M. Farrenkopf u.a. (Hrsg.): Authentizität und industriekulturelles Erbe

Cover
Titel
Authentizität und industriekulturelles Erbe. Zugänge und Beispiele


Herausgeber
Farrenkopf, Michael; Meyer, Torsten
Reihe
Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum 238
Erschienen
Anzahl Seiten
VII, 396 S., 110 Abb., 7 Tab.
Preis
€ 69,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sarah Thieme, Centrum für Religion und Moderne, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Der von den beiden Historikern Michael Farrenkopf und Torsten Meyer herausgegebene Sammelband „Authentizität und industriekulturelles Erbe“ geht zurück auf eine gleichnamige Tagung, die in Kooperation mit dem Leibniz-Forschungsverbund „Historische Authentizität“ im April 2017 an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg stattfand. Hervorgegangen ist der Band zugleich aus dem am Deutschen Bergbau-Museum Bochum angesiedelten Projekt „Vom Boom zur Krise – Der deutsche Steinkohlenbergbau nach 1945“.

Entgegen der thematischen Panel-Gliederung der Tagung[1] ordnen die Herausgeber den Band in die zwei Teile „Methoden und Perspektiven“ sowie „Aspekte & Ausprägungen“. Diese Neusortierung bleibt leider unbestimmt und führt zu inhaltlichen Wiederholungen, auf die nicht querverwiesen wird (insbesondere betrifft dies Bezüge zu den UNESCO-Welterbe-Begründungskriterien und zum sich daran anschließenden Experten-Diskurs). Den beiden Teilen vorangestellt ist eine knappe Einleitung der Herausgeber (S. 1–9), in der diese die Relevanz der Untersuchung von Prozessen und Praktiken der Authentisierung sowie von Grenzen der Authentizität für die Industrieerbe-Forschung herausstellen. Ihre Ausgangsthese lautet, dass Authentizität „essentiell“ sei für Prozesse der „In-Wert-Setzung“ des industriekulturellen Erbes als Reaktion auf De-Industrialisierungsprozesse seit den 1970er-Jahren (S. 3). Die Einordnung des Bandes im Forschungsdiskurs der Historischen Authentizität gerät allerdings kurz. Wünschenswert wären eine Synthese der Beiträge sowie grundlegende Begriffsklärungen gewesen. Gerade für Leser:innen, die aufgrund der Reihe (Band 238 der Veröffentlichungen des Deutschen Bergbau-Museums) vermutlich vielfach aus dem Bereich der Industriekultur-Forschung kommen dürften, wäre eine Bestimmung der zentralen Prozessbegriffe „Authentisierung“ und „Authentifizierung“ hilfreich gewesen.

Die Beiträge teilen mehrheitlich ein sozialkonstruktivistisches Begriffsverständnis von Authentizität. Neben Bezügen zum Authentizitäts-Konzept[2] des Leibniz-Forschungsverbundes werden verschiedentlich volkskundliche Diskurse aufgegriffen und für die Analyse fruchtbar gemacht. So ist gerade der interdisziplinäre Zuschnitt bereichernd: Der Band vereint Beiträge von Historiker:innen, Volkskundler:innen sowie von Praktiker:innen der Geschichtskultur, Denkmalpflege und Industriearchäologie.

Eine große Stärke des Buches liegt in der Heterogenität der aufgegriffenen industriekulturellen Themenfelder: Neben materiellem Erbe wie großen Zechenanlagen und industriellen Kulturlandschaften betrachten die Beiträge ebenso immaterielle Formen der Industriekultur, etwa digitale und künstlerische Auseinandersetzungen oder performative Raumaneignungspraktiken. Dabei liegt ein regionaler Fokus auf dem Ruhrgebiet. Stark vertreten sind überdies ostdeutsche Regionen. Einige wenige Aufsätze überschreiten den Bezug zu Deutschland, ohne dass eine vergleichende Perspektive im Vordergrund stehen würde. Neben einem Schwerpunkt auf ehemaligen Montanregionen werden auch Regionen untersucht, die durch die Textilindustrie geprägt wurden.

