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Titel
Der Schein der Person. Steckbrief, Ausweis und Kontrolle im Europa des Mittelalters


Autor(en)
Groebner, Valentin
Erschienen
München 2004: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
224 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Jaser, Institut für Geschichtswissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin

Jüngst stand in der Süddeutschen Zeitung eine Besorgnis erregende Nachricht zu lesen: „Europäische Besucher, die nach dem 25. Oktober in die USA reisen wollen, werden sich einen neuen Pass oder ein Visum besorgen müssen“.[1] Was steckt hinter dieser zukünftigen Beeinträchtigung des transatlantischen Reiseverkehrs? Die Vereinigten Staaten fordern moderne biometrische Pässe, deren elektronisch lesbarer Chip digitalisierte Daten zur Gesichtsform speichert und damit eine höhere Identifikationssicherheit bietet. Angesichts von terroristischen und kriminellen Praktiken des Identitätsdiebstahls erscheint der biometrische Pass als Hoffnungsträger, in der Rückschau als technologische Spitze einer jahrhunderlangen Entwicklung, die Valentin Groebner bis in das Mittelalter zurückverfolgt: die Geschichte der Personenbeschreibungen, Identitätspapiere, Steckbriefe und Ausweise. Allerdings ist Groebner aufgrund hoher Fehlerquoten skeptisch, ob der biometrische Pass das Grundproblem der Personenidentifikation – die „Lücke zwischen der Person und dem Papier, das sie ausweist“ (S. 173) – lösen kann.

Diesen aktuellen Bezugsrahmen macht der Autor im abschließenden achten Kapitel (S. 159-183) als causa scribendi explizit. Ihm geht es um die „historische Echokammer“ (S. 176) des Identifizierens von Personen und der Materialität ihrer Beschreibung und Erfassung, kurz: um die vielfältigen Bemühungen zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert, besagte Lücke zu überwinden. Nicht von ungefähr sind „Passport“ und „Steckbrief“ mittelalterliche Begriffe, ist der Reisepass eine „Erfindung“ (S. 7) des Mittelalters, kommen unsere Reisepässe als „Versatzstücke aus sehr viel älteren Wissenssystemen“ (S. 108) daher. Das dürfte den meisten Passberechtigten heutzutage kaum bewusst sein; eher schon ist ihnen der argwöhnische Blick auf das eigene, seltsam fremde Passfoto geläufig, verbunden mit der Frage: „Sieht man sich selbst ähnlich“, die Groebner im ersten Kapitel seines Buches (S. 13-23) aufwirft. Dabei sei die seit Burckhardt so wirkmächtige Erzählung von der Entdeckung des Individuums wenig hilfreich, vielmehr die Personenidentifikation doch eher von Fremdbeschreibungen als von Ich-Erzählungen abhängig. Ebenso problematisch sei auch das überlastete „Zauberwort“ (S. 20) ‚Identität’, besser geeignet schon ‚Ähnlichkeit’, um den Vorgang des Identifizierens in der ganzen „Reziprozität der Perspektiven“ (S. 23) zu erfassen.

Im zweiten Kapitel (S. 24-47) stehen die Bilder und Zeichen im Mittelpunkt, mit denen Personen identifiziert und vervielfältigt werden konnten. Die Medienrevolution des Spätmittelalters schuf eine „ganze Abzeichenkultur“ (S. 44), die von Serienproduktion geprägt war: Wappen und Siegel als „echte Stellvertreter der Person“ (S. 32) dienten der Selbstzuschreibung und Selbstdarstellung, offizielle Signa und Plaketten markierten und verorteten die Legitimität einer Person. Auch die Renaissanceporträts, die ‚al naturale’ den Abwesenden abzubilden versprachen, standen nicht für sich, sondern waren mit den Wappenzeichen „so eng wie möglich miteinander verknüpft“ (S. 40), um Identifikation und Repräsentation zu gewährleisten.

