A. Perras: Carl Peters and German Imperialism

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Titel
Carl Peters and German Imperialism 1856-1918. A political bibliography


Autor(en)
Perras, Arne
Erschienen
Anzahl Seiten
287 S.
Preis
€ 64,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Birthe Kundrus, Hamburger Institut für Sozialforschung

Carl Peters war eine der umstrittensten Figuren der deutschen Kolonialgeschichte. Seine Karriere erlebte Höhen und Tiefen, ebenso die Beurteilung durch Zeitgenossen und Nachgeborene. Aus dem 1884 gefeierten Kolonialpionier und Begründer Deutsch-Ostafrikas wurde die aus Berlin verjagte und in Sansibar als Diplomat gescheiterte persona non grata, die schließlich 1889 auf die Idee verfiel, eine Expedition anzuleiten, um den im Südsudan von Ägypten abgeschnittenen Statthalter Emin Pascha, den in Oberschlesien geborenen Arzt und Afrikaforscher Eduard Schnitzer, zu retten. Der war zwar schon längst von Henry Morton Stanley „entdeckt“ worden, doch das hinderte Peters nicht, einen blutigen Zug durch das Land der Massai zu führen. „Wohin mit diesem Mann?“ war offenbar die Frage, die man sich in Berlin immer wieder stellte. Anstatt auf den Gouverneursposten kam Peters 1891 als Reichskommissar in das Kilimandscharo-Gebiet. Dort führte seine brutale Amtsführung zum Aufstand der Wachagga.

1893 kehrte Peters nach Deutschland zurück und wurde fürs erste in einen „Erholungsurlaub“ geschickt. 1896 schließlich wurde er zum Skandal, als August Bebel im Reichstag seine Lebensführung in Afrika bekannt machte. Peters hatte mit einheimischen Frauen sexuelle Beziehungen gepflegt und offenbar aus verletztem Stolz und enttäuschtem Selbstwertgefühl eine von ihnen, von der er vermutete, dass sie gleichzeitig ein Verhältnis mit einem Arbeiter und Dieb hatte, genau wie diesen hängen lassen. 1897 wurde Peters, der mittlerweile in London lebte, in einem Disziplinarverfahren wegen „Pflichtverletzung“ zur Entlassung aus dem Reichsdienst verurteilt. Heinrich Schnee beschrieb ihn später als gewalttätigen Alkoholiker, der nur schwer zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden konnte. Aber sein Nimbus strahlte noch immer, und 1905 erkannte Wilhelm II. ihm den Titel „Reichskommissar a.D.“ wieder zu, bevor er ihm 1914 „in Würdigung seiner großen Verdienste um Deutsch-Ostafrika“ eine jährliche Pension bewilligte. Die vollständige Rehabilitierung des als größenwahnsinnig und als Betrüger verschrienen Eroberers – Herbert von Bismarck nannte ihn einen „üble[n] Burschen“ – erlebte Peters im Nationalsozialismus. 1940 begannen die Dreharbeiten zum Film „Carl Peters“ unter der Regie von Herbert Selpin mit Hans Albers in der Titelrolle. Extremismus war wieder gefragt. Mit dem Untergang des „Dritten Reiches“ aber und einer sich allmählich etablierenden selbstkritischen Erinnerungskultur sank sein Stern endgültig, und in vielen Städten setzten Diskussionen um die Umbenennung von Peters-Straßen und Umwidmung von Peters-Denkmälern ein.

Diese Rezeptionsgeschichte behandelt Arne Perras in seiner Studie ebenso wie Peters’ wechselhafte politische Karriere. Um es aber gleich vorwegzunehmen: Das Buch ist weniger eine „politische Biografie“, wie der Untertitel verspricht, als vielmehr eine politische Geschichte der frühen formellen deutschen Kolonialbestrebungen. Immerhin 200 der 259 Seiten umfassenden Darstellung nehmen die Jahre bis 1892 ein. Insofern ist man zunächst etwas enttäuscht, erkennt aber im Laufe der Lektüre durchaus den Gewinn dieser wenn auch recht konventionellen, so doch sehr soliden und argumentativ ausgefeilten Studie über den Beginn der deutschen Kolonisation. Perras wichtigstes Anliegen, ist – einmal mehr und zu Recht – Wehlers These zurückzuweisen, dass Bismarck einen manipulativen und pazifizierenden Sozialimperalismus vertreten habe. Stattdessen kann er zeigen, dass des Kanzlers Kolonialpolitik weniger als ökonomische Ablenkungspolitik, sondern als Reaktion auf einen kolonialen Nationalismus anzusehen ist.

