B. Paul u.a. (Hrsg.): Geschlechterwissen

Cover
Titel
Geschlechterwissen in und zwischen den Disziplinen. Perspektiven der Kritik an akademischer Wissensproduktion


Herausgeber
Paul, Barbara; Bath, Corinna; Wenk, Silke
Reihe
Studien interdisziplinäre Geschlechterforschung
Anzahl Seiten
288 S.
Preis
€ 27,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jana Kristin Hoffmann, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Welchen Einfluss hatten feministische Wissenschaft, Frauen- und Geschlechterforschung auf die akademische Wissensproduktion in den letzten Jahrzehnten, wie zähflüssig oder wandlungsfähig sind universitäre Strukturen und Arbeitsweisen und wo stehen wir heute? Dies sind Fragen, an die der vorliegende Sammelband von Barbara Paul, Corinna Barth und Silke Wenk anknüpft. Hauptaugenmerk liegt auf der Produktion, Intervention und Institutionalisierung von Geschlechterwissen, der Frage nach sich verändernden Machtstrukturen, Wissenschaftskulturen und -praktiken sowie der Bedeutung, den Möglichkeiten und Grenzen interdisziplinärer Zusammenarbeit im Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung. Diese vielschichtigen Aspekte weisen bereits auf die Komplexität des Unterfangens hin, dem sich der Sammelband widmet. Dabei liefert die Publikation eine Zusammenfassung wichtiger Ergebnisse, die aus einem Forschungsverbundprojekt (2016–2019) hervorgegangen sind, welches durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Rahmen des Programms Geschlecht – Macht – Wissen finanziert wurde.[1] Im Fokus der Publikation stehen die Disziplinen Kunstwissenschaft als Vertreterin der Geisteswissenschaften sowie Informatik, Technik- und Naturwissenschaft. Letztere will laut Einleitung insbesondere die Biologie in den Blick nehmen, wobei sich eine konkrete Auseinandersetzung nur in zwei von insgesamt vierzehn Hauptbeiträgen finden lässt (II.5 und III.3). Der Sammelband konzentriert sich zudem auf die westdeutschen Entwicklungen.

Die einzelnen Beiträge – ausschließlich von Autorinnen geschrieben – gliedern sich in drei Hauptkapitel, die einen chronologischen Aufbau verfolgen. Das erste Hauptkapitel setzt sich mit den Ursprüngen der Infragestellung des deutschen Wissenschaftssystems aus weiblich-feministischer Perspektive in den 1970er-Jahren auseinander. Es nimmt verschiedene Akteurinnen, Foren, Aktionsformen und erste Organisationszusammenhänge, wie die Berliner Sommeruniversitäten und die Gründung des Frauennetzwerkes „Frauen in Naturwissenschaft und Technik“ (FiNuT), in den Blick. Wesentliche Kritikpunkte werden von den Autorinnen anhand der in diesen Kontexten entstandenen Publikationen herausgearbeitet. So wurde damals Kritik an den wissenschaftlichen Strukturen, ihrer Wissensproduktion und den vermittelten Lerninhalten ebenso geübt wie an den Beschäftigungsbedingungen und Qualifikationsmöglichkeiten von Frauen, der Minderschätzung ihrer Forschungsergebnisse und Leistungen sowie der (wissenschaftlichen) Abwertung von Weiblichkeit. Die beschriebenen Anfänge sind ebenfalls stark geprägt von politischen Forderungen, wodurch Verbindungen zur Frauenbewegung, innerhalb der Naturwissenschaften aber auch zur Anti-AKW Bewegung sichtbar werden. Diese politischen Forderungen spielen in den zeitlich später liegenden Kapiteln jedoch nur noch selten eine Rolle. Auch die Versuche in der Anfangsphase, Frauen aus der nichtakademischen Welt in die gemeinsamen Ziele und Zusammenarbeit miteinzubinden, ebbten im Laufe der Zeit ab, wodurch bereits Effekte der Institutionalisierung zu Tage treten. In diesem eher kurzen ersten Hauptkapitel kommt die Kunstgeschichte jedoch zu kurz, vermutlich auch, weil die Kunsthistorikerinnentagungen erst 1982 begannen. Ein Blick in die verwendete Literatur zur historischen Rekonstruktion der neuen Frauenbewegungsgeschichte dokumentiert außerdem die weiterhin existierenden Lücken in der Aufarbeitung. Eine Problematik, mit der sich auch ein jüngst erschienener Sammelband von Angelika Schaser, Sylvia Schraut und Petra Steymans-Kurz befasst hat.[2]

