D. Herzberg: White Market Drugs

Cover
Titel
White Market Drugs. Big Pharma and the Hidden History of Addiction in America In White Market Drugs


Autor(en)
Herzberg, David
Erschienen
Anzahl Seiten
362 S.
Preis
$ 27.50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Timo Bonengel, Sammlungs- und Forschungsverbund Gotha, Universität Erfurt

Schon lange vor der COVID-19-Pandemie hatte ein massives Gesundheitsproblem die USA im Griff, das als nationaler Notfall wahrgenommen wurde: Die Zahl der Überdosis-Toten schnellte in den vergangenen 20 Jahren in die Höhe, und Experten machen dafür vor allem verschreibungspflichtige opioidhaltige Schmerzmittel verantwortlich. Der Konsum eines dieser Opioide – Oxycodon, enthalten im Schmerzmittel OxyContin – stieg zwischen 1999 und 2011 um 500 Prozent, der Konsum von Hydrocodon verdoppelte sich immerhin.[1] Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) schätzen die Zahl der Bürger/innen, die zwischen Juni 2019 und Mai 2020 an Überdosen starben, auf mehr als 80.000, davon über 45.000 an Opioiden.[2]

Diese Zahlen stellen selbst die drastischsten Schätzungen in den Schatten, die Expert/innen während der immer wieder aufflammenden Drogenkrisen in den USA seit dem Ende des 19. Jahrhunderts aufgestellt haben. Zugleich explodiert seit den 1980er-Jahren die Zahl der Bürger/innen, die wegen Drogendelikten inhaftiert sind, und zwar mit besonders verheerenden Auswirkungen für afroamerikanische und hispanische Communities.[3] Diese „twin social catastrophes“ (S. 1) hat David Herzberg zum Anlass genommen, ein Buch zu schreiben, das die „versteckte Geschichte“ der Drogensucht in den USA schildert – es ist eine äußerst aufschlussreiche Geschichte der Gegenwart geworden.

Denn verdeckt werde die Geschichte des historisch größten Drogenproblems, das die USA heimsuche, durch die Aufmerksamkeit für illegale Drogen und ihre Konsument/innen – diese würden deutlich stärker problematisiert als Substanzen mit therapeutischer Anwendung. Das, schreibt Herzberg, sei nicht nur ein zutiefst historisches Phänomen, sondern habe drastische Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft.

Herzberg betrachtet die Geschichte von Sucht und Drogenpolitik als eine Geschichte verschiedener Märkte, die ganz unterschiedlich reguliert wurden und werden: Weiße Märkte für Medikamente, die sich an respektable, vor allem weiße Bürger/innen richten, und Schwarzmärkte, die illegal den Bedarf an psychoaktiven Substanzen decken und diejenigen bedienen, die über einen schlechteren Zugang zu den weißen Märkten verfügen. Radikal freie Märkte für Medikamente und durch Prohibition geschaffene Schwarzmärkte sind für Herzberg keine Gegensätze, sondern erzeugen die gleichen Effekte: Sie sind schlecht reguliert, dienen vor allem den Interessen der Verkäufer/innen und lassen Konsument/innen weitgehend ungeschützt. Herzbergs Forderung: Drogenpolitik müsse Verbraucherschutz anstreben, so wie es in der Medikamentenregulierung inzwischen selbstverständlich sein sollte – zumindest im Idealfall.

Die Geschichte beginnt Herzberg mit der Frage, wie die Trennung zwischen Medikament und Droge, zwischen legalem und illegalem Konsum, zwischen Berauschung und Behandlung, Eingang in Gesetzestexte und medizinische Praxis fand, wie also überhaupt unterschiedlich regulierte Märkte für psychoaktive Substanzen entstanden (Kapitel 1): Progressive Bemühungen um mehr Schutz für respektable (lies: weiße) Bürger/innen resultierten zusammen mit Kampagnen sich professionalisierender Ärzte und Apotheker in einer strikteren Regulierung Anfang des 20. Jahrhunderts. Das führte zur Trennung von Medikament und Droge, von legaler medizinischer und illegaler nicht-medizinischer Verwendung mit den entsprechenden gesellschaftlichen Implikationen: „White markets would be regulated to protect innocent customers, while informal markets would be prohibited and their participants punished.“ (S. 34)

So entstanden Schwarzmärkte, die vor allem in segregierten, armen Vierteln angesiedelt waren. Flankiert wurde diese Trennung von medizinischen Suchtdefinitionen: Insbesondere weiße, „respektable“ Süchtige wurden als unproblematische „medical addicts“ definiert und, wie Herzberg zeigt, oft auch illegal weiter von Ärzten mit Opioiden versorgt. Das machte sie zu privilegierten Süchtigen. Weniger wohlhabende Süchtige, vor allem wenn sie ethnischen Minderheiten angehörten, betrachteten Mediziner hingegen als deviante Psychopathen. Sie waren auf die neuen, ungeschützten Schwarzmärkte angewiesen (Kapitel 2).

