A. Heinen: Rumänien, der Holocaust und die Logik der Gewalt

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Titel
Rumänien, der Holocaust und die Logik der Gewalt.


Autor(en)
Heinen, Armin
Erschienen
München 2007: Oldenbourg Verlag
Umfang
208 S.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Brigitte Mihok, Technische Universität Berlin

Als 1999 das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung mit der Konferenz „Rumänien und der Holocaust“ die rumänische Vertreibungs- und Vernichtungspolitik der 1940er-Jahre thematisierte, gab es wenige Wissenschaftler, die sich mit diesem Kapitel der Geschichte beschäftigten.[1] Einer von ihnen war Armin Heinen, der damals einen wichtigen theoretischen Beitrag zur Gewaltkultur lieferte. Seither hat sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den rumänischen Deportationen, deren Opfer Juden, Roma und Angehörige religiöser Sekten waren, intensiviert. Die 2003 vom rumänischen Staatspräsidenten einberufene internationale Historikerkommission hat einen Endbericht vorgelegt, der die bis dahin vorgelegten Forschungsarbeiten vereint und detailliert die historischen Ereignisse schildert.[2]

Mit der vorliegenden Studie ergänzt Armin Heinen diese wissenschaftlichen Arbeiten in besonderer Weise, denn er geht über die Fakten, Zahlen und Geschehnisse hinaus und analysiert die sozialen Logiken und kulturellen Praxen der Gewalt gegen Juden und Roma im Zeitraum von 1940 bis 1944. Die der Mentalitätsgeschichte zuzuordnende Studie unterscheidet fünf verschiedene Szenarien von Gewalt, die sich an den Verantwortlichkeiten und den im jeweiligen sozialen Kontext Handelnden orientieren: diktatorische, faschistische, militärische und kollektive Gewalt sowie Polizeigewalt.

Rumänien trat 1941 auf deutscher Seite in den Krieg gegen die Sowjetunion ein und erstrebte dadurch die Rückgewinnung der Regionen Nord-Bukowina und Bessarabien. Diese waren infolge des deutsch-sowjetischen Abkommens vom August 1939 dem sowjetischen Einflussbereich zugeordnet worden; 1940 musste sich Rumänien aus den Gebieten zurückziehen. Die staatliche Propaganda in Rumänien verbreitete, dass die Juden mit den sowjetischen Behörden kollaboriert hätten, an der Bolschewisierung des Landes beteiligt gewesen und rumänienfeindlich eingestellt wären. Dieser Vorwurf diente in der Folgezeit als Legitimation der von General Ion Antonescu verordneten Vertreibung und Deportation der Juden. Wie die „äußeren Umstände“ Handlungszwänge schufen und Handlungsmöglichkeiten eröffneten, die nach und nach die „destruktiven Kräfte des exklusiven Nationalismus“ der Militärdiktatur unter Ion Antonescu freilegten, wird im Kapitel „Diktatorische Gewalt“ (S. 43-97) ausführlich behandelt. Durch Fokussierung auf die Handlungsmuster gelingt es Heinen, die verschiedenen Phasen der Gewalt während der Militärdiktatur aufzuzeigen. Diese reichen von der schrittweisen Enteignung, der Vorbereitung der „ethnischen Säuberungen“, über die Deportations- und Tötungsbefehle bis hin zur Beendigung der Massenabschiebungen nach Transnistrien. Dabei wird sehr deutlich, dass die Abkehr von weiteren Deportationsvorhaben 1942 weniger humanitären Abwägungen geschuldet war, als vielmehr dem veränderten Kriegsablauf und dem Bestreben des Regimes, Möglichkeiten eines Separatfriedens mit den Alliierten zu prüfen.

Die Analyse der „faschistischen Gewalt“ bezieht sich auf die Organisation „Legion des Erzengel Michael“, ab 1930 mit ihrem paramilitärischen Zweig „Eiserne Garde“, und fällt insgesamt sehr knapp aus (S. 99-108). Die Gewalttaten der „Legionäre“ richteten sich zunächst gegen politische Gegner, ehemalige Politiker und Polizeibeamte, schließlich gegen die jüdische Bevölkerung. Während der Regierungsbeteiligung von September 1940 bis Januar 1941 erreichten die „legionären Gewaltorgien“ ihren Höhepunkt (S. 104). Anhand von Beispielen zeigt Armin Heinen auf, dass sich die Szenarien der Mordtaten unter anderem aus religiösen und volkstümlichen Quellen speisten, wie der orthodoxen Liturgie, Volksjustiztradition und dem Haidukenmythos (S. 106). Um den Wirkungsgrad der Legionärsbewegung nachvollziehbar zu machen, wären Angaben sowohl über die personelle Größe der Bewegung als auch ihre lokalen Strukturen wünschenswert gewesen. Ferner hätten Informationen darüber hilfreich sein können, ob die Legion landesweit agierte oder ob sie regionale Schwerpunkte hatte.[3]

