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Titel
Historische Diskursanalyse.


Autor(en)
Landwehr, Achim
Erschienen
Frankfurt am Main 2008: Campus Verlag
Umfang
187 S.
Preis
€ 16,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marcus Otto, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Die geschichtswissenschaftliche Rezeption der Diskursanalyse, insofern sie konstruktiv erfolgt, lässt sich auf die Frage zuspitzen, inwiefern es sich bei der Diskursanalyse um eine Methode oder so etwas wie eine „theoretische oder vielleicht sogar philosophische Haltung“ handelt.[1] Achim Landwehrs stark überarbeitete, neu aufgelegte Einführung zielt in diesem Kontext primär darauf ab, Diskursanalyse als ein methodisches Werkzeug für Historiker/innen zu etablieren.[2] Dazu gibt er zunächst einen Überblick zu verschiedenen geschichtswissenschaftlichen Ansätzen, die mit dem Anspruch auftreten, Sprache als Dimension der Geschichte systematisch zu berücksichtigen – wie vor allem die Annales-Schule sowie die verschiedenen Varianten der Begriffsgeschichte und der Intellectual History. Ausgehend von Hayden White diskutiert Landwehr schließlich den viel beschworenen Linguistic Turn und die so genannte Postmoderne sowie deren geschichtswissenschaftliche Rezeption etwa im New Historicism. Daran schließt sich ein Überblick zu verschiedenen Diskursbegriffen und -theorien an, der sich ausgehend von sprach- und literaturwissenschaftlichen Konzepten von Habermas’ Diskursethik über Foucault und Bourdieu zu Laclau/Mouffes politischer Diskurstheorie erstreckt und völlig zu Recht, wenn auch wenig überraschend, Foucaults Analytik von Diskursen als entscheidenden Impulsgeber für die historische Diskursanalyse herausstellt.

Im methodischen Hauptteil veranschaulicht Landwehr anhand einer exemplarischen Anwendung der Diskursanalyse auf Reiseberichte aus dem 17. Jahrhundert deren Potential für historische Fragestellungen. Abschließend nimmt er eine Kontextualisierung der Diskursanalyse innerhalb der Geschichtswissenschaft vor und zeigt mögliche Anwendungsbereiche für Diskursanalysen in der historischen Forschung auf. Dabei verortet er die historische Diskursanalyse im weiteren Rahmen der Kulturgeschichte (S. 169f.). Landwehr gelingt es insgesamt, eine Einführung in die historische Diskursanalyse zu präsentieren, die bei aller Komplexität der Materie verständlich bleibt. Mit der Überarbeitung der ersten Auflage hat er vor allem „eine weniger deutliche Betonung der Sprache“ angestrebt (S. 10). Hier stellt sich allerdings die Frage, inwiefern dieses Versprechen in der Neuauflage eingelöst wird.

Denn trotz der Überarbeitung bleibt die hier explizierte Auffassung der Diskursanalyse argumentativ immer noch zu stark auf Sprache bezogen, wie in der geschichtswissenschaftlichen Kontextualisierung sowie auch im exemplarischen methodischen Teil deutlich wird. Dies fällt besonders deshalb auf, weil Landwehr Foucault völlig zu Recht darin folgt, Diskurs explizit und analytisch überzeugend gegenüber Sprache abzugrenzen (S. 95). Entgegen einer solchen diskursanalytisch entscheidenden Abgrenzung vermittelt der Band ungewollt doch den Eindruck, Diskurse seien primär oder im Kern sprachlich konstituiert. Selbstverständlich ist der Hinweis berechtigt, dass es Historiker/innen fast ausschließlich mit Texten, sprachlichen Quellen und Bildern zu tun haben, die ihrerseits wenn nicht rein sprachlich, so doch zumindest semiotisch rezipiert werden (vgl. S. 22f.). Doch gerät damit das spezifische Profil des Diskursbegriffs und der Diskursanalyse, also die nachdrückliche Akzentuierung von konkreten Praktiken und ihrer performativen Materialität bzw. Materialisierung, weitgehend aus dem Blick.

Im Kapitel zu Diskurstheorien argumentiert Landwehr dann – mit der positiven Ausnahme, dass er Bourdieus praxeologische Sozialtheorie völlig zutreffend als diskursanalytisch relevanten Theoriekontext anführt, auch ohne dass dort der Begriff des Diskurses besonders prominent ist – wiederum geradezu begriffsgeschichtlich am Begriff des Diskurses entlang, während alternativ zum Beispiel ein Konzept wie das der „interpellation“ bei Althusser, das zweifellos instruktiver für diskursanalytische Ansätze war und ist als Habermas’ Diskursethik, ausgeblendet wird. Vor allem fehlt hier jedoch ein Rekurs auf Judith Butlers prominente, avancierte und viel rezipierte Diskurstheorie, die mit ihrer Ausarbeitung des Konzepts der Performativität insbesondere das in diesem Zusammenhang zentrale Problem des Verhältnisses von Diskurs und Subjekt(ivierung) entfaltet.

Die Zuordnung der Diskursanalyse zur Kulturgeschichte, die Landwehr abschließend vornimmt, überzeugt ebenfalls nicht ganz, und es stellt sich die Frage, was man dadurch gewinnt – außer eventuell disziplinäre Anschlussfähigkeit. Dies würde allerdings unterstellen, dass Diskursanalyse nicht bereits in sich eine historisierende und damit geschichtswissenschaftlich anschlussfähige Perspektive eröffnet. Hier wäre die Eigensinnigkeit der Diskursanalyse stärker als Genealogie zu profilieren, das heißt als radikal und inhärent historische und historisierende „theoretische Haltung“ (jedoch weniger als eine „philosophische Haltung“).

Das Buch stellt trotz dieser Kritikpunkte eine weitgehend gelungene und lesenswerte Einführung für Historiker/innen dar und ist dabei verständlich geschrieben. Mit den allzu bekannten und immer noch vielfach anzutreffenden Vorurteilen gegenüber der Diskursanalyse geht Landwehr wohltuend klar und offensiv um. Er vermeidet weitgehend den diskurstheoretischen Jargon und ermöglicht damit eine breitere Rezeption der Perspektiven historischer Diskursanalyse.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Sarasin, Philipp, Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankfurt am Main 2003, S. 8.
[2] Der Vorgängerband: Landwehr, Achim, Geschichte des Sagbaren. Einführung in die historische Diskursanalyse, Tübingen 2001, 2., unveränd. Aufl. 2004.

Zitation
Marcus Otto: Rezension zu: : Historische Diskursanalyse. Frankfurt am Main  2008 , in: H-Soz-Kult, 11.07.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10793>.