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Titel
Heuss auf Reisen. Die auswärtige Repräsentation der Bundesrepublik durch den ersten Bundespräsidenten


Autor(en)
Günther, Frieder
Erschienen
Stuttgart 2006: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
178 S.
Preis
€ 26,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tobias Kies, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Verglichen mit anderen politischen Ämtern wurde jenes des deutschen Bundespräsidenten von der Geschichtswissenschaft über lange Zeit hinweg nur dürftig untersucht. Aus historiografischer Perspektive erschien das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland als eher belanglose Randfigur des ‚eigentlichen‘ politischen Geschehens. Als geschichtsträchtig galten eher jene Personen des öffentlichen Lebens, die an den augenscheinlichen Schalthebeln der Macht hantierten, sei es im Bundeskanzleramt oder innerhalb der beiden großen Volksparteien. Während der letzten Jahre haben neue, kulturgeschichtlich inspirierte Forschungsansätze traditionelle Vorstellungen von der Verfasstheit des politischen Raumes revidiert und den Blick dafür geschärft, wie Politik für eine größere Öffentlichkeit vergegenwärtigt wurde. So hat Johannes Paulmann die Inszenierung von Monarchenbesuchen im 19. Jahrhundert als Repräsentationen politischer Ordnungsmodelle ernstgenommen und damit das Bild vom pompösen, aber letztlich unpolitischen ‚Theater‘ klar revidiert.[1]

Frieder Günthers Studie zu den Staatsbesuchen von Bundespräsident Theodor Heuss überführt Paulmanns Erkenntnisinteresse in die Gründungsphase der Bundesrepublik.[2] Bei den Staatsbesuchen des ersten Bundespräsidenten – so die erkenntnisleitende Hypothese – ging es nicht um Entscheidungen über außenpolitische Grundsatzfragen, sondern um eine Inszenierung des neuen bundesrepublikanischen Selbstverständnisses vor den Augen der deutschen und internationalen Öffentlichkeit. Günther will den „Prozess der reflexiven Selbstwahrnehmung“ der Bundesrepublik deutlich machen: „Auf welche Weise präsentierte sich der Bundespräsident und mit ihm das bundesdeutsche Gemeinwesen bei den Staatsbesuchen nach außen, und welches Echo fand die Außendarstellung nachträglich in der bundesdeutschen Öffentlichkeit?“ (S. 11) Der Studie kommt der Umstand zugute, dass bereits die Zeitgenossen in vielerlei Weise auf die mediale Rezeption der Auslandsreisen fixiert waren. Politiker wie Journalisten maßen den Erfolg der Staatsbesuche primär an der in- und ausländischen Medienberichterstattung. Dadurch gerieten die Auslandsreisen der deutschen Bundespräsidenten ebenso wie die Besuche ausländischer Staatsoberhäupter in Bonn auch für die Bundesbürger zum „Gradmesser für das wiedererlangte Ansehen und die Beliebtheit der deutschen Nation“ (S. 10).

Im ersten Kapitel widmet sich Günther dem Verhältnis von Bundeskanzler und Bundespräsident, das er als Resultat eines verfassungspolitischen Aushandlungsprozesses beschreibt. Auf dem Feld der Außenpolitik konnte sich Adenauer auf ganzer Linie durchsetzen; sie entwickelte sich zum zentralen Kompetenzbereich der Kanzlerdemokratie. Dass Heuss Adenauer auf diesem Politikfeld so wenig entgegensetzte, hing nach Günthers Deutung damit zusammen, dass er an tagespolitischen Fragen „nur bedingt interessiert“ war (S. 28). In ihren außenpolitischen Grundüberzeugungen – Aussöhnung mit den Westalliierten auf der Basis einer antikommunistischen Grundhaltung – stimmten Adenauer und Heuss überein. Zudem war die Visualisierung auswärtiger Politik keinesfalls ein Proprium des Staatsoberhaupts. So absolvierte der Bundeskanzler bereits seit 1950 Auslandsreisen, auf denen er zwangsläufig auch symbolische Akzente setzte; in jener Zeit war an Staatsbesuche als Treffen zweier Staatsoberhäupter noch nicht zu denken.

