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Titel
Crimina. Die Antike im modernen Kriminalroman


Herausgeber
Brodersen, Kai
Erschienen
Frankfurt am Main 2004: Verlag Antike
Anzahl Seiten
240 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anja Wieber, Dortmund

Kriminalromane zur Antike erfreuen sich seit geraumer Zeit großer Beliebtheit. Genauso wie das Genre Kriminalroman nahm das Subgenre der historischen Kriminalromane mit dem Tatort Antike im angloamerikanischen Literaturbetrieb seinen Ausgang - verfasste doch Agatha Christie bereits 1945 unter dem Titel "Death Comes as the End" einen Kriminalroman, der im Alten Ägypten spielte. Inzwischen konnte sich dieser Romantyp aber erfolgreich in Deutschland etablieren, wenn auch häufig nur als Übersetzung aus dem Englischen. Im Vorwort des vorliegenden Bandes, der aus der gleichnamigen Tagung an der Universität Mannheim (13.-14.02.2004) hervorgegangen ist, weist der Herausgeber, der Althistoriker Kai Brodersen, darauf hin, dass die kriminalistische Begegnung mit der Antike für viele Rezipierende heutzutage die erste intensive mit jener Epoche sei. Der antike Kriminalroman gerät folglich aufgrund seines prägenden Einflusses auf Antike-Bilder in das Blickfeld verschiedener Interessengruppen zwischen altertumswissenschaftlicher Forschung, universitärer bzw. schulischer Lehre und Produktion der Romane.

Das Buch gliedert sich in vier thematische Einheiten mit insgesamt 12 Beiträgen. Während die ersten vier Beiträge von AutorInnen der Antikromane und einer Lektorin stammen (S. 9-46), blicken die beiden folgenden Beiträge aus altertumswissenschaftlicher Perspektive auf die Thematik (S. 49-124). Weitere drei Aufsätze behandeln die Gattung des Antikkrimis (S. 127-175); der Band schließt mit einer Einheit von wieder drei Beiträgen zu Antike in fiktionalen Gattungen der Moderne allgemein (S. 179-239). Am Ende der meisten Beiträge finden sich Verzeichnisse der besprochenen Antikromane und/oder der benutzten Sekundärliteratur.

Der durch zahlreiche Romane für alle Altersgruppen, aber auch Sachbücher bekannte Autor Hans Dieter Stöver [1] eröffnet den Band mit einem Beitrag (S. 11-16), der eine überarbeitete Version eines Auszugs aus seinem Buch "Die Prätorianer: Kaisermacher - Kaisermörder" darstellt. Wer einen genaueren Werkstattbericht [2] erwartet, wie der Autor die unterschiedlichen Quellen über die Ermordung Caligulas für seine eigene Version harmonisierte, wird jedoch enttäuscht, da Stöver nicht genügend transparent macht, warum er als Sachbuchautor inhaltliche Akzente anders setzt als die antiken Quellen oder die übliche Forschung.