Aber jenseits dieser Zeichenvielfalt ist es bis heute der schriftlich fixierte Name, der für die Person steht. Dementsprechend geht es im dritten Kapitel (S. 48-67) um die pragmatische Schriftlichkeit des Spätmittelalters, um Aufschreibesysteme und Registraturen. Angefangen mit dürren Namenslisten im 13. Jahrhundert wurden die zunehmend mobilen Register bald ausführlicher und mit detaillierten Personenbeschreibungen versehen: Neben dem Namen und persönlichen Zeichen wurde in den Achtbüchern und Steckbriefen die Individualität der jeweiligen Person gerade anhand ihrer Kleidung erfasst und die „Unterscheidung zwischen Kleidern und Körpern“ (S. 56) zum Verschwimmen gebracht.

Am Körper war es nahe liegender Weise die Haut, die als „Dokument, Urkunde, Archiv“ des Identifizierens fungierte, als „unwiderruflich beschriebene Oberfläche einer Person“ (S. 70): „Zeichen auf der Haut“, wie Groebner das vierte Kapitel überschreibt (S. 68-84). Die Haut mit ihren Unregelmäßigkeiten, Narben, Muttermalen ist der allseits sichtbare Informationsträger der persönlichen Natur schlechthin, so dass das Lesen von und das Schreiben auf die Haut als „erstrangige Wahrheitstechniken“ (S. 78) fungieren. Das gilt insbesondere auch für die die künstlichen Körperzeichen, für die freiwillig oder zwangsweise angebrachten Stigmata der religiösen Auserwähltheit oder der Strafe – die Haut wurde als wirkmächtiges „Gedächtnis“ (S. 75), als „Garant der Authentizität“ (S. 77) nutzbar gemacht.

Neben den Hautzeichen bietet die menschliche Epidermis noch andere Identifizierungsoptionen an: die Haut- und Körperfarben, oder, um den mittelalterlichen Begriff zu nennen, die Komplexionen, die das fünfte Kapitel (S. 85-108) in den Blick nimmt. Nach Groebner sind die Hautfarben in der Vormoderne „relationale Kategorien“, die „je nach Bedarf mit Bedeutungsnuancen aus Astrologie, Säftelehre und Kosmologie aufgeladen werden“ (S. 99) konnten. Ihre Wahrnehmung changiert entlang der begriffsgeschichtlichen Entwicklung von complexio, der im Mittelalter für das individuell beeinflussbare Säfteverhältnis im Körperinneren stand, im 16. und 17. Jahrhundert zu einer Formel für Hautfarbe wurde, die nun als unveränderliche Kategorie Kollektiven zugeschrieben wurde – der Weg war geebnet für die Katastrophengeschichte der Rassetheorien, für die Nutzung von „Natur“ als „rhetorische Maschine“ (S. 107), die generalisierende Markierungen produzierte.

Mit dem sechsten Kapitel (S. 109-123) beginnt der zweite Teil des Buches, der sich mit den materiellen Trägern der Identifikation beschäftigt. Groebner konzentriert sich zunächst auf die mittelalterlichen Empfehlungsschreiben und Geleitbriefe, die „gewöhnlich für ganze Gruppen und für Menschen und Waren zusammen ausgestellt“ (S. 117) wurden. Diese an fremde Institutionen gerichteten Dokumente verdoppelten einerseits offiziell den Empfänger, der sie vorzeigte, andererseits aber auch die Körperpräsenz des Ausstellers, der mit Beglaubigungszeichen und Siegel dem Reisenden einen schriftlich fixierten Rechtsstatus garantierte. Vor Ort mussten solche Urkunden „ihre Gültigkeit und Echtheit aus sich selbst heraus nachweisen, d.h. ohne Rückgriff auf andere Dokumente“ (S. 113), auch wenn im diplomatischen Verkehr „weitere, nichtschriftliche warzeichen“ (S. 119) gefragt waren.

Die Geschichte der vormodernen Personalausweise, der passeports, die nicht mehr Privileg, sondern seit der Mitte des 15. Jahrhunderts obligatorisch und „ausschließlich auf Personen zugeschnitten“ (S. 126) waren, thematisiert das siebte Kapitel (S. 124-158). Hier wurde Individualität durch serielle Vervielfältigung hergestellt, die den Träger des Dokuments in das transformierte, „was in und auf dem Dokument bescheinigt war“ (S. 123). Nicht die Person garantierte die Echtheit des Passes, sondern die Authentizitätskriterien der Behörde, oder anders gesagt: Eine Person war der Ausweis plus ein interner behördlicher Ausweis in den Aufschreibesystemen und Registern. Groebner sieht dahinter die „große, historische Erzählung“ (S. 144) einer „Verwaltungsutopie“ des „Alles Aufschreibens“ (S. 143), der flächendeckenden Erfassung, welche die Identifikation an den Abgleich mit internen Registern koppelte.