Herzbergs Zugang ermöglicht neue, mitunter kontraintuitive, aber wohlfundierte Einsichten: So war es ausgerechnet das stets (und zu Recht) mit der rassistischen Schlagseite der Prohibitionspolitik assoziierte Federal Bureau of Narcotics (FBN), das US-amerikanische Patient/innen zwischen den 1920er- und 1990er-Jahren, also in einer Zeit rapiden Wachstums der Pharmaindustrie, davor schützte, dass Opioide den Markt fluteten: Herzberg macht die regulatorischen Kompetenzen und Praktiken der Bundesbehörde als erfolgreiches Verbraucherschutzinstrument aus, da diese die Werbemöglichkeiten für Opiate streng limitierte (Kapitel 3).

Nicht von dieser strikten Regulierung betroffene Medikamente (das FBN war nur für Opioide, Kokain und Cannabis zuständig) vermarkteten die Pharmaunternehmen hingegen im großen Stil: Barbiturate, Amphetamine und später Benzodiazepine (am bekanntesten wohl „Valium“) wurden zu „Blockbuster“-Medikamenten, was sich in Form steigender Zahlen von Süchtigen und Überdosen drastisch auf die öffentliche Gesundheit auswirkte (Kapitel 4 und 5). Auf den Druck einer Allianz aus Verbraucherschützern und medizinischen Experten hin wurden Hersteller von Medikamenten und Ärzte strikter kontrolliert (etwa durch den Controlled Substances Act 1970), und der Forschung zu den Gefahren sowie der Verbreitung von verschreibungspflichtigen Medikamenten wurde mehr Aufmerksamkeit gewidmet (Kapitel 6).

Gegenwind bekam die Allianz aus progressiven Reformer/innen nach der Wahl Ronald Reagans: Die Pharmaindustrie wurde wieder stärker dereguliert, „moral crusaders“ (S. 242) gaben den Ton an und bereiteten, so Herzberg, der „white market apocalypse“ (Kapitel 7) in Form der Opioidkrise den Weg: Sedativa und starke opioidhaltige Schmerzmittel wurden aufgrund mangelnder Regulationsmöglichkeiten der Bundesbehörden im großen Stil als relativ ungefährliche Wundermittel beworben und entsprechend häufig verschrieben. Und auch wenn die drastischen Zitate einen anderen Eindruck erwecken mögen: Herzberg schreibt nie kämpferisch, sondern stets differenzierend, abgesichert durch eine breite Basis an Quellen, die sorgfältig gewählt und analysiert wurden.

So ermöglicht Herzberg mit seiner erfrischenden, produktiven Perspektive teils unerwartete Erkenntnisse zu einem Thema, bei dem alle Argumentationen längst bekannt schienen. Er fügt auf sehr überzeugende Weise die verschiedensten Aspekte und historischen Entwicklungen der US-amerikanischen Drogenpolitik zusammen und stellt sie in den Dienst seines Arguments für eine verbraucherorientierte Medikamenten- und Drogenpolitik, die geeignet sein könnte, die negativen gesellschaftlichen Auswirkungen von Medikamenten, Sucht und Drogenpolitik zu minimieren.

Anmerkungen:
[1] Andrew Kolodny u.a., The Prescription Opioid and Heroin Crisis: A Public Health Approach to an Epidemic of Addiction, in: Annual Review of Public Health 36 (2015), S. 559–574, online 12. Januar 2015: https://doi.org/10.1146/annurev-publhealth-031914-122957 (05.01.2020).
[2] Centers for Disease Control and Prevention: Increase in Fatal Drug Overdoses Across the United States Driven by Synthetic Opioids Before and During the COVID-19 Pandemic: https://emergency.cdc.gov/han/2020/han00438.asp (05.01.2020).
[3] Michelle Alexander, The New Jim Crow: Mass Incarceration in the Age of Colorblindness, Revised Edition, New York 2012 (1. Auflage 2010).

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Veröffentlicht am
09.02.2021
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