Es folgen Artikel des Autorinnenteams "Malachy Hyde"[3], das deutsche Antikkrimis verfasst. Die als Archäologin ausgebildete Autorin Ilka Stitz (S. 17-24) geht der Frage nach, inwieweit das moderne Genre des Krimis den antiken Rechtsverhältnissen angemessen ist, und kommt dabei zum Schluss, dass bei allen Unterschieden in den Rechtssystemen die detektivische Methode auch in der Antike anzutreffen gewesen sei.[4] Die Co-Autorin, Historikerin und nun beim Landeskriminalamt Niedersachsen arbeitende Karola Hagemann liefert einen aufschlussreichen Einblick in die gemeinsame Schreibwerkstatt (S. 25-30). Um das für die Romane nötige Alltagskolorit aus antiken Quellen zu schöpfen, konsultiere das Autorinnenteam laut Hagemann neben den Elegien, Fachschriften (Plinius), Epigrammen, Satiren, Romanen, Gebrauchstexten (z.B. Graffiti) insbesondere Äußerungen so genannter kanonischer Autoren, die nicht als erhaben zu klassifizieren sind. Schilderungen der Schauplätze beruhen auf Autopsie durch Reisen und auf der Auseinandersetzung mit archäologischen Forschungsergebnissen. Dass aufgrund erzählerischer Logik widersprüchliche Quellen zu harmonisieren sind, gesteht Hagemann offen ein, genauso wie die Entscheidung für bewusste Anachronismen, wenn etwa benötigte Informationen erst für einen Zeitpunkt nach der Erzählhandlung zur Verfügung stehen. Bei der abschließenden Frage nach den anthropologischen Konstanten offenbart sich eine Spannung zwischen der Identifikation mit den Motiven antiker Menschen und dem Zweifel an einer Vergleichbarkeit der damaligen mit der heutigen Welt - ein Dissens, den sich die Autorinnen hoffentlich auch in Zukunft erhalten werden.

Die Lektorin und Klassische Philologin Maria Rutenfranz [5] (S. 31-46) stellt kundig eine weitere Subgattung des Antikkrimis vor, die Detektivgeschichten für Kinder. Deren momentanen Erfolg ordnet sie in eine Entwicklung des Buchmarktes zum Infotainment ein, das längst früher übliche Formate des historischen Jugendbuches (Biografien oder Geschichtserzählungen) abgelöst hat. Den immer noch anhaltenden Erfolg der Caius-Trilogie von Henry Winterfeld (1953, 1969 und 1976) um den Lausbubendetektiv Caius und seine Klassenkameraden erklärt Rutenfranz mit der Gegenwartsnähe der Handlung, bei der die antike Welt gleichsam eine Kulisse bleibt. An den Romtrilogien Hans-Dieter Stövers (mit den Hauptfiguren Quintus bzw. Esther und David) hebt sie positiv den Blick von außen auf Rom hervor, den die Hauptfiguren der Romane als Zugereiste haben, und der zu heutigen Migrationsproblematiken passe. Die Bücher Caroline Lawrences [6] bieten nun ein Mädchen als Detektivin. Die verschiedenen Miträtselkrimis zur Antike schließlich enthalten z.T. einen Sachbuchanhang zur Klärung der Fragen. Insgesamt charakterisiert Rutenfranz das von ihr untersuchte Subgenre als "Einsteigerliteratur", die besonders mit Hilfe von geeigneten Identifikationsfiguren ein jugendliches Publikum für die Antike begeistern will, dabei aber auch häufig ein "schiefes Geschichtsbild" produziert.

Jörg Fündling (S. 49-108) legt aus althistorischer Perspektive eine ausführliche Rezension antiker Kriminalromane mit zahlreichen Belegen vor und berücksichtigt dabei auch die Äußerungen und Stellungnahmen der Autoren. Leider enthält die stattliche Bibliografie nur die besprochenen Romane, nicht aber die fachwissenschaftlichen Titel der Anmerkungen. Bei allen Ähnlichkeiten zwischen der Arbeit des Detektivs und der eines Historikers hält Fündling jedoch die für Romane typische Grundnahme einer ewig gleichen Gefühlswelt für problematisch. Den Antikkrimi bezeichnet er wegen seiner Vorläufer und Annäherungen an andere Gattungen (Professorenroman, Liebesroman, Abenteuerroman usw.) als mixtum compositum. Die Fokussierung der Antikkrimis auf die späte Republik und die frühe Kaiserzeit aufgrund der Zugänglichkeit des Materials hält er für verständlich, kritisiert allerdings die Sinn entstellenden Fehler, die sich bei den Übersetzungen, meist aus dem Englischen, eingeschlichen haben, und ein Fortschreiben bestimmter Stereotypen im Roman (römische Orgien, Vulkanausbruch usw.). Vom Autor historischer Romane erwartet Fündling, dass jener unter Beibehaltung des historischen Rahmens Wissenslücken für sein Projekt kreativ fruchtbar mache. Zwar seien Sachfehler ärgerlich (Fündling gibt Beispiele für Probleme mit der Nutzung alter Sprachen oder für fehlende Detailkenntnis bei Realien, wie Kleidung, Essen oder Namengebung, S. 81ff.), schwerer wiege jedoch die Gesamtsicht eines Romans, wie er an dem zu modernen Kolorit deutlich macht, etwa an der nach dem Gebot amerikanischer political correctness konstruierten Familienkonstellation des Haupthelden von Steven Saylor und am Beispiel der Romane John Maddox Roberts', in denen die römische Republik zum Spiegelbild der Korruption der Nixonära gerät. Eine Chance biete sich den Romanen beim Einfangen eines Lebensgefühls (S. 103; vgl. auch: "die ganze enorme Distanz zwischen römischer und westlich-moderner Lebensweise überfällt uns […], wenn ein Mädchen aus wohlhabendem Haus ganz beiläufig von Flöhen gebissen wird und das weiter gar nicht wahrnimmt", so Fündling zu einer Kurzgeschichte von Caroline Lawrence, S. 79).

Der Altertumswissenschaftler und Bibliothekar Stefan Cramme (S. 109-124) stellt zunächst die von ihm erstellte Datenbank "Historische Romane über das alte Rom" vor [7], mit der er sich bereits weit über Deutschland hinaus einen Namen gemacht hat und die bei jedweder Beschäftigung mit historischen Romanen ein unverzichtbares Hilfsmittel darstellt. Die Datei enthält Inhaltsangaben und Bewertungen zu Romanen über Rom von den mythischen Anfängen bis zum Ende West- und Ostroms, einschließlich aller Schauplätze des Römischen Reiches und verschiedener Subgattungen (alternative Geschichte, Kinderbuch, Kriminalroman usw.). Bei der Produktionszeit der Romane ist die Neuzeit das Auswahlkriterium, mit einem Schwerpunkt auf dem 19. und 20. Jahrhundert. Unter der Fragestellung, inwieweit sich das Phänomen der Romanisierung und der Provinzialkultur ("multikulturelle Gesellschaft") in den Antikkrimis niedergeschlagen hat, untersucht Cramme dann mit Hilfe des von ihm erfassten Materials (3.913 Titel insgesamt, 360 Kriminalromane) zuerst die geografische Verteilung der Schauplätze und stellt analog zum Romanbefund allgemein in den Krimis eine Fokussierung auf Stadtrom fest, gefolgt von der Vesuvgegend und Britannien, danach Ägypten und Germanien, wobei Britannien und Germanien besonders der Gattung lokaler Krimis verpflichtet sind und die Ägyptenromane hauptsächlich um das Alexandria Kleopatras kreisen. Andere Teile des Reiches und ländliche Gegenden an sich bleiben unterrepräsentiert. Bei der Quellenbenutzung in den Romanen macht Cramme zu Recht darauf aufmerksam, dass die oft in Romanen als Informationsquelle für Alltagsleben herangezogene Satire und ebenso die Komödie aufgrund innerer Gattungslogik nicht ohne weiteres als Abbildungen der Realität gelesen werden dürften, zudem ist ihre Relevanz für die Provinziallandschaft fragwürdig. Für alternative Quellen aus den verschiedenen Reichsteilen (Epigrafik, Papyrologie und Numismatik) fordert er eine größere Zugänglichkeit für Nichtfachleute, besonders durch zweisprachige Ausgaben; bei der Sekundärliteratur verweist er auf die Notwendigkeit einer genaueren Untersuchung, inwieweit sich das Antikbild der AutorInnen aus der Benutzung älterer Standardwerke speise. Die Darstellung der Identität der Romanfiguren als Römer oder Provinziale hält er oft für unzutreffend und nicht dem gewählten Handlungszeitraum entsprechend.