Das zweite Hauptkapitel legt seinen Fokus auf die Institutionalisierungsansätze und -prozesse von Geschlechterwissen und feministischer Wissenschaft seit den 1980er-Jahren, wobei hier in den Unterkapiteln eine Trennung zwischen Informatik, Naturwissenschaftsforschung und Kunstgeschichte/-wissenschaft vorgenommen wird. Die einzelnen Beiträge sind in ihren Inhalten, Fragestellungen und Zielsetzungen sehr heterogen, was eine Zusammenschau keinesfalls vereinfacht. So werden einzelne Akteurinnen wie beispielsweise Christiane Floyd ebenso thematisiert wie die Arbeit und der Einfluss von Fachgruppen und Netzwerken. Die sich wandelnden inhaltlichen Schwerpunkte von Publikationen, Tagungen und Kongressen finden ebenfalls Anklang, wie der Kampf um Anerkennung in der eigenen Fachdisziplin sowie die Zurückweisung durch „männerbündlerische“ Netzwerke und „klassische“, zur Norm erhobene Wissensformationen. Weiterhin kommen Generationskonflikte und davon bedingte unterschiedliche Zielsetzungen einerseits, aber auch konkurrierende Interpretationen unter Frauen und Meinungsverschiedenheiten zum Umgang mit Geschlechterwissen zur Sprache. Hierdurch geht bisweilen der Fokus des Gesamtkapitels verloren, beziehungsweise eine wissenschaftliche Parallelwelt wird aufgezeigt – deren Notwendigkeit und Problematik auf einer Metaebene im Kontext des deutschen Wissenschaft-Treibens und seiner akademischen Strukturen hätte grundlegender diskutiert werden können. Des Weiteren werden in den Unterkapiteln vermehrt gleichstellungspolitische Errungenschaften herausgestellt, wie die Berufung von Frauen, die Gründung von Karrierenetzwerken oder die steigende Anzahl von weiblichen Studierenden, Promovierenden und Habilitierenden. Dennoch zeigt sich, dass Geschlechterwissen als Intervention nach wie vor hauptsächlich aus Wissenschaftskritik im Allgemeinen bestand, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Universitätsbetriebes, wie insbesondere die Beiträge zur Kunstgeschichte aufzeigen, die sich unter anderem mit feministisch-kunstwissenschaftlicher Forschung und deren Rezeption in Museen, Populärkultur und den Medien auseinandersetzen (Kapitel II.6 und II.7).

Das folgende dritte Hauptkapitel rückt den interdisziplinären Wissenstransfer in den Vordergrund. Hier spielen in erster Linie Möglichkeiten und Grenzen der interdisziplinären Zusammenarbeit seit den 1990er-Jahren eine wichtige Rolle. In dieser Zeit hat, wie Paul und Wenk in ihrem Beitrag konstatieren (Kapitel III.1), die Frauen- und Geschlechterforschung erstens von einem Wandel innerhalb der Wissenschaftskultur profitiert, die selbstreflektierend begann, sich vermehrt mit der eigenen Standortgebundenheit und kontextabhängigen Forschung kritisch auseinanderzusetzen. Zweitens kam der Frauen- und Geschlechterforschung der Ruf nach Interdisziplinarität und fachübergreifender Zusammenarbeit zugute, da sich die Kategorie Geschlecht für die interdisziplinäre Forschung besonders anbot. Die beiden anschließenden Beiträge zeigen sodann auf, wie natur- und technikwissenschaftliches Wissen einerseits sowie geistes- und sozialwissenschaftliches Wissen andererseits sowohl innerhalb als auch zwischen den einzelnen Disziplinen rezipiert wurden und wie sich hierdurch zum Beispiel das Verständnis von Körper, Technik, aber auch das Verhältnis von Natur und Kultur beidseitig veränderte. Gemeinsame Forschungsprojekte, Tagungen, internationale feministische Netzwerke und engagierte Akteurinnen wie unter anderem Sigrid Schmitz und Britta Schinzel waren maßgeblich für Austausch und Rezeption verantwortlich. Der Beitrag von Both, Zimmermann und Ebeling zeigt aber auch Probleme und Grenzen der interdisziplinären Arbeit auf. Denn das unterschiedliche Wissenschaftsverständnis beispielsweise mit Blick auf Gesetzmäßigkeiten, die Frage nach Methodik und die Konkurrenz der Disziplinen um die gesellschaftliche und wissenschaftliche Bedeutungsgebung führten zu Konflikten, mangelnder Anerkennung und behinderte deswegen die Zusammenarbeit.

Das Ansinnen des Sammelbands, unter anderem die Frauen- und Geschlechterforschung beziehungsweise feministische Wissenschaft sowie den Einfluss und Transfer von Geschlechterwissen in und zwischen den Disziplinen historisch aufzuarbeiten, ist von immenser Wichtigkeit. Hierdurch können Wandel und Konsistenz eruiert und neue beziehungsweise veränderte Ziele für die Zukunft formuliert werden. Zudem ist der Band einmal mehr Ausdruck für das hohe Maß an Selbstreflexion eines Forschungsfeldes in all seinen Facetten. Die Auswahl der Disziplinen führt jedoch auch zu einem Ungleichgewicht, da Natur- und Technikwissenschaften dominant im Vordergrund stehen, und sie erschwert einen Vergleich, weil die einzelnen Fachdisziplinen verschiedene Strukturen sowie in ihrer Institutionalisierung sehr unterschiedliche Entstehungsgeschichten aufweisen. Aus diesem Grund wirkt die chronologisch-thematische Einteilung der drei Hauptkapitel nicht durchgängig stringent. Nichtsdestotrotz ist diese fächerübergreifende Analyse notwendig und deswegen sind die Herausforderungen, denen sich die Autorinnen gestellt haben, in ihrem Ergebnis gelungen.

Sehr anspruchsvoll sind auch die zahlreichen Analyseebenen und Leitfragen der vorliegenden Publikation. Bereits die Einleitung verweist auf eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze und Forschungsarbeiten, welche die Grundlage der einzelnen Beiträge bilden sollen und aus denen weitere Teilfragen abgeleitet werden. Welche Ansätze, Thesen und Teilfragen in den einzelnen Beiträgen jedoch explizit im Vordergrund stehen, ist auf den ersten Blick nicht immer direkt ersichtlich. Es schmälert zwar den Inhalt der einzelnen Beiträge nicht, fördert aber teilweise den Eindruck einer gewissen Zusammenhangslosigkeit. Auch operieren die Beiträge mit den verschiedenen Begrifflichkeiten feministische (Natur-)Wissenschaft sowie Frauen- und Geschlechterforschung, ohne dass stets ersichtlich ist, was sich hinter den Konzepten inhaltlich verbirgt, ob diese Begriffe synonym verwendet werden oder sie Fachtermini einzelner Disziplinen darstellen. Es zeigt jedoch auch, dass sich die einzelnen Disziplinen für die zukünftige Zusammenarbeit erneut mit der Verwendung einer einheitlichen Terminologie auseinandersetzen sollten.

Der vorliegende Sammelband ist ein Beleg für die Notwendigkeit weiterer Studien im Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung, denn das Erkenntnisinteresse, das immer auch mit der Reflexion über die eigene Profession einhergeht, ist noch längst nicht ausgeschöpft auch hinsichtlich neuer Herausforderungen wie der Wandel zur unternehmerischen Universität, wie Paul hervorhebt (S. 274). Die einzelnen Beiträge stellen sich vielen Herausforderungen und Unwägbarkeiten und leisten Grundlagenarbeit, nicht zuletzt, weil in vielen Bereichen eine Historisierung nach wie vor fehlt. Ursache hierfür ist auch die mangelnde Archivierung und Quellengrundlage sowie die starke Abhängigkeit von ZeitzeugInneninterviews und -schriften, die einerseits eine Historisierung als Basis für die weiteren Analysen erschweren und andererseits weiterhin Ausdruck für Macht- und Relevanzhierarchien im Wissenschaftssystem sind. Auch offenbaren die einzelnen Beiträge, wie viel einfacher sich Aussagen treffen lassen über Gleichstellungspolitik und Wissenschaftskritik als Formen von intervenierendem Geschlechterwissen als über den Einfluss und die Implementierung von feministischer Wissenschaft in Wissensstrukturen und dem Universitätssystem. Hierfür legt der Sammelband allerdings wichtige Grundlagen, die es in Zukunft für die hier analysierten Disziplinen vertiefend, aber auch für weitere Fächergruppen weiterzuverfolgen gilt.

Anmerkungen:
[1] Das Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZFG) der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg sowie die Maria-Goeppert-Mayer-Professur „Gender, Technik und Mobilität“ der TU Braunschweig und Ostfalia-Hochschule für angewandte Wissenschaften waren maßgeblich an der Durchführung des Projekts beteiligt.
[2] Angelika Schaser / Sylvia Schraut / Petra Steymans-Kurz (Hrsg.), Erinnern, vergessen, umdeuten? Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2019.