S. Conermann u.a. (Hgg.): Die Mamluken

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Titel
Die Mamluken. Studien zu ihrer Geschichte und Kultur


Herausgeber
Conermann, Stephan; Pistor-Hatam, Anja
Reihe
Beiträge des Zentrums für Asiatische und Afrikanische Studien der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel 7
Erschienen
Schenefeld 2003: EB-Verlag Dr. Brandt
Anzahl Seiten
X, 413 S.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Syrinx von Hees, Orientalisches Seminar, Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Ulrich Haarmann war für die Mamlukenforschung in Deutschland wegweisend und initiativ. Der zu besprechende Sammelband, herausgegeben von Anja Pistor-Hatam (Kiel) und Stephan Conermann (Bonn), ist seinem Andenken gewidmet. Ihnen ist es gelungen, dreizehn Beiträge deutschsprachiger Mamlukenforscher zu vereinen, die eine beeindruckende Vielfalt an Themen abdecken. Ein Schwerpunktthema Ulrich Haarmanns war die Historiografie, dem drei Aufsätze gewidmet sind. Erörterungen zur politischen und sozialen Rolle des Militärs, zur Rechtskunde und in erfreulicher Breite zur mamlukischen Literatur sind vertreten. Sieben dieser Beiträge beruhen auf Vorträgen aus dem Panel zur Geschichte und Kultur der Mamlukenzeit, das Anja Pistor-Hatam auf dem 28. Deutschen Orientalistentag im März 2001 organisierte.

Den Anfang bildet ein umfassender Forschungsbericht über das letzte Jahrzehnt (1992–2002) von Stephan Conermann (S. 1–69). Er wertet dafür in erster Linie die seit 1997 in Chicago erscheinende Zeitschrift Mamluk Studies Review aus. Sein Überblick will nicht vollständig sein, sondern die wichtigsten Forschungsergebnisse und die aktuellen Fragestellungen vortragen. [1] Gleichzeitig dient er als Einleitung für den Sammelband, da die folgenden Beiträge in den Gesamtzusammenhang der neueren Forschung eingeordnet werden. Conermann bietet eine anschauliche und detailreiche Darstellung der neueren Mamlukenforschung, die als gelungene Einführung in das Forschungsfeld gelten kann.

Literatur

Thomas Bauer widmet sich „Literarischen Anthologien der Mamlukenzeit“ (S. 71–122), und bricht damit gleich zwei Tabus. Er ist überzeugt von den hohen Leistungen der mamlukenzeitlichen Autoren und macht zum ersten Mal auf die Bedeutung von Anthologien für die Erschließung des literarischen Lebens aufmerksam. Er unterscheidet die Anthologien nach inhaltlichen Merkmalen: solche, die sich einem Thema widmen, die sich als Kommentar zu einem Gedicht präsentieren, die sich dem Werk eines Autors widmen und schließlich solche, die eine Melange darstellen. Überzeugend erklärt Bauer, dass der adib in der Mamlukenzeit kein Berufsdichter war, der sich grundlegend von der religiösen Elite unterschied, sondern dass es zum guten Ton der Gelehrten dazugehörte, adib zu sein, wodurch die Dichtung insgesamt eine steigende Bedeutung erfuhr. Mit einem Werk über Dichtung - und genau das stellen die Anthologien dar – konnte man seine herausragende Kennerschaft beweisen. Bauer veranschaulicht dies am Beispiel der Anthologie des Ibn Nubata (gest. 1366), die die Bedeutung des adib für seine Zeitgenossen deutlich macht, der allein das kulturelle Erbe philologisch erklären und die Dichtung und Kunstprosa ästhetisch bewerten kann. Anhand von Rezipientenreaktionen auf Anthologien erhellt Bauer deren kommunikative Funktion, die einerseits zur individuellen Distinktion, andererseits zur Stärkung einer elitären Gruppenidentität genutzt wurde. Abschließend wird auf bislang unerforschte Anthologien aufmerksam gemacht, deren Auswertung Licht auf die große Mittelschicht der mamlukischen Gesellschaft werfen könnte. In einem Anhang werden neunzig Anthologien in zeitlicher Anordnung aufgelistet: Wahrlich unerschöpfliches Material für neue Forschungsarbeiten.

Ausgesprochen dicht präsentiert Stefan Leder seine „Beobachtungen zum Kulturwandel in der Mamlukenzeit“ (S. 289–312), der sich in veränderten Wissensinteressen und Bildungsformen zeigt. Im Gegensatz zur Niedergangsthese betont Leder die Dynamik der Differenzierungsprozesse. Die Institution der Madrasa habe einerseits einer breiteren Schicht Zugang zu Bildung ermöglicht, wodurch eine höhere Anzahl der Bevölkerung als Rezipienten und Schöpfer von Literatur in Erscheinung treten und andererseits eine spezialisierte Elite hervorgebracht, die sich durch Kunstfertigkeit und persönliche Perspektiven auszeichnet. Am Beispiel der Stiftungsentwicklung in Damaskus, der Praxis der Hadithlesungen verbunden mit zeitgenössischer Kritik und der Biografien der Familie as-Subki werden diese Differenzierungsprozesse verdeutlicht.