Gleich drei Beiträge setzen sich mit einer der bedeutendsten Legitimationsinstanzen im Prozess der Authentizitätszuschreibung von Industriekulturerbe auseinander, der UNESCO und der von ihr geführten Liste der Welterbe-Stätten: Während Torsten Meyer den übergeordneten Fachdiskurs sowie den historischen Wandel des Authentizitätskonzeptes und seine politische Aufladung im Rahmen der UNESCO untersucht, berichtet Gerhard Lenz am Beispiel der Welterbe-Region Harz von Erfahrungen der Beteiligten im Umgang mit Authentizität und Inszenierungen. Friederike Hansell schließlich verdeutlicht am Beispiel der grenzübergreifenden Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří Herausforderungen insbesondere beim Nachweis der Authentizität im Rahmen einer Welterbe-Bewerbung für die Kategorie „Kulturlandschaft“. Mit einer „Kulturlandschaft neuen Typs“ befasst sich auch Helen Wagner, die in ihrem Beitrag am Beispiel des Ruhrgebiets nach der Funktionalisierung von Authentizität fragt. Sie verfolgt den Fachdiskurs sowie den Wandel der Begriffsverwendung seit der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (1989–1999), der in eine für Tourismus und Imagebildung wichtige materielle Konsolidierung des Raumkonzeptes mündete – hier exemplarisch verdeutlicht für die „Route der Industriekultur“.

Ebenfalls dem Themenfeld des professionellen Expertendiskurses über Authentizität zuzuordnen sind diejenigen Beiträge, die sich mit Entwicklungen in der Baudenkmalpflege beschäftigen. Exemplarisch für diesen Zugang steht der Beitrag von Eva-E. Schulte, die die Begriffsgenese und den Diskurs über Authentizität in der nordrhein-westfälischen Baudenkmalpflege im Hinblick auf industriekulturelle Stätten untersucht. Sie attestiert diesbezüglich eine „gewisse Beliebigkeit“ (S. 313) und zeigt, dass der Ermessensspielraum für die Denkmalpflege trotz des Fokus auf dem Erhalt von möglichst viel Originalsubstanz groß blieb. Anhand zahlreicher ehemaliger Zechenstandorte schildert Schulte die verschiedenen Arten des Umgangs mit Authentizität sowie die Wandelbarkeit diesbezüglicher Bewertungen in der westfälischen Denkmalpflege.

Eine Reihe von Beiträgen setzt sich mit immateriellen industriekulturellen Hinterlassenschaften auseinander und betrachtet dabei in hervorragender Weise auch bisher kaum untersuchte Gegenstände und Akteursgruppen jenseits des offiziellen Heritage-Diskurses. Drei Beiträge beschäftigen sich sehr überzeugend aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit bislang wenig erforschten digitalen Phänomenen. Sie fragen nach Prozessen und Grenzen der Authentisierung durch zivilgesellschaftliche, erinnerungskulturelle Akteure, die sich Industriekultur je spezifisch aneignen. So untersucht Uta Bretschneider die „Lost Places“-Bewegung in der Grenzregion zwischen Sachsen, Polen und Tschechien, die nicht-nachgenutzte Industriebrachen künstlerisch erschließt, als spezifische industriekulturelle Raumpraxis zwischen „Authentizitätserwartungen und Inszenierungszwängen“ (S. 101). Zweitens (und damit eng verbunden) analysiert Jana Golombek den „Rust Belt Chic“ und die „Urban Exploration“-Bewegung in der Region um Pittsburgh, USA. Beide Formen dieser bürgerschaftlichen Aneignung von industriekulturellem Erbe entstanden in Reaktion auf das Verschwinden industriekultureller Materialität. Die Akteure zielen durch ihre kulturelle Praxis auf als authentisch behauptete Erfahrungen und das aktive Erzeugen von industriellem Erbe. Prozesse der Authentisierung dienen ihnen gleichsam als Instrumente, um im authorized heritage discourse Anerkennung zu finden. Drittens schließlich untersucht Andreas Putz aus der Perspektive der colorized history Mechanismen, Aushandlungsprozesse und wandelbare Vorstellungen von Authentizität durch Farbgebung. Authentisierungen begreift er als subjektbezogene und standortgebundene Vergegenwärtigungen. Dies verdeutlicht Putz exemplarisch anhand des Spannungsverhältnisses zwischen den Vorstellungen einer digital vernetzten fotokolorierenden Community und dem geschichtswissenschaftlichen Quellenverständnis. Im Gegensatz dazu dekonstruiert er am Beispiel von Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet und in der Niederlausitz die Echtheitssuche der Denkmalpflege bei der Farbwahl.

