N. Ächtler (Hrsg.): Schulprogramme Höherer Lehranstalten

Cover
Titel
Schulprogramme Höherer Lehranstalten. Interdisziplinäre Perspektiven auf eine wiederentdeckte bildungs- und kulturwissenschaftliche Quellengattung


Herausgeber
Ächtler, Norman
Erschienen
Hannover 2021: Wehrhahn Verlag
Anzahl Seiten
496 S.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Viktoria Gräbe, Stiftung Universität Hildesheim

Der 2021 in Anschluss an eine gleichnamige Tagung (März 2018, Gießen) erschienene Band „Schulprogramme Höherer Lehranstalten“ belegt das zunehmende Interesse geistes- und sozialwissenschaftlicher Disziplinen am Schulprogramm des 19. Jahrhunderts. Er führt bisherige Untersuchungen zur Genese und Weiterentwicklung der universitären Disziplinen, fachunterrichtliche Perspektiven sowie bildungshistorische Untersuchungen auf Basis von Schulprogrammen zusammen und eröffnet damit den Blick auf eine Quellengattung, mit der sich auf Grund ihrer langen und flächendeckenden Verbreitung die Expansion des höheren Schulwesens, seine fachliche Ausdifferenzierung sowie kulturelle Austauschprozesse im deutschsprachigen Raum in besonderer Weise rekonstruieren lassen.[1]

In seiner Einführung führt der Herausgeber Norman Ächtler die mit dem Forschungsgegenstand noch nicht vertrauten Leser:innen in die wichtigsten Meilensteine des Programmwesens und dessen geographische Dimensionen sowie die Mechanismen der Zirkulation von Programmen der Schulen untereinander ein. Ächtler zeichnet die Entwicklung von den ursprünglichen Einladungen zu öffentlichen Prüfungen des 17. und 18. Jahrhunderts hin zu den in Preußen ab 1824 jährlich obligatorisch zu veröffentlichenden Schulprogrammen nach und markiert die Beigabe einer wissenschaftlichen Abhandlung als „Beginn der ab Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzenden pädagogischen Fachpublizistik“ (S. 17). Die bisherige Forschungslandschaft zu Schulprogrammen als „verstreute[n] Einzeldarstellungen aus unterschiedlichen Disziplinen“ (S. 34) begründet Ächtler mit der schlechten Zugänglichkeit und einer fehlenden gemeinsamen Erfassungssystematik von Schulprogrammen. Damit benennt Ächtler neuralgische Punkte, zu deren Lösung die Autor:innen die „Gießener Erklärung zur Erschließung und Digitalisierung von Schulprorammschriften“ entwickelt und unterzeichnet haben (S. 485-488). Insbesondere der Beitrag von Reh/Cramme zeigt deutlich das Potenzial auf, das Schulprogramme aus dem Blickwinkel der Digital Humanities bei einer entsprechenden Digitalisierung und Verlinkung mit anderen Datenbanken als „linked open data“ (S. 440) haben können.

Im ersten Teil des Bandes findet eine Annäherung an das Schulprogramm unter einem gattungsanalytischen Zugriff statt. So versteht sich bspw. Christina Gansels Beitrag als eine „systemtheoretisch orientierte Textsortenlinguistik“ (S. 40). Trotz etwas ermüdender Versuche, aus Luhmanns Kommunikationsverständnis Erkenntnisse über das Schulprogramm als Textsorte abzuleiten, gelingt es der Autorin schlussendlich, am Beispiel religionsbezogener Abhandlungen spannende Differenzierungen zwischen unterschiedlichen Typen von Abhandlungen (wissenschaftsorientiert vs. programmatisch) zu identifizieren (S. 55-63). Zu einem ähnlichen Schluss kommt Markewitz, wenn er den Abhandlungen im Kontext der Aushandlungen zwischen den beiden konkurrierenden Schulformen Gymnasium und Realschule ebenfalls einen programmatischen Anspruch nachweist (S. 75-87). Erhellend ist ferner seine Rekonstruktion der Varianzen in der Selbstbezeichnung der Schulprogramme (Ankündigung, Programm, Einladungsschrift, Jahresbericht) und den daraus abzuleitenden unterschiedlichen Funktionen von Schulprogrammen über die Zeit sowie ihrer jeweiligen Verhältnisse zu den unterschiedlichen Adressat:innen (die Elternschaft, die jeweilige Schulbehörde sowie die untereinander in Austausch stehenden höheren Schulen). Was die Schulprogramme über das Verhältnis der Schulen zur Elternschaft aussagen, arbeitet Walter Kissling über eine Analyse standardisierter, über Jahre tradierter Formulierungen in Schulprogrammen in Kontrastierung zu schulbehördlichen Erlässen überzeugend heraus.

Der zweite und umfassendste Teil des Bandes versammelt Beiträge zu Schulprogrammen als bildungshistorischen, fachunterrichtlichen und disziplingeschichtlichen Quellen und zeigt neben ihrem heutigen Quellenwert auch ihren aktiven Beitrag zur Weiterentwicklung des (neuhumanistischen) Curriculums auf. In den Blick vieler Beiträge rücken auch die Autoren der in den Schulprogrammen enthaltenen Abhandlungen, die Lehrer höherer Schulen.[2] Ihnen wird bildungspolitische Partizipation attestiert, es werden Gestaltungsspielräume in der Themenwahl ihrer Abhandlungen festgestellt und damit auf das Selbstbewusstsein des neuen Lehrerstandes, sich gegenüber behördlichen Vorgaben zu emanzipieren (S. 123-131), rekurriert. Auch das vielleicht weniger spannungsreiche, aber damals wie heute ungeklärte, da fluide Verhältnis zwischen Wissenschafts- und Erziehungssystem, zwischen Lehrern und/als Universitätsgelehrten, beide Partizipanten der „Gelehrtenrepublik“ (Kipf, S. 121), wird analysiert. Dies berührt auch eine zentrale Frage der Fachdidaktiken, der Schulbuchforschung und der Schulpädagogik: Wie wissenschaftliches Wissen in „schulfachliche[s] Wissen“ (S. 445) übersetzt werden kann.