Peters hätte wie alle Kolonialakteure an seine Mission geglaubt, schon weil in seinem kampfbetonten Weltbild die deutsche Nationsbildung erst ruhmreich vollendet wäre, sobald das Reich Kolonien besäße. Diese Sichtweise gewann mit der Zeit, vor allem mit der Kongo-Konferenz, immer mehr Anhänger, und Peters sei deren „useful drummer“ (S. 258) gewesen, den schließlich auch Bismarck erhört habe. Im Übrigen dürfe man die desintegrativen Kräfte der Überseeanstrengungen, die Kritik an und den Spott über den deutschen „Katzentisch“ in Afrika, nicht vernachlässigen. In der Tat scheint Peters in seiner Hassliebe gegenüber dem britischen Empire paradigmatisch für die deutsche Kolonialbewegung. Nach der Promotion über Schopenhauer hatte er Anfang 1880 drei Jahre in London verbracht, und dort hatten ihn große Minderwertigkeitsgefühle geplagt. Retrospektiv gab er diese beschämenden Eindrücke als Auslöser für sein Kolonialengagement an: er habe es satt gehabt, unter die „Parias gerechnet“ zu werden, und wünschte, einem „Herrenvolk anzugehören“.

Nach Deutschland zurückgekehrt, gründete Peters 1884 die „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“. Die Verbindung von Wort und Tat sei, so Perras, für Peters kennzeichnend gewesen. Als glühender Anhänger einer aggressiven Kolonialpolitik agitierte er nicht nur, sondern versuchte auch selbst, in Afrika Land in deutschen Besitz zu nehmen. Nicht nur verbalradikal legte er auch in der Wahl seiner praktischen Mittel ein extrem gewalttätiges Verhalten an den Tag. Hans Ulrich Wehler charakterisierte ihn deshalb als einen „abenteuerlustigen Psychopathen“ und „pathologischen Wirrkopf“.[1] Im Reich lautete sein Spitzname schließlich „Hänge-Peters“, in Ostafrika „Mkono-wa-damu“ – der Mann mit den blutigen Händen.

Sehr eindringlich gelingt es dem Redakteur der Süddeutschen Zeitung, aus bislang weitgehend unbekanntem Aktenmaterial die Irritationen und teilweise Ratlosigkeit zu schildern, die ein so unerbittlicher, aggressiver und egomanischer Despot wie Peters in der Reichs- und Kolonialbürokratie auslöste bzw. hinterließ. Seine Brutalitäten und die seiner Kompagnons gegenüber der einheimischen Bevölkerung seien in den Augen der Reichsbürokratie weitgehend als dysfunktional für den Aufbau einer deutschen Herrschaft wahrgenommen worden, evozierten diese doch schnell antideutsche Ressentiments. Zum Kolonialhabitus von Peters habe aber unabdingbar ein Kult der „Schneidigkeit“ (S. 118) gehört, der den deutschen „Kolonialheros“ vom fremden „Neger“ unterscheiden und der behaupteten Überlegenheit physischen Ausdruck verleihen sollte. Perras kann jedoch belegen, dass nicht die Gewaltexzesse in Afrika Bebels schwerstes Geschütz gegen Peters waren, sondern der Verdacht, ausgerechnet er, der sein „deutsches Herrenmenschentum“ so ostentativ betonte, habe mit seinen Mesalliancen den kolonialen Zivilisierungsauftrag völlig verfehlt und sich auf die Stufe der Afrikaner begeben, v.a. als er für sich reklamierte, im Einklang mit afrikanischem Recht gehandelt zu haben, das für Ehebruch die Todesstrafe vorsehe.

Leider erfährt man über diese Dispositionen zur Gewalt in Perras’ Lebensbeschreibung kaum etwas. Was also eigentlich Peters antrieb, was ihn zu einem so überzogenen Chauvinisten machte, wie repräsentativ er für die Kolonialbewegung oder auch die Kolonialbeamten dieser Zeit war, oder ob der Pfarrerssohn in seiner Maßlosigkeit eher dem Briten Cecil Rhodes ähnelte [2], alle diese Fragen bleiben unberührt. Das ist schade, sind doch in letzter Zeit mit den Arbeiten von Christian Geulen interessante Ansätze präsentiert worden, wenn auch nicht Carl Peters Kolonialherrschaftspraktiken, wohl aber seine Vorstellungen in einen größeren Deutungsrahmen einzubetten.[3] Geulen geht wie Perras davon aus, dass in der Verbindung der im 19. Jahrhundert parallel entwickelten Konzepte von Imperialismus und Nationalismus der eigentliche Antriebsmotor imperialistischer weltausgreifender Vorhaben liegt. Nur habe Peters den Blick in die Zukunft, weniger in die völkische bestimmte Vergangenheit gerichtet. Nationale Größe und Einheit sollten erst noch erreicht werden. Unabdingbarer Erfüllungsgehilfe für dieses ehrgeizige Programm waren die Kolonien. Geulen deutet daher die Besessenheit vieler fiktiver wie realer Kolonialakteure nicht als pathologische Ausnahme von der Regel, sondern als Konsequenz dieser sich in einem permanenten Bewährungskampf wähnenden diskursiven Interferenz von Nationalismus und Imperialismus, von Gegenwart und vollendeter Zukunft. Dieses nicht nur bei deutschen Imperialisten zu findende Phantasma hat nach Geulen vermutlich wesentlich zur fatalen Dynamik des imperialen Ausgreifens wie zur fatalen Ignoranz gegenüber dessen Opfern beigetragen.

Auch Perras interpretiert Peters, obwohl weitgehend an sich selbst gescheitert, als wichtigen Ideengeber, dessen Konzepte von der Alldeutschen Bewegung weiter betrieben worden seien, ja sogar zum Teil später amtliche Politikvorgabe wurden, so etwa in Kiderlen-Wächters Afrika-Plänen. Überhaupt solle man, so der Autor, für die 1880er und frühen 1890er-Jahre die Etablierung einer außerparlamentarischen rechten Bewegung weniger als Abgrenzung, denn als Ergänzung zur Parteienlandschaft sehen: „[E]xtra-parliamentary organizations were used as additional ways of giving political demands a stronger voice.“ (S. 175) Anregend sind auch seine Überlegungen zur Abhängigkeit der deutschen Kolonialherren von ihren schwarzen Untertanen. In dem Augenblick nämlich, in dem sie sich wie Peters aus Arroganz und Ignoranz von allen Informationen über Land und Leute abgeschnitten hätten, hätten sie sich zumindest partiell für Einflüsterungen seitens der afrikanischen Chiefs geöffnet. Trotz aller auch waffentechnischen Machtfülle sei Peters in seiner Zeit am Kilimandscharo letztlich ein „blind giant“ (S. 204) gewesen. Dass schließlich in Neuhaus, Peters’ Geburtsort, 1951 die SED die lokale Carl Peters Straße in Stalin Straße umbenannte (S. 253), erscheint angesichts der Ergebnisse von Perras nur als eine weitere der vielen beispielhaften Episoden um Peters.

Anmerkungen:
[1] Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Dritter Band: Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849-1914, München 1995, S. 984, 1073; einen guten Überblick zu Peters liefern Baer, Martin; Schroeter, Olaf, Eine Kopfjagd. Deutsche in Ostafrika, Spuren kolonialer Herrschaft, Berlin 2001, S. 24-33 und S. 89-92.
[2] Stuchtey, Benedikt, Review of Arne Perras, Carl Peters and German Imperialism 1856-1918, in: Bulletin of the German Historical Institute London 27 (2005), 1, S. 83-88.
[3] Geulen, Christian, Wahlverwandte. Rassendiskurs und Nationalismus im späten 19. Jahrhundert, Hamburg 2004, S. 346-354; Ders., „The Final Frontier…“. Heimat, Nation und Kolonie um 1900: Carl Peters, in: Kundrus, Birthe (Hg.), "Phantasiereiche". Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus, Frankfurt am Main 2003, S. 35-55.

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Veröffentlicht am
08.11.2005
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