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Titel
Kulturelles Vergessen. Medien - Rituale - Orte


Herausgeber
Butzer, Günter; Günter, Manuela
Reihe
Formen der Erinnerung 21
Erschienen
Göttingen 2004: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
244 S.
Preis
€ 36,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nicolas Pethes, Lehrgebiet für Europäische Literatur und Mediengeschichte, FernUniversität Hagen

„An Ars Oblivionalis? Forget It!“ Dieser Aufsatztitel von Umberto Eco aus dem Jahr 1988 impliziert ein dezidiertes Votum gegen jeden Versuch, das Vergessen zu einer Kulturtechnik zu erheben, da es als eine solche Technik noch im Akt der Löschung unweigerlich neue Spuren produziere. Ecos Ansicht prägte den Gutteil der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung der vergangenen anderthalb Jahrzehnte, und die Versuche, diesen Forschungszweig um eine Theorie des Vergessens zu bereichern, wiederholten einmütig die Absage an wirksame „Strategien des Vergessens“.[1] Dieser Konsens hat dazu geführt, dass das Konzept des „kulturellen Gedächtnisses“[2] durchweg als Ensemble identitätsstiftender Mnemotechniken und gelingender Vollzug von Traditionsbewahrung und Kontinuitätsstiftung verstanden werden konnte.[3]

Das Phänomen des Vergessens wurde in diesem Zusammenhang lediglich negativ definiert – als Fehlen oder Verlust der Erinnerung und Mangel an Identitätsbewusstsein. Damit fielen aktuelle Gedächtnistheorien interessanterweise hinter Nietzsches Einsicht zurück, derzufolge das Vergessen ein notwendiger, im Wortsinne lebenswichtiger, Bestandteil individueller wie kollektiver Einheiten ist. An diesen Einspruch Nietzsches gegen den Erinnerungskult bereits des 19. Jahrhunderts anzuschließen und der Theorie des kulturellen Gedächtnisses eine gleichberechtigte Theorie des kulturellen Vergessens an die Seite zu stellen ist das Ziel des vorliegenden Sammelbandes, der auf eine Tagung des Gießener Sonderforschungsbereichs „Erinnerungskulturen“ vom März 2002 zurückgeht.

Der Ansatz, dass das Vergessen ein „kultureller Faktor mit eigenständigen Leistungen“ sei (S. 9), dass also Kollektive für ihre Stiftung und ihren Bestand ebenso auf Vergessenstechniken angewiesen sind wie auf Gedächtnispraktiken, impliziert, Vergessen nicht nur im destruktiven Sinne zu verstehen – von der damnatio memoriae der Antike bis zur faschistischen Bücherverbrennung –, sondern als konstruktive Kategorie. Das Vergessen ist kein Gegensatz zum Gedächtnis, sondern – im Sinne Niklas Luhmanns – Bestandteil seiner Operationen, die immer wieder aufs Neue zwischen Erinnern und Vergessen unterscheiden.

Eine Analyse kultureller Kommunikationszusammenhänge wird aber kaum auf dieser formalen Ebene stehen bleiben können. Butzer und Günter unterscheiden vier verschiedene Modi des Vergessens – den Bedeutungsverlust von Zeichen und Texten, ihre Zensur, ihre Umdeutung und ihre materielle Löschung (S. 11) – und ergänzen diese Liste historischer Vergessenstechniken in ihrer den Band abschließenden Zusammenfassung der Tagungsdiskussion durch die systematische Unterscheidung zwischen einem tatsächlich spurlos löschenden und einem lediglich verdrängenden Vergessen (S. 235). Während letzteres die zentrale Stellung Freuds für eine Theorie des Vergessens hervorhebt, wirft der Befund einer spurlosen Löschung die Frage auf, wie über einen derartigen Vorgang überhaupt gesprochen werden kann – verlangt ein „Sprechen über“ doch notwendig nach einer mehr oder weniger greifbaren Referenz. Angesichts dieser „Paradoxie von der Notwendigkeit und zugleich der Unmöglichkeit des Vergessens“ auf der Ebene der Theorie optieren die HerausgeberIn überzeugend für die „diskursive Verfasstheit des Vergessens“, aus der für die Forschung die Aufgabe seiner „Historisierung“ resultiere (S. 233). Einer solchen historischen Perspektive erschließen sich die Auswirkungen von Medienrevolutionen (allen voran der Schriftkultur) und politischen Machtverhältnissen, aber auch die Verdrängungsleistung von Monumentalisierungen bzw. die Gedächtnisstiftung durch Erinnerungsverbote – bis hin zur gegenwärtigen „Diskussion über die Gefahren eines Vergessens der Shoah“ (S. 10).