Eingehend würdigt Günther im zweiten Kapitel Heuss als Repräsentanten des deutschen Bildungsbürgertums. Betont wird insbesondere seine liberale Weltanschauung, aus der ein spezifisches, im Historismus wurzelndes lineares Geschichtsverständnis erwuchs. Für die von Heuss verfassten Reden und Schriften ist charakteristisch, wie das Biografische mit den ‚großen‘ historischen Entwicklungen verbunden wurde. Indem er die eigene Person in das Kontinuum der Zeit einbettete, schlug Heuss Brücken von vermeintlichen Blütezeiten deutscher Kultur zur Gegenwart. Dabei lieferte er Sprachbilder, mit denen er die nationalsozialistische Vergangenheit ‚unverkrampft‘ thematisieren wollte, ohne die polarisierende Frage nach individueller oder kollektiver Schuld der Deutschen aufzuwerfen.

Im Hauptteil des Buches untersucht Günther das Wechselspiel zwischen präsidialer Inszenierung und Medienberichterstattung in chronologischer Reihenfolge der Staatsbesuche, wobei publizistische Vorbereitung, Konflikte im Vorfeld und Charakteristika im Ablauf hervorgehoben werden. Die festen protokollarischen Programmpunkte eines Staatsbesuches waren: Begrüßung, Visite beim Amtssitz des besuchten Staatsoberhauptes, Geschenkübergabe, Kranzniederlegung an einer nationalen Gedenkstätte, Vorstellung des diplomatischen Korps, Staatsbankett und Verabschiedung. Diesen Kanon durchbrechende oder erweiternde symbolische Gesten stellten zentrale Handlungsoptionen dar, die dem jeweiligen Staatsbesuch jenseits des diplomatischen Comments sein typisches Gepräge gaben. Als gelungen galt ein Staatsbesuch, wenn der Empfang in den Medienberichten des jeweiligen Gastlands als „herzlich“ bewertet wurde.

In diesem Sinne besonders geglückt wirkte die Auslandspremiere in Griechenland (1956), obwohl sie tagespolitisch im Schatten des Zypernkonflikts stattfand. Jubelnde Menschen säumten die von Ehrenpforten überspannten Straßen; für Heuss wurde eine Galavorstellung von Sophokles’ ‚König Ödipus‘ aufgeführt, und das Königspaar wohnte dem Empfang in der Deutschen Botschaft bis in die Morgenstunden bei. Dem offiziellen Teil der Reise schloss sich das Gedenken an die Opfer einer deutschen ‚Vergeltungsaktion‘ in Kalavrita und eine halboffizielle Rundreise durch das Land an. Die folgenden Staatsbesuche in Italien (1957), der Türkei (1957), Kanada/USA (1958) und Großbritannien (1958) folgten der Heuss-spezifischen Mischung, sich gegenüber dem Ausland ungezwungen, frei von Pathos, humorvoll, zivil und humanistisch zu präsentieren und dabei deutlich zu machen, dass aus der deutschen NS-Vergangenheit eine Verantwortung für Gegenwart und Zukunft erwachse.

