S. Businger u.a. (Hrsg.): Von der paternalistischen Fürsorge zu Partizipation und Agency

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Titel
Von der paternalistischen Fürsorge zu Partizipation und Agency. Der gesellschaftliche Wandel im Spiegel der Sozialen Arbeit und der Sozialpädagogik


Herausgeber
Businger, Susanne; Biebricher, Martin
Erschienen
Zürich 2020: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
256 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Tobias Studer, Institut Integration und Partizipation, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW

Mit dem von Susanne Businger und Martin Biebricher herausgegebenen Sammelband ist mindestens ein doppelter Anspruch verbunden: Der Titel verweist einerseits auf eine historische Entwicklungslinie von einer bevormundenden hin zu einer partizipativ ausgerichteten Praxis Sozialer Arbeit. Fokussiert wird dabei auf die Veränderung der Fachlichkeit unter dem Blickwinkel eines von Umbrüchen geprägten sozialen Wandels. Andererseits gibt der Titel des Bandes einen Hinweis auf die Unterscheidung zwischen Sozialer Arbeit und Sozialpädagogik und eröffnet damit eine Differenzlinie zwischen professioneller Fachlichkeit und theoretischen Auseinandersetzungen.

Der Sammelband geht auf eine Tagung der Arbeitsgemeinschaft „Historische Sozialpädagogik/Soziale Arbeit“ zum Thema „Sozialer Wandel und Fachlichkeit“ zurück und behandelt die Frage nach dem wechselseitigen Wirkungsverhältnis von sozialen Wandlungsprozessen und Fachlichkeitsvorstellungen der Sozialen Arbeit. Die Herausgeberschaft verweist auf die inflationäre Verwendung des Begriffs der Fachlichkeit und definiert sie als „reflektierte Handlungsfähigkeit“ (S. 10) der Akteure in der Sozialen Arbeit. Der Band weist eine große Vielfalt spezifischer Handlungsfelder und Themenbereiche auf, welche in vier Teilen geordnet werden.

Im ersten Teil werden Fachlichkeitsdiskurse in verschiedenen Handlungsfeldern beleuchtet. Dies geschieht einerseits über die Analyse der Bildungsbiografie der Gründungsrektorin der Evangelischen Hochschule Darmstadt vor und nach 1945 (Birgit Bender-Junker und Elke Schimpf), andererseits im Bereich der Heimerziehung in der Schweiz und der damit verbundenen Entwicklung der fachlichen Positionen (Gisela Hauss). Volker Jörn Walpuski setzt sich in seinem Beitrag mit der Supervision als ein neuer fachlicher Bereich in der Nachkriegszeit auseinander. Der Autor macht dabei deutlich, dass sich der Diskurs um die Entwicklung von Supervision zwischen emanzipierenden, funktionalisierenden und kontrollierenden Ansätzen bewegt. Interessant ist hierbei, wie die Annahme der Unabschließbarkeit einer persönlichen Supervision bereits eine Grundlage für die nachfolgenden Diskurse rund um lebenslanges Lernen und Selbstoptimierung legt.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Themenfeld des Aufwachsens und den Erfahrungen staatlicher Interventionen. Hierbei greifen die beiden Beiträge von Sabine Stange und Claudia Streblow-Poser die Rolle der Heimkampagne in Deutschland und deren Auswirkung auf die Entwicklung der Fachlichkeit in der Sozialen Arbeit auf. Stange untersucht dabei die kommunikativen Prozesse am Beispiel eines Erziehungsheims und stellt heraus, dass sich bezüglich der fachlichen Auseinandersetzung Konflikte zwischen den überwiegend akademisch gebildeten jüngeren Teammitgliedern und den langjährigen, älteren Teammitgliedern, die kaum über pädagogische Ausbildungen verfügten, entwickelten. Im Beitrag von Streblow-Poser wird anhand der Analyse von Akten des Jugendamts eine diskursive Verschiebung von der Aberkennung zur Anerkennung des lebensweltlichen Eigensinns der betroffenen Personen rund um die 1970er-Jahre deutlich. Beide Beiträge liefern aufschlussreiche Hinweise auf die in einzelnen Institutionen zu beobachtende Rahmung der Auseinandersetzung um fachliche Perspektiven. Gleichzeitig wäre aber eine Diskussion des Verhältnisses von Sozialpädagogik, Staat und Gesellschaft wünschenswert, um einerseits das kritische Selbstverständnis der Heimkampagne konkret einzubetten und andererseits gleichsam dem im Buch angekündigten Anspruch auf die Analyse staatlicher Interventionen gerecht zu werden. Diese Thematik wird in weiteren Beiträgen dahingehend aufgegriffen, dass anhand der „Jugendnot“ aufgezeigt wird, wie sie sich zum Gegenstand einer sozialpädagogischen Problemlösung entwickelt (Melanie Oechler). Bettina Grubenmann und Christina Vellacott bearbeiten den Wandel von Fachlichkeit anhand einer Analyse des Diskurses um das „Säuglingswohl“. Gegenstand des letzten Beitrags in diesem Buchteil sind die fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen in der Schweiz, wie sie in den vergangenen Jahren aufgearbeitet wurden (Clara Bombach, Thomas Gabriel und Samuel Keller). Dabei liegt der Fokus des Beitrags auf der Auseinandersetzung mit der Rolle der Forschenden bei einer „Re-Traumatisierung“ betroffener Menschen durch die Forschung, indem diese Perspektive in Analogie zur Rolle des Staates bei der Aufarbeitung und „Wiedergutmachung“ früherer staatlicher Eingriffe gesetzt wird.

