A. Krause: Eindhovens Occult Rock-Phänomen The Devil's Blood

Titel
Eindhovens Occult Rock-Phänomen The Devil's Blood. Eine Analyse von niederländischen und deutschen Presseartikeln und Reviews sowie Expertengesprächen


Autor(en)
Krause, André
Reihe
Wissenschaftliche Schriften der WWU Münster, Reihe XVIII, 13
Anzahl Seiten
254 S.
Preis
€ 24,10
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nikolai Okunew, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam

André Krauses Studie zur niederländischen Occult-Rock-Gruppe „The Devil‘s Blood“ ist in mehr als einer Hinsicht bemerkenswert. Der Historiker vergleicht – entsprechend seiner institutionellen Anbindung am Zentrum für Niederlande-Studien an der Universität Münster – die Berichterstattung über eine Heavy Metal- bzw. Hardrock-Band in deutschen und niederländischen Medien. Gleichzeitig erbringt Krause so einen Beitrag zu den Metal Music Studies und damit zu einer „jungen, aufstrebenden Disziplin“ (S. 219), die sich seit den letzten anderthalb Jahrzehnten anschickt, die von der Soziologie und den Kulturwissenschaften hinterlassene Forschungslücke in Bezug auf Heavy Metal zu schließen. Die Beobachtung zweiter Ordnung rückt bemerkenswerterweise keine jahrzehntelang kommerziell erfolgreiche, auf den Hauptbühnen großer Festivals spielende Band in den Fokus. Vielmehr untersucht Krause eine Gruppe, die nur zwischen 2007 und 2013 aktiv und eher dem Untergrund bekannt war, wo sie transnational tiefe Spuren hinterließ. Gleichwohl gehört sie auch zu den Favoriten einiger Kulturjournalisten wie Jan Wigger von Spiegel Online (SPON). Erkenntnisleitend ist für Krause zweierlei: der Ländervergleich sowie die unterschiedliche Berichterstattung in Fachmagazinen einerseits und die Darstellung in der allgemeineren Presse andererseits.

Die Leser/innen erwartet also weder eine Bandbiografie noch die Hagiografie des Bandleaders. Zum besseren Verständnis ist es aber nötig, einige Worte über „The Devil‘s Blood“ zu verlieren. Die Band um das Geschwisterpaar Selim und Farida Lemouchi wurde in der Provinz Noord-Brabant – und damit eben nicht in Holland – gegründet. Die Herkunft aus den südlichen Niederlanden bewegte vor allem die regionalen Medien dazu, Selim Lemouchi den Status einen Lokalhelden zuzuschreiben. Sämtliche offizielle Veröffentlichungen der Gruppe erschienen allerdings bei dem deutschen Label „Ván Records“, und auch rund die Hälfte der Konzerte fand im östlichen Nachbarland statt. Zwei Umstände sorgten für eine Polarisierung in der Berichterstattung über die Gruppe: Erstens präsentierte die Band, trotz der okkult-satanischen Texte, einen relativ sanften Stil, der zu vielen Vergleichen mit Psychedelic- und Hardrock-Bands der späten 1960er- und der 1970er-Jahre führte. Zweitens inszenierte die Band ihre Konzerte als satanische – an Black Metal-Performances erinnernde – „Rituale“, verbrannte etwa Weihrauch und übergoss die Bandmitglieder mit großen Mengen von Schweineblut. Nach drei Alben löste sich die Gruppe 2013 auf. 2014 beging der einen „antikosmischen“ (S. 120) Satanismus offen vertretende und wohl von Depressionen geplagte Songschreiber Lemouchi Selbstmord.

Die Geschichte der Band berührt also mehrere in der Szene – aber auch darüber hinaus – kontrovers diskutierte Themenfelder. Krauses Studie verbindet zur Analyse quantitative und qualitative Ansätze und stützt sich dazu auf einen breiten Quellenfundus: 87 über Ankündigungen hinausgehende Presseartikel, 40 Rezensionen, 33 über Fragebögen geführte Interviews mit internationalen Journalist/innen und Musiker/innen sowie mit Selim Lemouchi selbst. Insbesondere die üppige Menge an Artikeln aus Tageszeitungen, Zeitschriften und Online-Portalen handhabt der Autor souverän und erfasst sie durch Kategorienbildungen, die den Leser/innen durch viele Schaubilder nahegebracht werden. Dankenswerterweise wurden alle zitierten Passagen in niederländischer Sprache vom Autor ins Deutsche übersetzt. Der gewählte Forschungsansatz und die Menge der Quellen plausibilisiert den Umstand, dass auf Gespräche mit den ehemaligen Instrumentalisten und Sängerin Farida Lemouchi verzichtet wurde. Die zahlreichen Zitate aus den Interviews mit den Expert/innen erzeugen durch inhaltliche Wiederholungen aber eine gewisse Redundanz. Zusätzlich ärgerlich ist, dass der Autor manche Passage aus diesen Gesprächen mehrmals wiedergibt (etwa S. 128 und S. 168; sowie S. 38 und S. 175).

