Cover
Titel
The Wilsonian Moment. Self-Determination and the International Origins of Anticolonial Nationalism


Autor(en)
Manela, Erez
Erschienen
Umfang
352 S.
Preis
$ 29.95
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Katja Naumann, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO), Universität Leipzig

Erez Manela hat sich in dieser Studie ein ambitioniertes Ziel gesetzt, nämlich das Entstehen einer neuen Weltordnung am Ende des Ersten Weltkriegs aus der Sicht der kolonialisierten Welt nachzuzeichnen und in ihrer Wirkung für die nicht-westliche ‚Peripherie’ zu beschreiben.[1] Dafür geht er der Rezeption Woodrow Wilsons und seines Entwurfes einer globalen Friedensordnung nach, rekonstruiert die Aneignung des Prinzips des Selbstbestimmungsrechtes der Völker für die Auseinandersetzung mit den Imperialmächten Frankreich sowie Großbritannien. Dabei zeigt er zudem auf, wie außereuropäische Nationalisten die Arena internationaler Politik, insbesondere die Pariser Friedensverhandlungen, für das Einfordern politischer Souveränität nutzten. Drei Geschichten folglich: über einen amerikanischen Präsidenten, die Formierung des antikolonialen Nationalismus und die Versailler Vertragsverhandlungen.

Zusammengeführt und gedeutet werden diese Erzählstränge in der Konstruktion eines „Wilsonian Moment“, in ihr verdichten sich die wesentlichen vier Thesen des Buches: Erstens liest Manela die Monate zwischen dem Herbst 1918 und dem Frühjahr 1919 als den Beginn einer „expansion of international society“ (S. 5).[2] Gemeint ist damit ein grundlegender Wandel von Normen und Standards in der Regelung internationaler Beziehungen. Fortan habe sich der souveräne Nationalstaat etabliert, und zwar „as the only legitimate political form throughout the globe“ (ebd.), es habe eine Transformation eingesetzt „away from empire towards the self-determining nation-state as the organizing principle of governance in the non-European world“ (S. 217).

Zweitens sieht der Autor nicht nur die Ablösung der alten, von den Kolonialmächten bestimmten Weltordnung, sondern auch die Konstituierung von Nationalbewegungen außerhalb Europas in der Wirkkraft der Person, mehr noch der Rhetorik von Woodrow Wilson begründet. Wilson sei damals für viele in nicht-westlichen Weltregionen zum Hoffnungsträger, zu einer Ikone geworden, zum „most prominent exponent of the vision [...] of a just international society based on the principle of self-determination“. Er erschien „for a brief but crucial moment, to be the herald of a new era in international affairs“ (S. 6). Zudem habe er denjenigen, die für ihre nationale Unabhängigkeit kämpften, zu einem politischen Vokabular verholfen, dessen Prinzipien in der internationalen Diplomatie anerkannt wurden, so dass deren Ansprüche auf politische Selbstbestimmung, nunmehr im Gewand und in Referenz auf die Wilsonsche Rhetorik, an Plausibilität gewannen.

Drittens radikalisierte sich, folgt man Manela, der antikoloniale Nationalismus insbesondere durch die Pariser Friedensverhandlungen. Denn zum einen bot Paris ein Forum, in dem man vor den Augen einer Weltöffentlichkeit für die eigenen Belange streiten konnte: „colonized, marginalized, and stateless peoples from all over the world [...] could now take the struggle against imperialism to the international arena, and their representatives set out for Paris, invited or otherwise, to stake their claims in the new world order.“ (S. 4) Zum anderen löste die Enttäuschung, dass die Forderungen der außereuropäischen Welt keinen Eingang in die Verhandlungen fanden und auch Wilson auf ein Später im Rahmen des Völkerbundes verwies, eine Vielzahl von blutigen Protesten und revolutionären Unruhen in den Frühjahrsmonaten 1919 aus.

