M. Heinzelmann u.a. (Hgg.): Mirakel im Mittelalter

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Titel
Mirakel im Mittelalter. Konzeptionen - Erscheinungsformen - Deutungen


Herausgeber
Heinzelmann, Martin; Herbers, Klaus; Bauer, Dieter R.
Reihe
Beiträge zur Hagiographie 3
Erschienen
Stuttgart 2002: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
492 S.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ralf Lützelschwab, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Mirakelsammlungen gelten als hagiographisches Genre, dessen Hauptcharakteristikum nicht zuletzt in seiner literarischen und stilistischen Anspruchslosigkeit besteht. Mit der Definition und der Abgrenzung zu anderen hagiographischen (Sub-)Genera wie Viten oder Translationsberichten tut man sich nicht ohne guten Grund noch immer schwer, würde ein Definitionsversuch doch schier Unmögliches zu erbringen haben: die formale Gliederung von Schriften, die sich derart disparat zeigen, dass ihre Zugehörigkeit zu einer Gattung mit guten Gründen angezweifelt werden kann.

Im April 2000 fand in Weingarten die zweite thematische Tagung des seit 1993 bestehenden Arbeitskreises für hagiographische Fragen statt. Dabei stand der Wunsch im Vordergrund, dem Wunderelement in der hagiographischen Literatur nachzuspüren. Die 18 Beiträge dieser Tagung liegen nun in gedruckter Form vor. Drei Problemfelder stehen dabei im Mittelpunkt: zum einen theologische und geistesgeschichtliche Konzeptionen, dann Definitionsmöglichkeiten und nähere Bestimmungen von Gattung und Funktion, von Kontexten und Auswertungsmöglichkeiten, schließlich zeitliche und regionale Entwicklungsschübe.

Nach einem Blick auf die funktionalen Aspekte des Wunders (Martin Heinzelmann, Die Funktion des Wunders in der spätantiken und frühmittelalterlichen Historiographie, S. 23-62) und auf die Beschreibung konkreter Verwendungsmöglichkeiten in Texten des Frühmittelalters (Hans C. Brennecke, Die Wunder und ihre theologische Reflexion im Commemoratorium vitae S. Severini des Eugipp von Lucullanum, S. 62-77; Lutz E. v. Padberg, Die Verwendung von Wundern in der frühmittelalterlichen Predigtsituation, S. 77-95) bricht Arnold Angenendt in seinem Beitrag „Das Wunder – religionsgeschichtlich und christlich“ (S. 95-114) mit der bisher vorherrschenden Verankerung von Mirakeln in der christlichen Tradition und macht auf eine Reihe von Parallelen innerhalb der griechisch-römischen Antike aufmerksam. In einem souveränen Überblick gelingt ihm dabei das Kunststück, das Phänomen des „Wunders“ von der Antike bis in die Gegenwart hinein zu verfolgen und eine Vielzahl überraschender Bezüge herzustellen.

Klaus Herbers widmet seinen Beitrag den „Mirakeln im Liber pontificalis des 9. Jahrhunderts“ (S. 114-135). Im Blickpunkt des Interesses stehen dabei Fragen nach der sanctitas der im Liber pontificalis behandelten Päpste, nach dem Verhältnis zwischen Person und Institution und nach der Wundertätigkeit der Päpste zu Lebzeiten und post mortem. Zu ihrer Beantwortung werden verschiedene Passagen, in denen Ereignisse konkret als miracula bezeichnet werden, herangezogen und interpretiert. Als Ergebnis bleibt festzuhalten, dass miracula im Liber pontificalis insgesamt eine untergeordnete Stellung einnehmen, sie hauptsächlich in Form von miracula in vita auftreten und durch sie auf Amtsaufgaben der Päpste wie die Sorge um das Wohl der Stadt Rom verwiesen wird. Damit dienen sie der Legitimation von Amt und Amtsführung, begründen jedoch keinen Grabeskult und lösen keine Kultpropaganda aus.

Giselle de Nie beschreibt in ihrem Beitrag „Eine Poetik des Wunders: bildhaftes Bewußtsein und Verwandlungsdynamik in den Wundererzählungen des späten sechsten Jahrhunderts“ (S. 135-151), wie im hagiographischen Schrifttum des Frühmittelalters meditative und traumähnliche Geisteszustände dazu beitrugen, immaterielle Phänomene, die sich der rein körperlichen Wahrnehmung entziehen, zu erfassen. Die Lyrik eines Venantius Fortunatus wird zum Musterbeispiel dafür, wie irrationale Bewusstseinslagen den Bezugsrahmen der physischen Welt in den Hintergrund drängen oder gar aufheben, um damit affektives Wahrnehmen zu intensivieren. Insbesondere Heilungswunder scheinen – von ihrem Ergebnis, der Heilung, her beleuchtet – sich dieses affektiven Wahrnehmungspotenzials zu bedienen, um dem Körper durch affektgeladene Bilder Heilung zu suggerieren. Zu Recht verweist die Autorin in diesem Zusammenhang auf Phänomene, die heute Gegenstand psychoanalytischer Forschung sind.