Die Historisierung der verschiedenen Vergessensdiskurse in Antike und Neuzeit leistet der Band in seinen drei Sektionen zu den Medien, den Ritualen und den Orten des Vergessens. Zu den Medien des Vergessens gehört, wie Dietmar Riegers Beitrag zeigt, die Bibliothek, deren Archivfunktion immer wieder literarische Imaginationen der Zerstörung der Bestände entgegengestellt werden – bis in den Dystopien des 20. Jahrhunderts von Orwell bis Bradbury die Kontrolle über die Bücher als politisch verordnetes Vergessen kenntlich gemacht wird. Arnd Beises Analyse der „statuomanie“ (S. 42) des 19. Jahrhunderts zeigt hingegen, wie gerade auch die inflationäre Präsenz politischer Erinnerungsvorgaben im Zeichen des Vergessens steht: Die vermeintliche Zeitlosigkeit der seriell produzierten Denkmäler macht vergessen, wie konstruiert die von ihnen behauptete historische Konstanz eines gesellschaftlichen Wertekanons ist. Dass aber auch die politisch korrekte Gedächtniskunst der Gegenwart Vergessen impliziert, legt Niels Werbers provokative These nahe, derzufolge die Rezeption des „Missing House“-Projekts von Christian Boltanski, das an einer bis heute bestehenden Bombenlücke in Berlin die Namen der dort vormals Ansässigen markiert, die Erinnerung an jüdische Bewohner „fokussiert“, während die Opfer des Bombenkriegs „vergessen werden, obwohl diese Daten und Materialien im Archiv akkurat verzeichnet sind. Wir haben es hier offenbar mit einer Form des sozialen Vergessens zu tun, die Auskunft gibt über die Funktion des Gedächtnisses unserer Gesellschaft. Es vergisst, ohne dass dafür Zerstörungen oder Tilgungen von Datenbeständen nötig werden. Es vergisst nicht trotz immenser Möglichkeiten der Speicherung, sondern aufgrund dieser wachsenden Möglichkeiten – weil die Nutzung des Archivs nur einen Bruchteil der Möglichkeiten zu aktualisieren vermag und das, was aktualisiert wird, offensichtlich nicht zufällig ist, sondern von Strukturbildungen abhängt“ (S. 90).

Die Rituale des Vergessens bilden Anschauungsbeispiele für derartige gezielte Selektionen und Strukturbildungen – etwa wenn im 5. Jahrhundert v.Chr. der Gründungsmythos der attischen Demokratie, die Legende eines Tyrannenmordes durch zwei Athener, weiter in Festen und Ritualen erinnert wird, obwohl die Bevölkerung die tatsächlichen Ereignisse, die mittlerweile politisch inopportun scheinende Befreiung durch Sparta, durchaus kennt. Während die griechische Kultur auf diese Weise systematisch zu vergessen versucht, wird in der jüdischen Überlieferung das Vergessen selbst zum Thema, und zwar als Vergessen der eigenen Auserwähltheit, das als unmittelbare Ursache für das babylonische Exil begriffen wird. Wie Almuth Hammer zeigt, gewinnt diese Vergessensthematik eine gänzlich neue Funktion, wenn Juden in der Moderne säkulare Identitätskonzepte suchen und, wie Else Lasker-Schüler, mit den überlieferten Rollenangeboten in avantgardistischer Weise spielen. Dass dieser Bruch mit linearen Überlieferungs- und Erzählweisen zentraler Bestandteil der abendländischen Kultur ist, belegt Ute Gebhards wichtiger Hinweis, dass Literatur nicht nur als Bildungsmedium für die sammelnde Lektüre begriffen werden kann, sondern spätestens seit Laurence Sternes Digressionen und modernen Verfremdungspoetiken immer auch ästhetisches Instrument der Zerstreuung ist.

Im Vergleich dazu gerät der Stellenwert der Orte des Vergessens weniger deutlich – was insofern bezeichnend ist, als sich die Herausforderung von Ecos einleitend zitiertem Diktum für eine Theorie des Vergessens just am Status der topoi oder loci entscheidet, denen in der rhetorischen Ars memoriae eine zentrale Funktion zukommt. Die Orte in der dritten Sektion des Buchs bleiben aber zu implizit: Zwar markiert Jörg Jochen Berns anschaulich das Modell eines produktiven Vergessens im Genre der Utopie, und auch Daniel Fuldas Lesart des Topos „Vergeben und Vergessen“ als Gattungsmerkmal der Komödie überzeugt. Den Theorielektüren zu Augustinus, Hegel, Adorno und Benjamin fehlt dieser Bezug auf konkrete oder rhetorische Orte aber – und der Eindruck, dass es zwar kulturelles Vergessen gibt, seine konkreten Strategien aber kaum die Systematik der vielfältigen Mnemotechniken des Abendlandes erreichen werden, scheint kaum von der Hand zu weisen. Dass das jedoch kein Mangel sein muss, sondern dass die schwierige Fassbarkeit kultureller Vergessenstechniken genau die Paradoxie des Bezugs auf Gelöschtes und Verdrängtes spiegelt, belegt der vorliegende Sammelband mit Nachdruck. Sein Verdienst, die Forschung zum kulturellen Gedächtnis um den komplementären Komplex eines kulturellen Vergessens bereichert zu haben, macht deutlich, wie schnell die Kulturwissenschaften Ecos Auftrag, das Vergessen zu vergessen, vergessen sollten.

Anmerkungen:
[1] Smith, Gary, Arbeit am Vergessen, in: Ders.; Emrich, Hinderk M. (Hgg.), Vom Nutzen des Vergessens, Berlin 1996, S. 15-26, hier S. 20, im vorliegenden Sammelband S. 196.
[2] Assmann, Jan, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992; Assmann, Aleida, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999.
[3] Vgl. aber auch: Haverkamp, Anselm; Lachmann, Renate (Hgg.), Memoria. Vergessen und Erinnern, München 1993; Weinrich, Harald, Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens, München 1997.

Redaktion
Veröffentlicht am
19.01.2006
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