Viertens schlägt Manela mit der Deutung der Geschehnisse als „Wilsonian Moment“ vor, die Pariser Friedensverhandlungen als zentralen Einschnitt im 20. Jahrhundert nicht nur im Sinne des Scheiterns einer Friedensordnung für Europa zu interpretieren, sondern als „a tragedy of a different sort“ anzuerkennen: Dass man den Völkern Außereuropas nicht gleiches Recht und jenen Status zubilligte, der in den Wilsonschen Plänen angeklungen war, „helped to displace the liberal reformist anticolonialism that failed in 1919 in favor of the more radical, revisionist nationalism“ (S. 225). Zusammengefasst wird mithin eine Geschichte erzählt, in der alles mit den Versprechen Woodrow Wilsons begann, seine Proklamation des Selbstbestimmungsrecht der Völker zum zentralen Element der nationalen Herausforderung der imperialen Ordnung in den Kolonien wurde, und in der das Scheitern eines liberalen Nationalismus nicht nur zu revolutionären Aufständen an den ‚Rändern’ der Welt führte, sondern zu einer Transformation des antikolonialen Nationalismus beitrug.

Damit ist dem Autor, Associate Professor für Amerikanische Geschichte an der Harvard University, daran gelegen, die bisherige Diplomatiegeschichte in mehrerlei Hinsichten zu erweitern: Indem er vier, bislang primär separat behandelte nationale Befreiungsbewegungen (in Ägypten, Korea, Indien und China) in den Blick nimmt, will er auf Parallelen und Verbindungen aufmerksam machen. Immerhin kam es in allen vier Regionen zu diesem Zeitpunkt zu einer Dynamisierung des Kampfes um nationale Souveränität: in Ägypten brachen 1919 revolutionäre Proteste gegen das britische Protektorat aus, in China formierte sich die Bewegung des Vierten Mai, in Indien provozierten die Rowlatt-Gesetze (die Übertragung von Kriegsverordnungen in das Zivilrecht) blutige Unruhen und in Korea konstituierte sich die Bewegung des Ersten März angesichts einer repressiven japanischer Fremdherrschaft. Der „common cause“ all dieser Entwicklungen läge in der Verheißung und globalen Rezeption des „Wilsonian Internationalism“, der zumindest bis zu Beginn der Friedensverhandlungen die Hoffnung in der nicht-westlichen Welt auf eine neue Ära in den internationalen Beziehungen schürte. Sodann lenkt der Autor die Perspektive auf die Pariser Diplomatie von den Großmächten hin zu jenen Akteuren, denen ein Platz an den Verhandlungstischen versagt wurde oder die, wie im Falle Chinas, als ‚minor powers’ für ihre Belange stritten. Zudem möchte er den Fokus bisheriger Ansätze zur Internationalisierung der US-amerikanischen Außenpolitik wenden, indem er nicht nur nach den Rückwirkungen globaler Zusammenhänge auf die USA fragt, sondern auch danach, wie die USA, vor allem Woodrow Wilson, in anderen Gesellschaften wahrgenommen wurde. Ingesamt geht es Manela darum, „to remove the Eurocentric lenses through which the international history of 1919 – and indeed, international history in general [...] – has most often been viewed.“ (S. XII)

Die historische Rekonstruktion führt in drei Teilen von den USA in die koloniale Welt des Mittleren Ostens und Asiens, nach Paris und London und macht auch einen Abstecher in die neu gegründete Sowjetunion.

In den beiden Kapiteln des ersten Teils konzentriert sich Manela ganz auf Wilson. Zum einen zeichnet er nach, wie sich während des Krieges die Grundgedanken des „Wilsonian Liberalism“ entwickelten, mit besonderem Augenmerk auf den Wandel der Formulierung von „consent of the governed“ zu „self-determination“ – in Reaktion auf Lenin, Trotzki und Lloyd George. Dabei verdeutlicht er, dass Wilson in seinen programmatischen Reden nicht-westliche Weltregionen zwar nicht grundsätzlich ausschloss, diese aber nicht besonders im Blick hatte. Wiewohl Wilson kein radikaler Rassist und Expansionsbefürworter gewesen sei, war und blieb er tief von der imperialen Sicht überzeugt, dass nur „zivilisierten“ Völkern nationale Selbstständigkeit gewährt werden sollte, alle anderen erst durch einen „evolutionary process governed by the civilzed powers“ (S. 25) darauf vorbereitet werden müssten. Und obzwar sich seine Haltung zu wandeln begann, je mehr er die USA als Verkörperung universaler Rechte und als Vorbild für den Rest der Welt propagierte, überstieg die Rezeption seiner Ideen in der kolonialen Welt bei weitem das, was Wilson beabsichtigte (S. 34). Wie konnte Wilson dann solch große Bedeutsamkeit für die „Ränder“ der Welt erlangen? Manela erklärt dies sowohl mit der US-amerikanischen Kriegspropaganda, allen voran dem ‚Committee on Public Information’ unter George Creel, als auch mit der pro-alliierten Haltung jener wenigen internationalen Nachrichtenagenturen, die die Presse, aber auch den Rundfunk in den Kolonien prägten.