Prosopografisch im engeren Sinne ist der Beitrag von Gert Schubring, der aus der Häufigkeit der Abhandlungen von Mathematiklehrern Aussagen über deren Anerkennung ableitet, die an neuhumanistischen Gymnasien im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts noch nicht selbstverständlich gewesen sei (S. 306). Schubring vermag aus einem 3094 Abhandlungen umfassenden Korpus nicht nur Mathematikprofile der unterschiedlichen Schularten herauszuarbeiten, sondern in einem Vergleich zwischen Preußen und Bayern auch regionale Unterschiede in den Ausbildungstraditionen der akademisch gebildeten Lehrer zu benennen. Die von Schubring für sich in Anspruch genommene Transzendierung der bildungshistorischen Preußenzentrierung ist mit Sicherheit ein Qualitätsmerkmal der Schulprogrammforschung insgesamt, die sich aus der Transnationalität dieses Periodikums quasi von selbst ergibt. Dies zeigen auch die lesenswerten anderen Fallstudien des Sammelbandes, wie jene von Mirek Nĕmec zum böhmischen Nationalismus in Brünner Schulprogrammen (S. 413-436) oder die von Walter Kissling zum österreichischen Programmwesen mit seinen (im Vergleich zu Preußen) zeitlich versetzten und inhaltlich anders akzentuierten Regulierungen. Hier wird einmal mehr der Mehrwert deutlich, den die Erschließung und Digitalisierung weiterer Schulprogrammsammlungen haben könnte, bieten doch die bisher von den Autor:innen genutzten Datenbanken wie etwa die des Hessischen Bibliotheksinformationssystems (HeBIS)[3] mit ihren jeweiligen regionalen Konzentrationen (hier: auf hessischen, baden-württembergischen, niedersächsischen und pfälzischen Schulprogrammen) Einblicke nur in ausgewählte „Bildungslandschaften“ (S. 439f.).

Deutlich wird an der überwiegend noch wenig ausgeprägten Methodendiskussion auch, dass der Sammelband, wie von Michael Wermke für seinen Beitrag explizit reklamiert, eine „erste Vermessung“ auf dem Gebiet der Programmforschung darstellt. So werden insbesondere Schulnachrichten als serielle Quellen trotz ihres anerkannten bildungshistorischen Wertes (S. 292) mit nur wenig methodischer Verve bearbeitet – obwohl serielle Quellen über ihren Neuheitsstatus in der bildungshistorischen Forschung mittlerweile hinausgewachsen sein dürften.[4] Den Anspruch, aus praxeologischer Perspektive über Schulalltag (S. 189) und tatsächliche Unterrichtsinhalte privilegiert Auskunft geben zu können, wie ihn auch Kraul (1988) schon vertreten hat[5], werden Schulprogramme hingegen nur bedingt und nur dann erfüllen können, wenn ihnen mit dem notwendigen quellenkritischen Vorbehalt begegnet wird, wie ihn Wermke und Nĕmec aus den Funktionen des Schulprogramms selbst ableiten (S. 366 u. S. 414). Die im Sammelband vereinten Beiträge lassen dennoch bereits erahnen, welches große Potenzial Langzeit- und Querschnittstudien im Medium Schulprogramm haben und auch, dass Schulprogramme als Teil einer pädagogischen Kommunikationsgeschichte in Ergänzung zu anderen Periodika selbst noch ausführlicher zu thematisieren sein werden.[6]

Anmerkungen:
[1] Exemplarisch für Fragestellungen im Bereich der Germanistik ist der Sammelband von Carsten Gansel / Norman Ächtler / Birka Siwczyk (Hrsg.), Gotthold Ephraim Lessing im Kulturraum Schule. Aspekte der Wirkungsgeschichte, Göttingen 2017. Eine frühe bildungshistorische Studie auf Basis von Schulprogrammen ist die Monographie von Frank Tosch, Gymnasium und Systemdynamik, Regionaler Strukturwandel im höheren Schulwesen der preußischen Provinz Brandenburg 1890-1938, Bad Heilbrunn 2006.
[2] Autoren von Abhandlungen, selbst in Programmen höherer Mädchenschulen, waren ausschließlich Männer, weshalb hier keine gendergerechte Schreibweise verwendet werden kann.
[3] Die Datenbank ist über http://cbsopac.rz.uni-frankfurt.de erreichbar.
[4] Vgl. exemplarisch Heinz-Elmar Tenorth, Historische Bildungsforschung. Von der „Geschichte der Pädagogik“ zur historischen Bildungsforschung, in: Rudolf Tippelt / Bernhard Schmidt (Hrsg.), Handbuch Bildungsforschung, Wiesbaden 2010, S. 135-153.
[5] Margret Kraul, Bildung und Bürgerlichkeit, in: Jürgen Kocka (Hrsg.), Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich. Bd. 3, München 1988, S. 45-73, bes. S. 56.
[6] Vgl. exemplarisch Jens Brachmann, Der pädagogische Diskurs der Sattelzeit. Eine Kommunikationsgeschichte, Bad Heilbrunn 2008.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.06.2021
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/