Cover
Titel
Israel-Studien. Geschichte – Methoden – Paradigmen


Herausgeber
Becke, Johannes; Brenner, Michael; Mahla, Daniel
Reihe
Israel-Studien. Kultur – Geschichte – Politik 3
Erschienen
Göttingen 2020: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
261 S.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Viola Alianov Rautenberg, Bucerius Institute for Research of Contemporary German History and Society, University of Haifa

Israel, ein Staat von der Größe Hessens, ist nicht nur permanent in den deutschen Nachrichten präsent, sondern mittlerweile auch Gegenstand eines eigenen Forschungsfeldes: Die Israel-Studien sind in Deutschland angekommen. Daher nimmt sich der vorliegende Sammelband der Frage an, was genau dieses in Deutschland noch junge Forschungsgebiet methodisch und inhaltlich ausmacht, und möchte dies einem wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Publikum vorstellen. Einen Schwerpunkt des Bandes bilden die Diskussionen über die disziplinäre Einordnung des neuen Forschungsgebietes zwischen Jüdischen Studien und Nahost-Studien sowie die Fragen nach der Einzigartigkeit und Vergleichbarkeit Israels. Insbesondere richtet sich das Buch dabei an Studierende. Ihnen soll mit dem Sammelband ein Überblick darüber geboten werden, mit welchen Methoden Staat, Gesellschaft und Kultur Israels heute erforscht werden und was die zentralen Debatten dieses Fachgebietes sind.

Bei den drei Herausgebern, die erste Einblicke in die Thematik geben, handelt es sich um Michael Brenner, Daniel Mahla und Johannes Becke, die sich allesamt durch einschlägige Publikationen und Lehre im Bereich der Israel-Studien beziehungsweise an der Schnittstelle von israelischer und jüdischer Geschichte hervorgetan haben. Der hier besprochene Band ist Teil der Reihe „Israel-Studien“ im Wallstein Verlag und folgt darin den Bänden zur Geschlechter- (Bd. 1) und Kulturgeschichte Israels (Bd. 2) – Themen, die in dem vorliegenden Band nur am Rande behandelt werden.

Die 15 Beiträge, die die Herausgeber zusammengestellt haben, sind drei Abschnitten zugeordnet. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Geschichte der Israel-Studien in Deutschland und schlägt den Bogen von der „Wiederentdeckung“ Palästinas im 19. Jahrhundert über die NS-„Judenforschung“ bis zur Gegenwart. Hervorzuheben ist hier vor allem der Beitrag von Jenny Hestermann über die Wissenschaftsgeschichte der Israel-Studien in Deutschland nach 1945. In ihrem Beitrag stellt Hestermann fest, dass zwar die deutsche Geschichte in Israel akademisch verankert ist, wohingegen trotz der oft betonten besonderen Bedeutung der deutsch-israelischen Beziehungen die „Auseinandersetzung mit dem Staat Israel in der deutschen Forschungslandschaft nur schwach institutionalisiert ist“ (S. 73). Hestermann formuliert daher – wie auch andere Beiträger des Bandes – das wissenschaftspolitische Ziel, dies zu ändern und die Israel-Studien fest in der deutschen Wissenschaftslandschaft zu etablieren.

Der zweite und umfangreichste Teil des Bandes setzt sich mit verschiedenen methodischen Ansätzen in den deutschen Israel-Studien auseinander. So sind Zugänge der Politikwissenschaften, der Geschlechtergeschichte, der Literatur- und der Kunstgeschichte sowie der jüdischen Geschichte und der Nahoststudien im Band vertreten. Von den insgesamt sechs Beiträgen dieses Abschnitts treten hier insbesondere zwei hervor. Dies ist zum einen der Beitrag von Jannis Panagiotidis zu Migrationsstudien, der einen gut lesbaren und pointierten Überblick zu diesem Aspekt der israelischen Geschichte und Gegenwart sowie ihrer Erforschung bietet. Darüber hinaus stellt Panagiotidis heraus, wie Israel-Studien als ein lohnendes Forschungsfeld in die allgemeinen Migrationsstudien integriert werden könnten. Auch Sebastian Schirrmeisters Beitrag über Literaturwissenschaft und Israel-Studien bietet einen lesenswerten Einblick in die zentralen Diskussionen und „Gretchenfragen“ der israelischen Literaturwissenschaft.