In den folgenden vier Abschnitten des zweiten Teils wendet sich Manela seinen Beispielfällen zu und berichtet über den positiven, ja idealisierten Blick auf Wilson seitens einflussreicher Intellektueller und Führer der nationalen Bewegungen (wie Sa’d Zaghlul, Bal Gandahar Tilak, oder V.K. Wellington Koo, Kim Kyusik und Sygmann Rhee). Er stellt die zahlreichen internationalen Kampagnen und Petitionsbewegungen vor, in denen sowohl die weltweite Diaspora und breite Schichten vor Ort mobilisiert wurden, als auch versucht wurde, international Gehör zu finden (unter anderem durch Lobbyarbeit in Paris, Kampagnen in französischen und US-amerikanischen Medien oder durch Appelle an das ‚Committee on Foreign Relations‘ des Senates der USA). Das Kernargument lautet: der antikoloniale Nationalismus formierte sich gerade im Prozess seiner Internationalisierung und konstituierte sich vor dem Hintergrund der internationalen Arena.

Entgegen der Aufbruchsstimmung, die die Schilderung der vorherigen Kapitel durchzieht, wendet sich der letzte Teil (wiederum in vier Kapiteln, in denen die Fallbeispiele einzeln abgehandelt werden) der Desillusionierung über die Pariser Verhandlungen und dem Scheitern des liberalen Nationalismus zu; wird die Radikalisierung der antikolonialen Befreiungsbewegungen und die Zerschlagung der Unruhen und Aufstände dargestellt, um sodann die Veränderungen der vier Nationalbewegungen zu skizzieren. Die fatalste Folge scheint für Manela zu sein, dass man in Indien „began to view events in Russia, rather than in the US, as standing at the forefront of the movement of global progress“ (S. 174), dass in China der russische Einfluss erheblich zunahm, als man sich auf eine Suche nach alternativen Wegen begab, mit denen sich die „unequal treaties“ aufheben und die „international equality and dignity for China“ (S. 196) herstellen ließ, und dass man sich auch in Korea, obwohl Japan das harsche Militärregiment der Jahre 1910-1919 zugunsten einer weniger repressiven Politik aufgab, der Sowjetunion unter Lenin zuwandte.

Zweifellos hat Manela ein Buch verfasst, das lebhaft in außereuropäische Weltregionen führt und die Verflechtungen zwischen dem ‚Westen’ und der kolonialen Welt thematisiert. Er argumentiert prägnant und das durchgängige Narrativ ist im besten Sinne einprägsam. Doch es bleiben gewichtige Fragen und ein nicht unbeträchtliches Unbehagen:

Wenn die Rezeption von Woodrow Wilson in Ägypten, Indien, China und Korea wesentlich von lokalen Kontexten geprägt war, die Wilsonschen Prinzipien „lediglich“ Möglichkeitsräume eröffnet haben (S. 13), die sodann aktiv und eigenwillig genutzt wurden, spielte der amerikanische Präsident tatsächlich die bedeutsame Rolle, die ihm hier zugeschrieben wird und wären nicht auch andere Faktoren für den Aufbruch dieser vier Nationalbewegungen zu bedenken? Sind für den Wandel von Normen in den internationalen Beziehungen Diskurse und das Reden Einzelner wirklich ähnlich zu gewichten wie Machtstrukturen, Realpolitik oder „human agency“ mit der Begründung, dass „rhetoric in the international arena has unintended audiences, and actions beget unintended consequences“ (S. 225)? Lässt sich ohne einen vergleichenden Blick, basierend auf Texten einiger politischer Führer bzw. auf Zeitungsartikeln, zumal diese pro-alliierte Positionen vertraten, überzeugend argumentieren, dass Wilson „at the time as the most powerful leader in the world arena“ (S. 10) angesehen wurde, Lenin und die Russische Revolution bis zum Frühjahr 1919 ausschließlich negativ besetzt blieben? Mehr noch, wird die Komplexität der Optionen, die 1918/19 zur Verhandlung standen, erfasst, wenn man die These „Lenin versus Wilson“ umwandelt in ein „first Wilson then Lenin“? Und reduziert der Fokus auf die Ebene der Diplomatie den zeitgenössischen Antiimperialismus nicht beinahe unzulässig, war dieser doch eng mit einer Diskussion über Alternativen zum kapitalistischen Gesellschaftsmodell verbunden?

Das Unbehagen erwächst weniger aus der Monokausalität der Argumentation, als aus ihrem Zentrismus; in den Worten von Rebecca E. Karl „to claim, as Manela does, that anticolonialism finds its „origins“ in Wilsonian rhetoric is, for any but the most committed America-centrist, absurd on its face.“[3] Dagegen hilft wohl auch nur bedingt, dass Manela dies als Missverständnis beschreibt: „despite the title of the book, it is they [die kolonialisierten Nationalisten] and not Wilson, who are the main protagonists of this book“ (S. 13). An die Stelle einer eurozentrischen Perspektive ist eine nordamerikanische getreten, die sich nur aus dem ideologischen Bemühen um eine Rehabilitierung des liberalen Nationalismus im Sinne einer verpassten Chance erklärt, und umso weniger plausibel ist, als sie die Zusammenhänge zwischen Liberalismus und Imperialismus ausblendet.

Dagegen erscheint es fast randständig anzumerken, dass die Rekonstruktion von transnationalen Netzwerken und globalen Verflechtungen sowohl in den ‚post-colonial studies’ als auch in der neueren Globalgeschichte mittlerweile zum Repertoire gehören, dass die wechselseitige Konstituierung von Nationalismus und Transnationalismus keine allzu neue Erkenntnis ist, und dass es methodischem Nationalismus gleichkommt, die vielfältigen Positionen und Richtungen innerhalb von Nationalisierungsbewegungen in der Rede von ägyptischen, indischen, chinesischen oder koreanischen Nationalisten zu homogenisieren.

Anmerkungen:
[1] Mittlerweile wurde das Buch für etliche Fachpreise nominiert und zweifach ausgezeichnet. So erhielt Manela den Stuart L. Bernath Book Prize der Society for Historians of American Foreign Relations sowie den Akira Iriye International History Book Award. Zudem erfuhr seine Studie eine beachtliche Aufmerksamkeit in der anglo-amerikanischen Forschungsdiskussion. Beispielhaft für die enthusiastische Aufnahme ist die Besprechung von Ussama Makdisi in Dipomatic History 33 (2009) 1, S. 133-137; wesentliche Kritikpunkte bündelt Rebecca E. Karl in ihrer Rezension für die American Historical Review 113 (2008) 5, S. 1474-1476.
[2] Die zeitliche Dimension des „Wilsonian Moment“ erklärt Manela damit, dass im Herbst 1918 der Sieg der Alliierten in Sicht war und Wilsons Prinzipien globale Verbreitung fanden; sich im Frühjahr 1919 die Vertragsbedingungen abzeichneten, in dessen Folge das Versprechen eines „Wilson millenium“ zerbrach (S. 6).
[3] Rebecca E. Karl in ihrer Rezension in der American Historical Review, S. 1474f., Anmerkung 1.

Zitation
Katja Naumann: Rezension zu: : The Wilsonian Moment. Self-Determination and the International Origins of Anticolonial Nationalism. New York  2007 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 20.03.2009, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-11037>.
Redaktion
Veröffentlicht am
20.03.2009
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation