T. Hartnagel (Hg.): Damit wir uns nicht verlieren

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Titel
Damit wir uns nicht verlieren. Briefwechsel 1937-1943


Autor(en)
Scholl, Sophie; Hartnagel, Fritz
Herausgeber
Hartnagel, Thomas
Erschienen
Frankfurt am Main 2005: S. Fischer
Anzahl Seiten
496 S.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christine Hikel, München

Bei eher kleinen Forschungsfeldern wie dem zur Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ ist das Bekanntwerden neuer Quellenbestände immer von besonderem Interesse, insbesondere wenn es sich um Selbstzeugnisse der Beteiligten handelt. Der nun vom Sohn Fritz Hartnagels, Thomas Hartnagel, veröffentlichte Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und ihrem Verlobten Fritz Hartnagel enthält eine Auswahl von 313 aus insgesamt 400 Briefen, die zwischen 1937 und 1943 geschrieben wurden. Damit ist erstmals ein nahezu vollständiger Briefwechsel von Beteiligten der „Weißen Rose“ in einer Edition zusammengefasst.

Sophie Scholl und Fritz Hartnagel standen ab Herbst 1937 in engerem Kontakt, nachdem sie sich bei einer Tanzveranstaltung im Freundeskreis in Ulm begegnet waren. Da Fritz Hartnagel im Zuge seiner Offiziersausbildung, zu der er sich freiwillig gemeldet hatte, nur selten in Ulm war, waren sie bereits zu Beginn ihrer Beziehung auf Korrespondenz angewiesen. Meist wurde nur Alltägliches ausgetauscht, doch zeigt sich bereits hier der eigenwillige Charakter Sophie Scholls sowie die große Bedeutung der Familie für sie. Über ihr Engagement für die nationalsozialistischen Organisationen erfährt man nur am Rande. Dass dieses trotz der ersten Verhaftung ihrer Geschwister wegen „Bündischer Umtriebe“ im Herbst 1937 nicht erlahmte, darauf weist u.a. ein Brief von Mitte Januar 1938 hin: „Inge [Sophie Scholls älteste Schwester] schreibt gerade ein Märchenspiel für die Jungmädel: König Drosselbart. Sie macht das sehr fein. Ich freue mich, daß wir doch auf diese Art etwas tun können.“ (S. 41) Sophie Scholl war noch bis 1941 in den BDM eingebunden (vgl. Brief von vermutlich Anfang März 1941), doch gab es eine gewisse Distanz zum Nationalsozialismus schon nach Kriegsbeginn 1939. Ihre kritischen Bemerkungen erstreckten sich auch auf Fritz Hartnagels Soldatenberuf, der sich dadurch oft zu Rechtfertigungen gezwungen sah.

Diese Differenzen waren wohl mit verantwortlich für eine fast ein Jahr dauernde Krise der Beziehung, die vor allem die Art und Intensität des Verhältnisses zueinander infrage stellte. Gerade für Sophie Scholl schien es schwierig gewesen zu sein, sich so eng an Fritz Hartnagel zu binden. Ab März 1941 intensivierte sich die Beziehung wieder. Dazu trug sicher bei, dass die beiden sich einige Monate lang fast jedes Wochenende sehen konnten. Sophie Scholl leistete ihren Kriegshilfsdienst in Blumberg ab und Fritz Hartnagel war nach Einsätzen in Frankreich, Jugoslawien und Russland von September 1941 bis Mitte März 1942 in Weimar stationiert. Zudem lässt sich bei beiden eine Hinwendung zum Religiösen feststellen, die sie einander näher brachte und Sophie Scholl immer wieder ihr Suchen nach „Höherem“ thematisieren ließ, aber auch die Konflikte bezüglich einer sexuellen Beziehung entspannte. Das neue Vertrauen zueinander erhielt sich, als Fritz Hartnagel zunächst nach Frankreich und schließlich nach Russland versetzt wurde. Kurz vor seiner Abreise nach Russland trafen sich die beiden im Mai 1942 das letzte Mal, diesmal in München, wo Sophie Scholl ihr Studium aufgenommen hatte.

Hartnagels Briefe aus Russland sind ambivalent. Der junge Offizier war fasziniert von der russischen Landschaft, doch zugleich äußerte er sich schockiert über das Elend der Bevölkerung. Dass dies auch die Ausbeutungspolitik der Deutschen verursacht hatte, wurde von Hartnagel nicht kritisch reflektiert, obwohl er selbst von Maßnahmen zur Lebensmittelbeschaffung berichtete. Ähnliches gilt für die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung, wovon Hartnagel ebenfalls erfuhr. So schrieb er am 26.6.1942: „Es ist erschreckend mit welcher zynischen Kaltschnäuzigkeit mein Kommandeur von der Abschlachtung sämtlicher Juden des besetzten Rußland erzählt hat und dabei von der Gerechtigkeit dieser Handlungsweise vollkommen überzeugt ist. Ich saß mit klopfendem Herzen dabei. Oh wie froh war ich, als ich wieder allein auf meinem Feldbett lag und zu Dir und meinem Gebet flüchten konnte.“ (S. 368) Dennoch bewies Hartnagel oft Mut, indem er in politischen Diskussionen deutlich Stellung gegen das nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungsdenken bezog oder versuchte, russischen Flüchtlingen zu helfen. Auch eine zunehmende Distanz zum Soldatentum ist aus den Briefen herauszulesen. Die wenigen erhalten gebliebenen Erwiderungen Sophie Scholls unterstützten Hartnagel in seiner Haltung. Allerdings erreichten ab etwa Mitte November 1942 den in Stalingrad eingeschlossen Hartnagel keine Briefe von Sophie Scholl mehr (vgl. Brief vom 12.2.1943).