Eine papierne Wirklichkeit oder der Schein der Bescheinigung? Groebner schreibt eben keine Erfolgsgeschichte der staatlichen Personenidentifikation, sondern hat über das gesamte Buch hinweg auch das unsichtbare Andere im Blick, das in der alternative Bedeutungsebene von ‚Schein’ zum Ausdruck kommt: Unwirklichkeit, Fiktion, Simulation. Kleidung machte Personen nicht nur erkennbar, sondern bot auch die Möglichkeit der Ver-Kleidung als Dissimulationsstrategie, der „Herstellung von Unähnlichkeit“ (S. 60), der bedrohlichen Verwandlung von Personen. In dieses Phantasma der Verschwörung gehören auch geheime Zeichen, oftmals Kopien offizieller Signa, welche die Verschwörer als „Doppelgänger realer politischer Ordnungen“ (S. 63) ausweisen. Mit der zunehmenden bürokratischen Erfassung der Einzelperson betritt im späten 16. Jahrhundert die Figur des Hochstaplers die literarische Bühne, der eine falsche soziale Rolle spielt und die „Grenzen menschlicher Wahrnehmungs- und Unterscheidungsfähigkeit“ (S. 155) aufzeigt. Aber nicht nur hier, auch in Bürokratien selbst lauerten stets die „Scheinwelt nur mehr sich selbst bestätigender Aufschreibesysteme und Register“ (S. 138) und „Aspekte der Fiktion“ (S. 156), solange – wie es Bernhard Siegert ausdrückte – Identitäten durch kopierte Zeichen beglaubigt werden und „im Inneren des fact der fake haust“.[2]

Gerade diese Passagen sind es, die den stärksten Leseeindruck vermitteln und den größten analytischen Wert aufweisen. Aber nicht nur diese, das ganze Buch liest sich spannend wie ein Roman und bietet den notwendigen kulturwissenschaftlichen Chic auf, um auch ein breiteres Publikum anzusprechen. In faszinierender Weise gelingt es Groebner, die historische Kulisse der aktuellen Debatten um Visa-Erlasse, sans papiers und neue Identifikationstechniken aufzuhellen. Dabei kommt sogar etwas heraus, was im geschichtswissenschaftlichen Fachdiskurs höchst selten ist: Unterhaltung. Allerdings nicht ohne Schattenseiten: Die durchaus beeindruckende Breite des verarbeiteten Quellenspektrums verliert sich nicht selten im Domino der Anekdoten, sprachlich setzt Groebner zu oft auf den reinen Schaueffekt und schematische Kapiteleingänge („Damit wären wir …“, S. 40, 43, 75, 94). Gelegentlich wünschte man sich mehr sozialgeschichtlichen Tiefgang; zum Beispiel wird der Frage, wer und welche gesellschaftlichen Gruppen hier eigentlich identifiziert und registriert werden, nicht oder nur im Vorübergehen nachgegangen. Das ist ein Problem der „losen Fäden“ (S. 9), die Groebner für seine Darstellung in Anspruch nimmt und die keine durchgängige Systematik zulassen. Trotzdem hat man letztlich nicht „ein Buch, in dem vieles fehlt“ (S. 9) vor Augen, sondern eines, das der Mediävistik ein weithin innovatives Forschungsfeld und Aktualitätschancen eröffnet, die diesseits der disziplinären Scheuklappen noch immer unzureichend wahrgenommen werden.

Anmerkungen:
[1] Süddeutsche Zeitung Nr.75, 2./3. April 2005, S. 10.
[2] Siegert, Bernhard, Pasajeros a Indias.4 ‚Auto’-biographische Schrift zwischen Alter und Neuer Welt im 16. Jahrhundert, in: Maier, Anja; Wolf, Burkhardt (Hgg.), Wege des Kybernetes. Schreibpraktiken und Steuerungsmodelle von Politik, Reise, Migration, Münster 2004, S. 260-276, hier: S. 273.

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Veröffentlicht am
07.06.2005
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