Nach einer Einleitung und der Beschreibung des Quellenkorpus stehen im dritten Kapitel Vergleiche im Zentrum, die von der Presse zu „The Devil‘s Blood“ gezogen wurden, sowie die Frage, wer die Band welchen Genres zuordnete. Ein aufschlussreicher Exkurs vergleicht – hauptsächlich auf der Basis von Interviews – Größe und Beschaffenheit der niederländischen und deutschen Metal-Szene. Im darauffolgenden vierten Kapitel stehen die Rezensionen und Meinungen zu den diversen Veröffentlichungen der Gruppe im Mittelpunkt, während der fünfte Teil von den Konzerten handelt. Im starken sechsten Kapitel thematisiert der Autor Berichterstattung und Interviews, die sich Selim Lemouchis spiritueller Überzeugung widmen. Der letzte inhaltliche Abschnitt untersucht „Bedeutung & Erbe“ (S. 165), also die Langzeitwirkung der kurzen Bandexistenz.

Als Erkenntnisse präsentiert Krause etwa, dass die Fachmagazine die Band seltener als „Metal“ bezeichneten als nicht spezialisierte Periodika. Auch bei Plattenkritiken sind Unterschiede zwischen den Formaten festzustellen: Negative Rezensionen finden sich beinahe nur in Szenemagazinen, während Journalist/innen mit einem breiteren Publikum häufiger lobend berichteten. Unterschiede zwischen der deutschen und der niederländischen Berichterstattung bestehen hingegen beim Thema Satanismus, das nur in deutschsprachigen Texten negativ erwähnt wurde. Mögliche Erklärungen für diese Unterschiede werden in der Studie meist als Desiderat formuliert (etwa S. 156). Krause stellt die Daten also in erster Linie dar, verlässt sich auf sie, und argumentiert (zu) vorsichtig. Insbesondere bei der häufig auftretenden Frage nach Authentizität hätte ein Anschluss an größere, auch in den Metal Music Studies stattfindende Forschungsdiskurse gewinnbringend sein können. In welchem Verhältnis stand etwa die von einem Experten ausgerufene „neue Authentizität“ (S. 197) der Gruppe und der Umstand, dass ihre ersten Songs über MySpace verbreitet wurden? Trafen die blutigen und olfaktorischen „Rituale“ nicht auf ein Bedürfnis nach für die Szene so wichtiger „Authentizität“? Es ist nicht nur dem pophistorischen Interesse des Rezensenten geschuldet, dass diese Fragen auftauchen. Sie drängen sich vielmehr während des Lesens – vor allem der länglichen Interviewpassagen – als ein weiterer Interpretationsschritt auf. Zumindest im sechsten Kapitel gelingt diese Anbindung an größere Forschungsfragen sehr gut.

Das Buch sticht alles in allem im bunten, aber methodisch nicht immer überzeugenden Forschungsfeld der Metal Music Studies positiv hervor und bereitet die vielen unterschiedlichen Quellen ansehnlich auf. Krause versteht seine Arbeit explizit als Beitrag zu einer laufenden Diskussion und verweist daher auf eine Vielzahl an Desideraten und Möglichkeiten für weitere Forschungen (vgl. S. 219–220). Die vielen Stimmen von Individuen, die eher dem Untergrund zuzuordnen sind, eröffnen den Blick in eine relativ kleine, aber engmaschig vernetzte und über Ländergrenzen hinweggehende Szene, die auch fernab der großen Festivals existiert. Dies und die methodische Abgeklärtheit machen das Buch auch für Forschende außerhalb der Deutschland-Niederlande-Studien empfehlenswert.[1]

Anmerkung:
[1] Der Volltext kann kostenfrei abgerufen werden unter: https://miami.uni-muenster.de/Record/50c7b40f-0a00-4c8a-b23a-8d15feb5d9ea (29.07.2020).