Cover
Titel
Destination Elsewhere. Displaced Persons and Their Quest to Leave Postwar Europe


Autor(en)
Balint, Ruth
Erschienen
Anzahl Seiten
XIII, 190 S., mit Abb.
Preis
$ 45.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sebastian Musch, Historisches Seminar und Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien, Universität Osnabrück

Mit dem vorliegenden Buch greift die australische Historikerin Ruth Balint mehrere Entwicklungen der Displaced-Persons-Forschung auf, die vor allem in der letzten Dekade zu einem Boom und einer Neuorientierung des Feldes beigetragen haben.[1] Dazu gehört erstens der transnationale Turn, der den Fokus von den DP-Camps und den Institutionen in den Besatzungszonen auf die von Flucht und (Zwangs-)Migration geprägte Vor- und Nachgeschichte verlagerte. Zweitens entstand ein stärkeres Interesse für kleine, vormals vernachlässigte, marginalisierte Gruppen, die sich hinter dem Label „Displaced Persons“ verbergen und damit die Forschung zu den zahlenmäßig größeren Gruppen – vor allem den jüdischen und polnischen DPs – ergänzten. Drittens wurde versucht, die Stimmen einzelner DPs in den Vordergrund zu rücken, wo vorher oft bestimmte Institutionen und Organisationen das Bild dominierten, darunter auch solche, die als Interessenvertretungen der DPs gegründet wurden. Balint, Associate Professor an der australischen University of New South Wales, hat mit Destination Elsewhere. Displaced Persons and Their Quest to Leave Postwar Europe ein gut lesbares Buch geschrieben, das genau diese drei Entwicklungen aufgreift, vereint und dabei die Perspektiven der DPs, deren Erfahrungen und Stimmen ins Zentrum der Untersuchung stellt.

Der britische Historiker Peter Gatrell hat bereits 2007 darauf hingewiesen, dass eine der größten Herausforderungen der migrationshistorischen Forschung die Frage sei, wie die DPs selbst mit den komplexen Machtverhältnissen umgingen und wie sie den Prozess der Vertreibung verstanden.[2] Balint rekonstruiert unzählige Lebensgeschichten anhand der von Eligibility Officers der International Refugee Organisation (IRO) mit Flüchtlingen geführten Interviews. Darin wurde die Berechtigung geprüft, in das Resettlement-Programm der IRO aufgenommen zu werden. Eine weitere Quellengruppe sind die Akten des IRO Review Board, bei denen Einsprüche gegen die Entscheidungen der Eligibility Officers verhandelt wurden. Allerdings überforderten die mannigfaltigen Lebensgeschichten und Schicksalswege in der durch den Weltkrieg durcheinandergewirbelten geopolitischen und gesellschaftlichen Ordnung die bürokratischen Vorgaben. Ein Handbuch, das IRO Manual for Eligibility Officers, präsentierte eigentlich Leitlinien für den Umgang mit typischen und häufigen, aber auch mit untypischen und seltenen Fällen. Es wurde im Laufe seiner Gültigkeit zweimal angepasst, um den aktuellen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Doch die Lebenswirklichkeit oder zumindest deren narrative strategische Verarbeitung in den IRO-Interviews sprengte oftmals die Vorgaben, bzw. die Vorgaben blieben hinter der Lebenswirklichkeit der sich verändernden Nachkriegsordnung zurück. Daher sind für Balint besonders jene Fälle relevant, bei denen vor dem IRO Review Board die ablehnenden Entscheidungen der Eligibility Officers angefochten wurden und nochmals argumentiert werden konnte, warum die individuelle Kriegs- und Verfolgungserfahrung zur Aufnahme in das Resettlement-Programm berechtige.

Spezialist:innen werden mit vielen der von Balint darlegten Aspekte bereits vertraut sein – das Buch eignet sich über weite Strecken durchaus als Einführung zum Thema DPs und sei als solche auch empfohlen. Geschickt verwebt Balint individuelle Lebensgeschichten mit einer globalgeschichtlichen Perspektive. Dennoch bleibt es meistens bei einer Andeutung der Implikationen dieses Perspektivenwechsels auf die über das Lokale hinausgehenden globalen Verknüpfungen, was vor allem dem Fokus auf die Interviewbögen der IRO geschuldet ist. Außer in den beiden letzten Kapiteln, die sich mit den DPs in Australien auseinandersetzen, werden die Schicksale der Interviewten über die Akten der IRO hinaus in den sieben Kapiteln nur vereinzelt nachverfolgt.