Die konstituierenden Teile von Mirakelsammlungen werden im Beitrag von Barbara Heller-Schuh „Hilfe in allen Nöten? Inhalte von hoch- und spätmittelalterlichen Mirakelsammlungen im Vergleich“ (S. 151-166) herausgearbeitet. Bittwallfahrten zum Zeitpunkt der Etablierung eines Kultes, durchgeführt von Erwachsenen, die nicht unter akuten Nöten, sondern unter langwierigen Krankheitszuständen leiden, die ihrerseits Ähnlichkeiten mit tradierten biblischen Wundern aufweisen, bilden die Basis für Mirakelsammlungen mit ihren dem jeweligen Entstehungskontext geschuldeten Spezifika. Allgemeine formale und inhaltliche Strukturen zeigen sich zwar wandlungsresistent, Änderungen können sich jedoch zum einen durch die im Lauf der Zeit feststellbare Erweiterung des Notlagenspektrums, zum anderen durch die Ausweitung des in den Sammlungen behandelten Personenkreises ergeben, zu dem verstärkt Frauen, Kinder und Namenlose zu rechnen sind. Ein verändertes spätmittelalterliches Wunderverständnis in sozial- und mentalitätsgeschichtlichem Kontext ist also konstitutiv für die konkrete Ausgestaltung bzw. inhaltliche Transformation von Mirakelsammlungen.

Inwieweit unterscheiden sich die in Translationsberichten verwendeten Mirakel in Inhalt, Form und Verwendung von denen in Heiligenviten und postmortalen Mirakelsammlungen? Diese Frage bildet den Ausgangspunkt für Hedwig Röckeleins profunden Beitrag „Über Hagio-Geo-Graphien. Mirakel in Translationsberichten des 8. und 9. Jahrhunderts“ (S. 166-180). Der Blick auf die Typologie der Translationswunder zeigt, dass Heilungswunder dabei klar dominieren. Nirgends war der Heilige für die Allgemeinheit so direkt und leicht zugänglich wie während der Translation. In keiner anderen Situation konnte der Thaumaturg wirkungsvoller heilen, stand er uneingeschränkter allen Kreisen der Bevölkerung zur Verfügung. Auch die sogenannten Beweiswunder sind charakteristisch für Translationsberichte, kann der Heilige doch mit ihrer Hilfe seinen Willen kundtun. Zeigt er sich mit der Öffnung seines Grabes und der Erhebung seiner Gebeine einverstanden, erfüllt selbstverständlich ein wohlriechender Duft den Sakralraum, wird während des Transports die Bahre in den Händen der Träger schwerer, gilt dies als untrügliche Willensbekundung, an diesem Ort niedergelegt zu werden. Röckelein betont, dass sich die Struktur des Translationsberichts klar am Wunderwirken des Heiligen orientiert, das heißt man erfährt über den vorausgehenden Reiseweg zum Ort der Auffindung ebenso wenig wie über diejenigen Streckenabschnitte, auf denen der Heilige keine Wunder wirkt. Drei unterschiedliche Varianten von Hagio-Topografien werden benannt. Ist die erste Variante von sich kontinuierlich ereignenden Wundern während der Translation geprägt, ereignen sich in der zweiten Variante Wunder nur beim Verlassen des Herkunftsortes der Reliquien und beim Eintritt in das Empfängergebiet. In der dritten Variante schließlich ereignen sich während der Translation überhaupt keine Wunder. Translationen sind also Hagio-Geo-Grafien und Hagio-Chrono-Grafien in dem Maße, in dem sie zwar nur begrenzten Einblick in das historische Ereignis der Reliquientranslation erlauben, dafür jedoch der Heilige und die Entfaltung seiner virtus durch Wunder in den Vordergrund rücken.

