: Oswald Spengler. Eine Einführung. Leipzig 2004: Leipziger Universitätsverlag , ISBN 3-936-5223-59, 120 S. € 14,00.

: Oswald Spengler. Philosoph des Schicksals. Albersroda 2005: Edition Antaios , ISBN 3-935063-04-0, € 12,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Carl Antonius Lemke Duque, Madrid

Zwei neuere Einführungen erinnern an das, was vor mehr als achtzig Jahren stürmisch begann, schnell in aller Munde lag und schließlich doch und trotz der prämortalen Selbstübertrumpfung durch die Jahre der Entscheidung versickerte: Spenglers (unbeabsichtigter) apokalyptischer Siegeszug, sein (wenig beachteter Welt)-Ruhm und der (deutsche) Streit[1] um den fahnenflüchtigen Propheten, der allein dem, was im revolutionsgeschüttelten Land den Besiegten allein geblieben zu sein schien – „deutscher Kultur“ – noch das labormausartig ermittelte Verfallsdatum in die spröde demokratische Verpackung stanzte.

Die bescheidene Zahl der handlichen Spengler-Einführungen [2] hat sich damit schlagartig verdreifacht, allerdings ohne dass es dabei explizit um den ohnehin von höherer Stelle (Lübbe) versperrten »Stand des Klassikers« ginge. In den mit obligater Regelmäßigkeit verfassten Studienkompendien hat die Spengler-Forschung bis heute – in dieser Hinsicht – auch höchstens an eine fortdauernde Aktualität der Spenglerschen Negativfolie zu erinnern gewagt. Und man mag soweit feststellen, dass alle Studien auch Spengler heute betreffend einen noch immer viel zu deutschen Fall [3] behandeln, als dass dieser – wie aus kontinentaler Distanz – offen universalgeschichtlich oder verdeckt kultursoziologisch durchexerziert werden könnte.[4]

Gerade deshalb ist nun aber die Frage nach der unterschwelligen Präsenz oder einfach nur interdisziplinären Relevanz des im Gewand der Kulturkritik zumindest klassisch daherkommenden Pessimisten erlaubt, und auf diese Frage geben beide Einführungen eine jeweils eigene Antwort. Bei Conte erfolgt dies vor allem durch einen Anhang und bei Lisson durch zunehmende Werteinflechtungen.

Bereits im Aufbau und der Kapitelbetitelung beider Bücher tritt dieser unterschiedliche Ansatz hervor. So folgt Lisson dem Keyserlingschen Aufsatz Spengler, der Tatsachenmensch [5] nicht nur durch den Blockaufbau der Kapitel (I. Dichterphilosoph, II. Visionär, III. Tatsachemensch, IV. Außenseiter), sondern streut bei zunehmender Seitenzahl – fast unmerklich – allerlei sinnbildhafte Intuitionen ein, die sich unweigerlich als fiebrige Selbstinfizierung durch die intuitive Methode á la Spengler entpuppen. Unglücklich verirrt ist dazu auch die schwankende Beurteilung dessen, was Conte leicht unter Vordenker und Geistige Väter gelöst hat: weniger psychobiografische Analogie zu Nietzsche und Goethe, oder grobinhaltliche Parallelen zu Lasaulx, Danilewski und Rückert; dafür mehr kulturphilosophisch Unmittelbares zu Lamprecht, Rickert, Frobenius und Riegl-Worringer. Wer wie Lisson um die Remontage eines ungewürdigten Genies bemüht ist, hat im Abschnitt Kulturmorphologie vor Spengler notgedrungen Schwierigkeiten anzuerkennen, dass nicht nur die »Wiederkehr des Gleichen« nichts Neues bei Spengler ist. Symptomatisch bleibt insofern die Leerstelle zu einem fundamentalen Baustein der Spenglerschen Methodik und seinen Quellen: der Kunstgeschichte und ihrer konsequenten Ausschlachtung für eine magische Prophetie der Geschichte. Erst von hieraus lässt sich auch verstehen, warum ein Teil der europäischen und internationalen Spengler-Rezeption u.a. einen systematischen Zusammenhang etwa zur konstitutionspsychologischen Typenlehre Kretschmers gesehen hat und diese noch in andere Bereiche sich erstreckende „synthetische Universalität“ Spenglers als untrügliches Zeichen eines genuin europäischen Paradigmenwechsels der Wissenschaft interpretierte.[6]

Im Bezug auf diese methodologischen Aspekte sind aber leider auch Contes Auskünfte recht knapp. Dies wiegt gerade dann schwer, wenn man das fast schon chronische Leiden an dieser Forschungslücke (Zumbini) in Erinnerung ruft [7] und mit bedenkt, welche Querstrukturen hier zusätzlich mit ins Spiel kommen. Beide Einführungen rekurrieren nämlich selbstverständlich und frequent auf die griffige Aburteilung Spenglers durch Thomas Mann von 1924 [8] und ersetzten auf diesem Weg die aufwendige Einordnung (beider) in den Weimarer Konservativismus.[9] In seinem italienischen Standardbuch zu Spengler leitet Conte das erste Kapitel Le legioni di cesare si ridestano. Spengler y la politica sogar mit dem Verhältnis Spengler e Thomas Mann ein.[10] Diese Vorgabe hat dort wie hier zweierlei zur Folge:

Einmal ist der Lübecker Vorzeigebürger und Weimarer Vernunftrepublikaner in seinem frühen Spenglerenthusiasmus [11] repräsentatives, ja möglicherweise verallgemeinerbares Opfer des Untergangs: Die bei Spengler in Wirklichkeit fehlende Ironie – ursprünglich als „polemisches Mittel der Abwehr“ [12] attestiert – verstand Mann als Kern seiner nur scheinbar spenglerisch [13] verfallenden Buddenbrocks, und auf diesem Weg griff er auch später nicht nur in literarischen Figuren [14] immer wieder auf den entlarvten Snob zurück.[15] Damit war zugleich der „verunglückte Vor-Spengler“ (Grabowsky) Betrachtungen eines Unpolitischen nachträglich als „leidenschaftliches Stück Arbeit der Selbstforschung“ und der „Revision meiner Grundlagen, meiner Gesamt-Überlieferung“ [16] revidiert und in seiner durchaus Spenglerschen Ambivalenz zwischen Politischem und Unpolitischem, Kultur und Zivilisation, Pessimismus und Aktivismus entschärft.

Andererseits bleiben die tieferen Ursachen für die „(Spengler)Konversion“ von 1922 – unbeachtet bei Conte und „rätselhaft“ für Lisson – durch Manns eigene Intransparenz letztlich verdunkelt.[17] Auf welche Einflüsse man sie auch zurückzuführen mag [18], die Frage, wie es Mann (damals wie heute) glaubhaft zu machen versteht, Ironie sei das künstlerische Derivat eines höheren Begriffs der Humanität – mehr noch: Inbegriff des deutsch-romantischen Bildungsbegriffs von der Vervollkommnung der antik-christlichen Freiheitsidee seit Novalis und Goethe – und dabei schlicht deckungsgleich mit republikanischer Demokratie, kann im Sog des Untergangs nur eine Antwort haben: die Mannsche »Ironie« wird nicht allein Freiheit von (welcher Art von Geschichte auch immer), sondern muss unbedingte Freiheit über die eigene Geschichte gemeint haben, sich also gegen die Isomorphie von Ursymbol, Kulturseele und allen Kunst- und Kulturerscheinungen richten. Dieser Weg einer Grundlagenkritik an Spengler bleibt aber versperrt, wenn die vitalistische Auslegung der Kunst- und Kulturformen in quasi-enteliacher Manier bei Worringer und ihre Spenglersche Adaption als methodisches Leitmotiv der Kultur- und Universalgeschichte nicht beachtetet wird.