Katarzyna Nogueira stellt mit den Ruhrbergbau-Zeitzeugen ebenfalls Facetten immateriellen Industriekulturerbes ins Zentrum der Analyse. Sie zeichnet den historischen Wandel im Umgang mit Oral-History-Interviews sowie damit einhergehende Veränderungen von Praktiken des Authentischen nach. Die Wahrnehmung, welche Zeitzeugen als authentisch gelten, hängt demnach stark von der Übereinstimmung mit Wissensbeständen und Erwartungen des Publikums ab. Neben dem Einsatz von Interviews kann auch die schauspielerische Inszenierung bei der musealen Vermittlung als Authentisierungsmechanismus fungieren, wie Carla-Marinka Schorr am Beispiel des LWL-Industriemuseums Henrichshütte Hattingen erläutert. Aufschlussreich ist ihre Beobachtung, dass die Museumsmitarbeiter:innen keine bewussten, reflektierten Authentizitätsentscheidungen fällten, was zugleich auf die Problematik der Vermittlung von vermeintlich Authentischem verweist. Probleme bzw. Grenzen der Authentizität thematisiert auch Sönke Friedrich in seinem Beitrag zum Umgang mit dem dezentralen, vielfach „unsichtbaren“ (S. 278) industriekulturellen Erbe der Textilindustrie im sächsischen Vogtland. Die sinnliche Authentizitätswahrnehmung von Orten und Objekten ist demnach vor allem durch den Verlust materieller Hinterlassenschaften herausgefordert.

Insgesamt bietet die Mehrheit der quellengesättigten Beiträge wertvolle und überzeugende Erkenntnisse zu Fragen der Authentisierung von Industriekulturerbe, sodass der Band die Historische Authentizitäts-Forschung gewinnbringend mit dem Feld der interdisziplinären Industriekultur-Forschung verbindet und den Nutzen einer derartigen Bearbeitung belegt. Im Hinblick auf das gemeinsame Erkenntnisinteresse wäre es dabei wünschenswert gewesen, die Einzelbeiträge stärker miteinander ins Gespräch zu bringen. Dem Band gelingt es insbesondere, neue Forschungsfragen und Untersuchungsgegenstände jenseits des authorized heritage discourse einzubinden und das Potential ihrer Analyse aufzuzeigen. Insofern regt der Band dazu an, über Prozesse der Authentisierung industriekulturellen Erbes durch zivilgesellschaftliche Akteursgruppen weiter nachzudenken. Anschließend an den im Band mehrfach vorgetragenen Forschungsappell, sich stärker mit Konzepten und Diskursen der Authentizität von nicht-professionellen erinnerungskulturellen Akteur:innen zu beschäftigen, ist eine vertiefende Auseinandersetzung vor allem im Hinblick auf immaterielle Formen der Industriekultur zu erhoffen. Dies könnte die im Band aufgezeigten Perspektiven auch noch stärker für internationale Vergleiche öffnen.

Anmerkungen:
[1] Andreas Benz, Tagungsbericht: Authentizität und industriekulturelles Erbe – Identitäten, Grenzen, Objekte und Räume, 27.–29.04.2017, Freiberg, in: H-Soz-Kult, 03.07.2017, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7228 (30.01.2021).
[2] Vgl. u.a. Achim Saupe, Historische Authentizität. Individuen und Gesellschaften auf der Suche nach dem Selbst – Ein Forschungsbericht, in: H-Soz-Kult, 15.08.2017, https://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-2444 (30.01.2021).