Einsichtsreich ist die literaturwissenschaftliche Untersuchung von Thomas Herzog zur „Legitimität durch Erzählung. Ayyubidische und kalifale Legitimation mamlukischer Herrschaft in der populären Sirat Baibars“ (S. 251–268). Er zeigt, wie in der literarischen Fassung der Sultansbiografie historische Begebenheiten verändert wurden, um den Herrschaftsanspruch des eigentlichen Usurpators als folgerichtig und notwendig zum Erhalt der Ordnung darstellen zu können. Sowohl die letzten Ayyubiden als auch der letzte abbasidische Kalif werden als unfähige Herrscher dargestellt und Baibars wird von Salah ad-Din Ayyub, der laut der Sira mit der Kalifentochter Shadjarat ad-Durr verheiratet ist, adoptiert und als Nachfolger bestimmt.

Rudolf Vesely beschreibt „Das Taqriz in der arabischen Literatur“ (S. 379–385), als ein der Rezension vergleichbares signiertes Gutachten einer Neuerscheinung, um das der Autor selbst bat. Anhand der Datierungen stellt er die Vermutung auf, dass es sich hier um eine Neuerung des ausgehenden 14. Jahrhunderts handelt, die bis ins 19. Jahrhundert praktiziert wurde.

Historiografie

Das historiografische Werk des Heeresrichters Ibn Adjas (gest. 1476), in dem dieser den von ihm begleiteten Feldzug von 1471/72 des mamlukischen Emirs Yashbak az-Zahiri in die nordsyrische Grenzregion beschreibt, wird von Stephan Conermann vorgestellt (S. 123–178). Im Verlaufe der Kampfhandlungen mit den Dhu l-Qadariten wurde Ibn Adjas als offizieller Gesandter zu dem turkmenischen Herrscher der Aq Qoyunlu nach Tabriz geschickt. Der Bericht über diese Mission steht im Zentrum seines Werkes und Conermann hat diesen Teil in einer kommentierten Übersetzung vorgelegt. Eingerahmt wird diese Übersetzung von einer Darstellung der Karriere und Interessen des Emir Yashbaks, dem der Bericht gewidmet ist, des politischen Hintergrunds der Kampfeshandlungen (veranschaulicht mit Karte und selbst entworfenem Diagramm), und einer Beschreibung des Autors und seines Textes. Zum Abschluß stellt Conermann die interessante Frage nach dem Genre dieses Werkes. Er verwirft die Bezeichnungen ‚Biografie’‚ ‚Widmungsschrift’ und ‚Autobiografie’; hält dagegen ,Reise-Journal’ für passender.

Ein herausragender Historiker der Zeit steht im Zentrum der Untersuchung von Anja Pistor-Hatam: „Ursachenforschung und Sinngebung. Die mongolische Eroberung Bagdads in Ibn Khalduns zyklischem Geschichtsmodell“ (S. 313–334). Klar und deutlich zeigt Pistor-Hatam, dass die zeitgenössischen Historiker in ihrer klassischen Tradition stehend den Fall Bagdads als singuläres Ereignis präsentieren, das einen Bruch in der islamischen Heilsgeschichte bedeute, den sie nur durch göttliches strafendes Eingreifen erklären können. Ganz im Gegensatz dazu sieht Ibn Khaldun die Ursache dieses Ereignisses in dem von ihm aufgestellten universalen Gesetz einer kreisläufigen Geschichte und verleiht ihm damit einen historischen, intellektuellen Sinn, der nicht mehr außergewöhnlich ist, sondern die Gewohnheit des kontinuierlichen Geschichtsablaufs bestätigt.

„Ta’rikh ´Abd al-Qadir: Autobiography as Historiography in an Early 17th Century Chronicle from Syria“(S. 387–401), ist der Beitrag von Otfried Weintritt. Er betont die autobiografischen Züge des Werkes, das sich in seiner Form an den Sultans-Chroniken orientiert.

Rechtskunde

Eine Einführung in die Urkundenkunde und das Stiftungsrecht bieten Stephan Conermann und Lucian Reinfandt gemeinsam in ihren „Anmerkungen zu einer mamlukischen waqf-Urkunde aus dem 9./15. Jahrhundert“ (S. 179–238), die bereits ediert wurde.[2] Es handelt sich um eine Privaturkunde, in der ein Mamlukensohn 1466 einige seiner Ländereien in eine Familienstiftung überführt. Die Autoren legen eine vollständige Übersetzung vor, die ausführlich kommentiert wird. Sie erklären die Bedeutung der rechtlichen Termini, die anhand des konkreten Beispiels veranschaulicht werden können und erläutern die speziellen Gegebenheiten dieses Einzelfalls; ein auch unter didaktischen Geschichtspunkten wertvoller Kommentar.