Im Rahmen seines Aufsatzes „Wunderberichte im 9. Jahrhundert. Ein Beitrag zum literarischen Genus der frühmittelalterlichen Mirakelsammlungen“ (S. 180-227) untersucht Hans-Werner Goetz Struktur, Inhalt und Funktion von Wunderberichten, legt den Schwerpunkt auf Mirakelsammlungen als literarische Gattung und bestimmt ihr Verhältnis zu Heiligenviten. Die Problemfelder werden von unterschiedlichen Seiten beleuchtet: 1. von der handschriftlichen Überlieferung, 2. von der inneren Ordnung der Wunderberichte, 3. von ihrer Quantität und Klassifizierung, 4. von ihrer Orts- und Zeitgebundenheit, 5. von ihrer Funktion im Rahmen des hagiographischen Berichts. Goetz weist zu Recht darauf hin, dass in den Mirakelberichten des 9. Jahrhunderts vor allem ein chronologisches Ordnungsprinzip vorherrscht, sich miracula mithin eben doch nicht so überzeitlich präsentieren wie immer behauptet. In Hinblick auf den Zeitpunkt der Wunder kann es nicht weiter überraschen, dass in Viten die zu Lebzeiten vollbrachten Wunder bei weitem überwiegen, während Mirakelsammlungen nahezu ausnahmslos posthume Wunder schildern. Mit Blick auf die innere Differenzierung der Viten ergibt sich der Befund, dass der Anteil der Wunder in Frauenviten und –mirakeln fast doppelt so hoch ist wie in Männerviten, diese Wunderberichte also eine Lücke schließen, die sich durch die kaum beschreibbare, weil nicht vorhandene politische oder klerikale Tätigkeit von Frauen aufgetan hatte. Die Art der geschilderten Wunder verweist auf einen weiteren Unterschied: Der Anteil von Heilungswundern ist in Mirakeln ungleich höher als in Viten. Heilungswunder sind typische „Mirakel- und Posthumwunder“ (S. 212). Erkenn- und belegbare Differenzierungen lassen Goetz dafür plädieren, Viten und Mirakel einer jeweils eigenen Gattung zuzuordnen.

Die nachfolgenden Beiträge erweitern den zeitlichen Rahmen. Ins Blickfeld treten nun verstärkt das Hoch- und Spätmittelalter. Über detaillierte Textanalysen wird in den Beiträgen von Bernhard Vogel (Visionen und Mirakel. Literarische Tradition und hagiographischer Kontext am Beispiel Lamberts von Deutz, S. 227-252), Marcus Stumpf (Zur Funktion der Wunder in der Bamberger Vita sancti Heriberti regis et confessoris, S. 252-271), Uta Kleine (Mirakel zwischen Kult-Ereignis und Kult-Buch: Die Verehrung Erzbischof Engelberts von Köln im Spiegel der Miracula Engelberti, S. 271-311), Karin Fuchs (Guibert de Nogent – ein Wundererzähler zwischen Theorie und Praxis, S. 311-334), Patrick Henriet (Rex, lex, plebs. Les miracles d’Isidore de Séville à Léon [XI-XIIIe siècles], S. 334-351), Jean-Michel Matz (Les miracles de l’évêque d’Angers Jean Michel [1447-1546], S. 377-399) und Michael Rothmann (Wundergeschichten zwischen Wissen und Unterhaltung: der Liber de mirabilibus mundi [_Otia imperialia] des Gervasius von Tilbury, S. 399-433) versucht, die Funktion des Wunders kontextabhängig zu entschlüsseln. Durch die mitunter ausgesprochen kleinteiligen Analysen werden hier übergeordnete Zusammenhänge häufig aus den Augen verloren. Das Herstellen von Bezügen bleibt in diesem Falle dem Leser überlassen. Den Übergang vom Spätmittelalter in die Frühe Neuzeit markieren die beiden Beiträge von Thomas Wetzstein (Zur Bedeutung der Mirakel in den Kanonisationsprozessen des 15. Jahrhunderts, S. 351-377) und Gabriela Signori (Kultwerbung – Endzeitängste – Judenhaß. Wunder und Buchdruck an der Schwelle zur Neuzeit, S. 433-473). Beleuchtet Wetzstein Aspekte des kanonischen Rechts, macht Signori auf die Bedeutung des Buchdrucks bei der mirakelgestützten Propaganda für einzelne Kultorte wie Altötting oder Regensburg aufmerksam.

Ein Register der Orts- und Personennamen beschließt ein Werk, mit dem die Mirakelforschung zweifellos „à jour“ gebracht worden ist. Eines will und kann der Tagungsband allerdings nicht herbeiführen: eine Entscheidung darüber, ob Mirakel tatsächlich als eigenständige Gattung zu klassifizieren sind.