M. Gebhardt: Geschichte des jüdischen Alltags

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Titel
Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland. Vom 17. Jahrhundert bis 1945


Herausgeber
Kaplan, Marion
Erschienen
München 2003: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
638 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Miriam Gebhardt, Fachbereich Geschichte, Universität Konstanz

Die "Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland vom 17. Jahrhundert bis 1945" soll, wie die Herausgeberin eingangs erklärt, als Ergänzung gelesen werden zur vierbändigen Gesamtdarstellung "Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit".[1] Beide Werke wurden im Auftrag des Leo-Baeck-Institutes realisiert, das sich seit 1955 um die Erforschung und Bewahrung des historischen Erbes des deutschen Judentums kümmert; beide Werke sind in relativ kurzem Abstand im C. H. Beck Verlag erschienen. Was möchte die Alltagsgeschichte der von Michael A. Meyer herausgegebenen Synthese beisteuern? Hier soll es, so Marion Kaplan, Professorin für jüdische Geschichte an der New York University, um die "tägliche Erfahrung gewöhnlicher Juden" (S. 16), ja, um das "Bewusstsein" (S. 10) der Menschen, oder, in den Worten Geoff Eleys, den sie zitiert, um die "Erlebnis- und subjektiven Dimensionen der jüdischen Sozialgeschichte" seit der frühen Neuzeit (ebd.) gehen.

Tatsächlich hebt sich diese Alltagsgeschichte in ihrer Struktur kaum vom Vorgängermodell ab. Vier Autorinnen und Autoren handeln in ihren jeweiligen Epochen dieselben Themen ab: Lebensumfeld und Wohnformen, Familienleben, Kindheit und Bildung, Wirtschaftsleben, religiöses Leben und soziale Beziehungen. Von der "Deutsch-jüdischen Geschichte", die darüber hinaus noch die kulturelle Leistung der deutschen Juden und die politischen Rahmenbedingungen behandelt, unterscheidet sich dieser Band also in erster Linie durch den Blickwinkel, den man durch die Verwendung subjektiver Quellen - in erster Linie unveröffentlichte Memoiren aus dem New York Leo-Baeck-Institute, aber auch gedruckte Autobiografien und einige rabbinische Responsen - zu erhalten hofft.

Trotz der anders lautenden Gliederungsthemen beherrscht die Darstellung ein großes Thema - die Familie. Kindheit und Ausbildung fanden meistens ebenso in familiären Zusammenhängen statt wie das Wirtschaften, die Religion, und selbst die sozialen Beziehungen bestanden bis zum Ende des untersuchten Zeitraums hauptsächlich aus Verwandtschaft. Natürlich gab es in der Frühen Neuzeit auch schon (gut-)nachbarschaftliche Kontakte, gemeinsames Wohnen und Wirtschaften, später Engagement in Vereinen und Parteien Seite an Seite mit Christen und zuletzt eine wachsende Zahl von exogamen Ehen; doch im Großen und Ganzen blieb es bei formellen Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden im öffentlichen Raum. Die anekdotischen Erzählungen davon gehören zu den interessanten Abschnitten des Buches.

Die Alltagsgeschichte der Juden in Deutschland, so wie sie hier dargestellt wird, war also eine Familiengeschichte, ohne dass dies allerdings von den Autoren intendiert oder elaboriert würde. Die große Rolle der Familie, und zwar ungeachtet der historischen Umstände, findet eine Erklärung nicht so sehr in möglicherweise spezifisch jüdischen Erfahrungen, sondern eher in den Quellen, die verwendet wurden. Angefangen mit der wegen ihrer Rarität und Anschaulichkeit oft zitierten "Memoiren der Glueckel von Hameln", auf die Robert Lieberles ein Gutteil seines ersten Abschnittes (1618-1780) stützt, über den Quellenhauptfundus, den zahlreichen Memoiren aus dem 19. und 20. Jahrhundert, auf die sich die Abschnitte von Steven Lowenstein (bis 1870), Marion Kaplan (bis 1919) und Trude Maurer (bis 1945) konzentrieren, kreisen die Texte um die Familie. Autobiografien aus diesem Zeitraum hatten vornehmlich ihre Funktion in Rahmen des Familiengedächtnisses. Sie nahmen teil an der intergenerationellen Weitergabe, indem sie für Angehörige aufgeschrieben wurden. Sie kolportierten Familiengeschichte und transportierten einen bestimmten familiären Geist oder Auftrag, wie schon Maurice Halbwachs über das kollektive familiale Erinnern festgestellt hat. [2] So findet man, wenn man Autobiografien auf objektivistische Weise liest, wie das in diesem Fall geschieht, genau das, was die Verfasserinnen und Verfasser der Texte beabsichtigt haben - eine Familiengeschichte.