Überzeugend zeigt Lutz Wiederhold in seinen „Remarks on Maliki Judges in Mamluk Egypt and Syria“ (S. 403–413), anhand von vier Beispielen, welch wichtige Rolle malikitische Richter trotz der unbedeutenden Stellung ihrer Rechtsschule aufgrund ihrer strengeren Auslegung des islamischen Rechtes in Fällen spielen konnten, in denen eine Person des Unglaubens bezichtigt wurde und zwar unabhängig davon, ob die involvierten Personen selbst Malikiten waren.

Politische und soziale Stellung des mamlukischen Militärs

„Der Kampf um die Macht im Mamlukenreich des 15. Jahrhunderts“ (S. 335–366), wird von Henning Sievert untersucht. Er fragt, wie sich die Machtkämpfe beschreiben und erklären lassen und wendet zwei Konzepte aus der europäischen Geschichtsforschung an: die Faktion und die Verflechtungsanalyse. Er zeigt, dass die Beziehungen eines Mamluken zu seinem Herrn und seinen Kameraden informellen Verwandtschaftsbeziehungen ähnlich sind, die gleichzeitig ein juristisches Klientelverhältnis beinhalten. Dagegen hält er die Beziehungen unter der großen Anzahl von Sultansmamluken für weniger bindend, eher den Bindungen einer Landsmannschaft vergleichbar. Seiner Meinung nach bilden sie nach dem Tod des Sultans keine Faktion, da sie über keine ausreichende Gruppenidentität verfügen. Hiermit wendet er sich gegen die Interpretation von Levanoni und Irwin. Anhand von zwei Fallbeispielen erklärt er, wie ein neuer Sultan ein auf die eigene Person abgestimmtes politisches Kräftegewicht herstellen muss, um an der Macht zu bleiben.

Gerhard Hoffmann stellt die Frage, ob „die Einnahme von Amorium/´Ammuriya im Jahre 838 – ein Katalysator frühmamlukischer Tendenzen im abbasidischen Militär“ war (S. 269–287). Er widerspricht der oft geäußerten These, der Kalif al-Mu´tasim habe eine gezielte Militärreform zugunsten türkischer Militärsklaven durchgeführt und kann die Multiethnizität des abbasidischen Heeres und seine Zusammensetzung aus Soldkriegern und Gefolgsleuten aus Freien, Freigelassenen und Militärsklaven aufzeigen, wobei er eine Unterscheidung der letztgenannten für problematisch hält.

Peter Thorau plädiert in „Einige kritische Bemerkungen zum sogenannten mamluk phenomenon“ (S. 367–378) dafür, den mamlukischen Terror und die brutalen Machtkämpfe, die gewöhnlich als Niedergangsphase beschrieben werden, als ein systemimmanentes Charakteristikum und Kontinuum der mamlukischen Herrschaft, dagegen die klassische Gründungs- und Konsolidierungsphase als Ausnahme aufgrund günstiger Rahmenbedingungen zu betrachten.

Albrecht Fuess fragt: „Warum blieben die Mamluken auf der Strecke beim Dreikampf um die Macht zwischen Osmanen, Mamluken und Safawiden (1500–1517)?“ (S. 239–250), und weist auf die geringe Kampfesbereitschaft, die Ablehnung der Feuerwaffen, die kurzsichtige Seepolitik, den wirtschaftlichen und demografischen Rückgang und die Altersstruktur der mamlukischen Militärelite hin.

Die Beiträge dieses Sammelbandes zeigen, dass die Mamlukenforschung auch in Deutschland lebendig ist und bieten zusammen äußerst abwechslungsreiche und interessante Einsichten in Geschichte und Kultur dieser spannenden, jedoch bislang wenig erforschten Zeit.

Anmerkungen:
[1] Als Ergänzung sei darauf hingewiesen, dass auch die die Mamlukenzeit behandelnden Bände des Werkes Ta’rikh al-islam von adh-Dhahabi in einer Edition von ´Umar ´Abd as-Salam Tadmuri, Beirut: Dar al-Kitab al-´Arabi seit 2000 vorliegen.
[2] Conermann, Stephan; Saghbini, Suad, Awlad an-nas as Founders of Pious Foundations. The waqfiyah of Yahya ibn Tughan al-Hasani of the Year 870/1465, Mamluk Studies Review 6 (2002), S. 21–50.
[3] In der Tabelle S. 222, die die Verteilung der Stiftungserträge in Prozenten aufschlüsselt, muss es anstatt 25 richtig 20% heißen und daher erhalten die Personen a.-d. weiterhin 5, nicht 6,25%.