Unter dem Titel „Soziale Arbeit zwischen Bedürfnisorientierung und Stigmatisierung“ werden in einem dritten Teil Themen wie Abweichung (Stefan Piasecki), die Tabuisierung von sexualisierter Gewalt (Christian Niemeyer) und Demokratieerziehung aufgegriffen. Joachim Henseler löst in seinem Beitrag Sozialpädagogik aus ihrer Verankerung im Handlungsfeld der Kinder- und Jugendhilfe und bezieht sie auf die Frage, wie sie Demokratisierung schafft. Dabei stellt er die Frage in den Vordergrund, „wie die Sozialpädagogik auf Herausforderungen in der Demokratieerziehung reagiert […]“ (S. 227). In Anlehnung an Carl Magers Begriff der Social-Pädagogik und der damit verbundenen Abgrenzung von der Individualpädagogik wird entlang von Beispielen der Volkshochschule, der Heimerziehung und der Kindergärten herausgearbeitet, wie Erziehung zur Demokratie historisch angedacht, umgesetzt und bisweilen konkret verhindert wurde.

Abgeschlossen wird der Band mit dem vierten Teil, welcher biografie- und theoriegeschichtliche Perspektiven enthält. Während Beate Lehmann sich mit der jüdischen Waisenhilfe und der Rolle von Siegfried Lehmann beschäftigt, greift Peter Szynka das Thema der Heimat als Problem der Sozialen Arbeit auf und bezieht sich dabei auf die Biografie des Psychiaters und Philosophen Karl Jaspers. Mit der Position Jaspers, dass Heimat da sei, „wo ich verstehe und verstanden werde“ (S. 267), liefert er ein eindringliches Plädoyer für eine Bezugnahme der Sozialen Arbeit auf diese Überlegungen – insbesondere angesichts rechter politischer Tendenzen, den Heimatbegriff nationalistisch in Anspruch zu nehmen. Zu Recht verweist er darauf, dass sich eine Soziale Arbeit nicht auf das Verhindern von Störungen gesellschaftlicher Reproduktion reduzieren lassen darf. Es sei vielmehr an der Zeit, sich mit der Entstehung von Geschichtsvergessenheit und insbesondere mit der Analyse der zu beobachtenden Ressentiments theoretisch und praktisch zu beschäftigen.

