H. Vu Thanh u.a. (Hrsg.): Trade and Finance in Global Missions (16th-18th Centuries)

Cover
Titel
Trade and Finance in Global Missions (16th-18th Centuries).


Herausgeber
Vu Thanh, Hélène; Županov, Ines G.
Reihe
Studies in Christian Mission (57)
Erschienen
Anzahl Seiten
314 S.
Preis
€ 138,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Dorfner, Historisches Institut, RWTH Aachen

Die Erforschung der Missionsgeschichte durchlief in den vergangenen 20 Jahren eine bemerkenswerte Transformation. Aus einem randständigen Forschungsfeld, das der katholischen bzw. protestantischen Missionswissenschaft überlassen wurde, entwickelte sich ein boomendes Forschungsfeld der Geschichtswissenschaft.[1] Aktuell werten vor allem Vertreterinnen und Vertreter der Global- bzw. der Wissensgeschichte sowie der Postcolonial Studies mit Gewinn die Bestände der Missionsarchive aus. Trotz des Booms existieren jedoch nach wie vor Forschungsdesiderate. Christian Windler, Fred Vermote und andere Historiker:innen betonten in den vergangenen Jahren, wie rudimentär die Finanzierung frühneuzeitlicher Missionsaktivitäten erforscht sei.[2] Es ist daher überaus erfreulich, dass Hélène Vu Thanh und Ines G. Županov mit ihrem Sammelband das Zusammenspiel von „economic and missionary expansion“ in den Fokus rücken (S. 8). Die Herausgeberinnen möchten vor allem darlegen, wie stark frühneuzeitliche Missionare in regionale bzw. globale Handels- und Finanznetze eingebunden waren.

Der Band enthält drei verschriftlichte Vorträge der von Vu Thanh und Županov veranstalteten Tagung „Conquering New Markets“ (16.–17. November 2016, Paris). Die übrigen Beiträge haben die Herausgeberinnen eigens für den Band angefragt, um „a wider perspective on the subject“ zu eröffnen (S. IX). Dieses Ansinnen wird zu großen Teilen überzeugend eingelöst. Eine Stärke des Bandes ist die Heterogenität der beleuchteten Weltregionen. Die neun Fallstudien fokussieren auf die Missionsfinanzierung in Asien, Europa sowie Südamerika und werden von den Herausgeberinnen nach sachlichen Gesichtspunkten vier Sektionen zugeordnet. Bedauerlich ist allerdings, dass kein Beitrag die protestantische Mission im 18. Jahrhundert thematisiert. Im Titel des Sammelbandes hätte folglich zwingend von „Global Catholic Missions“ gesprochen werden müssen, um keine falschen Erwartungen zu wecken.

Die erste Sektion ist mit „Missionaries as Traders“ betitelt und widmet sich den Jesuiten. Hélène Vu Thanh analysiert die Doppelrolle jesuitischer Missionare in Japan zwischen 1549 und 1650. Sie fungierten einerseits als Vermittler zwischen portugiesischen und japanischen Kaufleuten, waren andererseits aber auch selbst als Kaufleute tätig. Wie die Jesuiten in Paraguay erkannten, dass die Blätter des Mate-Strauchs, aus denen das Getränk Yerba Mate hergestellt wurde, eine lukrative Handelsware sein konnten, rekonstruiert Claudio Ferlan. Die Missionare hatten Yerba Mate im 16. Jahrhundert als „instrument of evil“ erachtet (S. 79), das die indigenen Guaraní zu sündigem Verhalten verleite. Bereits im 17. Jahrhundert jedoch lobten Ordensmitglieder das Getränk als „divine gift“ (S. 79) und begannen mit dem lukrativen Anbau und Verkauf der Mateblätter.

In der zweiten Sektion widmen sich drei Beiträge der Einbindung von Missionsorden in „Global/Local Economic Networks“. Christian Windler wirft die Frage auf, wie Missionare in Persien mit der Kluft zwischen den Normen ihres Ordens – allen voran der Anweisung, sich Handels- bzw. Finanzgeschäften zu enthalten – und den Zwängen des Alltagslebens umgingen. Der Aufsatz ist in doppelter Hinsicht ein Gewinn für den Band. Zum einen rückt Windler nicht die omnipräsenten Jesuiten, sondern die wenig erforschten Unbeschuhten Karmeliten in den Fokus; zum anderen überzeugt der Aufsatz in methodischer Hinsicht. Windler zeigt, dass die Karmeliten die Nichtobersevanz von Ordensregeln als unvermeidlich erachteten. Die nichtintendierte Nebenfolge – so Windlers treffende Schlussfolgerung – sei eine Relativierung der Normen gewesen, die ursprünglich das Rückgrat des Ordens gebildet hätten (S. 142). In Rômula da Silva Ehalts Aufsatz rücken sodann wieder die Jesuiten in den Fokus. Er weist nach, wie der Aufstieg der Jesuiten zu Landbesitzern in Japan die überregionalen Beziehungen des Ordens beeinflusste. Japanische Kriegsherren hatten den Jesuiten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Land geschenkt, wodurch Letztere über regelmäßige Einnahmen verfügten. Prominente Jesuiten in Japan, so beispielsweise Alessandro Valignano, verheimlichten jedoch die Einnahmen, um weiterhin finanzielle Unterstützung von ihren Mitbrüdern in Indien bzw. den Mäzenen in Europa zu erhalten.

