J.C. Behrends u.a. (Hgg.): Fremde und Fremd-Sein in der DDR

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Titel
Fremde und Fremd-Sein in der DDR. Zu historischen Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland


Herausgeber
Behrends, Jan C.; Lindenberger, Thomas; Poutrus, Patrice G.
Erschienen
Berlin 2003: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
376 S.
Preis
€ 21,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Beate Ihme-Tuchel, Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, Freie Universität Berlin

Dieser anregende Sammelband geht auf eine Tagung zurück, die als Reaktion auf die im Sommer 2000 in den Medien losgetretene „Sommerloch-Debatte“ (S. 32) über die Wurzeln von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern stattfand. Diesem in der Forschung, wenigstens was seine zeitgeschichtliche Dimension anbelangt, bislang unterbelichteten Thema widmet sich der Band. Aus vier Blickwinkeln spüren 17 AutorInnen den historischen Ursachen der ostdeutschen Fremdenfeindlichkeit nach, indem sie jene Strukturen analysieren, die „Fremdheit“ konstituierten: „Die Frage nach den Konstruktionen von ‚Eigenem‘ und ‚Fremdem‘, nach den Grenzen des ‚Eigenen‘ und nach den Konsequenzen dieser Konstrukte in der diktatorisch verfaßten Gesellschaft der DDR steht im Mittelpunkt“. Ein bereits zu DDR-Zeiten prekärer und ambivalenter Umgang mit „Fremden“, so die zentrale These, hat durch die Erfahrung des Systemumbruchs von 1989/90 eine Steigerung erfahren, weswegen heute von einer „spezifisch ostdeutschen Fremdenfeindlichkeit“ gesprochen werden kann. „Fremdenfeindlichkeit“ meint dabei eine „tendenziell mehrheitsfähige Einstellung“, die - anders als der nur von einer Minderheit getragene „Rechtsradikalismus“ oder der „Neonazismus“ - einen breiteren Blick auf die Gesellschaft ermögliche (S. 12f.). Trotz dieses Hinweises wäre eine exaktere Definition dieser vielfach synonym benutzten Begriffe wünschenswert gewesen.

Vorangestellt ist dem Band eine knappe und gut lesbare Einleitung der Herausgeber. In seiner Einführung legt Jürgen Danyel die zentrale Fragestellung noch einmal ausführlicher dar: Lassen sich Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern auf historische Ursachen zurückführen, die in der autoritär verfassten DDR-Gesellschaft und deren unzureichender Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu suchen sind? Danyel zeichnet ausführlich die öffentliche und die wissenschaftliche Diskussion über dieses Problem seit 1989 nach, wobei er die mit ihr verbundenen Instrumentalisierungen auf ost- und auch auf westdeutscher Seite deutlich benennt. Alle Deutungsversuche müssten erklären können, wie den mehrheitlich jungen Trägern dieses Rechtsextremismus, die die DDR allenfalls in ihrer Endphase erlebt haben, diese Prägungen vermittelt worden sind. Weitaus stärker als bisher müssten dazu ihre Eltern und Großeltern in den Blick genommen werden (S. 23, 36, 34f.).

Um möglichst genaue Aussagen über die historischen Ursachen der ostdeutschen Fremdenfeindlichkeit machen zu können, spannt der empirische Teil einen weiten Bogen. Gábor T. Rittersporn analysiert dazu im ersten Kapitel, das mit „Staatssozialismus als Fremdherrschaft“ überschrieben ist, die sowjetische Minderheiten- und Fremdenpolitik. Wie hat sich das Vorbild der UdSSR, wo seit 1917 die Diskriminierung tatsächlicher oder vermeintlicher Gegner „Alltagsroutine“ geworden sei, auf die Fremden- und Minderheitenpolitik des späteren Ostblocks ausgewirkt? Rittersporn nimmt an, dass die Remigranten aus der UdSSR sich an diesem Beispiel orientiert haben. Lebensgeschichtliche Erinnerungen an die sowjetischen „Besatzer“ sind das Thema Oliver von Wrochems. Mithilfe lebensgeschichtlicher Mehr-Generationen-Interviews untersucht er, wie diese Erfahrungen an die nächste Generation weitergegeben wurden. Der wechselhaften Geschichte der - weitgehend „erfundenen“ - deutsch-sowjetischen Freundschaft geht Jan C. Behrends nach.

Das zweite Kapitel ist der „gesamtdeutschen Dimension“ von Fremd-Sein und Fremdenfeindlichkeit gewidmet. Christoph Classen vergleicht unter Zugrundelegung von vier Phasen differenziert den öffentlichen Umgang beider deutscher Staaten mit dem Nationalsozialismus. Zwischen heutiger Fremdenfeindlichkeit und DDR-Antifaschismus bestehe ein Zusammenhang: Die breite Zustimmung zu einem „so stark homogenisierten, auf inneren Konsens und äußere Abgrenzung zielenden, vorwiegend moralisch fundierten Konstrukt“ wie dem Antifaschismus sei ein „Beleg für die Kontinuität jener anti-liberalen Mentalitäten und Wertorientierungen [...], die im Osten derzeit einen so brisanten gesellschaftlichen Resonanzboden für Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit bilden“ (S. 126). Anhand privater Korrespondenzen untersucht Irene Dietzsch das Problem des „Deutschseins“ für die Ostdeutschen in einem geteilten Land. Weil von der erfolgreicheren Bundesrepublik ständig in Frage gestellt, sei für die DDR-Bürger ihr Selbstverständnis von zentraler Bedeutung gewesen, „deutsch, sauber und in Abgrenzung nach Osten weniger rückständig“ zu sein (S. 135). Nicole Hirschler-Horáková untersucht die insgesamt zögerlichen Bemühungen der DDR um die Rückführung von Deutschen aus der UdSSR in den 1950er-Jahren vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Systemkonkurrenz.