Das soll nicht heißen, dass die Autorinnen und Autoren der Quellen nur Schönes zu berichten hätten. Wir lesen Erinnerungen an lieblose Eltern, sadistische Lehrer, vor allem im ersten Abschnitt von harten Lehrjahren von früh aus dem Hause geschickten Kindern. Die Verfasser dieser Beschreibungen haben allerdings eine Agenda, schreiben sie doch ihre Erinnerungen zu einem Zeitpunkt auf, als jüdische Aufklärung und Bildungsexpansion genau diese Themen in den Vordergrund rückten. Und zwar gerade bei jenem Personenkreis, der an der Schwelle zur Moderne Autobiografien schrieb, nämlich einer kleinen Elite, die kaum das Bewusstsein "einfacher Juden" wiederzugeben vermochte.

Daher zeigen sich die wenigen anderen Quellen als tauglicher, um dem vom Band intendierten Blickwinkel nahe zu kommen. Robert Liberles` Kapitel wird dann am spannendsten, wenn die Reibungen sichtbar werden zwischen den normativen Quellen, in denen die Ansprüche einer Zeit formuliert sind, zu der das Leben noch im Einklang mit den religiösen Vorschriften stehen sollte und jenen Quellen, aus denen die sichtlich schwierige Umsetzung herausklingt. So zeigt Liberles beispielsweise, dass das Leben auf dem Lande so traditionell gar nicht aussehen konnte, wie man später gerne glauben mochte, da allein schon die Wege zur nächsten Synagoge oder einer religiösen Instanz zu weit, das religiöse Personal zu schlecht ausgebildet oder der Volksglauben zu ausgeprägt waren (S. 98-115). Die Widersprüchlichkeiten veranschaulicht auch die Anekdote über den berühmten Rabbiner Jakob Emden, der im frühen 18. Jahrhundert einerseits eine konservative Autorität in Fragen der Auslegung, was Juden zu wissen erlaubt war, verkörperte, andererseits sich dabei erwischen ließ, wie er in einem Kaffeehaus einen gänzlich unkoscheren Kaffee mit Milch zu sich nahm. (S. 109)

Eine Schwierigkeit der späteren Abschnitte besteht darin, dass sich mit dem fortschreitenden Akkulturationsprozess das Leben der Juden von dem der Christen so sehr nicht mehr unterschied. Juden haben in ihrer Freizeit genauso gerne Karten gespielt, im Wirtshaus gesessen oder gekegelt wie Nichtjuden. Die Wohnformen glichen sich immer mehr an, wenn auch die Berufsstruktur mit dem Schwerpunkt im Handel immer differieren sollte. Auch die oft erörterten intimen Beziehungen im aufziehenden bürgerlichen Zeitalter entbehrten der Originalität. Wie bei den Christen auch kamen die Kinder oft in frühen Jahren aus dem Haus, man lebte in der Kernfamilie zusammen, deren Zustandekommen allerdings von der Bevölkerungspolitik für eine große Zahl von Individuen unerreichbar war. Die hohen Ledigenzahlen und das späte Heiratsalter lassen sich auf die Zahlen der Gesamtbevölkerung abbilden, nur die Unehelichenrate lag bei Juden deutlich niedriger. Warum, erklärt die "Alltagsgeschichte" nicht, obwohl gerade der Bereich der Prokreation wohl ein klassisches Alltagsthema wäre. Die Quellen allerdings geben dafür kaum etwas her, ebenso wie für die Fragen nach Krankheit und Tod, die klassisch alltagsgeschichtlich wären. Loewenstein ist sich dieser systematischen Schwäche der Quellenauswahl wohl bewusst und konzidiert, er könne mit diesem Ansatz nur "beispielhaft verschiedene jüdische Lebensweisen" darstellen (S. 134).