Allerdings erschwerte es diese Vergangenheit, den richtigen Ton zu treffen. Während die Versöhnungsgeste von Kalavrita in der bundesdeutschen Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen wurde, erregte ein ähnlich angelegter Gedenkakt an den Fosse Ardeatine bei Rom großes Aufsehen. Westdeutsche Zeitungen berichteten ausführlich von der überschwänglichen Resonanz der Kranzniederlegung in den italienischen Medien und begrüßten die Geste als richtungsweisenden politischen Schritt. Aus dem rechten Spektrum wurde allerdings harsche Kritik geäußert: Heuss habe deutsche Soldaten diffamiert; unter die Vergangenheit müsse endlich ein „Schlussstrich“ gezogen werden. Besonders skeptisch verfolgte die westdeutsche Öffentlichkeit den politisch brisanten Staatsbesuch in Großbritannien. Heuss hatte – wie ein halbes Jahr zuvor bereits Konrad Adenauer – als Zeichen der Versöhnung einen größeren Geldbetrag für die Glasfenster der durch die deutsche Luftwaffe zerstörten Kathedrale von Coventry gespendet, was in der britischen Presse vereinzelt als Versuch des Freikaufens von Schuld interpretiert wurde. Einige deutsche Zeitungen bauschten solche Einzelstimmen auf und verbreiteten den Eindruck, der Präsident sei in England „kühl“ empfangen worden. Das kritische Echo der Medien wiederum verstimmte Heuss massiv; er hatte seine Reise als sehr erfolgreich wahrgenommen und pries die „menschliche Wärme“ und „Freundlichkeit“ seiner Begegnungen.

Die Staatsbesuche des ersten Bundespräsidenten – so Günther in seinen Schlussbetrachtungen – bilden die mitunter holprig verlaufende Rückkehr der Bundesrepublik zur „Normalität“ ab (S. 163). Günther zufolge hielt Heuss der bundesdeutschen Gesellschaft einen Spiegel vor, setzte Akzente und förderte dadurch einen Prozess kritischer Selbstreflexion. Bezeichnenderweise mehrten sich Unmutsäußerungen gerade während der letzten Staatsbesuche, als Heuss längst als Idealbesetzung für das Amt des Staatsoberhauptes galt. Günther wertet diesen Umstand als erstes Anzeichen eines seit 1957 aufkeimenden gesellschaftlich-politischen Wertewandels.

Günthers Untersuchung gewährt Einsichten, die über die Betrachtung der auswärtigen Repräsentation durch den ersten Bundespräsidenten weit hinausgehen. Indem er die Staatsbesuche vor dem Hintergrund innenpolitischer Auseinandersetzungen analysiert, leistet Günther einen wertvollen Beitrag zur Geschichte der politischen Kultur der 1950er-Jahre. Die Studie veranschaulicht, dass das Amt des Staatsoberhauptes in der frühen Bundesrepublik Projektionsfläche für Sehnsüchte nach ‚Normalität‘ und innergesellschaftlicher Harmonie wie nach demokratischem Aufbruch gewesen ist. Leider stellt Günther nur am Rande Überlegungen dazu an, inwiefern sich Heuss selbst der Unmöglichkeit bewusst war, diese widerstreitenden Erwartungen an sein Amt zu vereinbaren. Dies ist auch dem Aufbau der Untersuchung geschuldet: Zentrale Ergebnisse werden beispielsweise bereits in der Einleitung vorweggenommen. Auch wäre es der Fragestellung angemessener gewesen, systematischer nach der Genese des Stereotyps von Heuss als der idealen Symbiose aus Bildungsbürger und Staatsmann zu fragen. Dessen ungeachtet leistet Günthers sehr lesenswerte Studie einen substanziellen Beitrag zur Geschichte der Visualisierung des politischen Selbstverständnisses einer Republik, der saturierte ‚Leitkultur‘-Debatten noch fremd waren. Eher beiläufig schärft sie den Blick des Lesers für die Bedeutung der Medien in der politischen Kommunikation der frühen Bundesrepublik.

Anmerkung:
[1] Paulmann, Johannes, Pomp und Politik. Monarchenbegegnungen in Europa zwischen Ancien Régime und Erstem Weltkrieg, Paderborn 2000 (rezensiert von Volker Ackermann: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=604>).
[2] Als Aufsatzveröffentlichung mit diesem Ziel ist zuvor bereits erschienen: Günther, Frieder, Gespiegelte Selbstdarstellung. Der Staatsbesuch von Theodor Heuss in Großbritannien im Oktober 1958, in: Paulmann, Johannes (Hrsg.), Auswärtige Repräsentationen. Deutsche Kulturdiplomatie nach 1945, Köln 2005, S. 185-203.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.01.2007
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