A. Malycha (Hg.): Geplante Wissenschaft

Cover
Titel
Geplante Wissenschaft. Eine Quellenedition zur DDR-Wissenschaftsgeschichte von 1945 bis 1961


Herausgeber
Malycha, Andreas
Reihe
Beiträge zur DDR-Wissenschaftsgeschichte A 1: Dokumente; Band 1
Erschienen
Anzahl Seiten
706 S.
Preis
€ 72,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ilko-Sascha Kowalczuk, Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin

Wissenschaftsgeschichte und Geschichte der Wissenschaftspolitik in der DDR standen in den historischen Debatten seit 1990 vor allem unter solchen forschungsleitenden Fragen, wie dem Verhältnis von wissenschaftlicher Autonomie, politischen Instrumentalisierungsversuchen und den generellen kommunistischen Totalitätsansprüchen an die gesamte Gesellschaft betrafen. Die meisten Autoren gelangten zu Einschätzungen, die eher zu bestätigen schienen, dass es den Kommunisten gelungen war, weite Bereiche der Wissenschaften für ihre Zwecke zu funktionalisieren. Das war aber wiederum nicht überraschend, betrachteten die meisten ForscherInnen bislang ohnehin Disziplinen, denen von vornherein der Geruch von Legitimationswissenschaften im Kommunismus (Philosophie, Geschichtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft) anhing. Insofern dürfte eine Perspektivenerweiterung auf andere geistes-, sozial-, natur- und technikwissenschaftliche Disziplinen diese Ergebnisse modifizieren, einschränken und erweitern, ohne dass damit die „Legitimationswissenschaften“ einer prinzipiell neuen Bewertung ausgesetzt sein müssen.

Daneben sind aber auch wissenschaftshistorische Studien publiziert worden, die nach wissenschaftsinternen Rationalitätskriterien fragten und einzelne Disziplinen und Institutionen nach ihren Beiträgen untersuchten, die sie zum spezifischen internationalen Wissenschaftsbetrieb beisteuerten. Hier deutet sich bereits an, dass es auch in der DDR ganz „normale“ Wissenschaftsabläufe mit den systemtypischen Beschränkungen gab. Schließlich standen als drittes Untersuchungsfeld die Universitäten und Hochschulen sowie der dazugehörige Lehrkörper und ihre Studierenden im Zentrum des Interesses. Gerade zu diesem historischen Gegenstand ist in den letzten Jahren eine Vielzahl von Monografien und Spezialstudien herausgekommen, die insbesondere die Ulbricht-Ära als relativ gut erforscht erscheinen lassen, während die Honecker-Zeit bislang eher stiefmütterlich behandelt worden ist. Das gilt auch für die anderen benannten Teilbereiche. Die Ergebnisse lassen sich nicht auf einen einfachen Nenner bringen. Im Kern könnte formuliert werden, dass neben deutlichen Kontinuitätsbrüchen, die sowohl dem Bruch mit der nationalsozialistischen Diktatur als auch Sowjetisierungstendenzen zuzuschreiben wären, Kontinuitätslinien zu konstatieren wären. Diese waren nicht allein personeller oder institutioneller Art, sondern betrafen auch mentale und fortwirkende wissenschaftsinterne Autonomie- und Rationalitätsbestrebungen. Diese standen wiederum in einem permanenten Selbstbehauptungsprozess gegenüber den kommunistischen Macht- und Umgestaltungsansprüchen. Eine zentrale Folge davon war in den vierziger und fünfziger Jahren ein weitverbreiteter Widerstands- und Oppositionswille sowie eine ausgeprägte Resistenz. Insofern stand wiederum Resistenz neben der willigen Verfügbarkeit für die kommunistischen Anmaßungen. Diese Indienststellung ist vor allem dem kommunistischen Rekrutierungs- und Kaderprinzip geschuldet gewesen, wobei auch dieses nicht in einem unkomplizierten Prozess eingeführt werden konnte, sondern sich gegen vielfältige Widerstände verbunden mit herben Rückschlägen für die Kommunisten durchzusetzen hatte. Schließlich war dieser Prozess auch davon geprägt, dass neben Kontinuitäten und gezielten Kontinuitätsbrüchen neue Entwicklungen einsetzten, die sowohl machtpolitischen und ökonomischen Kalkülen folgten, als auch internationale Trends aufnahmen und diese unter den DDR-spezifischen Bedingungen eingeführt und umgesetzt worden sind. Insofern war die Geschichte von Wissenschaftspolitik, Universitäten und Wissenschaft in der DDR hochkomplex, vielfarbig und widersprüchlich, eine Geschichte, die lohnend für weiter gehende Erkenntnisinteresse ist und noch genügend offene Forschungsfragen bietet.

Andreas Malycha hat nun, nachdem er in den neunziger Jahren mit mehreren beachteten größeren Studien und Dokumentationen zur Frühgeschichte der SED in der Fachöffentlichkeit hervorgetreten war und erste Aufsätze zur SED-Wissenschaftspolitik vorgelegt hatte, eine umfangreiche wissenschaftliche Quellenedition herausgegeben, die die generellen Aspekte der DDR-Wissenschaftsgeschichte zwischen Kriegsende und Mauerbau dokumentieren soll. In einer umfangreichen Einführung zeichnet er den Forschungsstand in groben Strichen nach, erläutert die Editionsprinzipien und analysiert in einem längeren Essay das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft in der SBZ/DDR 1945 bis 1961. Malycha konstatiert letztlich, dass sich bis 1961 „ein stark verändertes Selbst- und Rollenverständnis“ zwischen Politik und Wissenschaft herausgebildet habe und „sich jetzt deutlich vom traditionellen bürgerlichen Wissenschaftsverständnis abhob“ (S. 85). In Malychas Skizze der Wissenschaftsentwicklung und der politischen Ambitionen der Kommunisten bis 1961 kommt allerdings nicht nur der generelle totalitäre Gestaltungswahn der Machthaber zu kurz, zugleich arbeitet der Autor impressionistisch ein „marxistisches Wissenschaftsverständnis“ heraus, dass er in seiner marxistisch-leninistischen Implikation als Herrschafts- und Ideologieinstrument letztlich zu wenig konturiert. So unterstellt er rationale Theorieentwicklungsmöglichkeiten in den fünfziger Jahren innerhalb der Gesellschaftswissenschaften, die eine Fiktion bedienen. Malycha glaubt, dass die „Orientierungskrise“, „in die die DDR-Gesellschaft seit den achtziger Jahren geraten war“ (S. 86), nicht zuletzt drauf zurückzuführen sei, dass „eine Debatte paradigmatischer Grundsatzfragen der Gesellschaftstheorie von der politischen Führung nicht zugelassen bzw. aggressiv bekämpft wurde“ (ebenda). Hinter dieser These ist nicht nur die aus dem Reich historischer Legenden entlehnte Auffassung zu vermuten, der reale Kommunismus sei reformierbar gewesen. Zugleich scheinen ihre Verfechter zu glauben, die Gesellschaftswissenschaften und die von ihnen vertretenen Gesellschaftstheorien hätten prinzipiell andere reale Gesellschafts- und Machtbilder zugelassen und entworfen, als sie in den unterschiedlichen kommunistischen Realitäten des 20. Jahrhunderts zur Gewissheit geworden waren.

Der eigentliche wissenschaftliche Wert des Bandes besteht ohnehin in den 130 wiedergegebenen Dokumenten. Sie sind verschiedenen Archiven und Überlieferungen entnommen. Andreas Malycha wählte sie nach folgenden Kriterien aus: „Welches Wissenschaftsverständnis (Selbstverständnis) hatten die DDR-Wissenschaftler? Von welchem Wissenschaftsverständnis (Fremdverständnis) ließen sich die politischen Entscheidungsträger leiten? Welches Wissenschaftsverständnis war den wissenschaftspolitischen Entscheidungen der SED-Führung unterlegt? Welche Wandlungen bzw. Veränderungen sind im Wissenschaftsverständnis der SED-Führung nachweisbar? Wann erfolgten die wesentlichsten Brüche oder Zäsuren in der Wissenschaftspolitik und welches Ziel wurde dabei verfolgt? Auf welche Weise und mit welchen Folgen erfolgten institutionelle und personelle Weichenstellungen in der Wissenschaftspolitik?“ (S. 21)

Im Prinzip geht es Malycha darum zu dokumentieren, wie das Selbstverständnis der Wissenschaft und das Fremdverständnis der kommunistischen Machthaber aufeinander stießen und miteinander konkurrierten. Die Frage, ob eine Dokumentation, die sich vorrangig auf Archive des Herrschaftsapparates stützt, wobei darin zwar auch authentische Zeugnisse von Wissenschaftlern überliefert worden, aber zumeist zum Adressaten Partei- oder Staatsinstanzen hatten, ob so also die von Malycha aufgeworfenen Fragen beantwortet werden können, sei bezweifelt. Sehr wohl aber lässt sich das Wissenschaftsverständnis der Funktionäre ablesen. So spiegeln denn auch die Mehrzahl der Dokumente Vorstellungen, Strategie- und Taktikentwürfe, konkrete Handlungsanleitungen und Konzeptionen der Partei- und Staatsführung zwischen 1945 und 1961, wie Wissenschaften, Hochschulen und Akademien funktional so umgestaltet und ausgestaltet werden können, dass sie den politischen, ideologischen, aber auch ökonomischen, technologischen und wissenschaftlichen Zwecken aus Sicht der Herrschenden entsprechen könnten. Wenig oder gar nichts sagen sie darüber aus, wie diese Entwürfe, Programme oder auch Bilanzen realhistorisch einzuordnen seien und welchen konkreten Entwicklungen sie zugrunde lagen. Mag man dies noch als überzogene Kritik an einer Quellenedition qualifizieren, so ist darauf hinzuweisen, dass diese Kritik lediglich an Malychas Fragestellungen orientiert ist und demzufolge die Auswahlprinzipien und ihre Begründung für diese Edition zu ambitioniert ausfiel.

Das von Andreas Malycha als vollkommen zutreffend zur eminenten Frage erhobene Problem, wie die Wissenschaftler zwischen 1945 und 1961 ihr Selbstverständnis formulierten, wird von der Dokumentation nicht geklärt. Zwar finden sich durchaus interessante Stellungnahmen von herausgehobenen Forschern verschiedener Disziplinen, wobei eine berühmte Rede des Präsidenten der Leopoldina, Kurt Mothes, von 1958 besonders besticht; aber insgesamt ist doch bei all diesen Dokumenten zu berücksichtigen, dass sie stets zum Adressaten SED-Einrichtungen oder staatliche Stellen hatten. Demzufolge sind bereits diese Stellungnahmen „gebrochen“ und vermitteln weniger Einblicke in das Selbstverständnis der Autoren, sondern zeigen auf, wie herausgehobene Wissenschaftlerpersönlichkeiten mit Staat und Partei umgingen, taktierten oder – wie Mothes – Klartext redeten. Und dennoch, so wie die Rede von „DDR-Wissenschaftlern“ gerade für die fünfziger Jahre am Kern des Problems vorbeiführt – nur eine Person zum „DDR-Wissenschaftler“ zu küren, weil er in den fünfziger Jahren in der DDR forschte und lehrte, verkürzt das Problem und homogenisiert unzulässig; so wird auch kaum das Selbstverständnis allein aus solchen schriftlichen Hinterlassenschaften ablesbar, die an Partei und Staat gerichtet waren. Dazu bedarf es Selbstzeugnisse anderen Ursprungs, die in dieser Dokumentation aber weitgehend fehlen. Hinzu kommt, dass das Selbstverständnis nicht allein analytisch herauszukristallisieren ist, in dem Zeugnisse von hochrangigen Universitäts- und Akademiefunktionären und herausgehobenen Wissenschaftlerpersönlichkeiten befragt werden, dazu gehören auch Dokumente aus weniger prominenten Wissenschaftlerkreisen und vor allem auch von Forschern, die Repressalien und Verfolgungen ausgesetzt waren und von solchen, die aus der DDR flüchteten. Dieser Personenkreis, der in den fünfziger Jahren eine besondere Bedeutung beanspruchte, war weder quantitativ unwesentlich noch wissenschaftlich bedeutungslos noch für die Herrschaftspraktiken folgenlos. Letztlich erzeugte dieser geflüchtete, verfolgte und/oder gemaßregelte Personenkreis nicht nur eine Sogwirkung, sondern bestimmte auch entscheidend das Handeln der Davongekommenen und Daheimgebliebenen. In der Dokumentation von Malycha spiegelt sich das viel zu wenig wider.

Aber es wäre auch unangemessen, diese Dokumentation nur unter solchen kritischen Maßstäben zu beurteilen. Malychas Verdienst ist es, eine Edition vorgelegt zu haben, die einen schnellen quellenorientierten Einstieg in das Verhältnis von Wissenschaft und kommunistischer Politik zwischen Kriegsende und Mauerbau im sowjetisch beherrschten Machtbereich Deutschlands erlaubt. Insofern ist sie für die universitäre Lehre ebenso geeignet wie für ForscherInnen, die sich mit spezifischen Fragen der Ideologie-, Politik- und Gesellschaftsgeschichte der SBZ/DDR beschäftigen. An hochschul- und wissenschaftshistorischen Problemen interessierte Forscher und Forscherinnen wird durch diese Dokumentation natürlich auch weiterhin ein quellenintensives Studium in den Archiven nicht erspart bleiben. Dies um so weniger, da sich die Quellenedition von Malycha ohnehin auf weitgehend bekannte und zentrale Dokumente beschränkt. Dem Band ist nicht nur kein Register beigefügt. Malycha versäumte es auch, bei den abgedruckten Dokumenten die Erstveröffentlichungsorte nachzuweisen. Sehr viele seiner Archivfunde sind bereits früher anderswo und in einigen Fällen sogar mehrfach publiziert worden. Eine wissenschaftliche Quellenherausgabe sollte sich solchen notwendigen Anmerkungen eigentlich nicht aussetzen.

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21.01.2004
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