Der dritte und letzte Teil des Bandes präsentiert Beiträge der drei Herausgeber zu Forschungsparadigmen der Israel-Studien. Die von den Autoren ausgewählten Paradigmen beziehen sich dabei allesamt auf den Charakter des israelischen Staates: Israel als jüdischer Staat, Israel als nahöstlicher Staat und Israel als imaginierter Staat. Alle drei Artikel gehen dabei den Leitfragen des Bandes nach und diskutieren die Verortung der Israel-Studien in den akademischen Disziplinen sowie die Einzigartigkeit und Vergleichbarkeit Israels. Daniel Mahla setzt sich in seinem gut lesbaren — und für eine deutsche Leserschaft sicherlich besonders interessanten — Beitrag mit dem Paradigma Israel als jüdischer Staat sowie dessen wichtigen gesellschaftlichen Fragen auseinander und macht diese durch Schaubilder auch einem außerwissenschaftlichen Publikum gut verständlich. Gerade dieser letzte und (wie sich in der Benennung durch die Herausgeber ausdrückt) zentrale Teil des Bandes macht deutlich, dass die hier diskutierten Fragen ebenso wie die Definition dessen, was Israel-Studien sind oder sein sollten, auch vom Standort der Betrachterin oder des Betrachters abhängig sind. Forscherinnen und Forscher, deren Interesse im Bereich der israelischen Gesellschaft oder Kultur liegt, hätten vermutlich andere Themen als Paradigmen in den Israel-Studien diskutiert.

Sammelbände sind eine Auswahl. In diesem Fall ist die Auswahl dadurch bedingt, dass (abgesehen von Derek Penslar) alle Autorinnen und Autoren deutschsprachig sind. Daher stellen die von ihnen bearbeiteten Forschungsgebiete in erster Linie dar, was Israel-Studien aus deutscher Sicht sind. Diese editorische Entscheidung ist durchaus nachvollziehbar. Ihre Bedeutung hätte allerdings stärker thematisiert werden können. Dieser deutschen Perspektive auf die Israel-Studien ist auch die Schwerpunktsetzung der disziplinären Verortung sowie der Frage der Einzigartigkeit versus Vergleichbarkeit geschuldet. Dem Anspruch, das Thema Studierenden, Lehrenden wie auch einem außerwissenschaftlichen Publikum nahe zu bringen, ist ein Spagat, dem die einzelnen Beiträge in unterschiedlicher Qualität nachkommen: Einige Beiträge sind gut lesbar geschrieben und bieten sogar konkrete didaktische Anleitungen für Lehrende an (v. a. in Shelley Hartens exzellentem Beitrag zur israelischen Kunstgeschichte). Andere wiederum fordern die Leserinnen und Leser durch ihren akademischen Jargon oder gar polemische Sprache heraus.

Sammelbände wählen jedoch nicht nur aus, „was“, sondern auch „wer“ Teil der Konversation ist. Kritisch angemerkt werden muss daher die Geschlechterbilanz des Bandes. Der von drei männlichen Forschern herausgegebene Band enthält insgesamt 15 Beiträge – nur drei davon von Frauen verfasst, darunter jene über die vermeintlich „weichen“ Felder der Kunstwissenschaften und der Geschlechtergeschichte. Der ausgezeichnete Artikel zur israelischen Geschlechtergeschichte von Julie Grimmeisen gibt einen sehr guten Überblick über das Thema und betont nachdrücklich seine Bedeutung für das gesamte Forschungsfeld. Da aber die anderen Beiträge das Thema kaum aufgreifen (obwohl dies für viele sinnvoll gewesen wäre), wird das Thema Geschlecht als wichtige Kategorie in den Israel-Studien sowie als interessanter Zugang für die breite Öffentlichkeit marginalisiert.[1]

Insgesamt ist es den Herausgebern gelungen, wichtige interdisziplinärer Ansätze in den deutschen Israel-Studien zu bündeln. Den Autorinnen und Autoren gelingt es zudem, ihre Artikel miteinander ins Gespräch zu bringen sowie auf Diskussionen, Quellen und Desiderate der Forschung einzugehen und dadurch einen guten ersten Überblick über die Forschungslandschaft der Israel-Studien in Deutschland zu ermöglichen.

Anmerkung:
[1] Gila Silverman / Rachel Harris, Addressing Gender Inequity in Israel Studies, in: The Hadassah Brandeis Institute Blog, 09.12.2019, https://blogs.brandeis.edu/freshideasfromhbi/addressing-gender-inequity-in-israel-studies/ (05.05.2021).

Redaktion
Veröffentlicht am
01.07.2021
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