Die Literaturwissenschaftlerin Dagmar Dappert (S. 127-142) hat eine Untersuchung der Gattungsmerkmale des historischen Kriminalromans anhand der Erstlingswerke der Krimiautoren Steven Saylor ("Roman Blood"), John Maddox Roberts ("SPQR") und Lindsey Davis ("The Silver Pigs") vorgelegt. An typischen Spezifika des Kriminalromans weisen die drei Romane die Plotstrukturen "Mord, Fahndung und Aufklärung" auf und folgen einer chronologisch-linearen Komposition. Da sie den Ermittler als Ich-Erzähler mit kritischer Distanz zum politischen System und zum Schauplatz Großstadt präsentieren, sind sie im höheren Maße den hard-boiled novels (s.u.) als der klassischen Detektivgeschichte verpflichtet. Vor dem Hintergrund der Gattungsmerkmale historischer Romane lässt sich die Arbeit von Saylor eher als "dokumentarisch historischer Roman" einstufen, in dem alle Figuren außer dem Detektiv und seinem Umfeld historisch belegt sind, während Lindsey Davis' Roman genau entgegengesetzt verfährt: fiktive Personen treten in einem historischen Rahmen ("realistisch historischer Roman") auf; Roberts Roman bewegt sich eher in der Mitte zwischen beiden historischen Romanarten. Wie ebenfalls für historische Romane typisch, erfolgt die Darlegung historischer Fakten oder Zusatzinformationen in den untersuchten Romanen dynamisch oder statisch (eingebettet in Dialoge, mit der Erzählung verbunden oder als unverbundener Einschub in Klammern). Das für den historischen Roman wichtige Gebot des Verzichts auf Anachronismen und kontrafaktische Realitätsreferenzen haben die untersuchten Autoren nach Dappert unterschiedlich eingelöst, Davis parodiere jedoch auch zuweilen das Genre. Da aber in den vorgestellten Romanen Merkmale der Gattung des Historienromans wie des Krimis zutreffen und historische Informationen mit Elementen des Kriminalromans verschmolzen werden (z.B. wird eine scheinbar antiquarische Information Suetons über Kaiser Domitian zu einer Fährte in der Kriminalhandlung), lasse sich der Antikkrimi als hybrides Genre aus Kriminalroman und historischem Roman klassifizieren.

Der Historiker Markus Schröder [8] (S. 143-156) ordnet auf der Grundlage der Romanreihen von Saylor, Roberts, Davis und David Wishart (Hauptfigur "Marcus Corvinus") die Antikromane in die Tradition der hard-boiled novels ein, dessen bekannteste Schöpfer Raymond Chandler und Samuel Dashiell Hammett sind. Dafür grenzt Schröder zuerst dieses Genre um die Figur des hartgesottenen, einsamen amerikanischen Privatdetektivs der 1930er-Jahre von den klassischen englischen Krimis ab, die zumeist von einem gentleman detective handeln und aus weiblicher Feder stammen. Einige seiner alternativen Erklärungsansätze, warum die derzeit erfolgreichen römischen Antikromane hauptsächlich dem hard-boiled Typ des Krimis verpflichtet sind und in der Endphase der Republik und der frühen Kaiserzeit spielen, vermögen indes nicht zu überzeugen: Faszinosum einer Militärmacht und echter Männer als Haupthelden einerseits, die vergleichbare Angst vor dem Verlust der Demokratie und der Kultur andererseits - eine derartig holzschnittartige Betrachtung Roms entspricht weder antiken Herrschaftsformen noch den Ergebnissen einer Mentalitätsgeschichte der frühen römischen Kaiserzeit, sie folgt außerdem dem längst überholten Verdikt der hohen und späten Kaiserzeit als Verfallsepoche. Interessant sind hingegen die Erörterung, wie Lindsey Davis die für Chandler typische Erzählweise und seine Aphorismen ("Chandlerismen") auf ihre Antikromane überträgt (S. 149f.), und Schröders Hinweis, dass zwar Roberts' moderne Regimekritik im Gewande eines Antikromans derzeit wieder Relevanz in den USA gewonnen habe, nachdem dessen Romane vorher geraume Zeit nur auf Deutsch erschienen seien, dass aber die Sozialkritik und der historische Hintergrund im Laufe der Reihe an Bedeutung verloren hätten (S. 152ff.).

Die Literaturwissenschaftlerin Annette Korthaus (S. 157-175) geht nochmals auf die Frage der Gestaltung der Antikkrimis nach dem Typ der hard-boiled novels ein und ergänzt so die Ergebnisse von Dappert und Schröder. Als typisch für dieses Genre führt Korthaus noch an: knappe Sprache mit Alltagsmetaphern angereichert, Dialoge konstruiert als Schlagabtausch, hohe Gewaltbereitschaft der beteiligten Personen, ferner die Affären des Detektivs und die Notwendigkeit durch Ermittlungsarbeit den Lebensunterhalt zu sichern. Die von ihr untersuchten römischen Ermittler lassen sich diesem Detektivtyp, auch in ihrem Sprachstil ("Chandlerismen" s.o.), in unterschiedlichem Maße zuordnen, weisen aber auch untypische Züge auf, beispielsweise die hohe Abstammung des Ermittlers in den Romanen von Roberts und Wishart oder die Tatsache, dass der Hauptheld in den Romanen von Lindsey Davis kein einsamer Einzelkämpfer ist, sondern eine große Familie aufweist und seiner Lebenspartnerin Helena treu ergeben ist.

Der Althistoriker Wolfgang Will (S. 179-190) analysiert die Erzählung des Literaten Arno Schmidt "Alexander oder Was ist die Wahrheit?" als Kriminalgeschichte. Will belegt treffend, wie die Erzählung Schmidts auf verschiedenen Ebenen operiert: Das Tagebuch eines jungen Aristotelesschülers namens Lampon, der sich mit einem Brief des Philosophen auf die Reise nach Babylon zu seinem Onkel Aristodemos, dem Leibwächter des Königs, gemacht hat, ist eine Allegorie der Nachkriegszeit auf Krieg und Nationalsozialismus, ferner fast ein Entwicklungsroman, in dessen Verlauf der junge Tagebuchschreiber - konfrontiert mit den Folgen der Eroberung - vom Verehrer des Königs zum Gegner wird. Gleichzeitig entfaltet sich die Geschichte mit den immer deutlicher zu Tage tretenden Elementen "Täter, Opfer, Motiv" aber auch als kriminalistische Schilderung einer Verschwörung gegen den König, die mit dessen Gifttod, vom Philosophen und Lehrer in die Wege geleitet, endet.