Ihren letzten Brief, geschrieben am 16.2.1943, erhielt Fritz Hartnagel am 22.2.1943, dem Tag der Hinrichtung Sophie Scholls. Zu diesem Zeitpunkt lag er nach seiner Verwundung in Stalingrad in einem Lazarett in Lemberg. Aus Sophie Scholls Brief sprach Lebensfreude und Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft: „Vielleicht können wir bald zusammen irgendwo anfangen! Sei für heute vielmals gegrüßt von Deiner Sophie.“ (S. 455). Von den Ereignissen in München wusste Fritz Hartnagel zu diesem Zeitpunkt nichts. Erst Tage später erfuhr er durch Briefe von Magdalene Scholl, Sophies Mutter, von der Hinrichtung. Zwei dieser Briefe sind „Statt eines Nachworts“ abgedruckt. Es sind anrührende Dokumente, die den ganzen Schmerz der Familie Scholl widerspiegeln, die aber ebenso von der Sorge um Fritz Hartnagel sprechen: „Lieber Herr Hartnagel, es ist uns so bange um Sie, bis Sie dies alles erfahren haben. Es ist neben dem großen Schmerz um unsre beiden der nächste.“ (S. 466f.)

Die Briefedition wird die Forschung zur „Weißen Rose“ nicht revolutionieren. Einzelne Briefe sind schon seit längerem bekannt [1] und der Briefwechsel als Ganzes wurde bereits vor der Veröffentlichung von Hermann Vinke für seine Fritz-Hartnagel-Biografie verwendet.[2] Die Leistung dieser Edition ist vor allem darin zu sehen, dass ein Briefwechsel von Beteiligten der „Weißen Rose“ nahezu vollständig veröffentlich wurde und mit Fritz Hartnagel zudem eine bislang meist als Randfigur gehandelte Persönlichkeit mehr in den Mittelpunkt rückt. Schade ist allerdings, dass zwischen März 1942 und Anfang Februar 1943 kaum Briefe Sophie Scholls erhalten geblieben sind. Dennoch lässt der Briefwechsel genauere Rückschlüsse auf die biografische Entwicklung der Widerstandskämpferin zu. Es zeigt sich eine brüchige Biografie, die nicht von Beginn an auf Distanz zum Nationalsozialismus ausgelegt war. Vielmehr betraf die Ablehnung zunächst nur einzelne Aspekte des Nationalsozialismus, die auf die persönliche Lebensgestaltung Auswirkung hatten, wie etwa die Einschränkungen durch RAD-Pflicht und Reiseverbote. Auch die Kriegserfahrungen, von denen Hartnagel Sophie Scholl berichtete, spielten sicher eine Rolle. Erst als diese Differenzen nicht mehr in eine nationalsozialistische Biografie integrierbar waren, wurde Widerstand zu einer denk- und durchführbaren Option.

Ergänzt werden die Briefe von Seiten des Herausgebers durch kurze Kommentare, die dem jeweiligen Brief unmittelbar angeschlossen sind und in erster Linie Personen und politische Zusammenhänge betreffen, zum Teil allerdings sehr interpretierend sind. Sehr einfühlsam und vorsichtig abwägend sind hingegen die kurzen biografischen Skizzen zu Sophie Scholl und Fritz Hartnagel. Das verdient insbesondere deshalb eine Erwähnung, da Darstellungen zur „Weißen Rose“ häufig dazu neigen, um der ‚Geradlinigkeit’ der Erzählung willen die unsichere Faktenlage zu verschleiern, die in manchen Punkten immer noch existiert. Am Ende des Buches führt eine chronologische Gliederung die politischen Ereignisse sowie die Lebensstationen von Sophie Scholl und Fritz Hartnagel übersichtlich zusammen. In vielem reicht die vorliegende Edition über die bereits in den 1980er Jahren von Inge Jens herausgegebenen „Briefe und Aufzeichnungen“ von Hans und Sophie Scholl [3] hinaus. Es ist zu hoffen, dass damit erst der Anfangspunkt zu einem liberaleren Umgang mit den Quellen zur Widerstandsgeschichte auch durch die anderen Angehörigen gesetzt ist.

Anmerkungen:
[1] Z.B. Hölkemeier, Wilhelm, Der Tod verliert allmählich seinen Schrecken, in: Südwestpresse, 7.2.2003; Scholl, Hans; Scholl, Sophie, Briefe und Aufzeichnungen, hg.v. Jens, Inge, Frankfurt am Main 1984.
[2] Vinke, Hermann, Fritz Hartnagel. Der Freund von Sophie Scholl, Zürich 2005.
[3] vgl. Anm. 1.

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16.12.2005
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