Der andere Grund, warum sich gerade in der bürgerlichen Zeit die Problem mit einer auf Autobiografien gestützten Alltagsgeschichte häufen, ist die Schwierigkeit einer quellenunkritischen Herangehensweise. Wie schon in ihrer für die jüdische Geschichtsschreibung wegweisenden Arbeit über das Bürgertum im Kaiserreich [3] breitet Marion Kaplan auch hier ihre These aus, die bürgerliche Frau habe bei der Bewahrung und Modernisierung jüdischer Tradition die Hauptrolle gespielt. Frauen hätten sich entscheidend an der gesellschaftlichen und kulturellen Verbürgerlichung beteiligt, indem sie ein ehrbares und kultiviertes Heim schufen und ihre Kinder analog der bürgerlichen Verhaltensnormen erzogen, das heißt ihnen Erziehungsideale wie Pflicht, Gehorsam, Ordnung, Sparsamkeit, Fleiß und Respekt notfalls mit Gewalt eintrichterten (S. 239-240). Als jüdisches Element entdeckt Kaplan dabei die im Gegensatz zur deutschen Rechtslage und zur Praxis im christlichen Bürgertum stehende "unmittelbare, nicht abgeleitete Autorität der Mütter" (S. 242). Diese These untermauert sie mit zum Teil nach 1933 geschriebenen Erinnerungen und mit einem Erziehungstagebuch, das im späten 19. Jahrhundert zustande gekommen ist. An dieser Stelle muss allerdings ein Fragezeichen gesetzt werden. Nicht nur, dass bei der Analyse der Erinnerungen der große historische Abstand, ja Abgrund, über die NS-Zeit hinweg nicht in Rechnung gezogen wird, auch werden die zeittypischen Stereotype über die "gute, alte Zeit" im Kaiserreich nicht beachtet, die auch die Verteidigungsbedürfnisse ehemaliger, nun schon im Argen liegender Geschlechterrollen beinhalten. Selbst im Erziehungstagebuch kann man schwerlich den Niederschlag objektiver Wirklichkeit finden oder gar autonome Mütterlichkeit. Dieses bis ins 20. Jahrhundert weiter gepflegte Genre spiegelt vielmehr den normativen Druck, unter den Kinderziehung im ausgehenden 19. Jahrhundert geraten ist, und der keine Erfindung von Frauen ist, sondern wesentliches Fundament der Geschlechterpolarisierung und damit einhergehenden Disziplinierung und Kontrolle der Frauen als Mütter.

Es hätte der Darstellung gut getan, wenn die Personen, die hinter den Quellen stehen, ihre Biographien, ihr Erinnerungskontext, ihre Bedürfnisse und Anlässe der Niederschrift, deutlich gemacht worden wären. Die in den Memoiren und Tagebücher getroffenen Aussagen mit dem Kontext der Adressaten, der Anliegen und Deutungsroutinen abzugleichen, hätte das "Bewusstsein" der deutschen Juden besser beleuchtet.

Der letzte von Trude Maurer vorgelegte Abschnitt hat mit der Zusammenfassung von Weimar und Nationalsozialismus eine schwierige, schreiberisch und kategorial an die Grenzen gehende Periodisierung vorzunehmen. Schließlich hält sich Alltagsgeschichte nicht an die üblichen politischen Daten, sondern hat ihren eigenen Rhythmus. So hat sich der Alltag der deutschen Juden wohl erst seit der Installation des Hitler-Regimes deutlich von dem der Nichtjuden unterschieden, während sich in der Weimarer Zeit immer noch langsame und allmählich wirksame Prozesse der Modernisierung auswirkten. Themen wie "Freizeit und Geselligkeit" wirken in der NS-Periode auf den ersten Blick unangemessen. Trotzdem sind Zitate aus Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen für das letzte Kapitel deutsch-jüdischer Geschichte eine geeignete Form, die Überlebenden zu Wort kommen zu lassen. Der Blickwinkel der Menschen, die etwa in so genannten privilegierten Mischehen lebten, oder in Verstecken ausharren mussten, wo sie vor Langeweile anfingen, Kleider zu stricken und aufzutrennen (S. 467), ist bisher so von der Forschung noch kaum eingenommen worden.

Anmerkungen:
[1] Meyer, Michael A. (Hg.), Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit I-IV, München 1996, 1997.
[2] Halbwachs, Maurice, Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, Berlin 1966.
[3] Kaplan, Marion, Jüdisches Bürgertum. Frau, Familie und Identität im Kaiserreich, Hamburg 1997.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.08.2003
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