Der Germanist Thomas Kramer untersucht die imaginierte Antike im Mosaik-Comic der DDR (S. 191-216). Kramer verweist zu Recht auf den Anteil der Comics bei der Herausbildung von Geschichtsbildern, deren Erforschung bislang von den entsprechenden Wissenschaftsdisziplinen (Kunstgeschichte/Geschichte) nicht genügend Aufmerksamkeit zuteil geworden sei.[9] Für die Mosaik-Comics, die er als "Trivialepos der DDR" einstuft, belegt er eindrucksvoll, wie in den Heften das Bild der Antike als ein Amalgam aus disparaten Ideologien und Kulturgütern entstand. Sowohl der Schöpfer der Mosaik-Comics Hannes Hegen (Pseudonym) als auch der langjährige Texter und Ideengeber Lothar Dräger hatten nämlich noch eine bürgerliche Erziehung und Sozialisation genossen, zu der besonders im Falle Drägers neben klassischen antiken Bildungsgütern auch Professorenromane des 19. Jahrhunderts und Karl May gehörten. Marxistische Geschichtsbilder einer "antiken Sklavenhaltergesellschaft" wurden in den Heften genauso bedient wie Vorstellungen bürgerlicher und sozialistischer Technikgeschichte (Erfindungen zwischen Einzelleistung und Kollektiv). Als visuelle Vorbilder für die Comics lassen sich neben den Beständen der Berliner Museumswelt, klassizistischer Architektur aus Preußen ("Römische Bäder" in Potsdam) und Historienmalerei des 19. Jahrhunderts erstaunlicherweise nicht-sozialistische Antikfilme der 1950er-Jahre und Zeichnungen aus der US-Zeitschrift "National Geographic" der 1960er-Jahre nachweisen, deren Prägekraft so groß war, dass etwa das ptolemäische Ägypten in den Zeichnungen biblisches Kolorit erhielt. Dass das Antikbild der Mosaik-Comics von einem großen Personenkreis rezipiert wurde, dem etliche der genannten Quellen nicht ohne weiteres zugänglich waren, zeigt einen Widerspruch auf, der sich auch für die Untersuchung anderer Phasen der Antikerezeption fruchtbar machen ließe.

Der in der Erzählforschung ausgewiesene Klassische Philologe Nick Lowe [10] legt eine informative Übersicht über die fiktionalisierte Antike vor (S. 217-239). In der Gattung der populären Romanliteratur zeichnet sich Lowe zufolge eine auch für Fiktionalisierung der Antike wichtige Tendenz zur Bildung unzähliger Subgattungen und gleichzeitig ein Produktionszwang zur Serie oder zumindest zum Mehrteiler ab. Dominiert wird der Markt von AutorInnen aus Großbritannien und dem Typos des Krimis. Das Konzept der Serie offenbare zugleich den Widerspruch zwischen dem krimitypischen Zwang zur Kontinuität und den in historischen Romanen häufig zugrunde gelegten geschichtlichen Wendepunkten, die auch das Handeln der Charaktere veränderten oder die Handlung abschlössen. Als typisch für Antikkrimis verweist er auf deren Konzeption nach dem narrativen Schema der Verschwörung oder als Erzählung aus der Perspektive der Unterschichten. Gattungsmischung stellt er etwa bei Robert Harris fest, der den Katastrophenroman mit dem Krimi verbinde und gleichzeitig eine Allegorie auf die amerikanische Hybris verfasse. Die derzeitige Favorisierung der fiktionalisierten Antike zeitigt nach Lowe auch in anderen narrativen Medien Wirkung, allen voran im aktuellen Hollywoodfilm, der jedoch im Wesentlichen auf der Geschichte eines individuellen Helden und seiner Bewährung beruhe. Diese Lesart der Antikfilme ("Gladiator", "Troja" oder "Alexander") zeige ihre Verbundenheit mit dem Genre der so genannten "Helmromane", deren Betonung maskuliner Werte und Kampfesethik Lowe in eine allgemeine Nostalgie für antike Kriegstechnik in den Vereinigten Staaten einordnet. Während Antikkrimis weder im Kino noch im Fernsehformat erwähnenswert umgesetzt wurden, sieht er in den Fernsehserien um "Hercules" und "Xena" interessante narrative Strategien am Werk und hält gerade letztere Serie wegen ihrer gewollten Absurditäten für eine postmoderne Dekonstruktion der Antike. Bei den aktuellen Antikcomics (z.B. "Age of Bronze") stellt Lowe das Bemühen um archäologische Akkuratesse in der visuellen Präsentierung fest, bei Parodien auf die Antike betont er die ungewöhnlichen Erzählperspektiven (z.B. die Erzählung der Odyssee aus der Perspektive eines der Schweine des Hirten Eumaios bei Paul Shipton). Das Genre Science Fiction hingegen führe die Antike meist über Zeitreisen ein; als interessantes Projekt hebt Lowe Dan Simmons "Ilium" hervor, in dem die homerischen Götter Menschen aus einer fernen Zukunft sind, mit der Fähigkeit zur Zeitmanipulation. Antike werde ferner in der alternativen Geschichte fiktionalisiert und kreise hier fast immer um Konflikte zwischen West und Ost (Perserkriege, Alexander oder Actium). Bei der Neuschreibung antiker Mythen lasse sich einerseits ein Zug zur Säkularisierung festmachen (so auch in dem Film "Troja"), andererseits seien in fantastischer Literatur die Betonung magischer Kräfte der Antike oder ungewöhnliche Plotstrukturen wie etwa in Romanen Gene Wolfes (Tagebuch eines römischen Söldners im ägyptischen Heer über seinen Kampf gegen seine täglich wiederkehrende Amnesie) anzutreffen.