Die antijüdischen Ausschreitungen des rumänischen Militärs und der deutschen Einsatzgruppen sind Gegenstand des Kapitels „Militärische Gewalt“ (S. 109-126). Dabei geht Heinen auch auf die Pogrome von 1940 und 1941 ein, die sich im Grenzgebiet zur Sowjetunion und in den wiedereroberten Gebieten Bessarabien und Bukowina ereigneten, als die staatliche Ordnung zusammenbrach und noch keine neuen Strukturen entstanden waren. Im Juli und August 1941 – im Zuge der militärischen Rückeroberung der Gebiete – kam es zu Massenmorden: Während die rumänischen Soldaten oft aus Rache für die „Schmach“ des erzwungenen Rückzugs 1940 wahllos Juden ermordeten, hatte das Einsatzkommando 10b der deutschen Einsatzgruppe D in einigen Ortschaften die jüdischen Gemeindevorsteher ausgesucht und sie „zur Sühne“ für angebliche Angriffe auf die Wehrmacht erschossen.[4]

Die Gendarmerie war seit Rumäniens Kriegseintritt der Armee unterstellt und hatte den Auftrag zur „Säuberung des Terrains“ [curǎţirea terenului] erhalten. Ziel war, möglichst viele Juden auf ukrainisches Gebiet zu vertreiben. Diese gewalttätigen Deportationen und wochenlangen Fußmärsche führten zu massenhaften Todesfällen – Zehntausende Juden sind auf den Todesmärschen vor Erschöpfung ums Leben gekommen. Zugleich riefen sie bei den deutschen Militärverbänden auf ukrainischer Seite heftigen Widerstand hervor: Die Ankunft von Zehntausenden erschöpfter, hungernder und kranker Juden an den Dnjestr-Übergängen war nicht im Sinne der deutschen Militärbehörden. Die Menschenmassen, die in deutsch besetztes Gebiet getrieben wurden, stellten für die kämpfenden deutschen Truppen ein Hindernis dar, da sie die Straßen für den Frontabschnitt verstopften und Hunderte Tote hinterließen, die an den Straßenrändern liegen gelassen wurden und die Seuchengefahr erhöhten.

Um den Konflikt mit dem Bündnispartner nicht eskalieren zu lassen, erhielt Rumänien von den Deutschen Ende August 1941 die Verwaltungshoheit im Gebietsstreifen zwischen den Flüssen Dnjestr und Bug, der „Transnistria“ genannt wurde. Kaum hatte sich die rumänische Verwaltung etabliert, ließ der Gouverneur, Gheorghe Alexianu, in etwa 100 Orten provisorische Ghettos und Arbeitslager errichten. Innerhalb von zehn Monaten, von Oktober 1941 bis August 1942, deportierten die rumänischen Behörden fast 150.000 Juden aus Bessarabien und der Bukowina in diese Lager, von Juni bis September 1942 erfolgte die Deportation von über 25.000 Roma aus Rumänien. Die Deportationsvorgänge, die Lagerhaft und das Ghettoleben in Transnistrien, die hauptsächlich der Verantwortung der Gendarmerie oblagen, werden ausführlich im Kapitel „Polizeigewalt“ untersucht (S. 127-162).

Die Deportation rumänischer Juden und Roma nach Transnistrien, die systematische Vernichtungspolitik unter Ion Antonescu, wie auch die grausamen Pogrome der Jahre 1940 und 1941 zählen noch immer zu den weniger bekannten historischen Ereignissen. Heinens Studie ist zweifelsohne ein Beitrag, der die Diskussion über diesen Themenkomplex anregt. In einem sehr informativen Überblick zum Forschungsstand (S. 20-35) stellt der Autor nicht nur die Ergebnisse der internationalen Historikerkommission vor, sondern zeigt auch die unterschiedlichen Phasen der „Verdrängung des Holocaust“ in Rumänien auf. Die Verzögerung der Aufarbeitung ist in Rumänien unter anderem dem Antonescu-Kult zuzuschreiben, der ab 1990 „zu einem äußerst wirksamen nationalen Mythos“ geriet (S. 23). Es ist abzuwarten in welcher Form die neuesten Forschungsergebnisse Aufnahme in die rumänischen Geschichtsbücher finden werden.

Anmerkungen:
[1] Die Konferenzbeiträge wurden veröffentlicht in: Hausleitner, Mariana; Mihok, Brigitte; Wetzel, Juliane (Hrsg.), Rumänien und der Holocaust. Zu den Massenverbrechen in Transnistrien 1941-1944, Berlin 2001.
[2] Der Endbericht der Historikerkommission ist in Rumänien veröffentlicht: Friling, Tuvia; Ioanid, Radu; Ionescu, Mihai E. (Hrsg.), Comisia internaţională pentru studierea holocaustului în România. Raport final [Internationale Kommission zur Erforschung des Holocaust in Rumänien. Endbericht], Iaşi 2005.
[3] Diese fehlenden Details sind in einer früheren Publikation von Armin Heinen nachzulesen: Die Legion „Erzengel Michael“ in Rumänien. Soziale Bewegung und politische Organisation. Ein Beitrag zum Problem des internationalen Faschismus, München 1986.
[4] Angrick, Andrej, Besatzungspolitik und Massenmord. Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941-1943, Hamburg 2003.

Zitation
Brigitte Mihok: Rezension zu: : Rumänien, der Holocaust und die Logik der Gewalt. München  2007 , in: H-Soz-Kult, 25.02.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10338>.
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Veröffentlicht am
25.02.2008
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