H. Miard-Delacroix u.a. (Hrsg.): Emotionen und internationale Beziehungen im Kalten Krieg

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Titel
Emotionen und internationale Beziehungen im Kalten Krieg.


Herausgeber
Miard-Delacroix, Hélène; Wirsching, Andreas
Reihe
Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquien 104
Erschienen
Anzahl Seiten
XVI, 430 S.
Preis
€ 79,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Benno Nietzel, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Der von Hélène Miard-Delacroix und Andreas Wirsching herausgegebene Sammelband geht auf eine Tagung am Historischen Kolleg in München vom März 2018 zurück, bei der die Teilnehmer:innen, so das Vorwort, aufgefordert waren, „sich auf etwas Neues einzulassen“ (S. IX). Ziel war es, an die seit einigen Jahren boomende historische Forschung zu Emotionen anzuschließen und hierdurch einen neuen Blick auf die Geschichte der internationalen Beziehungen zu gewinnen. Der Fokus liegt dabei auf der Ära des Kalten Krieges als einem Zeitalter, in dem die weltpolitische Konfrontation der Supermächte sich nicht zuletzt mittels emotionaler Dramatisierungen erst konstituierte und ein ums andere Mal zuspitzte, in dem die drohende Eskalation wiederum vielfach heftige Gefühle auslöste. Ganz neu sind emotionshistorische Blickwinkel auf den Kalten Krieg nicht: Vor allem dem Gefühl der Angst haben sich etliche Forschungsbeiträge gewidmet.[1] Auch über Vertrauen als eine politische Ressource und Voraussetzung für eine internationale Entspannungspolitik wurde bereits recht intensiv gearbeitet.[2] Die Herausgeber:innen ziehen in ihrer Einleitung freilich die Bandbreite möglicher Themenaspekte noch ein gutes Stück weiter: So diente der Appell an Emotionen der Gruppenbildung und der Mobilisierung innerhalb der antagonistischen Machtblöcke; es stellt sich aber zugleich die Frage, ob diese Blöcke damit geschlossene Emotionsgemeinschaften bildeten oder ob Gefühle als universale menschliche Empfindungen auch Kommunikation über Grenzen hinweg ermöglichen konnten. Die Politik und Diplomatie des Kalten Krieges war von einer spannungsreichen und komplexen Verbindung aus Emotion und Rationalität geprägt, die sich erst in konkreten Konstellationen und Situationen genauer analysieren lässt. Schließlich verweist die Einleitung auch auf die persönlichen Emotionshaushalte von Akteuren der internationalen Politik, die jedoch nicht als die „Gefühle großer Männer“ überbetont werden sollen.

Die 19 renommierten Beiträger:innen, vorwiegend aus Deutschland und Frankreich, verfolgen durchaus unterschiedliche Zugänge zum Rahmenthema des Bandes. Ein übergreifendes methodisches Setting liegt diesem nicht zugrunde, allerdings beziehen sich etliche der Autor:innen auf das Konzept der „emotional regimes“ von William Reddy[3], sodass doch ein einigendes Band die Beiträge durchzieht und zur Kohärenz beiträgt. Die einzelnen Texte verteilen sich auf fünf thematische Blöcke, die aber nicht allzu trennscharf voneinander abgegrenzt sind. Im ersten Abschnitt über „Die ‚Gefühle der Staaten‘“ verfolgt Ute Frevert, die wohl wichtigste deutschsprachige Vertreterin der Emotionsgeschichte, zunächst die nur auf den ersten Blick kuriose Frage, ob Staaten Gefühle haben. Tatsächlich weist sie nach, dass entsprechende Deutungen und Ansprüche von der Frühen Neuzeit bis in die Sprache des gegenwärtigen Völkerrechts reichen. Staaten werden dabei als Träger einer männlich konnotierten „Ehre“ verstanden, deren Kränkung und Verletzung ein völkerrechtliches Delikt darstellen kann. Staatenkonflikte werden so zu Ehrkonflikten dramatisiert. Birgit Aschmann demonstriert in ihrem chronologisch etwas aus dem Rahmen fallenden Beitrag zum spanischen Franquismus vor allem der 1930er-Jahre eindrucksvoll, wie das Konzept des „emotional regime“ handhabbar gemacht werden kann: Seit dem Spanischen Bürgerkrieg wurde nicht nur gewalttätiger Hass gegen das republikanische Lager aufgestachelt, sondern es wurden auch Gefühlsäußerungen der Opfer faschistischer Verfolgung und Gewalt systematisch unterdrückt. Martin Schulze Wessel untersucht, wie die sowjetische Führung während des Prager Frühlings die Gespräche mit dem tschechoslowakischen Parteichef Alexander Dubček bewusst emotionalisierte. Die permanente Beschwörung von Freundschaft und gegenseitigem Vertrauen ließ den tschechoslowakischen Reformweg als zwischenmenschliche Illoyalität erscheinen und rechtfertigte damit die militärische Intervention in einem befreundeten Land. Philipp Gassert schildert die Rhetorik der Vertrauenswerbung als eine konstante Strategie in der bundesrepublikanischen Außenpolitik, mit der der Anspruch auf Einfluss und Mitsprache in der internationalen Politik eingekleidet und ausländischen Befürchtungen vor einer zu mächtigen deutschen Stellung begegnet wurde. Ihren Höhepunkt erreichte die Rhetorik des Vertrauens unter Helmut Kohl im Vorfeld der deutschen Wiedervereinigung; seit den 1990er-Jahren ging sie stark zurück.

Im Abschnitt „Emotionen um Deutschland in der Ost-West-Konfrontation“ zeigt Ilse Dorothee Pautsch, dass die Errichtung der Berliner Mauer 1961 das westliche Lager nicht etwa im Gefühl der Empörung vereinte, sondern im Gegenteil emotional polarisierte. Die demonstrative emotionale Distanz der Westalliierten, die an einer Eskalation nicht interessiert waren, und die ausbleibenden Vergeltungsmaßnahmen sorgten in der deutschen Bevölkerung für Enttäuschung und ein Gefühl des Verlassenseins. Krzysztof Ruchniewicz und Pierre-Frédéric Weber beschreiben, wie die Angst vor Deutschland unter der polnischen Bevölkerung der nach 1945 „Wiedergewonnenen Gebiete“ von der polnischen Führung über Jahrzehnte bewusst propagandistisch geschürt wurde, bis sich mit dem Warschauer Vertrag 1970 und schließlich dem Grenzvertrag 1990 Räume für Vertrauen öffneten.

Im nächsten Abschnitt über „Emotionale Wirkungspotenziale individueller Akteure“ arbeitet zunächst Jessica Gienow-Hecht als eine Grundkonstante der Außenpolitik der Vereinigten Staaten heraus, dass diese zwar international stets um Vertrauen warben, jedoch nicht fähig waren (und sind), stabiles Vertrauen in andere Staaten zu entwickeln. Unilateraler Kontrollwille und imperiale Machtansprüche waren kontinuierliche Begleiter einer solchen asymmetrischen Vertrauenspolitik. Im Kalten Krieg war es ausgerechnet Ronald Reagan, der aus dieser politischen Traditionslinie ausbrach und im Bemühen um Abrüstung und Entspannung Vertrauen zu seinem sowjetischen Gegenüber Michail Gorbatschow fasste. Thomas Freiberger wiederum zeigt in seinem Beitrag zur Suez-Krise 1956, dass wechselseitiges Vertrauen und dessen Enttäuschung unter politischen Akteuren eine eskalierende Wirkung haben und nüchternem Interessenkalkül im Wege stehen konnten. Die aus höchster Verärgerung über den militärischen Angriff der Verbündeten Großbritannien und Frankreich auf Ägypten gespeiste Reaktion des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower brüskierte die westlichen Alliierten und brachte das NATO-Bündnis an den Rand des Bruches. Dominik Geppert ergründet die emotionshistorische Dimension der notorischen Antipathie zwischen Helmut Kohl und Margaret Thatcher, die angesichts zahlreicher politischer Gemeinsamkeiten eigentlich unwahrscheinlich anmutete. Über die Rolle von Geschlechterstereotypen hinaus war es etwa Kohls häufige persönlich-emotionale Beschwörung historischer Erfahrungen, mit der die britische Verhandlungspartnerin in ihrem rationalen außenpolitischen Kalkül wenig anfangen konnte. Auch das völlig konträre emotionale Verhältnis zur eigenen Herkunft sorgte für Entfremdung, statt, wie es Kohl erwartete, persönliche Nähe zu stiften. Dies trug zu wiederholter wechselseitiger Enttäuschung bei.