Nach einer überblicksartigen Einführung bietet Balint im ersten inhaltlichen Kapitel die elaborierte und sorgfältige Diskussion eines Themas, das sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht, nämlich die tückische Frage nach der Wahrheit: Welche narrativen Strategien benutzten Flüchtlinge, um in den Interviews mit den Eligibility Officers den begehrten DP-Status zugesprochen zu bekommen? Hierbei spielten auch unter den Flüchtlingen kursierende Gerüchte und Tipps eine wichtige Rolle. Direkt daran anknüpfend widmet sich Balint im zweiten Kapitel dem heiklen Thema der Denunziationen, mit denen DPs sich Vorteile verschaffen konnten – oder anderen Menschen Nachteile. Denunziationen bezogen sich direkt nach dem Krieg auf Kollaboration mit den Nationalsozialisten, aber seit dem langsamen Auftauchen des Kalten Krieges am Ereignishorizont und den schärfer werdenden Gegensätzen zwischen den westlichen und östlichen Alliierten gewann der Vorwurf der Kollaboration mit der Sowjetunion oder der Vorwurf der kommunistischen Sympathien zunehmend an Relevanz. Gleichzeitig konnten spätestens ab Mitte 1946 DPs, die Furcht vor kommunistischer Verfolgung gegenüber den Eligibility Officers glaubhaft machen konnten, mit der Aufnahme in das Resettlement-Programm rechnen, wovon auch osteuropäische Kollaborateur:innen der Nationalsozialisten profitierten. Balint legt überzeugend dar, wie bürokratische Selektivblindheit die politische Epochenwende begleitete. Denunziation und Kollaboration im Wechselspiel mit der sich verschiebenden geopolitischen Ordnung erweisen sich für Balint als nützliche Sonden, um die Begegnung zwischen DPs und IRO als individuelle Selbstbehauptung gegenüber einem administrativen Apparat zu beschreiben.

Das dritte, vierte und fünfte Kapitel bilden eine Einheit, die im Zentrum des Buches steht; hier betrachtet die Autorin familien- und genderpolitische Aspekte des DP-Komplexes. Zuerst zeigt sie, wie Frauen, deren Status als DPs eng mit ihren Ehemännern verknüpft war, durch das Labyrinth der IRO-Verordnungen manövrierten, und wie der IRO-Apparat auf Beziehungen und Ehen über nationale und religiöse Unterschiede hinweg reagierte. Im vierten Kapitel widmet sich Balint der Frage, wie unbegleitete Kinder und ihre Schicksale die IRO heraus- und teilweise überforderten. Im fünften Kapitel schildert sie den oft grausamen Umgang mit behinderten Kindern. Da viele Staaten nur bereit waren, (potentiell) arbeitsfähige DPs aufzunehmen, wurde für viele Familie das Resettlement daran geknüpft, ihre behinderten Kinder in der Obhut deutscher Waisen- und Behindertenheime zurückzulassen. Der kalte Pragmatismus der Aufnahmeländer, deren Auswahlkriterien vor allem unter volkswirtschaftlichen und sogar eugenischen Zielen zu verstehen sind, stach selbst die familien- und genderpolitischen Scheuklappen der IRO aus. Die Organisation rekurrierte vor allem auf ein Familienverständnis, das sich normativ als Gegenstück zu der vermeintlichen Atomisierung – sprich: Zerstörung – der Familie durch den Sowjetkommunismus sah. Mit dem nahenden Ende des Mandats der IRO Anfang der 1950er-Jahre wurde es eine gängige Praxis, erheblichen Druck auf die verbleibenden „hard core“-Fälle auszuüben. Die Historikerin Sheila Fitzpatrick hat in Bezug auf die Rückführung von Sowjetbürger:innen durch die sowjetischen Besatzungsbehörden ähnliche Praktiken, die sich im Gegensatz zur Zwangsrepatriierung auf institutionellen oder persönlichen Druck und Überzeugungstechniken stützten, als „soft repatriation“ bezeichnet.[3] Wie Balint zeigt, hat sich auch die IRO unter dem Druck ihrer Mitgliedsländer der Mittel der „soft repatriation“ bedient, um dadurch unwillige DPs in das Resettlement-Programm zu drängen.

