M. Kramp u.a. (Hgg.): Die Loreley

Titel
Die Loreley. Ein Fels im Rhein. Ein deutscher Traum


Herausgeber
Kramp, Mario; Schmandt, Matthias
Erschienen
Anzahl Seiten
XV, 214 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Susanne Kiewitz, Museum für Kommunikation, Berlin

Ein „Mythos“ (S. 166), eine „männer-mordende femme fatale“ (S. 99), eine „Weltbürgerin“ (S. 190) oder einfach „übereinander liegende Schichten“ (S. 5) von Gestein – das Wesen der Loreley ist vielfältig und obwohl das Motiv der verführerischen blonden Fee auf dem Felsen zu den bekanntesten der Landschaftskunst gehört, noch kaum erschöpfend aufgearbeitet. 1801 von Clemens Brentano geschaffen steht die Kunstfigur ebenso im Zentrum der Frühromantik wie im Bann des der Romantik auf dem Fuße folgenden Kitsches, und als Bestandteil der romantischen Rheinlandschaft wird die Loreley ebenso oft verklärt wie sie von der Zerstörung durch eine unter dem Diktat des Tourismus stehende Verkehrsplanung bedroht ist. Dem Schönen – einmal in seiner Schönheit erkannt – droht die Vernichtung.

Diesen Schluss ziehen auch die Herausgeber des vorliegenden Buches, das 2004 als Aufsatzband zwei Ausstellungen begleitete. Unter dem Titel „Ein Fels im Rhein. Ein deutscher Traum“ versuchen die Herausgeber die changierenden Wesensfacetten der Loreley über die Jahrhunderte zu bestimmen. Das Projekt ist bereits insofern verdienstvoll, als es sich um ein Gemeinschaftsvorhaben zweier thematisch ähnlich gelagerter Institutionen handelte. Die Ausstellung wurde in zwei sich ergänzenden Teilen im Mittelrheinmuseum Koblenz und im Historischen Museum am Strom Bingen gezeigt.

Das Thema ist gut gewählt, denn die Loreley bildet nicht nur geografisch sondern auch symbolisch und ideell das Herzstück des vor drei Jahren zum Weltkulturerbe erklärten Mittelrheintals. Wie labil dieser Status ist, zeigt die dieser Tage brandende Diskussion um den Kölner Dom, dem die Aberkennung seines Status als Weltkulturerbe droht, da geplante oder im Bau begriffene Hochhäuser die Silhouette der Domtürme verändern. Es bleibt wichtig, hin und wieder über Geschichte und Bedeutung der Weltkultur Mittelrhein nachzudenken. Im Fall der Loreley ist die Notwendigkeit dafür besonders groß, denn viele ihrer Facetten sind nach wie vor unbekannt. Ausgiebig abgehandelt hat die Forschung bislang die poetische Loreley.[1] Weitere kulturhistorische Aspekte rückten nur am Rande in den Blick. Im Zentrum einer Ausstellung – wie in Bingen und Koblenz – stand die Loreley noch nie. Bislang begegnete man ihr lediglich im Rahmen größerer Ausstellungsprojekte zum Rheinthema.[2]

Der Titel des Bandes verweist bereits auf die doppelte Herangehensweise der Herausgeber. Einerseits richtet sich der Blick auf die Geografie der Loreley als „Fels im Rhein“ und andererseits auf den davon inspirierten „deutsche[n] Traum“, dessen Allegorie die Frauenfigur Loreley ist. Damit ist eine chronologische Gliederung verknüpft. Während der erste Teil den Zeitraum bis 1800 abdeckt, umfasst der drei Viertel des Bandes einnehmende zweite Block die folgenden 200 Jahre. Diese Struktur trägt der Motivgeschichte Rechnung, denn das markante Bild von Fels und Frau existiert erst ab 1801. Seitdem, ist hinzuzusetzen, war der Felsen jedoch keineswegs vergessen, denn auch die künstlerisch anverwandelte Loreley bezieht einen Gutteil ihrer Kraft aus der realen Klippe.

Teil eins beginnt mit den geologischen Fakten. Rahel Hohlfeld und Jörn H. Kruhl erklären mitunter ein wenig zu didaktisch, dass die Loreley aus unzähligen erdgeschichtlich betrachtet sehr alten Schiefergesteinschichten bestehe. Das kann mit Blick auf die weiteren die Vielschichtigkeit des Themas aufblätternden Seiten des Buches durchaus metaphorisch verstanden werden. Darauf aufbauend beschreibt Axel von Berg die frühe Besiedlung des Felsens. Matthias Schmandt schlägt mit seinem gründlich recherchierten und mit reichlich Archivmaterial abgesicherten Beitrag über die ersten schriftlichen Erwähnungen der Loreley die Brücke zur Neuzeit. Schon dort entdeckten die Dichter den Berg als märchenhaften Ort, wie Christoph Daxelmüller festhält, dabei aber mit seinen Ausführungen zum Zwergenwesen allzu weit von der Loreley abschweift. Den Schlusspunkt der Überlegungen zum „Fels im Rhein“ setzen die beiden Herausgeber mit einem gemeinsamen Aufsatz, der sicher nicht ohne Hintergedanken die „tiefste[n] Stelle“ (S. 46) des Rheinlaufs zu Füssen der Loreley auslotet. Sie leiten damit zur Romantik über, die in der Loreley ein Bild für die unergründliche Tiefe der Natur als Ziel romantischer Sehnsucht fand.

Mit der Dichtung der Frühromantik ersteht die Loreley als „deutscher Traum“, dem der zweite Teil des Bandes gilt. Die Anlehnung an Heines Loreley-Gedicht „Heimkehr II“ gibt die Struktur vor. Die Herausgeber überschreiben die Beiträge mit Textzeilen aus diesem Poem, was als metaphorischer Kommentierung der vorgestellten Themen zumeist gelingt. Insgesamt bieten die Aufsätze zwar mitunter eine Wiederholung bekannter Fakten, sie bringen aber auch neue Details. Sattsam bekannt ist die frühe Entwicklung des Motivs, seit seiner Erfindung durch Clemens Brentano, der die Fortschreibung durch Joseph von Eichendorff und den Grafen Heinrich von Loeben folgten bis hin zu Heine, die Mario Kramp referiert. Die enge Beziehung zwischen Loreley und dem Germania-Denkmal auf dem Niederwald als zwei nationale Allegorien, auf die Marie-Louise von Plessen abhebt, ist ebenfalls nicht ganz neu.[3] Ein interessantes Detail liefert Joseph A. Kruse, der in seinem Grundsatzbeitrag sein Augenmerk auf die Rezeption Heines im „Dritten Reich“ richtet und korrigiert, dass nicht die Nationalsozialisten, sondern der 1935 aus Deutschland emigrierte Germanist Walter Berendsohn verantwortlich für die Ausmerzung Heinrich Heines als Verfasser des Liedes gewesen sei (S. 69). Kruse eröffnet damit das bislang wenig erforschte Themenfeld Loreley und Nationalsozialismus, das Paul-Georg Custodis und Holger R. Stunz kurz aber inhaltlich ergiebig entfalten. Enttäuschend bleibt dagegen das Thema Musik. Ingrid Bodschs Überblick der verschiedenen Vertonungen der Loreleygeschichte ist rein deskriptiv. Konzentriert ist der Überblick über die Loreley-Figur im Gemälde, den Rita Müllejans-Dickmann liefert. Sie beschreibt die Vielfalt des „Frauenbildes“ Loreley von „der madonnenhaften femme fragile“ bei Carl Joseph Begas „bis zur lasziven männer-mordenden femme fatale“ (S. 87) Wilhelm Krays. Der Kanon der bekannten Loreley-Darstellungen wird dabei allerdings nicht erweitert, Menzels Loreley bleibt ebenso unerwähnt wie jene Slevogts. Unergiebig ist die Gender-Perspektive, die Bettina Baumgärtel einnimmt. Ihr Resümee, „die Figur verweilt letztlich im Bereich des Unerklärbaren, im vorsprachlichen Raum“ (S. 93), hilft wenig weiter. Ist der Versuch der Autorin, Licht in dieses Unerklärlichen durch den Hinweis auf die Bildkomposition zu bringen, noch einigermaßen gelungen, so ist ihr Bezug auf literarische Vorlagen geradezu ärgerlich, da Baumgärtel diese Vorlagen nur ungenau gelesen hat. Resümierend heißt es: „Die Loreley, gekennzeichnet vom traurigen Los einer verlorenen Liebe, wird zur femme fatale wider Willen. Ihr Gesang, eigentlich ein Trauerlied, wird als Verführungsmanöver gelesen.“ (S. 99) Baumgärtel hat sich bis dahin explizit auf die Physiognomie von Heines Loreley bezogen. Vom „traurigen Los einer verlorenen Liebe“ ist dort allerdings nichts zu lesen. Dieses Moment kennt lediglich die Loreley-Geschichte Clemens Brentanos. Dort wiederum singt die Loreley nicht. Die Analyse, die zwei literarische Vorlagen unreflektiert in Beziehung bringt, ist methodisch fragwürdig und in hohem Maße unbefriedigend.

