dort die unvermeidlichen Jungfrauen und thebäischen Märtyrer von der Bedeutung Kölns. Wer nun aber vermutet, dass zumindest einige dieser Translationen auch in Kölner Reliquiaren oder Reliquienbüsten erfolgt sein müssten, sieht sich schnell enttäuscht. In Köln hergestellte Reliquiare sind an den (heutigen) Aufbewahrungsorten nur in Ausnahmefällen nachweisbar. Die Translation von Reliquien war nicht an den Export entsprechender Reliquiare gebunden.

Umfangreiche Register beschließen ein Werk, das seine Leser sowohl unter den Spezialisten – auf das Problem fehlender Überblicksdarstellungen zur Thematik wurde bereits zu Beginn hingewiesen –, als auch unter den interessierten Laien finden wird. Selbst ohne Text wäre es durch die Fülle und Qualität der Farbabbildungen mit Gewinn heranzuziehen. Glauben ist sehen: Der Autor hat gut daran getan, sein stupendes Wissen in dieser Form zu vermitteln.

[1] Angenendt, Arnold, Heilige und Reliquien, München 1994
[2] Legner, Anton (Hg.), Ornamenta Ecclesie. Ausstellungskatalog, Köln 1985; Ders. (Hg.), Verehrung und Verklärung. Skizzen und Noten zur Thematik und Katalog zur Ausstellung der Kölner Sammlung Louis Peters im Schnütgen Museum, Köln 1989; Ders., Reliquien und Kult zwischen Antike und Aufklärung, Darmstadt, 1995.

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Veröffentlicht am
29.04.2003
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