Im dritten Kapitel geht es um „soziale Ausgrenzung“ in der DDR. Heike van Hoorn analysiert die „Shukow-Aktion“ von 1945/46, in deren Folge etwa 50.000 sudetendeutsche Antifa-Angehörige die Tschechoslowakei verlassen „durften“. Unter strafrechtlichen Aspekten rekonstruiert Thomas Lindenberger die nach dem Mauerbau einsetzende Identifizierung des „Asozialen“ als „Fremden“ im Innern. „Asozialität“ sei zur destruktiven Gegenwelt eines „konstruktiv-aufbauenden“ Sozialismus konstruiert worden (S. 188). Lindenberger verweist hier auf den seltenen Fall eines Einvernehmens zwischen Bevölkerung und Staat im Urteil über „Asozialität“ und „Rowdytum“. Mit den vergeblichen Versuchen der SED-Führung in den 1960er-Jahren, den Einfluss „westlicher Dekadenz“ auf die Jugend abzuwehren, befasst sich Elfie Rembold. Dieses Kapitel beschließt Joan Hackeling, die eine historische Erklärung für die fremdenfeindlichen Krawalle vom Sommer 1992 in Rostock-Lichtenhagen sucht. Wie ging man dort zwischen 1978 und 1989 „ortsbezogen“ mit Konflikten im Alltag um? Wie wurden „Fremde“ ausgegrenzt?

Im Mittelpunkt des vierten und umfangreichsten Kapitels steht der Umgang mit Ausländern zu DDR-Zeiten. Asyl wurde häufig aus politischem Kalkül gewährt, die Beschäftigung von Ausländern erfolgte weniger aus „internationalistischer“ Solidarität, sondern gehorchte häufig dem Gebot des Arbeitskräftemangels.

Wie die kleine Gruppe der so genannten Politemigranten im Visier des Ministeriums für Staatssicherheit blieb, legt Patrice G. Poutrus dar. Uta Rüchel untersucht das SWAPO-Kinderheim in Bellin im Spannungsfeld von Paternalismus und Solidarität. Durch die Koppelung der Solidarität an bestimmte Gruppen wie Befreiungskämpfer, Notleidende, Unterdrückte oder Opfer des „Imperialismus“ sei die Menschenwürde zumeist „in enger Verbindung mit ideologischen Auseinandersetzungen thematisiert“ worden (S. 269). Um ausländische Vertragsarbeitskräfte in der DDR geht es bei Dennis Kuck, während sich Rita Röhr mit dem Einsatz polnischer Arbeitskräfte in den grenznahen Betrieben der DDR befasst. Sie verweigert sich der zentralen These des Bandes über die Ursachen der Fremdenfeindlichkeit. Erst 1989/90 sei die Basis für den nachhaltigen Erfolg der rechten Szene im Osten entstanden (S. 307, 283). Annegret Schüle beschließt dieses Kapitel mit einer unter den paradigmatischen Titel „Die ham se sozusagen aus dem Busch geholt“ gestellten Untersuchung. Sie fragt, wie die schwarzafrikanischen und vietnamesischen Vertragsarbeiter im VEB Leipziger Baumwollspinnerei von ihren deutschen Kollegen und Vorgesetzten wahrgenommen wurden.

Den Band beschließt das bereits viel diskutierte Thesenpapier von Jan C. Behrends, Dennis Kuck und Patrice G. Poutrus über die historischen Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern, das deren mögliche Ursachen benennt und auch die Folgen des „Strebens nach maximaler Homogenität“ in der SED-Diktatur sehr scharf erfasst. Mutig ist ihr Hinweis darauf, dass es sich bei der heutigen ostdeutschen Wohnbevölkerung um die „Dagebliebenen“ handelt, also „jenen immobilen Teil der Menschen, der an den großen Abwanderungswellen nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1961, nach 1990) nicht partizipiert hat“ (S. 332). Ein ostdeutsches Spezifikum sei es also, dass dort „immobile“ Einheimische auf „mobile“ Fremde treffen würden. Ob die Anwesenheit von Ausländern in der eingemauerten DDR, die unter den Bedingungen der Diktatur natürlich nur in engster Abstimmung mit der SED denkbar war, aber bewirkt hat, dass „Fremde“ immer „auch als Symbol sozialistischer Herrschaft“, gar als „Repräsentanten kommunistischer Herrschaft“ wahrgenommen wurden bzw. werden konnten, wird sich in Zukunft noch erweisen müssen. Gleichwohl eignet sich dieses Papier ebenso wie der gesamte Band vorzüglich, den von den Verfassern gewünschten „breiten zivilgesellschaftlichen Dialog“ über die Ursachen von Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern zu eröffnen, sofern dieser ohne die üblichen west- und ostdeutschen Instrumentalisierungen auskommt, wie sie von Jürgen Danyel so eindrücklich geschildert wurden (S. 327, 330, 332).

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17.05.2004
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