Es erstaunt nicht, dass Baumgärtels Versuch, einen Idealtyp Loreley zu schaffen scheitert, denn es kennzeichnet die Loreley, sich im Rahmen verschiedener Deutungskontexte über zwei Jahrhunderte behaupten zu können und trotz ihrer Veränderungen immer erkennbar zu bleiben. Vor diesem Hintergrund ist Roland Hüves Beitrag zum Rheingold hervorzuheben.

Hüve zeigt am Beispiel der Rheinnixen, die der Loreley zwar ähnlich sehen, aber einer anderen Stofftradition entstammten, dass nicht alle vom Rhein inspirierten Kunstmotive gedanklich zusammenhängen. Einfacher als der Versuch, Ordnung in die phantastischen sich oftmals rezeptionsgeschichtlich kreuzenden Darstellungen der Loreley im 19. Jahrhundert zu bringen, ist die Darstellung der Loreley-Parodien des 20. Jahrhunderts. Gertrude Cepl-Kaufmann bietet einen ebenso kurzweiligen wie inhaltsreichen Überblick zu diesem Thema von den 1920er-Jahren bis zur Gegenwart.

Gelungen sind die letzten fünf Beitrage, die die Loreley in aktuelle Kontexte stellen. Ludwig Tavernier überblickt die Loreley in der neueren bildenden Kunst. Petra Kipphoff von Huene skizziert das Kunstprojekt eines beweglichen Loreleykopfes aus Metall vor dem Kölner Museum Ludwig als digital entworfene Idealschönheit. Rüdiger Müller nimmt den Kitsch unter die Lupe und Eun-Kyoung Park gibt neue Informationen über die Rezeption der Loreley in Ostasien – jenen Ländern, aus denen es einen Großteil von Touristen an den Rhein zieht. Den gelungenen Schlussakzent setzt Anton Neugebauer. Kenntnisreich und mit zahlreichen Beispielen belegt er, wie radikal regionale Planungen den Ausbau des Felsens zum Hotelstandort in den 1980er-Jahren favorisierten. Die Zerstörung des Landschaftsbildes im Zeichen eines kommerzialisierten Tourismus zeigt, wie nötig die Suche nach einer angemessenen Vermarktung des Rheintals ist. Die Hoffnung, dass die Anerkennung als Weltkulturerbe neue Wege des Fremdenverkehrs am Rhein bahnen könne, scheint trügerisch. Die Herausgeber des Bandes ziehen ebenfalls ein pessimistisches Resümee. „Auch das Schöne muss sterben“, ist der letzte Beitrag überschrieben. Angelehnt an Friedrich Schillers „Nänie“ stellt die Kölner Video-Künstlerin Gloria Zein 2004 das Schönheitsideal der langhaarigen Blondine in Frage, indem sie sich von einer kurzhaarigen Frau in eine blondgelockte Loreley verwandelte.

Trotz einiger Redundanzen, kleinerer inhaltlicher Ungenauigkeiten und häufig anstelle des Originalbelegs zitierter Sekundärliteratur ist der Band eine Bereicherung der kulturwissenschaftlichen Forschung über den Rhein. Die plausible Strukturierung, das breite inhaltliche Spektrum und die reiche, qualitativ hochwertige Bebilderung geben oft überraschende Einblicke in ein scheinbar bekanntes Thema.

Anmerkungen:
[1] Ehrenzeller-Favre, Rotraud, Loreley. Entstehung und Wandlung einer Sage, Flensburg 1948; Lentwojt, Peter, Die Loreley in ihrer Landschaft. Romantische Dichtungsallegorie und Klischee, Frankfurt am Main 1998.
[2] Vgl. den Band zur Ausstellung: Gassen, Richard W.; Holeczek, Bernhard (Hgg.), Mythos Rhein. Ein Fluß – Bild und Bedeutung. Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen am Rhein 12. Juni bis 16. August 1992, Ludwigshafen 1992.
[3] Auf die enge Verwandtschaft hat bereits Clemens Weiler hingewiesen: Weiler, Clemens, Von der Loreley zur Germania, Wiesbaden 1963.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.08.2005
Redaktionell betreut durch