Die dritte Sektion „Funding the Missions“ ist der Vielfalt der vom Jesuitenorden um 1600 mobilisierten Ressourcen gewidmet. Ariane Boltanski arbeitet überzeugend heraus, wie bedeutsam die Zuwendungen adeliger Patrone für die Aufrechterhaltung der Jesuitenkollegien in Frankreich waren. Sie analysiert die Gabentauschbeziehungen zwischen Adeligen und den Jesuiten, wobei Letztere an einem möglichst dauerhaften Gabenkreislauf interessiert waren. Sébastian Malaprades Fallstudie hingegen analysiert die Handels- und Banktätigkeit des Kollegs San Hermenegildo in Sevilla zwischen der Gründung 1580 und dem spektakulären Bankrott 1645. Er zeigt anschaulich, dass die Zeitgenossen das Kolleg sowohl als eine der führenden Bildungsinstitutionen Andalusiens als auch als „trading house“ sowie „private bank“ wahrnahmen (S. 223, 227). Der um 1600 sichtbare wirtschaftliche Erfolg erwies sich als zweischneidiges Schwert. Er sicherte das Vertrauen der Kreditgeber, ließ aber auch die Zahl der Kritiker stark anwachsen.

Abgeschlossen wird der Band durch die Sektion „Moralizing the Economy“, die gemäß der Unterüberschrift „Religious Controversies and Debates“ gewidmet ist. Der gelungene Aufsatz von Tara Alberts sperrt sich jedoch gegen eine Einordnung in diese Sektion. Alberts legt Jacques de Bourges‘ Missionsbericht über Siam, publiziert im Jahr 1666, unter die mikrohistorische Lupe, wobei ihr Augenmerk nicht Kontroversen, sondern Narrativen gilt: Sie kann zeigen, wie Bourges mit seinem Werk auf inkonsistente Anforderungen unterschiedlicher Umwelten reagiert. Bourges musste in seinem Werk zum einen seinen Patronen, die die Mission finanziell unterstützten, Dank abstatten und darlegen, dass die Missionare die Spenden klug eingesetzt hatten. Zum anderen musste Bourges für den besonders frommen Teil der Leserschaft die Missionare als desinteressiert an Geld bzw. weltlichen Dingen darstellen. Fabian Fechner zeigt in seinem Aufsatz, dass die Wirtschaftspraktiken der Jesuiten in Paraguay nur lose mit den Normen, die die Curia in Rom gesetzt hatte, gekoppelt waren. Besonders das monastische Ideal der Armut war in den Missionsgebieten nicht umsetzbar. Fechner beschäftigt sich somit wie Windler mit der Nichtobersvanz von Ordensregeln, weshalb es zielführend gewesen wäre, beide Aufsätze in einer Sektion zu versammeln.

In der Gesamtschau ergibt sich gleichwohl ein eindeutig positives Bild des Bandes. Es ist das große Verdienst des Sammelbandes, die Geschichte der frühneuzeitlichen Mission mit finanz- und wirtschaftshistorischen Fragen zu konfrontieren. Zudem sticht der Band aus der Masse der heterogenen, bisweilen lieblos kuratierten Sammelbände heraus. Die beiden Herausgeberinnen führen mit einer gleichermaßen ausführlichen wie gelungenen Einleitung in die Thematik ein (S. 7–43). Das Nachwort von Ines G. Županov bündelt die konzeptuellen Fäden der Beiträge auf einer abstrakteren Ebene (S. 288–306). Als lohnenswert habe sich gemäß Županov die Analyse der kreativen Handels- und Finanzprojekte erwiesen, die die Missionare vor Ort gemeinsam mit lokalen bzw. regionalen Akteuren entwickeln mussten, weil institutionelle Förderer wie die spanische Krone ihre Finanzzusagen nicht einhalten konnten. Problematisch am Nachwort ist allerdings, dass Županov frühneuzeitliche Mission zumeist mit jesuitischer Mission gleichsetzt.

Abschließend bleibt zu hoffen, dass die Geschichtswissenschaft sich der Desiderate, die im Band en passant skizziert werden, annimmt. Sébastian Malaprade (S. 219) und Tara Alberts (S. 241) beispielsweise deuten knapp die massiven Konflikte zwischen Jesuitenkollegien bzw. Missionaren einerseits und weltlichen Kaufleuten andererseits an. Letztere protestierten bei den zuständigen Obrigkeiten regelmäßig gegen Steuer-, Zoll- oder Handelsprivilegien für Missionare bzw. Orden.[3] Für entsprechende konflikthistorische Studien findet sich in Missionsarchiven sowie in staatlichen Archiven reichhaltiges Quellenmaterial.

Anmerkungen:
[1] Zu der geringen Bedeutung, die die ältere Missionsgeschichte für die Geschichtswissenschaft spielte, siehe Rebekka Habermas / Richard Hölzl, Mission global – Religiöse Akteure und globale Verflechtung seit dem 19. Jahrhundert, in: Dies. (Hrsg.), Mission global. Eine Verflechtungsgeschichte seit dem 19. Jahrhundert, Köln u.a. 2014, S. 9–28, hier S. 14f.
[2] Christian Windler, Regelobservanz und Mission. Katholische Ordensgeistliche im Safavidenreich (17. und frühes 18. Jahrhundert), in: Arne Karsten / Hillard von Thiessen (Hrsg.), Normenkonkurrenz in historischer Perspektive, Berlin 2015, S. 39–63, hier S. 56; sowie Fred Vermote, Finances of the Missions, in: Ronnie Po-Chia Hsia (Hrsg.), A Companion to Early Modern Catholic Global Missions, Boston 2018, S. 367–400, hier S. 367.
[3] Zu den Konflikten zwischen englischen Kaufleuten und den Missionaren der Herrnhuter Brüdergemeine im Labradorhandel um 1800 siehe: Thomas Dorfner, „Commercium nach dem Sinn Jesu“. Überlegungen zum Marktverhalten der Brüdergemeine am Beispiel des Labradorhandels, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 61 (2020), 1, S. 39–66.

Redaktion
Veröffentlicht am
12.10.2021
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