Das Buch gibt insgesamt interessante und für eine sich selbstvergewissernde Profession relevante Einblicke und Hinweise auf historische Themen und Problemstellungen. Die heterogenen Beiträge bleiben aber leider eher unvermittelt nebeneinanderstehen und werden gerade hinsichtlich des eigenen Anspruchs des Sammelbands, ein Spiegelbild des sozialen Wandels zu liefern, nicht zueinander ins Verhältnis gesetzt. Dies mag mit dem überaus ambitionierten Bestreben zusammenhängen, sowohl einen gesellschaftlichen Wandel als auch die Veränderungen der Fachlichkeit gleichermaßen darstellen zu wollen.

Der dem Buch übergeordnete Rahmen einer Entwicklungslinie von Paternalismus zu Partizipation in der Sozialen Arbeit schafft eine teleologische Annahme, welche weder in den einzelnen Beiträgen aufgegriffen noch in der Abfolge der Beiträge insgesamt erkennbar wird. Dass gerade eine solche zielgerichtete Vorstellung einer Verbesserung professioneller Praxis wenig erkenntnisleitend sein kann, macht Niemeyer in seinem engagierten Beitrag zum Zusammenhang zwischen der Tabuisierung von Syphilis und der moralisch verpackten Handlungsweise in der aktuellen Sexualpädagogik deutlich. Die historische Analyse des Umgangs mit der Geschlechtskrankheit liefert bestenfalls eine Folie, vor deren Hintergrund sich aktuelle Spannungspotentiale in Institutionen im Umgang mit Sexualität theoretisch bearbeiten lassen. Mit der Vorstellung einer kontinuierlichen Verbesserung der Praxis wird diese Erkenntnismöglichkeit eher verbaut als eröffnet.

Helfend für eine theoretische Einbettung wäre beispielsweise eine klare Unterscheidung zwischen Sozialer Arbeit und Sozialpädagogik gewesen, wie sie im Untertitel erwähnt, im Buch dann aber nicht systematisch diskutiert wird. Es ließe sich zwischen den institutionalisierten Formen der Sozialen Arbeit auf der einen und an Demokratisierung orientierte Sozialpädagogik auf der anderen Seite unterscheiden. Diese Orientierung hätte eine theoretische Grundlage zur Einbettung der unterschiedlich festgehaltenen Spannungen im Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Bürger:innen geschaffen.

Es fällt in mehreren Beiträgen auf, dass der Heimkampagne als historische Zäsur sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland eine Bedeutung zugeschrieben wird. Implizit scheint davon ausgegangen zu werden, dass die Heimkampagne, respektive die Reaktion darauf einen maßgeblichen Einfluss auf die fachliche Entwicklung der Sozialen Arbeit hatte, ohne dass einleitend genauer diskutiert wird, wie es zu dieser Fokussierung kommt. In der Auseinandersetzung mit der Heimkampagne liegt jedenfalls ein großes Potential zur Klärung der politischen Rolle der Sozialen Arbeit und der fachlichen Positionierung gegenüber staatlichen Interventionen.

Abschließend lässt sich festhalten, dass gerade im Hinblick auf das Verständnis der historischen und insbesondere der aktuellen gesellschaftlichen Lage und der Verortung der Sozialpädagogik darin eine kritischere Auseinandersetzung mit den Inhalten und eine gesellschaftstheoretische Analysefolie unumgänglich wäre. Wünschenswert wäre beispielsweise ein Zugang im Sinne von Rudolf zur Lippe, um die Relevanz der Analyse über die historischen Erkenntnisse hinaus ins Verhältnis zur heute vorherrschenden Situation zu setzen: Es braucht eine Reflexion gegenüber vergangener Praxis und eine Interpretation der historischen Resultate dahingehend, dass es einen Grund für die Kritik an der gegenwärtigen Praxis schafft[1].

Anmerkung:
[1] Rudolf zur Lippe, Naturbeherrschung am Menschen 1. Körpererfahrung als Entfaltung von Sinnen und Beziehungen in der Ära des italienischen Kaufmannskapitals, 2. überarb. Aufl., Frankfurt am Main 1981 (1974), S. 32.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.07.2021
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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