Nur so erklärt sich übrigens auch, warum beide Einführungen nicht recht in Gang kommen wollen, wenn es darum geht, aus Spenglers Spätphilosophie ein (unvollendetes) System der Metaphysik hervorgehen zu lassen. Hier wäre unter Berücksichtigung der pessimistischen Verschärfung in Der Mensch und die Technik genaueres auch zu Spenglers Auseinandersetzung und Bruch mit dem kulturphilosophischen Vordenker Frobenius zu erwarten gewesen. Trotzdem wird man besonders Conte zugute halten können, den eigentlich mit Spenglers Kurzbiografie abgeschlossenen 96 Seiten noch weitere 24 angehängt zu haben, auf denen erstmalig ein handlicher Abriss zur Geschichte der Spengler-Rezeption unternommen wird. Zweifelsohne ist dieser Versuch u.a. aus internationaler Sicht unvollständig und in gewissen europäischen Details fehlerhaft.[19] Dennoch handelt es sich um einen wertvollen Hinweis, in welche Richtung die Frage nach einer anhaltenden Präsenz Spenglers zu beantworten wäre, denn dies betrifft nicht allein den Fall Italien.[20]

Anmerkungen:
[1] Vgl. Schröter, M., Streit um Spengler. Kritik seiner Kritiker, München 1922, sowie die Beiträge in den »Spengler-Heften«: Logos. Internationale Zeitschrift für Philosophie und Kultur IX,2 (1920-21); Preußische Jahrbücher CXCII,2 (1923); Wissen und Leben XVI,12 (1923).
[2] Vgl. Näher, J., Oswald Spengler, Hamburg 1984.
[3] Vgl. Demandt, A.; Farrenkopf, J. (Hgg.), Der Fall Spengler. Eine kritische Bilanz, Wien 1994; Ludz, P.Ch. (Hg.), Spengler heute. Sechs Essays mit einem Vorwort von Hermann Lübbe, München 1980; Koktanek, A.M. (Hg.), Spengler-Studien. Festgabe für Manfred Schröter zum 85. Geburtstag, München 1965.
[4] Vgl. Farrenkopf, J., Prophet of Decline. Spengler on World History and Politics, Baton Rouge 2001; Huntington, S.P., Kampf der Kulturen. Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 1996; Ders.; Lawrence, E. H. (Hgg.), Streit um Werte. Wie die Kulturen den Fortschritt prägen, Hamburg 2000.
[5] Vgl. Keyserling, H., Menschen als Sinnbilder, Darmstadt 1926, S. 149-181.
[6] Für Worringer als Rezeptionsparameter im Spengler-Diskurs der spanischen Revista de Occidente vgl. »Asteriscos«, in: Revista de Occidente, April-Mai-Juni 1924, S. 258. Dies ist zweifellos als Reflex auf die frühen Verweise bei Curtius und Geiger zu verstehen; vgl. Curtius, L., Morphologie der antiken Kunst, in: Logos. Internationale Zeitschrift für Philosophie und Kultur IX,2 (1920-21), S. 197; Geiger, M., Die Bedeutung der Kunst. Zugänge zu einer materiellen Werteästhetik, München 1976, S. 333. Für neuere Forschungsergebnisse zu Ortega y Gasset – Spengler vgl. Lemke Duque, C. A., José Ortega y Gasset y el año olvidado de 1922: la »Biblioteca de Ideas del Siglo XX« y la »Revista de Occidente« frente a las revoluciones científicas, in: Revista de Estudios Políticos 127 (2005), S. 275-296.
[7] Siehe neben den ausgiebigen Verweise und Kommentaren in Schröters Streit-Schrift u.a. Schneider, T., Die Kunsttheorien in Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“, (Diss.) Freiburg im Breisgau 1923, hier bes. S. 38-52; einführend Hermand, J., Literaturwissenschaft und Kunstwissenschaft. Methodische Wechselbeziehungen seit 1900, Stuttgart 1965, S. 23ff., 36, sowie Parent, M. E., Recherches sur les élements d’une conception esthétique dans l’œuvre d’Oswald Spengler, Frankfurt am Main 1981, S. 77ff., 127ff., 235ff.; für eine explizite Diskussion vgl. Ferrari Zumbini, M., Macht und Dekadenz. Der „Streit um Spengler“ und die Frage nach den Quellen zum „Untergang des Abendlandes“, in: Demandt, A.; Farrenkopf, J. (Hgg.), Der Fall Spengler, Köln 1994, S. 75-95; Lantink, F. W., Oswald Spengler oder die “Zweite Romantik”, 1995, S. 203-209; Bienefeld, H.-J., Physiognomischer Skeptizismus. Oswald Spenglers „Morphologie der Weltgeschichte“ im Kontext zeitgenössischer Kunsttheorien, in: Bialas, W.; Stenzel, B. (Hgg.), Die Weimarer Republik zwischen Metropole und Provinz, Weimar 1996, S. 143-155.
[8] Vgl. Mann, T., Über die Lehre Spenglers (1924), in: Ders., Altes und Neues. Kleine Prosa aus fünf Jahrzehnten, Frankfurt am Main 1961, S. 134-142.
[9] Vgl. von dem Busche, R., Konservatismus in der Weimarer Republik. Die Politisierung des Unpolitischen, Heidelberg 1998.
[10] Vgl. Conte, D., Catene di civilità. Studi su Spengler, Neapel 1994, S. 28-33.
[11] Vgl. Mann, T., Tagebücher 1918-1921, Frankfurt am Main 1979, S. 274, 276, 283, bzw. Ders., Briefe 1889-1936, Frankfurt am Main, S. 559.
[12] Ders., Von Deutscher Republik. Politische Schriften und Reden in Deutschland, Frankfurt am Main 1984, S. 148.
[13] Vgl. Ders., Tagebücher 1935-1936, Frankfurt am Main 1978, S. 343.
[14] Vgl. Koopmann, H., Der schwierige Deutsche. Studien zum Werk Thomas Manns, Tübingen 1988, S. 38-64.
[15] Siehe etwa Lübeck als geistige Lebensform (1926), München als Kulturzentrum (1927), Die Bäume im Garten. Rede auf Pan-Europa (1930) aber auch Zu einem Kapitel aus »Buddenbrocks« (1947) in: Mann, T., Altes und Neues, S. 273-295, 296-301, 337-344, 533-537.
[16] Ders., Kultur und Politik (1939), in: Ders., Altes und Neues, S. 610.
[17] Siehe Kuhlmann, A., Des Dichters Bühne. Zu Thomas Manns 50. Todestag: Der Historiker Manfred Görtemaker zeichnet den Schriftsteller als unpolitischen Menschen, in: Die Zeit, Nr. 33 (11. August 2005), S. 44.
[18] Vgl. Baeumler, M.; Brunträger, H.; Kurzke, H. (Hgg.), Thomas Mann und Alfred Baeumler, Würzburg 1989; Ottmann, H., Oswald Spengler und Thomas Mann, in: Demandt, A.; Farrenkopf, J. (Hgg.), Der Fall Spengler. Eine kritische Bilanz, Köln 1994, S. 153-169; Beßlich, B., Faszination des Verfalls. Thomas Mann und Oswald Spengler, Berlin 2002.
[19] Vgl. u.a. Romero Espinoza, V., Le Latino-Americanisme a la lumière du „Declin de l’Occident“ 1919-1939, Bd. I-III., (Diss.) Paris 1995; Conte irrt in der Datierung der spanischen Übersetzung von Spenglers Untergang; vgl. Lemke Duque, C. A., a.a.O.
[20] Vgl. Volpi, F., Heidegger lettore edito e inedito di Spengler, in: Zecchi, S. (Hg.), Estetica 1991. Sul destino, S. 209-249; Massini, G., Gestalt, subectivité, negativité. L´interpretation heideggerienne de Surhomme et sa critique de la morphologie des cultures chez Spengler, in: Philosophiques - Revue de la Société de Philosophie du Québec 26,1 (1999), S. 53-70; Ester, H.; Evers, M. (Hgg.), Zur Wirkung Nietzsches: Der deutsche Expressionismus (Spengler, Heidegger, Mann), Würzburg 2001; sowie jetzt: Verbrugge, A., Die Heimkehr des Abendlandes. Nietzsche und die Geschichte des Nihilismus im Denken von Spengler und Heidegger, in: Denker, A.; Zaborowski, H. (Hgg.), Heidegger-Jahrbuch II. – Heidegger und Nietzsche, Freiburg im Breisgau 2005.

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21.10.2005
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