Die Beiträge des etwas sperrig betitelten Abschnitts „Emotionen in der ideologischen Auseinandersetzung an der Peripherie“ untersuchen deutsche Blicke auf den Globalen Süden in der Ost-West-Konfrontation. Joachim Scholtyseck geht zunächst daran, die Begeisterung der Neuen Linken seit den späten 1960er-Jahren für den antikolonialen Befreiungskampf in der „Dritten Welt“ als eine naive und selbstbezogene, letztlich hedonistische Schwärmerei zu entlarven. Methodisch fällt der Beitrag etwas aus dem Rahmen, wenn er statt der neueren emotionshistorischen Ansätze für eine Rückwendung zur Massenpsychologie Gustave Le Bons plädiert. Indem rauschhafte politische Leidenschaften als „Spezifika des 20. Jahrhunderts“ begriffen werden, erscheinen dann, im Anschluss an Götz Aly, die „Dritte-Welt“-Begeisterung der 1970er-Jahre und die NS-Bewegung als unterschiedliche Ausprägungen des gleichen Phänomens. Im darauffolgenden Beitrag demonstriert allerdings Frank Bösch, dass sich die emotionalen Ordnungen der Neuen Linken seit den 1970er-Jahren auch wesentlich präziser historisch verorten lassen. So wurde vor allem das sandinistische Nicaragua zu einem emotionalen Sehnsuchtsort enttäuschter bundesdeutscher Linker, erschien es doch als Ort eines sinnerfüllten, gemeinschaftlichen, solidarischen Lebens, das man eigentlich in der westlichen Welt hatte schaffen wollen. Agnes Bresselau von Bressensdorf richtet den Blick dann auf die hochemotional vorgetragenen Solidaritätsappelle konservativer Politiker während des Afghanistan-Krieges, die stark durch die Perspektive des Ost-West-Konflikts gerahmt waren und daher immer auch der Desavouierung der Sowjetunion als Aggressor sowie politischen Angriffen gegen die auf einem Auge blinde bundesrepublikanische Linke und die Friedensbewegung dienten.

Im abschließenden Teil „Humanität jenseits des Kalten Kriegs?“ entwickelt Claudia Kemper am Beispiel der 1980 gegründeten Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ (IPPNW), die sachlich-medizinische Expertise mit moralischem Anspruch verband, das Konzept von Nichtregierungsorganisationen als „Emotionsagenturen“, die Emotionen gleichsam institutionalisiert produzieren und repräsentieren. Sie waren damit in der Lage, die Blockkonfrontation des Kalten Krieges zumindest partiell aufzubrechen.

Die einzelnen Beiträge des Bandes – am Ende kommentiert von Reiner Marcowitz, Hermann Wentker und Ulrich Pfeil – verfolgen damit unterschiedliche Zugänge zu einer Emotionsgeschichte des Kalten Krieges, was aber nicht als Makel erscheint. Einige Texte erweitern landläufige Herangehensweisen auf behutsame Weise um emotionshistorische Gesichtspunkte, andere stützen sich dezidiert auf theoretische Konzepte der Emotionsgeschichte, um ganz neue Fragen und Sichtweisen zu entwickeln. Insgesamt verdeutlicht der Band damit die Möglichkeiten emotionsgeschichtlicher Zugänge, der Analyse internationaler Beziehungen eine weitere, oftmals sehr aufschlussreiche historische Tiefendimension zu verleihen. Bei vielen der angeschnittenen Themen wäre es lohnend, sie noch stärker mithilfe medienhistorischer Ansätze zu untersuchen, um auch die (audio-)visuelle Konstitution von Gefühlen einzubeziehen.

Anmerkungen:
[1] Z.B. Bernd Greiner / Christian Th. Müller / Dierk Walter (Hrsg.), Angst im Kalten Krieg, Hamburg 2009.
[2] Siehe etwa Reinhild Kreis (Hrsg.), Diplomatie mit Gefühl. Vertrauen, Misstrauen und die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 2015.
[3] William Reddy, The Navigation of Feeling. A Framework for the History of Emotions, Cambridge 2001.

Redaktion
Veröffentlicht am
26.04.2021
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