Der Band bietet wertvolle Anregungen für alle, die Rezeptionsgeschichte erforschen oder als Lehrende den Rezeptionsprozess in den Unterricht mit einbeziehen wollen. Hilfreich wäre indes eine bessere Verbindung der Artikel, etwa in Form einer Zusammenfassung gewesen, die noch stärker die teilweise gegensätzlichen Meinungen pointiert hätte, so in der Frage der Bewertung des Gegenwartsbezuges, zu dem gattungsgeschichtlich in den hard-boiled novels die Kritik der herrschenden Verhältnisse gehört. Bei Verlagerung der Krimihandlung in eine andere Epoche führt dies oft genug zu einer Ineinssetzung von Gegenwart und Vergangenheit, die jedoch aus der Warte der historischen Fachwelt umstritten ist. Auch sollte eine weitere Beschäftigung mit dem Thema ebenso die Gattungskonventionen der nicht-römischen Antikkrimis untersuchen, genauer nach den verschiedentlich erwähnten Vorläufern der Antikkrimis und allen Formen der Intertextualität fragen, ein Prozess, bei dem andere moderne Rezeptionsmedien offensichtlich eine größere Rolle spielen als antike Quellen. Frei nach Umberto Eco [11] bleibt schließlich noch ein Antikkrimi zu schreiben, in dem der Leser der Mörder ist, vielleicht (k)ein Altertumswissenschaftler …

Anmerkungen:
[1] Vgl. seine Jugendbuchserie zu Quintus, ferner seine Kriminalromane um den römischen James Bond "CVT" (Gaius Volcatius Tullus).
[2] Zu seinen Intentionen und den ihn prägenden Einflüssen (u.a. Antikfilme) siehe den von ihm verfassten Abschnitt: Werkstattberichte. Geschichten aus der Geschichte, Geschichte lernen 71 (1999): Historische Kinder- und Jugendliteratur, S. 8-9.
[3] Internetpräsenz unter http://www.malachy-hyde.de/.
[4] Siehe auch Daube, David, Die Geburt der Detektivgeschichte aus dem Geiste der Rhetorik, Konstanz 1983.
[5] Rutenfranz, Maria, Götter, Helden, Menschen. Rezeption und Adaption antiker Mythologie in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur, Frankfurt am Main 2004.
[6] Internetpräsenz http://www.romanmysteries.com/indexflash.htm.
[7]http://www.hist-rom.de/.
[8] Schröder, Markus, Marlowe in Toga? - Krimis über das alte Rom, Paderborn 2001.
[9] Vgl. aber: Lochman, Tomas (Hg.), "Antico-mix". Antike in Comics, Basel 1999; für die Fachdidaktik: Geschichte lernen 37 (1994): Geschichte im Comic.
[10] Lowe, Nick, The Classical Plot and the Invention of Western Narrative, Cambridge 2000.
[11] Eco, Umberto, Nachschrift zum "Namen der Rose", München 1986, S. 90.

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Veröffentlicht am
01.06.2005
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