Im sechsten respektive siebten Kapitel untersucht Balint das Resettlement der DPs nach Australien bzw. deren verzweifelte Versuche, Familie und Freunde zu finden, von denen sie entweder während des Krieges oder durch das Resettlement-Programm getrennt wurden. Wie Balint betont, war auch die Aufnahme von DPs von der australischen Regierung durch einen ökonomischen Imperativ bestimmt, der vor allem auf körperliche und psychische Unversehrtheit, also „Tüchtigkeit“ oder „Fitness“ im weiteren Sinne als Zulassungsvoraussetzung abzielte. Australien war damit nicht allein; bei den meisten Ländern, die durch das Resettlement-Programm der IRO Menschen aufnahmen, spielte das Interesse an Arbeitskräften eine erhebliche Rolle – zum Nachteil all jener, die als nicht oder wenig arbeitsfähig eingestuft wurden. In ihrem Buch hat Balint gerade sie in den Vordergrund gerückt. Ihr Ansatz einer Geschichte „von unten“, als Versuch, den Flüchtlingen und DPs eine Stimme zu geben, speist sich, wie sie im Fazit selbst darlegt, aus einem gegenwartsbezogenen humanitären Impetus. Mit Empathie vermeidet die Autorin eine Degradierung von historischen Individuen zu reinen Anschauungsobjekten größerer geopolitischer und ideologischer Zusammenhänge.

Durch das Erzählen – oder auch Erfinden, wie Balint deutlich macht – ihrer Biographien wurden DPs zu historischen Subjekten mit Handlungs- und Verhandlungsmacht über das eigene Leben oder Schicksal. Analog zu dem von Dan Diner als kollektive Subjektwerdung beschriebenen Effekt des Harrison-Berichts, der im August 1945 jüdische DPs als nationales Kollektiv definierte, vollzog sich hier eine individuelle Subjektwerdung.[4] In den von Balint aufgeführten Fällen geschah dies aber nicht von außen (wie beim Harrison-Bericht), sondern im teils kooperativen, oft auch antagonistischen Dialog zwischen der IRO, vertreten durch den Eligibility Officer, und den einzelnen DPs. Dieser Prozess war eng verknüpft mit der Einführung von Interviews als Instrument der Berechtigungskontrolle von Flüchtlingen und erwies sich als so folgenreich wie ambivalent. Einerseits boten die Interviews die Möglichkeit, selbst zu Wort zu kommen, vom Objekt der Politik zum Subjekt der eigenen Geschichte zu werden. Den adressierten Institutionen erlaubten sie eine Einzelfallbetrachtung sowie die Möglichkeit, individuellen Schicksalen gerecht zu werden. Andererseits wurde damit aber auch der Grundstein für eine Flüchtlingspolitik und Fluchtkontrolle gelegt, die eine individuelle Beweislast etablierte, die persönliche Glaubwürdigkeit zur höchsten Währung machte und Lebenswege erklärungsbedürftig werden ließ. Das Verdienst von Ruth Balints Buch besteht nicht zuletzt darin, historisch fundiert auf die Fallstricke dieser Entwicklung hinzuweisen.

Anmerkungen:
[1] Als deutschsprachigen Überblick siehe zuletzt Nikolaus Hagen u.a. (Hrsg.), Displaced Persons-Forschung in Deutschland und Österreich. Eine Bestandsaufnahme zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Berlin 2022.
[2] Peter Gatrell, Introduction: World Wars and Population Displacement in Europe in the Twentieth Century, in: Contemporary European History 16 (2007), S. 415–426, hier S. 426.
[3] Sheila Fitzpatrick, The Motherland Calls: “Soft” Repatriation of Soviet Citizens from Europe, 1945–1953, in: Journal of Modern History 90 (2018), S. 323–350.
[4] Dan Diner, Elemente der Subjektwerdung. Jüdische DPs in historischem Kontext, in: Fritz Bauer Institut (Hrsg.), Überlebt und unterwegs. Jüdische Displaced Persons im Nachkriegsdeutschland, Frankfurt am Main 1997, S. 229–248.